beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik lesen

Vorhandene Spielräume erkennen und nutzen

Von Juliane Brumberg

„Wie sich Mileva Einstein Alberts Nobelpreisgeld sicherte“ ist ein Buch über eine Frau, die sich ihre Handlungsvollmacht nicht nehmen ließ.

Kilg_meyer_Einstein_Cover[2]Beziehungen sind oft kompliziert und Scheidungen erst recht. Und erbaulich sind sie auch nicht gerade. Warum also ein ganzes Büchlein zur Scheidungsgeschichte von Mileva und Albert Einstein lesen? Nun, manchmal ist es ja auch ganz unterhaltsam und lehrreich, bei anderen Menschen zum Fenster hinein zuschauen. Das gilt sicher auch für das Einstein-Promi-Paar, deren Beziehungskrise sich vor ziemlich genau 100 Jahren abspielte. Darüber hinaus erfahren wir ein bisschen was über das Scheidungsrecht vor 100 Jahren, das sich noch nach dem Schuldprinzip richtete und darüber, dass insbesondere im Rechtssystem der Schweiz, wo die Einstein-Ehe geschieden wurde, die rechtliche Stellung einer Ehefrau sehr schwach war.

Wirklich interessant ist das Büchlein mit dem provozierenden Titel „Wie sich Mileva Einstein Alberts Nobelpreisgeld sicherte“ aber deshalb, weil die Autorin Anne-Kathrin Kilg-Meyer, eine Rechtsanwältin für Familienrecht in Augsburg, anschaulich schildert, wie Mileva Einstein klug und beharrlich ihre geringen Spielräume nutzte und ausweitete und ihr Leben innerhalb des Systems, an das sie gebunden war, intelligent und zielstrebig gestaltete. Es war eben nicht so, wie es in manchen biografischen Artikeln geschrieben steht, dass der geniale Physiker das Geld des Nobelpreises, mit dem er 1922 ausgezeichnet wurde, großherzig seiner Ex-Frau und den Kindern überließ, sondern es war eine strategische Meisterleistung Milevas, sich dieses Geld im Scheidungsvertrag von 1919, als noch gar nicht sicher war, ob und wann Albert den Nobelpreis bekommen würde, zusichern zu lassen. Obwohl Mileva tieftraurig war, dass der Mann, den sie liebte, sie zu Gunsten einer Anderen verlassen hat, ist sie nicht in die Opferrolle gegangen – wie es gerne dargestellt wird. Es ist erhellend zu lesen, wie diese begabte Frau, die ihrem Mann bei den Forschungen zu der mit dem Nobelpreis gewürdigten Arbeit „Zur Elektrodynamik bewegter Körper“ fachlich und ideenreich zur Seite stand, die dann ganz bewusst auf eine berufliche Karriere verzichtete und gerne und mit großer Gründlichkeit die Mutterrolle übernahm, es durch geschicktes Abwarten und Verhandeln geschafft hat, sich und ihren Kindern eine gute materielle Basis zu sichern.

Bleibt am Schluss die Frage, ob es im 21. Jahrhundert mit dem heute geltenden Eherecht noch möglich wäre, dass Mütter und ihre Familien in dieser Form an dem Wohlstand von entschwundenen Vätern teilhaben können.

Anne Kathrin Kilg-Meyer, Wie sich Mileva Einstein Alberts Nobelpreisgeld sicherte, Elisabeth Sandmann Verlag 2015, 104 S., 16,95 Euro.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 17.09.2015
Tags:

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Interessante und erfreuliche Korrektur der Geschichte der Einsteins.Ist es denn eine ernst zu nehmende Korrektur, wie ich hoffe? Schön wäre ein Hinweis auf die Seriosität der neuen Recherchen.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Kleiner Nachtrag: Es gibt einen Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Anmerkungen zu den Zitaten, die zum überwiegenden Teil verschiedenen Bänden von „The Collected Papers of Albert Einstein“ entnommen sind.

  • sebastian wonnig sagt:

    Zur Rezension: Die klug und beharrlich vorgehende Mileva ist ein Phantasieprodukt der Autorin. Eine andere Mileva zeigt sich, wenn man die Dokumente, die Frau Kilg-Meyer als Quellen angibt, mit kritischem (selbst mit wohlwollendem) Sachverstand liest (die Autorin stuetzt sich ja nicht nur auf Originalquellen, .- Zu Brigitte Leyh und Juliane Brumberg : Die Korrespondenz zwischen Mileva, Albert und den Freunden (Besso und Zangger), die jahrelang als Mittler fungieren, ist nun auch online abrufbar. Es empfiehlt sich, nicht nur die Baende 8 und 9 zu konsultieren, die den Zeitraum der Trennungs-/Scheidungsauseinandersetzungen umfassen, sondern auch die Folgebaende, in denen viele weitere Briefe aus demselben Zeitraum, wenn man sie unoreingenommen liest, ein ganz anderes Bild von Mileva und wie sie „sich das Nobelpreisgeld erstritt“ vermitteln.

  • anonym sagt:

    Mich würde interessieren, was Senta Tröml-Plötz zu dem Buch sagen würde – sie hat sich ja sehr intensiv mit Mileva Einstein-Maric beschäftigt.

  • Bettina Schmitz sagt:

    Senta Trömel-Plötz Ansicht ist ihrem fembio Artikel zu entnehmen
    http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/mileva-maric-einstein/ – dort sind die historischen Informationen zu finden und sie hatte zuvor am Einstein Archiv in Jerusalem den gesamten damals freigegebnen unveroeffentlichten Briefwechsel gelesen. „Jedenfalls geht aus der Korrespondenz hervor, dass Mileva mit dem Versprechen des Nobelpreisgeldes von Anfang an hintergangen wurde“, schreibt sie dort und sie ist sicherlich noch immer die Autorität in Sachen Mileva Einstein-Maric.

Weiterdenken