beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik Blitzlicht

Ängste und Dramatisierungen zum Flüchtlingsthema, auch von Feministinnen

Von Dorothee Markert

Foto: Dorothee Markert

Foto: Dorothee Markert

In den letzten Wochen hörte ich aus vielen aufgeregten Gesprächen zum Thema „Flüchtlinge“ heraus, dass gerade auch frauenbewegte Frauen sich Sorgen machen, wie es sich auswirken wird, wenn nun so viele Menschen und auch noch überwiegend junge Männer hier leben werden, die aus Kulturen kommen, in denen Frauen noch nicht die Bürgerinnenrechte haben, die wir uns hier in Europa erarbeitet und erkämpft haben.

Ich denke schon, dass wir Frauen auch heute noch gefährdet sind – wie bisher immer in Krisenzeiten – unsere eigenen Bedürfnisse und Sorgen vor lauter Helfen und Spenden und Uns-Kümmern wieder einmal hintenanzustellen. Oder dass wir uns einreden lassen, angesichts der gegenwärtigen Notsituation hätten unsere „Frauen-Sonderwünsche“ keine Berechtigung. Daher bin ich froh, dass Feministinnen nun ihre Befürchtungen in die Öffentlichkeit gebracht haben, beispielsweise in einem Text von Helke Sander auf FemBio und in einem Aufruf von EMMA. Da Feministinnen unterschiedlich sind, wie wir gerade hier auf bzw-weiterdenken immer wieder betonen, bin ich natürlich nicht mit allem einverstanden, was hier vorgeschlagen wird.

Beispielsweise wenn Helke Sander sich nach kanadischem Vorbild wünscht, dass Flüchtlinge sofort bei ihrer Ankunft auf Gleichberechtigungsgesetze und das Verbot von Gewalt gegenüber Frauen und Kindern hingewiesen werden und dass „Zuwiderhandlungen mit sofortiger Ausweisung bestraft“ werden. Oder wenn EMMA „Null Toleranz“ fordert, falls nach der Aufklärung über unseren Rechtsstaat und unsere Gleichberechtigung der Geschlechter gegen unsere Regeln verstoßen wird. EMMA macht es wie so oft sehr dramatisch und sieht sogar „unsere“ Gleichberechtigung in Gefahr („EMMA wird geflutet von Hilferufen …“; „Was jetzt passieren muss“; „Wir fordern“).

Ich denke, bevor wir uns über Strafmaßnahmen Gedanken machen, sollten wir erst einmal in Ruhe nachdenken und uns unter Frauen darüber verständigen, auf welche Weise und auf welchen Wegen wir den geflüchteten Menschen vermitteln könnten, in welchen Punkten sich das Zusammenleben der Geschlechter hier von dem unterscheidet, das für sie bisher selbstverständlich war. Wir sollten das Material sichten, das es dafür schon gibt, und von den Erfahrungen lernen, die Helfende im Kontakt mit den Geflüchteten gemacht haben. Und dann vielleicht auch etwas Neues entwickeln.

Damit die Interessen und Bedürfnisse von Frauen bei der riesigen Integrationsaufgabe, die nun auf europäische Länder zukommt, nicht unter den Tisch fallen, sehe ich keinen anderen Weg, als mit unserer Vermittlungsarbeit weiterzumachen, und zwar überall, nicht nur im Kontakt mit Geflüchteten. Wieder einmal habe ich das Gefühl, dass wir damit immer noch ganz am Anfang stehen. Auch unter Feministinnen kommt das Gespräch gerade erst in Gang, hier und hier sind zum Glück noch andere Stimmen zu hören.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 16.10.2015
Tags: , ,

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sonja sagt:

    Besten Dank für die gute Info! Etwas gegen den „Donnerhall“ mit Panikmache von EMMA.

  • Sternenguckerin sagt:

    Ja, ich finde auch, dass es alles sehr laut und teilweise zu undifferenziert passiert – wobei ich schon den Wunsch nachvollziehen kann, dass in den Aufnahemeeinrichtungen tatsächlich strenger und konsequenter gegen gewalttätige Übergriffe vorgegangen wird. Oder, was natürlich viel sinnvoller wäre: Die Einrichtungen von vornherein so zu planen und personell so auszustatten, dass viel früher auf Konflikte reagiert werden könnte…Wunschtraum, ich weiss.

    Helke Sander schreibt in ihrem Artikel:
    „Man möchte nicht noch einmal mit diesen Auseinandersetzungen von vorne beginnen müssen.“
    Und bezieht sich damit auf den langen Weg aus der Unfreiheit der Frauen zu dem, was wir heute hier haben.
    Tja, aber ich fürchte, genau das müssen wir machen, wenn wir wirklich Integration wollen und nicht nur geduldetes Nebeneinander.

  • Aenne sagt:

    Ich denke, dass es unsere Aufgabe ist, mit diesen Frauen, und wenn möglich auch mit den Männern, ins Gespräch zu kommen. Es geht hier nicht darum was passieren könnte wenn… sondern, dass wir unseren Beitrag zur Integration beitragen.

  • Dank für diesen wichtigen Artikel! Ich teile D. Markerts Sorge
    über den Rückschritt in Sachen Emanzipation, der uns Frauen durch die vielen patriarchalisch geprägten Flüchtlinge ins Haus steht.Die erwähnten Forderungen von EMMA erschrecken zunächst durch ihre Konsequenz. Das liegt aber daran, dass wir Frauen noch immer nicht so richtig wahrnehmen, dass G r u n d g e s e t z und G l e i c h b e r e c h t i – g u n g e i n s sind. Menschenrechte für Frauen sind nicht verhandelbar, EMMA hat Recht (diesmal)mit ihren Forderungen.

  • Wichtig ist in dem Zusammenhang auch, dass wir nicht das Thema „Gewalt gegen Frauen“ nicht unangemessener Weise auf Flüchtlinge eingrenzen. Geflüchtete haben ja nicht Per se Nachhilfebedarf in Sachen Gleichberechtigung und weibliche Freiheit, und andererseits gibt es auch viele Deutsche, bei denen dieser Bedarf ziemlich groß ist.

    Was uns bei einer feministischen Umgehensweise dabei immer wieder in die Parade fährt, dass sind die ganzen Rechten und Rassisten, die die Frauen immer dann entdecken, wenn es gegen „Fremde“ geht, während sie gleichzeitig ansonsten keine Skrupel haben, jede feministische Idee, die ihnen nicht hundertprozentig sofort einleuchtet, zu bekämpfen und deutsche Männer, die ihre Frauen im Suff schlagen oder im Internet bedrohen, als harmlos einzustufen.

    Nirgendwo ist so viel Doppelmoral und Heuchelei im Spiel wie bei der angeblichen Sorge um die Frauen, und deshalb ist es so schwer, den tatsächlichen Sorgen auch Gehör zu verschaffen.

  • Eveline Ratzel sagt:

    Helke Sander hat Recht, wenn sie eine Aufklärung der männlichen Flüchtlinge zu Fragen der Gleichberechtigung und Gewalt fordert. Immerhin sind von der Gesamtzahl der Flüchtlinge 85% Männer. Dass Menschenrechte auch für Frauen gelten, dürften die meisten männlichen Flüchtlinge wissen – was Deutschland angeht. Während meines Aufenthaltes in Syrien vor Kriegsbeginn konnte ich mich davon überzeugen, wie selbstverständlich in muslimischen Familien die Gleichberechtigung schlicht ein Fremdwort ist. Dementsprechend bleibt eine Aufklärung über Gleichberechtigung und das Verbot der Gewalt gegen Frauen heiße Luft, wenn die Männer nicht sofortige strafrechtliche Sanktionen in Richtung Abschiebung fürchten müssen.
    Welcher diese Auffassung zu hart erscheint und denkt, wir sollten in Ruhe und ohne Panikmache nachdenken, die sollte zweierlei bedenken:
    Wie viele Frauen und Kinder haben die flüchtenden Männer den Bomben, Kurzfeuerwaffen, der Armut, der Not, dem Hunger, der rassistischen Verfolgung, der Prostitution, der Sklaverei und Zwangsverheiratung hinterlassen?! Und die alten Menschen, um die sich die Frauen kümmern müssen?
    Und was EMMA angeht: Sie waren (fast) die einzigen, die über Jahre hinweg über den frauenverachtenden Islamismus berichtet haben und sich jede Menge Hohn und Beschimpfung seitens linker und grüner Medien und PolitikerInnen eingehandelt haben. Die Frauenrechte, die wir heute in Deutschland haben, sind von der Frauenbewegung hart erkämpft worden, und damit sind wir noch lange nicht fertig.
    Auch deshalb müssen wir heute und nicht morgen eine deutliche Entscheidung treffen

  • Ute Plass sagt:

    Schließe mich Antjes Kommentar an.

    Was mich auch stört, ist der pauschale Vorwurf u. Verdacht an ‚die Flüchtlingsmänner‘, die vermeintlich eine Bedrohung
    für ‚unsere Emanzipation‘ darstellen.

    Wieso ‚flüchten‘ die sich emanzipiert nennenden Frauen in eine Art von vorauseilender Opferrolle?

    Wäre es nicht klüger, den Menschen, die vor Gewalt, Unterdrückung und Armut geflüchtet sind,die Errungenschaften
    von Emanzipation in selbstbewusst-positiver Weise zu vermitteln?
    Anstatt Ängste zu schüren, könnte EMMA z.B. auch einen Will-
    kommensgruß an die hier einwandernden Menschen richten und dabei ihrer Freude Ausdruck geben, dass diese sich entschieden haben in einem Land leben zu wollen, in dem Frauen und Männer lt. Artikel 3 des Grundgesetzes gleichberechtigt sind!
    Zudem könnten ‚besorgte FeministInnen‘ speziell
    Frauen über ihre Rechte, die sie in Deutschland genießen, aufklären. 🙂

  • Anja Lorenz sagt:

    Mir gefällt, dass diskutiert wird. Und mein Eindruck ist, dass gerade wieder mehr Wachheit und Interesse an der Gestaltung der Gesellschaft da ist – durch die `Flüchtlingskrise´. Was mir gar nicht gefällt, sind Dramatisierungen und pauschale Wertungen.
    Utes Beitrag gefällt mir gut und gleichwohl gilt es schon, achtsam auf Ängste zu schauen und diese in die eigene Verantwortung zu nehmen, sonst kommen sie durch die Hintertür wieder hinein – und das heißt aus meiner Sicht nicht, die Vordertür wieder zu schließen!

  • Elfriede Harth sagt:

    Es finden immer wieder Veränderungen statt. Als ich als Kind nach Deutschland kam, war es für mich gewöhnungsbedürftig, daß hier mit Nacktheit ganz anders umgegangen wurde, als ich es gelernt hatte. Es war für mich bis dahin undenkbar, daß sich Mädchen in einer Umkleidekabine in der Schule nach dem Sportunterricht voreinander völlig ungeniert umziehen, ja sogar im Schwimmbad in der Frauendusche nackt duschten. Dabei ging es bei mir zuhause „liberal“ zu. Ich hatte eine Freundin, die in einem katholischen Kloster im Internat war, die durfte nur mit einem Duschhemd (also eine Art Nachthemd) duschen (Zeit: 1960!) Denn selbst vor den eigenen Augen sollte der Körper bedeckt bleiben. Als ich dann als junge Mutter mit meinen Kindern in deutsche öffentliche Schimmbäder ging (1980), war es normal, daß Grundschulkinder völlig nackt herumrannten, sobald sie aus dem Schwimmbad herauskamen. Man zog ihnen einfach die nasse Badekleidung aus und ließ sie so spielen. Heute bei meiner Enkelgeneration sehe ich das nirgendwo mehr. Mädchen tragen schon sehr klein ganze Badeanzüge oder Zweiteiler, obwohl sie noch gar keinen Busen haben…. Dann aber habe ich mal vor wenigen Jahren einen Hammam besucht, in Casablanca, und stellte fest, daß es dort Frauen allen Alters und aller Formen gab, die so ungeniert bis auf den String bzw. die Unterhose nackt herumliefen, wie ich es zuvor als Zehnjähtige in Deutschland erlebt hatte. Klar, es gibt Geschlechtertrennung. Aber innerhalb des eigenen Geschlechts erlebte ich größte Freiheit. – Ich empfand es übringens auch als sehr positiv, daß es hier – zumindest in den 1980 Jahren – Frauenbadetage im Schwimmbad gab (Gibt es das noch?). Als in Frankreich Muslimas danach verlangten (2005), wurden sie als religiöse Fundamentalistinnen beschimpft, die keine Gleichberechtigung wollten. Der Umgang mit dem Körper – wie er verhüllt oder enthüllt wird, von wem er verhüllt oder enthüllt wird – kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Der Nazionalsozialismus, als evolutionärer Humanismus, trieb einen großen Körperkult. Nacktheit wurde als sehr positiv gepriesen, wobei eine krasse Normierung des Körpers stattfand: der athletische, gesunde, „arische“ Körper. Alles andere sollte möglichst ausgemerzt werden. – Ich frage mich, ob es in Syrien, Afghanistan, Irak, Nordafrika und Afrika so viele Schönheitsoperationen gibt, so viele Nasenkorrekturen, so viele Busenvergrößerungen bzw. Verkleinerungen, Gesäßaufpolsterungen, so viele Schamlippenkorrekturen etc… (die katalanische Feministin Teresa Forcades hat dazu mal einen beeindruckenden Vortrag gehalten), wie sie in westlichen Ländern durchgeführt werden, in denen die Gleichberechtigung der Geschlechter in den Verfassungen verankert sind, und in denen es keine durch die Leit-Tradition und Leit-Kultur gerechtfertigten Genitalverstümmelungen gibt. Ich meine auch, daß trotz der Verwendung von Frauen in der Werbung, in all diesen Ländern Sexismus und Gewalt gegen Frauen nicht derart zu kommerziellen Zwecken verwendet wird, wie bei uns. Aber manchmal sehen wir ja vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr….

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Brigitte Leyh, da haben Sie meinen Text aber falsch verstanden. Ich mache mir keine Sorgen, dass es durch die Flüchtlinge zu einem Rückschritt in Sachen Emanzipation kommen wird!

  • Ute Plass sagt:

    @Anja Lorenz: “ gleichwohl gilt es schon, achtsam auf Ängste zu schauen und diese in die eigene Verantwortung zu nehmen, sonst kommen sie durch die Hintertür wieder hinein – und das heißt aus meiner Sicht nicht, die Vordertür wieder zu schließen!“ – Ja, unbedingt. 🙂

  • Ute Plass sagt:

    Ängsten u. Dramatisierungen zum Flüchtlingsthema, auch von Feministinnen kann durch Aufklärung begegnet werden:
    „Von der ‚Willkommenskultur‘ zur Fremdenabwehr?“
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=27969#more-27969

  • Antje Schrupp sagt:

    Zur Zeit verbreiten alle möglichen Leute und Medien die Zahl, dass 70 Prozent der Geflüchteten „junge, alleinstehende Männer“ wären. Das stimmt aber nicht.
    Richtig ist, dass 70 Prozent männlich sind. Aber: Fast die Hälfte von denen sind ältere Männer oder Kinder. Der Anteil der „jungen Männer“ beträgt tatsächlich um die 40 Prozent.
    http://www.bildblog.de/73416/wie-falsche-bilder-von-fluechtlingen-entstehen/

  • sandra Divina laupper sagt:

    Hallo Dorothee!
    Die Thematik, die du in deinem Text ansprichst, erinnert mich an den Einstieg von Chiara Zamboni bei den philosophischen Einkehrtagen im Februar 2015 in Sezano (Verona), wo wir uns das letzte Mal gesehen haben. Erinnerst du dich an den Artikel von Veronika Mariaux, den wir bei dieser Gelegenheit besprochen haben? Er hiess „il femminismo tedesco messo alla prova di Annemarie Schimmel“, stammte aus der Nummer 25 von Via Dogana (Maerz 1996) und wurde – nicht nur im Rahmen der Einkehrtage von Diotima – als so aktuell empfunden, dass er am 13. Februar 2015 auf der Homepage von der libreria delle donne di Milano wiederveroeffentlicht wurde (unter der Rubrik „Dalla Stampa“). Waere das nicht auch etwas fuer „bzw. weiterdenken“? Leider habe ich keine Zeit, ihn zu uebersetzen, weil ich schon einen anderen Text aus Via Dogana in der Arbeit habe, den ich so bald als moeglich Antje schicken will. Vielleicht schaust du ihn dir einmal auf der homepage von der libreria an?! Inzwischen gute Arbeit – vielleicht sehen wir uns ja im Februar wieder bei den naechsten Einkehrtagen von Diotima?!

Weiterdenken