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Rubrik unterwegs

Frauen, wir haben ein Präsenzproblem!

Von Dolores Zoe

Drei feministische Veranstaltungen zeigen: Damit neue feministische Impulse Zukunft haben, braucht es aktiven Austausch zwischen den Generationen bewegter Frauen. Denkanstösse aus differenzfeministischer Perspektive.

(Dieser Text ist zuerst in der Zeitschrift RosaRot erschienen)

Im Februar 2015 luden Lisa Schmuckli und Li Hangartner ins RomeroHaus nach Luzern. Fare Diotima – eine andere Politik war der Titel einer zweitägigen Veranstaltung. Eingeladen war die italienische Differenzfeministin und Sprachphilosophin Chiara Zamboni. Inhaltlich ging es um das, wofür Zamboni zusammen mit vielen anderen Frauen einsteht: Fare Diotima, eine Form der Frauenpolitik und -philosophie, welche die Beziehung und Differenz von Frauen ins Zentrum rückt. Entstanden war diese bemerkenswerte Bewegung in den 1970er-Jahren, als in Italien die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und diverse Gleichstellungsartikel verhandelt wurden. Damals begann sich eine Gruppe von Frauen dezidiert gegen eine durch das Patriarchat diktierte Gleichstellungspolitik zu wenden. Diese Frauen wollten vor aller Gesetzgebung erst einmal entdecken, was sie eigentlich wollten. Sie trafen sich in Frauenbuchläden und zu gemeinsamen Ferien, in denen sie diskutierten, erzählten und irgendwann auch zu schreiben begannen. Aus der Erfahrung dieses neuen Zusammenseins und -denkens unter Frauen resultierte die programmatische Ausrichtung des italienischen Differenzfeminismus: vom eigenen Begehren ausgehen und die weibliche Freiheit als Wert an sich begreifen. Diese Geschichte erzählte Chiara Zamboni in Luzern und stellte fest: Damals waren diese Frauenräume als Selbsterfahrungsgruppen äusserst wichtig für den Austausch und die Selbstbestimmung der Frauen. Zambonis Anschlussfrage, was Frauenräume heute sein können oder sollen, blieb unbeantwortet im Raum stehen.

Wie werde ich Aktivistin?

Am 14. Juni 2015 veranstaltete die Gewerkschaft Unia in Zürich unter dem Schlagwort Aktivistin.ch einen Workshop und eine Podiumsdiskussion mit Anne Wizorek, der Twitterin von #Aufschrei, und Katrin Gottschalk, der Redakteurin des Missy Magazine. Teilnehmende waren 40 Frauen vornehmlich jüngeren Alters, die über die vorgängig vorgegebenen Themen Körperpolitik, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Lohngleichheit diskutierten. Die Diskussion war von Beginn an lebhaft. Frappant war, wie hemmungslos Erlebnisse und Erfahrungen preisgegeben wurden: Frauen erzählten von ihren Erfahrungen sexueller Übergriffe, von Diskriminierungen bei Bewerbungsverfahren («Planen Sie in den nächsten drei Jahren eine Familie?») und dem Fluch des Körperkults. Hier schien sich tatsächlich etwas zu manifestieren, worum die Frauen der 1970er-Jahre noch hart kämpfen mussten: eine Sprache zu finden für ihre Erfahrungen sexueller Gewalt und patriarchaler Unterdrückung. Anglizismen flogen durch den Raum: Neben body politics war von slut shaming und victim blaming die Rede. Da war eine Generation Frauen am Werk, die eine neue Sprache gefunden hat, um ihre Erfahrungen zu teilen: ein an Online-Netzwerken geschultes Denglisch. Je länger der Workshop dauerte, desto stärker machte sich aber auch der repetitive Charakter der Geschichten bemerkbar. Die Frauen solidarisierten sich in ihrer Empörung und Frustration. Und dann? Bei der Frage, was wir denn nun konkret zu tun gedachten, blieb es ernüchternd still im Raum. Klar artikuliert wurde der Wunsch nach mehr Austausch und Aktivität – aber über den Vorschlag von einer Facebook-Gruppe, WhatsApp-Chat oder Mailingliste ging das nicht hinaus. Schliesslich waren es die gewerkschaftlichen Organisatorinnen, die den Lead übernahmen. Mit einer Gruppe junger Frauen planen sie seither eine Kampagne (noch eine!) zum Thema Lohngleichheit.

Wie werde ich Feministin?

Das Feministische Politikwochenende (FemWo) fand vom 9. bis 12. Juli 2015 in und um ein Lagerhaus in der Nähe von Zürich statt. Frauen aus dem Umfeld des Frauen*bündnis Zürich, welches jeweils die Frauendemo vom 8. März organisiert, hatten das FemWo ins Leben gerufen und ein reichhaltiges Programm mit theoretischen und handwerklichen Workshops, Filmabend, Konzert und köstlicher Verpflegung zusammengestellt. In diesem geschützten Raum kamen rund 80 Frauen, mehrheitlich aus links-autonomen Kreisen und unterschiedlichsten Alters, zusammen. Neben den Workshops, in denen Frauen von Frauen lernen konnten, war das Zusammensein wesentlicher Bestandteil dieses Wochenendes. Dabei fiel mir jedoch eine Segregation auf, die mich nachdenklich stimmte: Frauen der älteren Generation blieben mehrheitlich unter sich. In den Workshops, die eher didaktischer Natur waren, kam die Frage nach der Meinung der jungen Frauen kaum auf. Auch in privaten Begegnungen schien es nicht relevant zu sein, weshalb wir jungen Frauen uns überhaupt für Feminismus interessierten, wie wir uns organisierten oder aufgrund welcher gesellschaftlicher Analysen wir den Feminismus heute neu leben wollten.

Was ich am FemWo bemerkte, war für einmal nicht die Trennung der Geschlechter, sondern jene der Altersklassen. Diese Segregation manifestierte sich für mich in einer Form von Bevormundung, die ich als ‹feministischen Maternalismus› bezeichnen würde: Langjährige feministische Aktivistinnen lassen uns spüren, dass wir jungen ja nicht auf die Idee kommen sollten, den Feminismus neu zu erfinden (Stichwort: Das haben wir alles schon mal gedacht und gemacht!). Zwar gab es am FemWo keine Gewerkschafterinnen wie bei Aktivistin.ch, die das Heft in die Hand nahmen, aber die Deutungshoheit über feministische Geschichte blieb trotzdem bei ‹den Alten›. Auch diese Haltung ist eine Form von Hegemonie und Machtpolitik, denn sie verhindert den Dialog und die Auseinandersetzung; Widerspruch und Debatte um feministische Inhalte und Aktionen bleiben verhalten. 

Was ist unsere Politik?

Die Gewerkschaften verschnüren die Wünsche und Ideen junger Frauen in althergebrachte Themenpakete. In links-autonomen Kreisen ist kaum Platz, um unsere Anliegen neu zu artikulieren. Wie aber können wir es schaffen, dass Frauenräume gemeinsame Handlungsräume werden? Und wie können wir erreichen, dass die Frauenbewegung gemeinsame Geschichte wird? Diese Fragen beschäftigen mich nicht erst seit den Veranstaltungen Aktivistin.ch und FemWo. Sie stellten sich mir bereits nach der DiotimaTagung in Luzern. Dorthin muss ich zurückkehren, um sie (vorläufig) zu beantworten.

In ihrem Referat erzählte Chiara Zamboni nämlich nicht nur die Geschichte des italienischen Differenzfeminismus’, sondern legte uns auch ihre Sicht einer ‹anderen Politik› dar. Ausgangspunkt der Politik von Fare Diotima, wie sie Zamboni und andere Frauen entwickeln, ist die ‹Präsenz›: eine politische Praxis, die vom Persönlichen und gegenwärtig Anwesenden ausgeht. Dieser Ansatz kann in Abgrenzung zur ‹offiziellen Politik› verstanden werden. Letztere im Sinne einer Politik der Repräsentation, die in staatspolitischen Zusammenhängen vorherrscht, das Abwesende objektiviert und durch politische Formalisierungen die Beziehung zum Gegenwärtigen kappt. Darum handelt es sich bei dieser Politik aus Sicht der Differenzfeministinnen um eine ‹sekundäre Politik›, die stets auf das Vergangene verweist, es zu fassen und zu systematisieren versucht. Die ‹primäre Politik› der Diotima-Frauen hingegen ist präsentisch und weist in die Zukunft. Wenn die italienischen Differenzfeministinnen vom Begehren ausgehen, bedeutet dies, dass sie sich nach dem Unbekannten ausrichten. Unser Begehren verweist auf etwas, was es noch nicht gibt, was wir aber wünschen. Um dieses noch nicht Seiende fassen zu können, müssen wir ihm Sprache verleihen. Und indem wir unser Begehren artikulieren, präsentieren wir es uns selbst und unseren Gegenübern. Jede Artikulation ist also zugleich eine Vermittlung – und sie ist angewiesen auf die Präsenz der Dialogpartnerin. Wir brauchen die andere Frau im Gespräch, um eine Sprache zu finden, die sich unserer Gegenwart annähert und ihr einen Sinn gibt. Das Erzählen als gemeinsame Praxis bietet uns die Möglichkeit, vom eigenen Erleben auszugehen. Erzählen bedeutet dabei stets, zusammen zu denken. Durch das Zusammen-denken (er)finden wir die Welt, geben ihr Figuren, Formen und Autoritäten. Mit der Artikulation des eigenen Erlebens können wir also die Vielfalt des weiblichen Erlebens sichtbar machen. Fare Diotima heisst darum, die Möglichkeiten der Welt aufzuzeigen. Wo Möglichkeiten sind, ergeben sich Divergenzen. Der italienische Differenzfeminismus ist also nicht auf Kohärenz angelegt, sondern entwächst dem Erleben von Verschiedenheit und der Notwendigkeit der ständigen Vermittlung. Konflikte und Diskussionen sind Orte von Politik, weil sie die Vermittlung und das Zusammen-denken für alle Menschen gegenwärtig machen. Zamboni nennt dies ‹Denken in Präsenz›.

Was ist unsere Geschichte?

Anne Wizorek und Katrin Gottschalk konstatierten im Rahmen der Podiumsdiskussion von Aktivitin.ch, dass einer feministischen Debatte in der Schweiz die Repräsentationsfiguren fehlten. Tatsächlich ist es in einem Land mit vier Landessprachen und verschiedensten Medienkanälen schwierig, mit (politischen) Anliegen über Kantons- und Sprachgrenzen hinauszugelangen. Mit Zamboni liesse sich aber grundsätzlich an dieser Politik der Repräsentation zweifeln. Auch mit brillanten Vorzeigefeministinnen kommen wir nicht über den Röstigraben hinaus, wenn wir uns – so meine These – nicht einmal grundsätzlich unserer eigenen Frauengeschichte bewusst werden. Denn was bei Aktivistin.ch wie beim FemWo gefehlt hat, war eine systematische Reflexion der Geschlechterverhältnisse früher und deren (vermeintliche) Veränderung bis heute. Bei der einen Veranstaltung fehlten die erfahrenen Frauen, bei der anderen die Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Wenn wir aber nicht weiterhin in getrennten Frauenräumen leben wollen, müssen wir in den Dialog treten. Die Diotima-Tagung war für mich ein solcher Ort des Dialogs. Ich lernte dort die Frauen der GrossmütterRevolution kennen, die mir die Dringlichkeit eines intergenerationellen Dialogs verdeutlichten: Nur weil es wissende und erfahrene Frauen gibt, können wir jungen Frauen heute an gelebte Geschichte anschliessen. Die Differenz an Erfahrung und Lebenszeit zwischen Frauen ist ein Fundus, den wir jungen Frauen nicht leichtfertig ignorieren sollten. Eine ‹Grossmutter› muss nicht blutsverwandt sein, damit ich dank ihrer Geschichte meine Gegenwart besser verstehen kann. Der intergenerationelle Dialog ist also etwas, was nur in Präsenz geschehen kann und wofür es Zusammenkünfte junger und älterer Frauen braucht.

Was für Frauenräume wollen wir?

Es scheint mir in meiner Generation ein grundlegendes Unwissen bezüglich (Schweizer) Frauengeschichte vorzuherrschen. Sowohl im Schulunterricht als auch an den Universitäten ist diese schlicht und einfach kein Thema. An welche Geschichte knüpfen wir jungen Aktivistinnen also an? Twitter&Co. machen es leicht, sich an Vorbildern in aller Welt zu orientieren und tatsächlich braucht es die dort aktuellen feministischen Impulse, wie etwa jenen der Intersektionalität, damit wir nicht auf dem Auge der Klasse oder der kulturellen Zugehörigkeit blind werden. Aber wenn wir dabei in einem feministischen Anachronismus leben, werden wir nie zu Werkzeugen gelangen, um uns einen gemeinsamen Frauen- und Handlungsraum zu schaffen. Weil sich die erfahrenen Frauen möglicherweise nicht im World Wide Web tummeln, brauchen wir physische Räume, in denen wir uns treffen, in denen wir unsere Geschichte(n) teilen können. Was hier vorliegt, ist meines Erachtens ein Problem der Präsenz: Die fehlende Sichtbarkeit von vergangenen und aktuellen Frauenaktivitäten im öffentlichen Raum, in der Bildung und in den Medien verhindert, dass Frauengeschichte fortgeschrieben wird. Wenn wir wollen, dass die Frauenbewegung eine solidarische und kollektive bleibt, müssen wir selbst Räume schaffen, die einen aktiven Austausch vor allem auch zwischen den Generationen ermöglichen. Nur wenn wir in solchen Räumen die Erfahrung machen können, dass Geschichte von Frauen gemacht wurde, dass sie in einem gemeinsamen Raum zu präsenter Erfahrung wird, müssen wir jungen Frauen das Rad nicht neu erfinden – sondern können bestimmen, wohin es rollen soll.

Autorin: Dolores Zoe
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 31.10.2015

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Angelika sagt:

    Danke für diesen Artikel.
    Ich gehöre zwar sicher auch schon zu den „Alten“, erfahre aber auch immer wieder, dass meine Tochter und ihre Freundinnen mit Feminismus eher was sehr negatives verbinden
    und meine Tochter z.B. alle Frauen die Genderstudiengänge belegten ganz furchtbar fand.
    Ich habe ihr immer versucht zu erklären, dass es verschiedene Strömungen gab und gibt, aber das hat nicht wirklich etwas bewirkt. Für sie ist Feminismus = Alice Schwarzer und diese ein rotes Tuch für sie.
    Es wäre schön wenn es Frauenräume gäbe in denen ein umfassender Austausch stattfinden könnte.
    Herzliche Grüße
    Angelika

  • Danke Dolores! Das hab ich mir doch gewünscht, dass dein Artikel aus der RosaRoten auch hier erscheint. Jetzt kommen viele in den Genuss und ich muss ihn nicht mehr aus dem Heft heraus kopieren und herumschicken, sondern kann einfach den Link herumreichen, wunderbar. Wie gut gibt es bzw-weiterdenken, danke allen Redakteurinnen!

  • Christine Jung sagt:

    Danke für diese klaren und inspirierenden Artikel!

    „Bei der Frage, was wir denn nun konkret zu tun gedachten, blieb es ernüchternd still im Raum“ – Ja, wir haben die Zuständigkeit an Andere (nicht nur Gewerkschaften, sondern auch an Hauptamtliche) abgegeben. Neue (Frei-) Räume zu eröffnen, ins Gespräch kommen, gerade mit jungen Frauen und Andersdenkenden Frauen, finde ich sehr spannend. Eine Kultur des Miteinanders entwickeln und Wege ins Tun zu finden.

    „vom Persönlichen und den anwesenden Personen ausgehen“ – haben mein Mann und ich gerade in einem Bildungsurlaub praktiziert (9 Frauen, 2 Männer). Es war ganz leicht, kostete nur wenig Überwindung und wurde gut angenommen – auch wenn es einigen etwas fremd war.

    Solch einen Raum, wie Du ihn ansprichst, Dolores, will ich gerne in Osnabrück mit entwickeln. Ermutigend ist, eine junge Frau kennen gelernt zu haben, die an meiner Unterstützung interessiert ist.
    Bei Interesse also bitte melden.

  • @Christine Jung: ich rechne fest damit, dass Dolores Zoe und ihre Mitdenkerinnen bei der nächsten DENKUMENTA (vermutlich 2018 wieder in St Arbogast) mitwirken. Vorgespräche gab es bereits in Zürich. Ich freu‘ mich sehr. Du Christine wirst sicher auch wieder dabei sein.

  • Christine Jung sagt:

    @Ursula Knecht: das klingt doch gut.:) Und wenn irgend möglich, bin ich dabei. Auch wenn es noch ganz schön lange dauert.;) Denn das Interesse in meinem Umfeld wächst und es fehlt „Handwerkszeug“ für die Praxis.

  • @ Christine: „Fare Diotima“ & „Denken in Präsenz“ fällt nicht vom Himmel. Wir müssen es immer wieder üben, üben… Da bist du ja dabei uns kannst von deinen Erfahrungen berichten, toll! Und es kann überall sich ereignen: Im Zug, im Café, im Park, in der Küche….da, wo Frauen (und auch Männer)ihre Gedanken und Erfahrungen miteinander teilen wollen, von sich ausgehend, auf die anderen hörend, an die Erfahrungen der anderen anknüpfend.
    Und übrigens: Heute ist GRANDE FESTA in der Libreria delle Donne di Milano – 40 Jahre Frauenbuchladen! Und grad ist ein neues Buch von Luisa Muraro erschienen: „Nicht alles lässt sich lehren“, im Christel Göttert Verlag. Es sind v.a. Gespräche mit Luisa und die Lesenden erfahren viel aus ihrer Denkbiografie, auch persönliche Geschichten.

  • Liebe Dolores,
    ich bin – seit ich auf der Welt gelandet bin im „schrecklichsten Jahr der deutschen Geschichte“ nämlich 1943 nicht weit von Auschwitz geboren – aber aufgrund meines liebevollen Empfanges durch meine Mutter immer schon eine Feministin! Ich freue mich über deinen Beitrag, denn ich wünsche mir die Präsenz aller Frauenjahrgänge. Vor allem einen Austausch an Erfahrungen, damit wir voneinander lernen! Ich brauche jedenfalls Unterstützung von jungen Frauen und kopiere mal meinen Text zum Kennenlernen:
    Ich bin also ein Kriegskind. Heute schätze ich Frauengemeinschaft – das war nicht immer so, denn als ich in mein Frauenleben startete empfand ich mich als Einzelkämpferin. Nicht nur aus dem Grund halte ich meine Erfahrungen für exemplarisch, denn viele sogenannte Kriegs- und Nachkriegsmädchen erlebten das ähnlich. Ich persönlich hatte schon die Möglichkeit auf dem 2.ten Bildungsweg Abitur zu machen und zu studieren (große Ausnahme!) – im Gegensatz zu meiner Mutter, die gesetzlich unmündig war und der Bildung verwehrt wurde. Ihr konnte der Ehemann noch die Berufstätigkeit verbieten. Sie musste den ehelichen Pflichten nachkommen, und Abtreibung war verboten. Auch den Kuppelparagraphen musste sie beachten, um mich vor schlimmen Fehltritten zu bewahren … Ich aber in meinem Wissensdurst, Freiheitsdrang und meiner Neugier aufs Leben stolperte sogleich … Ich fiel (gefallenes Mädchen hieß das damals!), weil ich weiblich und ohne Pille war. Ich stolperte aber begeistert, denn ich war neugierig und später fasziniert von dem absoluten Wunder, Leben zu schenken. Natürlich glaubte ich auch, alles alleine schaffen zu können in meiner maßlosen Selbsteinschätzung. In der Rückschau lasse ich alles Schmerzhafte beiseite und versichere: Ich habe erfahren, welche Einschränkungen der Zeitgeist, Moralzwänge und die Politik für Frauen der 50er, 60er und 70er Jahre bereithielt! Wir – jede allein auf ihrem Platz – verschlangen zwar die provokanten Schriften Simone de Beauvoirs und unterstützten die Forderungen Alice Schwarzers (in lila Latzhosen) so oft es ging. Aber es ging nicht oft. Leider hatte ich in den 68ern keine Zeit für Gruppensex mit Pille, noch die Gelegenheit vor Adorno die Bluse zu lupfen, auch meinen BH verbrannte ich nicht, stattdessen wusch ich Stoffwindeln, bestickte Schlabberlätzchen und lernte kochen, kämpfte um die Scheidung und vor allem um meine Kinder, und gegen andere widrige Umstände! Nebenher studierte ich weiter und hatte keinen Anschluss an Frauen in ähnlicher Lage. Unsere Töchter sahen uns dann mitleidig an allen Fronten zu, halfen uns zwar, verfolgten auch die Fortschritte an der Geschlechterfront der 80er, achteten brav auf weibliche Sprachformen und verließen dann den Kampfplatz. Sie waren aber so gewitzt, sich die passenden Berufe und die passenden Männer für ihre jeweiligen Lebensentwürfe auszusuchen, sie waren schon Alphamädchen und hatten alle Wahlmöglichkeiten… Sie hielten den Kampfplatz der Geschlechter für befriedet und erfreuten sich an unseren Erfolgen, so weit so gut. Sie wurden Mütter und wir Großmütter. Wir freuten uns mit und helfen immer noch, wo wir können, denn Kinder (und Enkelkinder) werden krank, von den sonstigen Organisations- und Finanzschwierigkeiten abgesehen. Unsere Enkelinnen halten den Feminismus überflüssiger als Fäustlinge im Sommer, bestenfalls so merkwürdig wie ihre O-Mama, die sie mit Nachsicht und Milde betrachten… sie haben die Jungs fest im Griff – so lange, bis sie eventuell an unsichtbare Wände oder gläserne Decken stoßen, sei es im Beruf, in der Wissenschaft oder sonst wo trotz ihren gut ausgebildeten Fähigkeiten und hoffnungsvollen Plänen… Sie werden, wenn sie patriarchales Machtgehabe entdecken oder wenn sie sonstiges Unrecht bemerken, welches Frauen dauernd weltweit geschieht, die Ärmel hochkrempeln, es entlarven und zu beseitigen helfen. Sie werden sich vielleicht auch unbemerkt in staubigen Schlingen männlicher Zirkel und Männerbünden verheddern, doch hoffentlich mit eigenen solidarischen Netzwerken antworten, sich mit wohlmeinenden Kollegen verbünden und voneinander lernen, weil die Emanzipation der Männer noch aussteht. Sie werden alles dies zeigen und ausleben, was sie von uns lernen durften, und noch viel mehr als sogenannte neue F-Klasse. Sie wissenja: Männer zeugen, Frauen gebären, alles andere könn(t)en beide… Eines ist dabei zu beachten, für eine Frau, die den Anspruch hat, aus ihrem Leben das Beste zu machen, gibt es keine Alternative dazu, selbst zu denken, selbst zu lernen, selbst zu verändern. Kurz: die Verantwortung für das Leben selbst zu übernehmen. Das ist anstrengend, und es erfordert leider noch einige sprachliche, politische und gesellschaftliche Veränderungen, und weil ich weiß, dass zu jeder Veränderung Wissen gehört, denke ich: Klug sein ist nicht blöd!
    Und darum: Bitte schafft einen sichtbaren Raum für uns alle!
    Diana Engelhardt
    (Lest auch auf beziehungsweise-weiterdenken „Die Krankheit, die Teil meines Lebens wurde“ und bitte wendet euch an mich, ich schreibe unentwegt für Frauen und lehre Frauengeschichte
    im Rahmen meiner Möglichkeiten!)

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