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Muttersprachlichkeit in Zeiten wachsender Diaspora – oder: Es war einmal ein Turm in Babylon…

Von Elfriede Harth

Angeregt durch einen Text zur Bindungspsychologie von Andrea Günter hat Elfriede Harth sich über die Bedeutung der Muttersprache Gedanken gemacht.

Mutter-Sprachlichkeit

In einem Moment, wo eine globale Wirtschaftslogik der wachsenden Konzentration von Kapital in immer weniger Händen die Lebensverhältnisse von immer mehr Menschen prekarisiert bis zu dem Punkt, wo das schlichte Überleben gefährdet wird, kommt es zu wachsenden Migrationen. Flucht und Auswanderung sind schon immer eine Strategie gewesen, um einer tiefen Krise der Reproduktion zu entkommen. „Etwas Besseres als den Tod werden wir woanders schon finden“ sagten bereits die Bremer Stadtmusikanten zueinander, als sie sich auf den Weg machten.

2015_10_05_Salih Ucar_pixelio.deZu den wenigen Dingen, die Migranten mitnehmen können, gehört ihre Muttersprache. Und diese ist für sie – wie für uns alle – sehr bedeutungsvoll. Ich finde es wichtig, dass Migrant_innen ihre Muttersprache in der Fremde nicht auch verlieren. Denn zum Leid der Entwurzelung kommt noch ein weiteres Trauma hinzu: der Sprachverlust im fremden Land. Besonders bei erwachsenen Menschen handelt es sich ja um Personen, die ihre volle Sprachfähigkeit entwickelt haben. Sie konnten sich daheim problemlos verständigen und Gedanken und Gefühle in Worte fassen. Und plötzlich im fremden Land können sie es nicht mehr. Es ist, als hätte man ihnen das Organ amputiert, das ihnen ermöglichte, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten.

Die Muttersprache hat für jeden Menschen, für seine emotionale Entwicklung und Identitätsbildung und für seine Beziehungsfähigkeit, eine ganz besondere Bedeutung, mit der nicht leichtfertig umgegangen werden darf. Migranten sollten ihre Muttersprache weiterhin sprechen und pflegen können. Auch und gerade in ihren Familien und mit ihren Kindern. Wenngleich es natürlich wichtig ist, dass sie so schnell wie möglich auch die Sprache des Aufnahmelandes lernen. Eines schließt das andere nicht aus. Im Gegenteil.

Sprache ist viel mehr als nur ein Instrument der Informationsübertragung. Jede Sprache, ja jeder Dialekt und jede Mundart haben ihren ganz eigenen Geschmack. Der hängt davon ab, wie wir unsere Sprechmuskeln einsetzen. Schon im frühesten Säuglingsalter werden wir mit dem Artikulationsmuster unserer nächsten Umwelt nachhaltig geprägt. Wir trainieren das Gehör und die Sprechmuskeln so, dass ein geübtes Ohr am Akzent heraushören kann, welche die Muttersprache eines Menschen ist, der eine Fremdsprache spricht.

Ähnlich wie uns das Artikulationsmuster unserer Mutter oder der Bezugsperson(en), mit der (denen) wir sprechen lernen, nachhaltig prägt, so hinterlassen auch Erfahrungen, die wir während dieses Lernprozesses machen, ihre Spuren. Diese gefühlten Erfahrungen werden mit immer wiederkehrenden Lauten identifiziert lange bevor sich Begriffe daraus bilden: lustvoll, beängstigend, sättigend, abweisend….. Bevor das Kind lernt, Dinge mit den Händen zu „begreifen”, erkundet es sie mit dem Mund. Nahrungsaufnahme und Sprache sind zutiefst miteinander verwandt. Es sind beides orale Phänomene. Beide sind notwendig, damit das Kind leben, wachsen und gedeihen kann. Und beide entstammen zu Beginn des Lebens fast immer derselben Quelle: der Mutter. Oder besser: „Mutter” ist die Person, die das kleine Kind nährt und zu ihm spricht und von dem es sich dann langsam auch löst, wenn es reif dafür geworden ist. Wir lernen sprechen, indem wir eine ganz intime sinnliche körperliche Beziehung erfahren. Nie wieder wird ein anderer Mensch mehrmals am Tag unseren Körper und besonders auch unsere Nacktheit so oft berühren wie in diesem Lebensabschnitt.

Dass der Lautcode, in dem ein Mensch das Sprechen lernt, als Muttersprache bezeichnet wird, hängt sicherlich damit zusammen, dass es die sprachliche und kulturelle Matrix ist, in der dieser Mensch die erste Zeit seines außeruterinen Lebens verbringt. Diese prägt ihn, wie ihn die Gene und der gesundheitliche Zustand seiner Mutter geprägt haben, während er noch im Mutterleib war. Nicht von ungefähr werden die ersten drei Lebensjahre oft als soziale, nämlich extrauterine Schwangerschaft bezeichnet. Denn wir Menschen kommen ja, aufgrund der anatomischen Veränderungen, die der aufrechte Gang mit sich brachte, nämlich eine starke Verengung des Beckens, eigentlich als Frühgeburten auf die Welt.

Aber so wie es besser ist, wenn ein Fötus erst dann geboren wird, wenn er nicht mehr in einen Brutkasten muss, um dort fertig zu reifen, so ist es auch besser, wenn ein Kleinkind die Möglichkeit hat, in den ersten drei Lebensjahren tiefe Beziehungen zu den Menschen aufzubauen, für die es eine ganz besondere Bedeutung hat und zu denen es sich zugehörig fühlen wird. Eine Frühgeburt mit Brutkasten ist ja auch nur dann geboten, wenn andernfalls das Überleben des Kindes gefährdet ist.

Um diese tiefen ersten Beziehungen aufzubauen, die die Beziehungsfähigkeit und daher die wahrscheinlich wichtigste menschliche Eigenschaft zu entwickeln, darf das Erlernen der Muttersprache nicht unterschätzt werden. Gerade in einer Zeit, in der internationale Migrationen junge Familien aus ihren eigenen Kulturen herausreißen und in fremde Kulturen verpflanzen, ist es besonders wichtig, dass sie ihre Muttersprache wenigstens an die nächste Generation weitergeben können. Dazu ist es notwendig, genug Zeit miteinander zu verbringen, denn sie leben ja in einer Umwelt, in der diese Sprache eine Fremdsprache ist.

Migranten haben vieles, wenn nicht alles zurückgelassen. Oft sind Erinnerungen ihr einziges Gepäck. Das Erzählen davon ist einerseits ein Teil der Bewältigung dessen, was sie erleben mussten, was sie verlassen haben, wem sie entronnen sind, und gleichzeitig die Weitergabe dessen, was sie sind, was sie geprägt hat. Oft ist es auch gar nicht möglich, es in einer anderen als der Muttersprache zu tun. Über die Erzählungen der Mutter, der Eltern, wird das Kind in ein Beziehungsgeflecht eingebunden, es erfährt ihre Lebensgeschichte, ihre Träume und ihre Schmerzen. Es lernt, dass es dazugehört. Dass es eine Vergangenheit hat, in der seine Geburt eingebettet ist und aus der heraus es sich in die Zukunft hinein projizieren kann.

Muttersprachlichkeit als Organ der Beziehungsgestaltung in der Fremde

Für migrantische Familien ist es besonders wichtig, neben der Möglichkeit, schnell Deutsch zu lernen, wenigstens bis zur zweiten Generation ihre Muttersprache zu bewahren und zu pflegen. Besonders wegen des Sprachverlustes, den sie in der fremden Umwelt erleiden. Dieses verursacht ein unsichtbares Trauma. Unsichtbar, weil es evident erscheint, dass ein_e Ausländer_in der Landessprache nicht mächtig ist. Aber diese Menschen können sprechen und waren es gewohnt, sich zu verständigen. Doch im neuen Kontext geht es ihnen so wie einem, der das Augenlicht verliert oder einen Arm oder ein Bein. Sie sind plötzlich auf Hilfe angewiesen. Nur mit ihren Familienangehörigen oder ihren Landsleuten können sie kommunizieren wie gewohnt. Nur da sind sie „unversehrt”. Und so ist es wichtig, besonders solange ihnen das „amputierte Organ“ der Beziehungsaufname und -Pflege nicht wieder „nachgewachsen” ist (sie also Deutsch gelernt haben), sich wenigstens den eigenen Kindern vermitteln zu können, mit ihnen das teilen zu können, was ihnen kostbar ist, die eigenen Erinnerungen, die eigene Geschichte, die eigene Sichtweise der Dinge. Ihre Ängste und Hoffnungen und ihre Einschätzungen zum Leben in der neuen Heimat, die sie auch mitgestalten werden.

Spracherwerb von Kindern, die in einer Diasporasituation aufwachsen

Immer wenn ich höre, wie wichtig es sei, „gerade für Familien mit Migrationshintergrund”, ihre Kinder möglichst früh in KiTas zu schicken, empfinde ich Unbehagen. Denn das erklärte Ziel der KiTa ist ja, Kinder so effizient wie möglich in die „Leitkultur“ zu integrieren, angefangen mit dem Erlernen der deutschen Sprache. Kinder mit Migrationshintergrund werden also zusammen mit Kindern aus „bildungsfernen Familien” als besonders bedürftige Kandidaten betrachtet. Das zweite propagierte Ziel ist, dass die Mütter dieser Kinder sich so schnell wie möglich in die Lohnabhängigkeit einfügen. Denn für die „Leitkultur“ geht der Weg zur Befreiung der Frau obligatorisch durch die Lohnarbeit. Und Frauen, die aus ihrem kulturellen Umfeld ausgewandert oder geflohen sind, werden meistens als befreiungsbedürftig taxiert.

Klar werden die Kinder in diesen Familien nicht so gut Deutsch lernen können wie in einer KiTa. Vorausgesetzt es ist hier ausreichend Personal vorhanden und wenigstens einige von ihnen sind deutsche „native speakers”. Und klar ist es wichtig, dass die Mütter dieser Kinder bei der Erziehung ihrer Kinder nicht alleine gelassen werden. Dass die Gesellschaft, in der sie ankommen, ihnen durch die Möglichkeit, ihre Kinder für mehrere Stunden am Tag in einem geschützten Umfeld unterzubringen, sie freistellt, damit sie über Zeit verfügen für eigene Bedürfnisse. Ob für das Erlernen der deutschen Sprache, für Weiterbildung, Erwerbsberuf, bürgerschaftliches Engagement oder auch Muße. Warum aber die Entscheidung mancher Frauen, das eigene Kind nicht in eine fremde Umgebung abzugeben, bevor es überhaupt sprechen kann, als Symptom für Rückständigkeit interpretieren? Haben sie nicht vielleicht ihrem Kind Dinge zu bieten, die eine deutsche KiTa nicht geben kann? Zum Beispiel das Erlernen der eigenen Muttersprache in einem Kontext der Diaspora?

Es ist grundlegend, dass Kinder überhaupt sprechen lernen. Egal in welcher Sprache. Und es ist wichtig, dass sie einen sprachlichen Code lernen, den sie mit ihren Eltern teilen, der ihnen das Gefühl von Zugehörigkeit gibt. Es ist wichtig, dass sie ihre Eltern verstehen und wertschätzen und die Identität und Geschichte ihrer Eltern als kostbar ansehen. Gerade Menschen, die alles zurückgelassen haben, weil sie sich ein besseres Leben in Deutschland erhoffen, sollten nicht das Gefühl vermittelt bekommen, dass ihre Muttersprache minderwertig ist: nicht wert, gelernt zu werden, weil sie in Deutschland nichts nützt und auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt ist. Ein Kind lernt eine Fremdsprache sehr schnell. Es reicht völlig aus, ein Jahr vor der Einschulung mit Deutsch konfrontiert zu werden.

Ich finde es immer berührend, wenn Kinder ihren Eltern bei der Verständigung helfen. Das kann ein Kind aus einer migrantischen Familie sein, aber auch ein Kind mit gehörlosen Eltern. Es wird zum Vermittler zwischen zwei Welten. Es ist in beiden daheim. Es fühlt sich zugehörig zu beiden und kann so beide Welten in der eigenen Person miteinander integrieren. Gleichzeitig kann es beide Welten bereichern, auf eine Weise, wie es nur jemand kann, der so einen unmittelbaren Zugang zu beiden Welten hat. “Fusion” nennt man manchmal, was dabei entsteht…

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Bruni Krüger sagt:

    Vielen Dank für diesen sehr nachdenklich stimmenden Beitrag.

    Erhalt der Muttersprache für Migranten und Förderung der Zweisprachlichkeit / Mehrsprachlichkeit bei allen Kindern sind – das habe ich beim Lesen begriffen – zwei Seiten einer Medaille. Dass es wichtig ist, die Muttersprache zu bewahren, das erinnert mich an die Sonderstellung der Sorben in der DDR: da war es sehr gut möglich, Muttersprache UND deutsch nebeneinander zu lernen und zu benutzen.

    Von einer Bekannten hörte ich einmal die Meinung, die lateinische Sprache zu lernen, sei auch deshalb wichtig, weil diese eine ganz andere Denkmethodik hat als die deutsche Sprache. Wer Latein lernt, kann also auch besser denken.

    Mit zwei Sprachen im Rucksack kann man sich auch viel schneller in eine dritte Sprache hineinversetzen und diese lernen. D. h. die „Migrations“-Kinder haben irgendwann vielleicht sogar einen Vorteil.

    UND GANZ WICHTIG: die Bewahrung möglichst aller existierenden Sprachen als WELTKULTURERBE und Kulturpotential der Zukunft spielt hier ebenfalls hinein.

    Nochmals DANKE für den Beitrag.

  • Ute Plass sagt:

    Wunderbar einleuchtend und berührend, liebe Elfriede, dein Plädoyer zur Muttersprachlichkeit. Danke. 🙂

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke für diesen wichtigen Text zum jetzigen Zeitpunkt. Von meinen Erfahrungen als Lehrerin und Lerntherapeutin her kann ich das nur unterstreichen, was du schreibst. Gerade bei hier geborenen Kindern aus Migrationsfamilien oder mit binationalen Eltern, die nur Deutsch mit den Kindern sprachen, weil sie glaubten, ihnen damit bessere Chancen zu geben, traten oft große Sprach- und Lernschwierigkeiten auf. Manche dieser Kinder konnten mir noch nicht einmal sagen, welche Muttersprache Ihre Mutter hatte.
    Übrigens erlernen Kinder sogar schon lange vor der Geburt die Prosodie, also den Klang, die Betonung und die Melodie der Sprache ihrer Mutter, dazu gibt es Untersuchungen.

  • Esther sagt:

    Hallo

    Ich bitte zu beachten, dass gehörlose Menschen meist das Wort „taubstumm“ ablehnen. Gehörlose sind nicht stumm. Erstens geht mit dem Verlust des Gehörs meistens kein Verlust der verbalen Artikulationsfähigkeit einher. Es gibt auch von Geburt an gehörlose Menschen, die dennoch die Verbalsprache beherrschen. Zum zweiten haben Gehörlose mit der Gebärendensprache eine eigenständige und vollwertige Sprache zur Verfügung und sind daher ganz genau so zur sprachlichen Kommunikation fähig, wie Menschen mit Verbalsprache. Das Wort „stumm“ weckt jedoch Assoziationen von Sprachlosigkeit. Es würde mich sehr freuen, wenn Ihr dieses Wort daher im Text durch „gehörlos“ austauscht.

    Mit freundlichen Grüßen
    Esther

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Esther,

    danke für diesen wichtigen Hinweis. Wir von der Redaktion sind Deinem Vorschlag gefolgt und haben den Begriff ausgewechselt.

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