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Rubrik leben

Vom Niemandsland zum Mosaikboden. Biografische Skizze einer Migrantin zweiter Generation in der Schweiz

Von Lorena Gulino

IMG_6421Anhand von Anekdoten wird das Heranwachsen einer italienischen Migrantin aus dem Glarnerland erzählt. Die Erinnerungen fügen sich mosaiksteinartig zu einem nicht abgeschlossenen Bild. Dadurch wird ersichtlich, dass Migration aus (kleinen) Handlungen entsteht, aber auch aus Deutungen und Perspektiven konstruiert wird. Migration ist weder ein fester noch ein anhaltender Zustand. Migration ist vielmehr Lebenswanderung.

Eine Biografie braucht nicht nach der zeitlichen Abfolge geschrieben zu sein, als Kulturanthropologin bin ich mir dessen bewusst. Auch weiß ich, dass die Vergangenheit durch die Brille der Gegenwart gelesen wird und dass deren Konstruktion nur eine Lesart der möglichen Realitäten ist. Die Deutungen sind von der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit abhängig und sind zudem zeitspezifisch wie auch von der sozialen und gesellschaftlichen Umgebung geformt. Eine Anekdote soll diese einleitenden Gedanken veranschaulichen:

Oft aß ich in der Pause der Primarschule Brot und Käse. Die Kinder aus meiner Klasse rümpften ihre Nasen und riefen aus einiger Entfernung: «Igitt, dein Käse stinkt ja fürchterlich!» Der Geruch des selbst gemachten sizilianischen Käses war ihnen fremd. Gleichzeitig vernahm ich zuhause die Meinung meiner Eltern, der Tilsiterkäse stinke abartig. Hin und her gerissen zwischen den beiden Kulturen, fand ich mich im dazwischen liegenden vermeintlichen Niemandsland wieder, mit dem ich mich nach und nach anfreundete. Mit den Jahren lernte ich eine neue Lebensart kennen, die von Gegensätzen und Gemeinsamkeiten gekennzeichnet ist und zugleich ein vielfältiges, weites Feld eröffnet. Mittlerweile findet sich auf den Schweizer Wochenmärkten nicht nur der schlecht riechende Tilsiter, sondern auch der ebenso schlecht riechende süditalienische Käse, der heute gar als Delikatesse gilt. Mir schmecken alle Käsesorten, auch solche, die ich neu entdecke.

Meine Lebensaufgabe ist wahrscheinlich die der Vermittlerin. Diese Rolle zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Von klein auf habe ich in unterschiedlichen Welten gelebt und versucht, diese zu verbinden. Sei es, weil ich in verschiedenen Kulturen und Sprachen aufgewachsen bin; sei es aber auch, weil ich dank meiner Ausbildungen in diversen Bereichen tätig bin. Essentiell ist für mich stets das Bewusstsein für Gegensätze und gleichzeitig für das Verbindende in der Vielfalt. Meine Eltern stammen beide aus Sizilien; kennengelernt haben sie sich in einem Dorf, umzingelt von Schweizer Bergen. Nach einer kurzen Verlobungszeit – die Bewegungen der frisch Verliebten wurden von meiner Tante mütterlicherseits mit Argusaugen begleitet – heirateten sie. Meine Mutter war 19, mein Vater 8 Jahre älter. Ein Jahr später kam ich auf die Welt. Die vielen Jahre in der Kinderkrippe und in den Gängen des Altersheims, in dem meine Mutter die Zimmer putzte, und in denen ich im Kindergartenalter meine freie Zeit verbrachte, lehrten mich, mich möglichst unbemerkt zu bewegen, um als angepasstes Mädchen unbescholten durch das Leben zu kommen. Meinen eigenen Platz in der Gesellschaft konnte ich aber auch während meiner aufmüpfigen Jugendphase nicht finden.

Neben der Primarschule besuchten mein zwei Jahre jüngerer Bruder und ich am Mittwoch die italienische Kultur- und Sprachschule, während alle anderen Kinder ihren freien Nachmittag genossen. Den Unterricht leiteten damals die strengen katholischen Nonnen aus Näfels. Zu Beginn der Schulstunden mussten wir alle aufstehen. Absitzen durften jeweils diejenigen, die ein kurzes Dankesgebet aufgesagt hatten. Wiederholungen galten nicht, deshalb stritten wir uns um die immer gleichen Dankesgebete, denn nach und nach gingen uns die Motive aus. Damals ging ich widerwillig zur Sprachschule. Ich hätte lieber im Freien gespielt oder hätte einen Bummel in der Hauptstadt in Begleitung meiner Freundinnen bevorzugt.

Die vierte Primarklasse ist mir in besonderer Erinnerung geblieben: Ein aus Sizilien eingewanderter Cousin wurde mein neuer Banknachbar. Ich durfte ihm die Aufgaben übersetzen und ihm in der Schule behilflich sein. Zudem führte der neue, aus dem fernen Zürich zugezogene Lehrer ungewohnte Unterrichtsmethoden ein. Eines Tages bat er uns, ein Lesebuch von zuhause mitzunehmen, damit wir beim frühen Beenden der Aufgaben darin selbstständig lesen konnten. In unserer Wohnung gab es keine gebundenen Bücher, geschweige denn solche in deutscher Sprache. Zwar brachte mir meine Mutter vom Altersheim schachtelweise Groschenromane, die die alten Frauen abonniert hatten und die ich als Leseratte der Familie, verkrochen in einer Ecke, verschlang. Doch war mir klar, dass dies nicht die Sorte Literatur war, die mein Lehrer meinte. Um der Aufforderung nachzukommen, begleiteten mich meine Eltern in den Schreibwarenladen des Dorfes, in dem ein paar Bücher zur Auswahl standen. Weder Kinder- noch Lesebücher kannten wir, also kauften mir meine Eltern ein Langenscheidt Wörterbuch Deutsch-Italienisch, damit ich meinen Cousin besser unterstützen konnte. Das kleine Nachschlagewerk war nicht im Sinne des Lehrers, der etwas sprachlos das Büchlein von einer Hand in die andere legte, jedoch nicht weiter insistierte. Erneut dank den Bewohnerinnen des Altersheimes durfte ich ein Jahr später ein vierbändiges Nachschlagewerk der Weltgeschichte mit den gesammelten Silvapunkten bestellen. Voller Stolz packte ich die dicken, «gescheiten» Bücher aus der Schachtel und stellte sie in mein Regal.

Das Familienleben war vom Bewältigen der alltäglichen Herausforderungen geprägt. Manchmal glich es einem Überlebenskampf: Meine Eltern arbeiteten beide Vollzeit; mein Bruder und ich mussten sehr früh selbstständig werden und Verantwortung übernehmen. Das schrille Klingeln des Weckers schreckte uns von Montag bis Freitag aus dem Schlaf. Ein zweiter Wecker wies uns jeweils darauf hin, dass wir das Haus verlassen mussten, um den Schulanfang nicht zu verpassen. Das geschah aber trotzdem regelmäßig, da wir beim Morgenessen in unsere Rollenspiele versanken und dabei die Zeit vergaßen. Bereits als Kind half ich bei der Zubereitung des Mittagessens. Meine Mutter bereitete am Vorabend Tomatensauce vor, ich kochte die Pasta, und wenn mein Vater außer Atem nach Hause kam, erledigte er den Rest. Alles musste aufeinander abgestimmt sein, da er um viertel vor eins wieder in der Fabrik stempeln musste. Wenn Mutter nicht arbeitete, verbrachten wir den Samstag im neu gebauten Warenhaus, wo unsere Eltern Elektrogeräte, Aluminiumfolie und andere Neuigkeiten für unsere Verwandten in Sizilien kauften. Einmal im Jahr wurden alle beschenkt; die Schweizer Schokolade verpackten wir mit Zeitungspapier, damit sie auf der 24-stündigen Autoreise nicht schmolz. Kurz vor der Abreise und während der langen Strecke herrschte stets eine fieberhafte und ebenso erwartungsvolle Atmosphäre. Der Ablauf der Vorbereitungen verlief jahrein, jahraus vergleichbar. Wir Kinder mussten in unserer ersten Ferienwoche alle Küchenschränke ausräumen, reinigen und wieder einordnen. Die Koffer wurden gut durchdacht vom Papà gepackt – die Mutter könne das nicht, versicherte er uns immer wieder, während la Mamma die in Haushaltsfolie gerollten Geldscheine in die Jacken- und Hoseninnenseiten nähte. Als wir Kleinkinder waren, bereitete uns unsere Mutter eine Schlafmatratze für den Autorücksitz vor. Darin verstaute sie Unterhosen, Socken und T-Shirts. Besonders mochte ich es, wenn wir ausnahmsweise am Kiosk je eine der teuren Kinderzeitschriften auswählen durften. Abgefahren wurde immer mitten in der Nacht, nachdem meine Mutter mit einem gemurmelten Gebet eine Prise Salz im Auto verstreut und wir uns gegenseitig eine gute Fahrt gewünscht hatten. Mein Onkel fuhr mit seiner Familie im vorderen Wagen vor, mein Vater stets hinterher. Die Fahrweisen der beiden Männer und die missverstandene oder zu spät erkannte Zeichensprache waren willkommener Zündstoff für die hitzigen Diskussionen auf den Autoraststätten. Unterdessen kochten unsere Mütter auf dem Campingkocher Pasta mit Schmelzkäse für uns Kinder. Entgegen aller Befürchtungen gab es in den rund zwanzig Jahren keine einzige Reise, die die beiden nicht bis zu Ende gemeinsam zurückgelegt hätten.

Obwohl ich in der Schule zu den Besten zählte, durfte ich nicht ans Gymnasium. Laut meiner Lehrerin war ich zu schüchtern und mein Deutsch nicht angeboren und deshalb ungenügend. Eine Episode verdeutlicht die damalige Situation im teils fremdenfeindlichen Glarnerland: Bei einer unangekündigten Prüfung in meinem Lieblingsfach Geografie war ich die einzige Schülerin, die alle Kantone und deren Hauptorte richtig zuordnen konnte. Die Lehrerin höhnte vor der ganzen Klasse: «Nun müssen wir uns von den Ausländerinnen sagen lassen, wie die Schweiz zusammengesetzt ist!» Aber auch meine Eltern waren der Meinung, eine abgeschlossene Lehre reiche für ein sizilianisches Mädchen, deren Eltern als Hilfsarbeitende in der Fabrik des Dorfes tätig waren. Ich meinerseits dachte, ich sei nicht gut genug, und passte mich ein weiteres Mal den Gegebenheiten an. Der Rektor der kaufmännischen Schule in Glarus übernahm die Stellvertretung unseres Deutschlehrers und ich kam mit der Schweizer Literatur in Kontakt. Wir behandelten Frischs Parabel Andorra. Dabei hatte ich das Gefühl, Andris Charakter – die Hauptfigur im Stück – voll und ganz zu verstehen. In der Prüfung konnte ich meinen Gedanken und meiner Fantasie freien Lauf lassen. Bevor der Rektor die korrigierten Schreibarbeiten zurückgab, rief er mich auf und bat mich aus dem Zimmer. Mir wurde bange. Er erklärte mir, die Klassenarbeiten seien so schlecht ausgefallen, dass er den Durchschnitt der Noten hatte heruntersetzen müssen, er mir aber keine 6+ (6 ist die beste Note) geben könne, da diese im Notensystem nicht vorgesehen sei. Beim Zuhören seiner Entschuldigung durchflutete mich eine Vielzahl von Emotionen. Trotz dieses anerkennenden Votums zweifelte ich noch lange an meinen Deutschkenntnissen. Seit meiner frühen Kindheit überwogen die negativen Aussagen, die ihre Spuren hinterließen und sich mit der Zeit in tiefsitzenden und unbegründeten Ängsten äußerten. Ehrfürchtig beäugte ich die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, die im Zug die gelben Reclam-Literaturbüchlein lasen. Bis ins Erwachsenenalter war ich überzeugt, ich würde kein einziges Wort verstehen. Obwohl ich umfangreiche Texte verfasst habe, ist die deutsche Sprache eine Herausforderung geblieben, die weder mit Grammatik noch mit Rechtschreibung zu tun hat, sondern mit der jahrelangen suggerierten Unzulänglichkeit und Nichtzugehörigkeit eng verknüpft ist.

Weder zu schüchtern noch zu unbegabt war ich hingegen für die Behörden, die Ärzte und für meine Eltern, als es darum ging, mit kaum 15 Jahren als Übersetzerin, Begleitperson und als Physiotherapeutin zu fungieren: Mein Vater hatte einen Unfall gehabt, der langjährige Komplikationen mit sich brachte. Von einem Arzt zum anderen geschickt, begleitete ich ihn ins fremde Zürich. Mit den Straßenbahnen und den vielen Bussen fand ich mich schnell zurecht, ebenso im Kauderwelsch der deutschen Professoren in der Klinik versuchte ich mich durchzukämpfen und mich für die Gesundheit meines Vaters einzusetzen. Selbstverständlich war es auch, dass ich bei schwierigen Situationen als Älteste die Verantwortung übernahm. Im Spital hatten sie uns ausführlich erklärt, wie wir den kürzlich operierten Arm meines Vaters in einer bestimmten Position fixieren mussten, um ihm für kurze Zeit das Gestell vom Brustkorb abzunehmen und seinen Körper zu waschen. Mein Onkel war mit der heiklen Aufgabe beauftragt worden, während meine Mutter das Waschen übernahm. Doch nach wenigen Sekunden fühlte sich mein Onkel unwohl. Nicht nur wurde ich mit dem Armehalten beauftragt, auch die täglichen Übungen mit der langsam heilenden Schulter zählten ab sofort zu meinen Pflichten. Dass ich in manchen Situationen schlichtweg überfordert war, behielt ich für mich und versuchte, das Beste aus dem Umstand zu machen. Denn ich sah nicht, wer es sonst hätte tun können. Dass ich mich hätte weigern können, kam mir nicht in den Sinn. Innerhalb der Familie in der Schweiz wie auch in Sizilien hatte ich durch die erworbene Sicherheit im Überwinden von Hindernissen eine neue Position erlangt: Ich war nicht mehr länger nur das schüchterne, angepasste Mädchen.

Jedes Jahr verbrachten wir im Sommer vier Wochen im Heimatdorf meines Vaters. Inmitten von Weizenfeldern und kargen Hügeln, auf denen Schafe weideten, genossen wir unbeschwerte Stunden und spielten von morgens bis abends mit Cousins und Nachbarinnen im Freien. Als Spielzeug dienten uns allein die Natur und die herumliegenden Gegenstände. Aufgeschürfte Knie und die darauffolgende Desinfizierung mit Essig oder Rotwein, die Schreie und Tränen auslöste, gehörten zum Alltag. Wir – gli svizzeri (die Schweizer) – waren die unebenen Wege nicht gewohnt. Auch andere merkwürdige und trotzdem wohlbekannte Situationen ergaben sich während der Ferien. Zum Beispiel war es für mich immer lustig, meiner Großmutter beim Ankleiden zuzusehen. Unter ihrem Kleid legte sie jeweils zwei lange Hanfschnüre um ihren Hals. Daran waren mehrere rote Plastikhörnchen angeknotet, die wie kleine Paprikaschoten aussahen. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass sie diese vor dem bösen Blick bewahren würden. Sie wurde über 90 Jahre alt. Ein andermal schickten mich meine Eltern zu einer Großtante, die ihre Hand auf meinen Magen legte, dabei unablässig unverständliche Worte murmelte und mir meine bösen Träume vertrieb. Immer wieder hatte ich Mühe, gewisse Verhaltensweisen nachzuvollziehen. Wir Mädchen durften auf Anweisung unserer Eltern nur auf der beleuchteten Hauptstraße hin und her spazieren, während die Jungs immer wieder mit der einen oder anderen in die Dunkelheit verschwanden. Obwohl Groß und Klein vom verbotenen «Verschwinden» wusste, herrschte kollektives Stillschweigen. Ich meinerseits konnte diese Haltung nicht nachvollziehen. Überhaupt verstand ich meine Eltern des Öfteren nicht, mit denen ich während der vier Wochen mehr Zeit verbrachte als in der Schweiz. Manchmal empfand ich sie als mir fremde Menschen, für die plötzlich andere Werte galten. Zurück in der Schweiz normalisierte sich der Zustand und ich erkannte meine Eltern in ihrer und meiner alltäglichen Routine wieder.

Im Glarnerland

Im Glarnerland

Im Glarnerland habe ich meine ersten 18 Lebensjahre verbracht. Kaum hatte ich die kaufmännische Lehre abgeschlossen – übrigens mit Bestnote, Erste durfte ich aber nie in meinem Leben sein – verließ ich das Tal und die Schweiz und ging für drei Monate nach England. Ich wollte aus der Enge ausbrechen und neue Erfahrungen sammeln. Als eng erlebte ich nicht nur das Tal und die Einstellung meiner Lehrerin oder der Glarnerinnen und Glarner, sondern auch die Erziehung meiner Eltern. In der Pubertät fing ich an, mir Dinge mittels verbaler Auseinandersetzungen hart zu erkämpfen. Lügen konnte ich nicht. Meine Schweizer Freundinnen hingegen genossen Freiheiten, die für mich unerreichbar waren. Gegen diese Ungerechtigkeiten setzte ich mich immer wieder ein, so wie ich es immer wieder für meine Eltern innerhalb der Schweizer Gesellschaft getan hatte. Mit Worten habe ich es nie geschafft, meinen Eltern meine Lebensvorstellungen verständlich zu machen. Deshalb kehrte ich nach meinem Aufenthalt in England nicht ins Glarnerland zurück, sondern nahm meine erste Stelle in Zürich an, die mich in die oberste Chefetage einer großen internationalen Firma führte.

Meine Neugier für das Unbekannte war geweckt: Nach nur einem Jahr packte ich abermals die Koffer und ging für fünf Monate nach Madrid. Die spanische Sprache eröffnete mir neue Welten; bis heute benutze ich sie tagtäglich. Nie habe ich verstanden, weshalb ich mich damals nicht in Madrid niederließ. Danach versuchte ich, einen Job in Rom zu ergattern: Ich wollte zur FAO, der Welternährungsorganisation der UNO mit Sitz in der italienischen Hauptstadt. Ich stellte mir vor, dass ich mich in einer international engagierten Organisation verstanden und wohl fühlen würde. Doch mit meinen knapp 20 Jahren und ohne Universitätsabschluss hatte ich keine Chancen. Zurück in der Schweiz jobbte ich in verschiedenen Firmen und bewarb mich für die Ausbildung an der DOZ, der Dolmetscherschule. Trotz meiner Fremdsprachenkenntnisse wurde ich wiederum mangels Abitur nicht aufgenommen. Also verreiste ich mit meinem zukünftigen Mann für mehrere Monate nach Mittelamerika. Mit der Geburt unseres Sohnes kehrte etwas Ruhe in mein Leben ein. Die schlechten Erfahrungen in der Kinderkrippe zwangen mich, die Betreuung unseres Sohnes anders zu organisieren.

Dank der gegenseitigen Hilfe anderer erwerbstätiger Familienfrauen und der Unterstützung meines Vaters, der trotz der zahllosen Operationen unglücklicher IV-Rentner (Frührentner) geworden war, brachte ich in den nächsten elf Jahren Erziehung, Arbeit und Studium unter einen Hut. Ich holte das Abitur nach, studierte anschließend an verschiedenen Universitäten und spezialisierte mich auf Migrations- und Familienthemen. Im Südosten Spaniens verbrachte ich ein Auslandssemester und arbeitete in einem Forschungsprojekt zur Migration von Nordeuropäerinnen und -europäern in den Süden mit. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich als vollwertige und gleichberechtigte Person. Mein Sohn ging für ein halbes Jahr vor Ort zur Schule. In der Zwischenzeit erforschte ich die Alltagsgewohnheiten der Migrantinnen und Migranten. Meine Vielsprachigkeit kam allen in der Forschungsgruppe zugute, ich wurde rundherum anerkannt. Erstaunt nahm ich wahr, wie ich in der temperamentvollen Region nicht mehr als laut oder emotional galt, was man mir in der Schweiz ab und an vorwarf. Mir wurde am eigenen Leibe bewusst, dass Aussagen über Menschen oder Dinge je nach Umgebung und Kontext variieren können und dass Meinungen relativ sind. Sogar die interviewten Schweizerinnen und Schweizer in Spanien unterstrichen die Lebensfreude der Spanier und Spanierinnen. Wie paradox doch die Lebenssituationen werden können! Es waren erfüllte und wichtige Jahre des Wachstums und innerer Stärkung. Aber auch Jahre des Auseinanderlebens von meinem spanischen Mann, die zur Scheidung führten. Als alleinerziehende Mutter musste ich schnell eine gut bezahlte Stelle in der Nähe unseres Wohnortes finden. Meine erste kaufmännische Ausbildung wie auch meine früh erworbene Anpassungsfähigkeit nützten mir dabei.

Es gibt Leute, die wissen von klein auf, was sie in ihrem Leben erreichen möchten. Das war bei mir nie der Fall. Als wir uns in der Sekundarschule mit der Lehrstellensuche auseinandersetzen mussten, fragte ich meinen Lehrer, in welcher Lehrausbildung ich denn meine Kenntnisse aus dem Fach Geografie anwenden könnte. Dieser antwortete mir, ich solle bei der Post am Schalter arbeiten, denn da könne ich Briefe und Pakete in alle Welt versenden. Erst vor Kurzem erinnerte ich mich an diese Episode und erkannte schlagartig, dass mein Jugendtraum mit meiner Studienwahl – zwar erst viele Jahre später – in Erfüllung gegangen ist. Fremde Länder und Menschen kennenlernen, die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Gewohnheiten und deren Zusammenhängen mit dem Alltag verstehen, sind Themen, in die ich mich während meiner zweiten Ausbildung vertiefen konnte. Doch nicht nur die Bildung hat mich in all diesen Jahren begleitet. Mindestens so unerlässlich in meinem Leben sind die grundlegenden Erkenntnisse, die ich in meinen bis heute fortwährenden Lehrjahren als Mutter habe erfahren dürfen und die in keiner Theorie und in keinem Buch zu lesen sind, sondern aus der bedingungslosen Liebe zu einem Kind entstehen.

Das Vordringen ins vermeintliche Niemandsland, von dem ich zu Beginn dieser autobiographischen Skizze schreibe, erfreut mich jeden Tag aufs Neue. Metaphorisch gesprochen ist der unvollendete Boden des Niemandslandes mit vielen kleinen, alten und neuen Mosaiksteinen besetzt, die aus den alltäglichen Praktiken hervorgehen und unser Leben bestimmen. Dasselbe gilt für die Migration, die aus vielen (kleinen) Handlungen besteht und die weder ein in sich geschlossener noch ein anhaltender Zustand ist. Meiner Erfahrung nach liegt die Herausforderung im Verbinden und Integrieren der diversen Lebensräume, Sprachen und Alltage. Die Anpassungsfähigkeit überwindet vorübergehend die Kluft, gleichzeitig überspielt sie die Differenzen, die jeden Menschen einzigartig machen. Unabdingbar ist das Aushalten der Differenzen, aber auch der Gemeinsamkeiten. Denn das Leben bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Anpassung an das Andere und Beharren auf dem Eigenem. Gleichermaßen wird Migration aus Zuschreibungen, Deutungen und aus unterschiedlichen Perspektiven erschaffen. Damit die Wechselwirkungen sichtbar gemacht werden können, sind breit angelegte Langzeitstudien erforderlich, in denen nicht nur Zugezogene, sondern auch Ansässige befragt werden. Darüber hinaus sind die Erforschung sowohl der staatlichen als auch der nicht-staatlichen Organisationen, der amtlichen Personen und deren Einfluss auf die Betroffenen notwendig. Ein besonderes Augenmerk sollte den Ressourcen der Akteurinnen und Akteuren geschenkt werden, die in ihren Vorstellungen, Ängsten und Hoffnungen verborgen sind und die in ihrer Anpassungsfähigkeit, Wut, Beständigkeit und vieles mehr zum Ausdruck kommen. Dafür benötigen wir Forscherinnen und Forscher mit ausgeprägter Empathie.

Vor einer Woche wurde ich auf dem Marktplatz von einer Politikerin angesprochen, bald sind Wahlen in der Schweiz. Als Lockvogel hielt sie mir eine Schokolade hin und fragte, ob ich diese wolle. Ich verneinte und erklärte, ich hätte keinen Schweizer Pass und könne somit nicht wählen. «Wie lange leben Sie denn in der Schweiz?», wollte sie wissen. Einmal sind es Äußerlichkeiten oder das unübliche Benehmen, die uns zu Exot_innen hochheben oder degradieren, ein andermal schließt uns die mangelhafte Sprache aus und – wenn alles mehr oder weniger stimmt – verrät uns zuletzt der falsche Pass. Solange wir Migration oberflächlich lesen, finden wir Tausende von Gründen, die auch scheinbar Zugezogene zu Nicht-Dazugehörigen machen. Wenn wir uns hingegen den Menschen annähern, ihnen aufmerksame Zeit schenken, von uns erzählen, uns austauschen und auseinandersetzen, mit ihnen fühlen, Gehörtes kontextualisieren, von den Geschichten und von der Geschichte lernen, werden wir fähig sein, Migration mehrschichtig zu lesen. Diese Fähigkeit hängt nicht primär von unserer körperlichen Mobilität ab, vielmehr von unserer Bereitschaft, unseren Alltag, unsere Gewissheiten, Institutionen, Überzeugungen und unser Rechtssystem zu hinterfragen, umzuwandeln und zu erweitern. In dem Moment, in dem wir uns mit unserem Gegenüber in Beziehung setzen, finden wir einen Umgang mit den Differenzen und den Gemeinsamkeiten.

Wie lange bleibt eine Migrantin eine Migrantin? Wohl ein Leben lang, aber nicht im reduktionistisch nationalstaatlichen Sinne, wie es die Politikerin und viele andere Personen meinen. Migration ist Lebenswanderung und betrifft uns alle, nicht nur Zugezogene; denn wir sind nicht das eine oder das andere. Ich verstehe mich nicht nur als Sizilianerin oder Glarnerin, als Spanisch- oder Deutschsprechende, als Studierte oder Lehrabgängerin, als geschiedene oder alleinerziehende Person, als Kulturanthropologin oder Tochter von Fabrikarbeitenden. Ich bin alles zugleich und bin da, weil das eine ohne das andere gar nicht existieren kann. Oder andersherum: Ich brauche das Andere, um Ganz zu sein. Deshalb sehe ich mich als Person, die auf einem – auf meinem – unvollendeten, farbigen Mosaikboden geht, den ich in Zukunft durch viele unbekannte Mosaiksteinchen erweitern werde.

Dieser aktualisierte Text wurde im «Korrespondenzblatt der Schweiz. Gesellschaft für Volkskunde», Nr. 103/3 2013, publiziert und entstand dank Anregung von Prof. em. Dr. Leo Schelbert. Zuerst erschien der Artikel im Swiss American Historical Society Review mit dem Titel «From No Man’s Land to the Mosaic Floor: An Autobiographical Sketch of a „Secunda“», Feb. 2013, Vol. 49, No. 1.

Autorin: Lorena Gulino
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 22.10.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Danke, Lorena Gulino, für diesen biografischen Text und den damit verknüpften Reflexionen. Ich habe ihn sehr gerne gelesen wegen seiner Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit und der Poesie die sich darin Ausdruck verschafft. 🙂

  • Monika Hengartner sagt:

    „Migration ist Lebenswanderung und betrifft uns alle, nicht nur Zugezogene; denn wir sind nicht das eine oder das andere.“
    Wie wahr!
    Vielen Dank für diesen empathisch ehrlichen Text, Lorena Gulino. Er macht mir, mitfühlend schmerzlich, klar, dass ‚wir Sesshaften‘ ausgrenzen und mit ‚Migration‘ selber nichts am Hut haben wollen. Das so aussen vor gehaltene Leid trägt dann jemand ‚anderer‘ und „wir“ sind uns keiner Schuld bewusst. Die im Text erwähnten Beispiele z.B. mit den Lehrern, die auf eine gute Geografieleistung abwertend gegen Ausländer reden, als Berufsmöglichkeit nicht weiter denken als an die Post oder die Behörden und Aerzte, die nicht hinterfragt einfach davon ausgehen, dass das schweizerdeutsch redende Kind der konkreten Eltern alles Gesagte versteht und umsetzen kann, scheinen mir klare Folgen zu sein von dieser (schuldlosen?) Naivität und Hilflosigkeit… Folgen genau davon, dass die Ansässigen meinen, sich weigern zu dürfen, bei anstehenden Fragen selber Teil der Lösung zu sein; will heissen, auf eine gemeinsame Lösung hin zu migrieren. Anstatt die ganze Anpassung den als solche definierten Migranten zuzuschieben.

  • Elfriede Harth sagt:

    Schöner Text, den ich mit großer Freude gelesen habe. Der Titel kam mir vor wie eine Schublade: Migrantin zweiter Generation in der Schweiz. Schön sortiert nach Katalogkriterien. Und als ich die Schublade öffnete, da geschah es wie im Märchen…. es entwich daraus eine zauberhafte Geschichte, die die Aufschrift auf der Schublade nicht hätte vermuten lassen. – Es mag teilweise ein steiniger Weg gewesen sein, den Du gegangen bist, aber letztlich, im Zurückblicken, weißt Du daraus ein Bild zusammenzufügen, dessen Anblick Freude bereitet.

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