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Wann? Jetzt … Die anarchischen Koordinaten der politisch-existentiellen Zeit

Von Dorothee Markert

Diotima: Das Fest ist hier

Diotima: Das Fest ist hier

Antonietta Potente, die dieses letzte Kapitel [1] des Diotima-Buchs „Das Fest ist hier“ schrieb, gehört dem Orden der Dominikanerinnen des Heiligen Thomas von Aquin an. Sie war zunächst Hochschullehrerin in Rom und Florenz. 1994 ging sie nach Bolivien, wo sie zusammen mit Angehörigen der bäuerlichen Aymara-Minderheit eine besondere Form von Gemeinschaftsleben entwickelte. Heute lehrt sie Theologie an der katholischen Hochschule in Cochabamba.

Vorbemerkungen

Gleich zu Beginn versucht Antonietta Potente die Zeit zu charakterisieren, in der wir leben. Es sei „ein Zeit-Atom, das keinerlei Zögern erlaubt“. So könne man die vielen Ereignisse der letzten Zeit zusammenfassen, „zwischen Evolutionen, Revolutionen und Enthüllungen, Veränderungen des Klimas, der Stimmung und des Humors“ in denen sich Menschen zwischen Zaudern, Versuchen, neuen Anfängen, Abstürzen und Blindflügen in den politisch-existenziellen Dimensionen der Völker und der Einzelnen bewegen (S. 149).

Als Antonietta Potente von dem Vorhaben hörte, eine Untersuchung zum Thema „Das Fest ist hier“ zu beginnen, fragte sie sich, welche Bedeutung das wohl für diejenigen hatte, die angesichts der existentiellen Beunruhigungen der politischen und sozialen Kontexte unserer „hypermodernen Gesellschaften“ die Initiative dazu ergriffen hatten. Gleichzeitig begann sie, ausgehend von dem Ort, an dem sie lebt, zu beobachten und zu sammeln, sich auf eine „schauende Reflexion der Alltäglichkeit“ einzulassen, von der Imagination begleitet. Sie wollte dadurch die feinen Bewegungen der Realität erfassen und die notwendige Autorität erwerben, um etwas sagen zu können. Dabei war ihr bewusst, dass die Sprache dafür nicht ausreichen würde. Es war eine Zeit, der Alltäglichkeit gewidmet, eine Zeit des Schauens, aufmerksam und leise, um mit dem Leben zu verhandeln, mit dem, was geschehen ist und was gerade geschieht.

Dann schrieb sie auf, was sie selbst „kaum erahnte“. Alles sei bis jetzt ziemlich unvollständig und werde es wohl auch bleiben. Doch diesen Text zu schreiben, sei eine „ethische Handlung, eine Arbeit, die zur Archäologie des Lebens beitragen will“ (S. 150).

Blickrichtung und Intuitionen

Auf den Titel ihres Kapitels kam die Autorin, als sie die politische Geschichte des Landes betrachtete, in dem sie seit Jahren lebt – Bolivien –, und auch die Geschichte des Landes, in dem sie geboren wurde – Italien. Es sind verschiedene Kontexte, doch sie haben auch einige Gemeinsamkeiten, besonders dann, wenn man sie von innen betrachtet und die alltäglichsten Themen untersucht. Um diese politischen Geschichten zu verstehen, muss man aus den bekannten klassischen Parametern der Geographie heraustreten, aus der üblichen Aufteilung in Nord und Süd, Okzident und Orient, reiche und arme Länder, um in die annähernden Koordinaten des Alltagslebens von konkreten Frauen und Männern einzudringen, für die, wenn auch in unterschiedlicher geographischer Lage, das Leben ungeheuer hohe Kosten hat, aber gleichzeitig immer noch faszinierend und voller Entdeckungen ist. Dann sind es Geschichten mit vielen gemeinsamen Aspekten aus Träumen, Wünschen und einer Praxis von Widerstand, Imagination, Kreativität und Ungehorsam. Es geht also darum, nicht nur von einem Teil der Geschichte zu lernen, sondern von jeder Art von Geschichte, vor allem von der, die erzählt wird, indem sie gelebt wird. Den ProtagonistInnen dieser Geschichte zuzuhören, ist – unabhängig davon, ob sie als solche des Nordens, Südens, Ostens oder Westens klassifiziert werden – eine kostbare Geste. Es ist ein Teil des ebenso kostbaren Prozesses, nach unterschiedlichen und doch gemeinsamen Wegen zu suchen.

Während Antonietta Potente diese vielfältige, komplexe Realität betrachtet, versucht sie den Wunsch wiederzubeleben, noch am „Fest“ teilzunehmen, das heißt für sie, andere anzuregen und sich selbst anregen zu lassen von der Möglichkeit des Lebens von allen und allem.

Die Autorin sieht sich als Erbin eines Wissens bzw. einer Weisheit, die als christliche bekannt ist. Ihre Tradition ist dabei aber vor allem eine Tradition von Frauen, einer weiblichen und sehr schöpferischen Tradition, in der wahrgenommen wird, dass es das einzige ist, was zu tun ist, nichts von dem zu verlieren, was uns gegeben wurde. „Nichts zu verlieren von uns, von unserer Sensibilität, von unseren unruhigen Bäuchen, unserer Affektivität, unserer kritischen Intelligenz, von unseren Gedanken, Leidenschaften, Ideen und so weiter. Aber auch nichts von den natürlichen oder nicht-natürlichen Lebensräumen, die im Laufe der Jahrhunderte geschaffen wurden, durch Menschen und Biodiversität“ (S. 151).

Den Titel „auseinandernehmen“

Die Worte „Wann? … Jetzt“ beinhalten jene merkwürdige Dimension des Lebens, die von sich aus so gegensätzliche Gefühle wie Liebe und Hass hervorrufen kann. Wir kennen sie als Dimension „Zeit“. Die Zeit ist für Potente eine „wunderschöne Verbündete der menschlich-kosmischen Solidarität.“

Dazu kommen weitere Dimensionen, die Potente „anarchisch“ nennt: „die existentiellsten Fasern von uns als emotionale, begehrende, träumende Subjekte, als Wandernde im Nebel der Psyche, von Anima und Animus, in der Bewusstheit von uns selbst und dem, was um uns herum ist“.

Potente möchte nun folgende Fragen untersuchen: „Was sind die existentiellen Koordinaten des Lebens?“ und „Haben diese Koordinaten wirklich Platz in den neuen politischen und sozialen Prozessen der Völker?“ (S. 151)

Wenn sie von diesen Vorüberlegungen ausgeht, erscheint ihr das Leben als völliges Durcheinander, „zerzaust wie ein Strubbelkopf“ (S. 152).

Die Koordinate der Ungeduld: „Wann?“

Diese Koordinate hat mit der Zeit zu tun und ist ein Schrei, der in Bolivien jeden Protest, jeden Streik und jede soziale, öffentliche Veranstaltung begleitet. Die Zeit ist in diesem Fall Dringlichkeit und Ungeduld, wie auch in dem alltäglichen Aufschrei: „Ich kann nicht mehr!“ oder „Wir schaffen es nicht mehr!“ Die Antwort darauf ist „Jetzt“, und sie beinhaltet eine Haltung tiefer Sorge und einen symbolisch-realen Trost.

Dieses „Jetzt“ hat in allen Kulturen und in kosmischen und religiösen Visionen sowohl zeitliche, berechenbare Aspekte als auch Aspekte eines Lebens jenseits der Zeit. Das „Jetzt“ ist gleichzeitig symbolisch und real, für Potente ist es mit der Sorge über und für die Dinge, über und für die Realität verbunden. Bezogen auf das „Wann?“ ist es auch Ausdruck des Mangels, der Not, der Abwesenheit von etwas oder einer Person und kann sich in Dringlichkeit, Eifer und Ungeduld verwandeln.

In Bolivien ist mit dem „Jetzt“ auch die Erfahrung mit dem verbunden, was „Veränderungsprozess“ genannt wird, mit einem allmählichen politisch-existentiellen Wandel. Wo es kein Wasser mehr gibt und nichts mehr wächst, aber auch dort, wo es nie Demokratie und Würde gegeben hat und wo stattdessen Schuldgefühle, Unterlegenheitsgefühle und eigenes Ungenügen erlebt wurden, bedeutete das „Jetzt“ den Beginn von Veränderungen. An dieser Stelle hat die Autorin das Bedürfnis, immer wieder zu bekräftigen, dass das Wasser, die Luft, die Erde und was darunter ist ebenso uns gehören wie unsere Würde und die Würde all derer, die sich um das alles kümmern. Das „Jetzt“ ist zum Anfang geworden, zu dem, was in der Diotima-Untersuchung als das „Hier“ des Festes bezeichnet wird.

Wenn es kein „Jetzt“ im Sinne von Ungeduld aufgrund eines Mangels gibt, ist es wahrscheinlich schwierig, „Das Fest ist hier“ zu sagen. Das wäre dann nur ein künstliches Theoretisieren über etwas, das aus realen, konkreten, körperlichen Erfahrungen entspringt, die Teil unserer verborgensten, aber auch offensichtlichsten Fasern sind: „Ich habe Durst/Hunger“, „Wir sind nicht frei“, „Wir fühlen uns ausgeschlossen“, „Wir wurden betrogen“ …

Potente hält jedoch den Mangel nicht für die einzig notwendige Voraussetzung der Möglichkeit, ein Fest zu feiern. Sie möchte ihr „Jetzt“ nicht neben jene religiösen, philosophischen und soziologischen Vorstellungen gestellt sehen, die tröstend oder populistisch genutzt werden, oder neben jene Theorien des Leidens, die sich oft in Machtinstrumente und in neue Unterdrückungssituationen und Ausgrenzungen verwandeln. Für sie setzt das „Jetzt“ eher Besorgtheit und Sorge voraus, viel mehr als das Leiden. „Prä-okkupiert“sein, im Voraus leidenschaftlich beschäftigt sein mit etwas oder einer Person, schon bevor etwas geschieht. Die Besorgtheit im Voraus ist schöpferisch, sie arbeitet im Traum und in der Nacht, um den Tag, die Ankunft und die neue Imagination zu antizipieren.

Wer zum Fest einlädt oder sich selbst dazu einlädt

Wer sind die ProtagonistInnen jener Schreie und jener Ungeduld? Nicht das Unglück ist dafür die Voraussetzung. Die ProtagonistInnen sind einzelne und kollektive Subjekte, die alle Möglichkeiten haben, die nötig sind, um die Bedingungen der Geschichte zu verändern: Träume, Wünsche, Hunger und Durst, alle Überlebensstrategien und alles, was für Neuanfänge notwendig ist. Es sind Menschen, die sich nicht mehr zufriedengeben. Menschen, die sich sorgen um das, was wir wirklich zum Leben brauchen.

Die Aufzählung derer, die zwischen dem „Wann?“ und dem „Jetzt“ zum Fest einladen, klingt wie eine Litanei. Die Einladung kommt von den 1,2 Milliarden Menschen, die gezwungen sind, von weniger als einem Dollar pro Tag zu leben. Von mehr als 30 Millionen Menschen, die jedes Jahr an Hunger sterben (mehr als 82.000 pro Tag, darunter 30.000 Kinder). Von den etwa 3 Milliarden Menschen ohne Trinkwasser und Toiletten. Von den 75% der Landbevölkerung Afrikas, die kein Wasser hat – in Lateinamerika sind es 77% und in Ostasien 70% –, während andere sich erlauben, große Staudämme zu bauen, 35.000 in der Welt, mit entsetzlichen Folgen für die Umwelt und die Bevölkerungen, wodurch sie den Krieg um Wasser anheizen. Die Einladung kommt von jenen, die aufgrund unzureichender Ernährung körperlich und in Bezug auf ihre Möglichkeiten abbauen: Sie fallen in Passivität, sie leiden unter Muskelschwäche, Depressionen, Krankheitsanfälligkeit, unter vorzeitigem Altern, und das geht bis zum Hungertod. Der Einladungsschrei kommt von jenen, die ihren eigenen Körper verkaufen müssen für das Lebensnotwendige: Mehr als 200.000 Frauen und Kinder allein in Südostasien (China, Philippinen und Thailand). Oder von den Flüchtlingsgruppen, die aus den Bruderkriegen in Ruanda, Afghanistan, Sudan, Libyen, Syrien … fliehen. Oder von den 20 Millionen Menschen in der ganzen Welt – ohne die Kinder mitzuzählen –, die zum Arbeiten in Schuldknechtschaft gezwungen sind, wegen Anleihen, die manchmal nur notwendig wurden, um Medikamente zur Behandlung eines Familienmitglieds kaufen zu können. Die Einladung kommt von den mehr als 250.000 Kindern in der ganzen Welt, die als Kindersoldaten kämpfen müssen. Sie kommt außerdem von all denen, die auf die Plätze gegangen sind und uns die Wahrnehmung aufgezwungen haben, dass es hier nicht abstrakt um Fragen der Gerechtigkeit geht, sondern um ganz konkrete sozio-existentielle Not.

Das hier sind nur die kollektiv-sozialen Litaneien, ohne die verborgensten zu nennen, die vor einem Spiegel entdeckt werden und aus Einsamkeiten, Gefühlsdramen, Zurückweisungen, Ausgrenzungen und Schweigegeboten bestehen, diese Litaneien sprechen nicht nur von nicht-respektierten Körpern, sondern auch von misshandelter, ignorierter Psyche. Wie jede Litanei wird auch diese nie enden …

In der christlichen Tradition gehört zu jeder litaneiartigen Anrufung die Antwort: „Bete/ betet für uns“. Folgendes könnte unsere Antwort sein: Wir nehmen die Einladung an und widmen ihr unser Leben, unsere Entscheidungen, unser Denken und Schreiben. Nehmen wir die Einladung an und suchen wir nach Räumen, in denen wir menschliche Lebensmöglichkeiten neu organisieren können, nicht nur die von Technik und Finanzen.

„Jetzt“: Empörung, Schrei und eine Praxis der „mystischen Organe“

Antonietta Potente glaubt nicht, dass es immer die klassischen Paradigmen von Recht und Gerechtigkeit sind, denen es gelingt, auf die Ungeduld des „Jetzt“ zu antworten, und auch nicht die des religiösen Mitgefühls. Vielleicht weist der Begriff „Fest“ auf andere Paradigmen hin, denn im Verlauf der Geschichte wurden Feste von vielen Völkern als Protest- und Kampfstrategien genutzt. Diese gehören nicht zu jenen klassischen Paradigmen, mit denen wir seit Jahrhunderten versuchen, auf die Unruhe zu antworten, die aus der Ungerechtigkeit entspringt. Der Begriff „Fest“ lässt nicht an Recht und Gerechtigkeit denken, sondern an etwas, das darüber hinausgeht.

Hier führt Antonietta Potente ihre „anarchischen Koordinaten“ ein. Als waagrechte Achse nimmt sie den Begriff „existentiell“, „der auch die Politik bewohnen sollte“ (S. 157). Dies sei eine anarchische/anarchistische Koordinate, weil sie keine vorher festgelegten Prinzipien kennt, die von Theorien, Ideologien, Moralvorstellungen oder Systematisierungen abgeleitet sind. Sie stammt dagegen aus geheimen Wegen des Menschlichen, aus Vertrauen, Begehren, Träumen, Erwartungen – durchzogen sei sie jedoch vom Alltäglichen. Anarchisch seien diese Koordinaten, weil sie von Subjekten mit eigenen Namen und Geschichten angeführt werden, von ganzen Völkern oder sozialen Bereichen, aber ohne einen Beitrag der offiziellen Welt. Durch diese Elemente werde uns das Recht zurückgegeben, anders Politik zu machen bzw. die Politik zu verändern.

Diese andere Politik geht von den Sinnen (den „mystischen Organen“) aus, die den eigenen sozialen und politischen Raum erfassen. Die Sinne deshalb, weil sie sich wunderbar untereinander austauschen und nicht so sektoriell beschränkt sind, wie wir denken. Sie bewohnen jeden Raum im Privaten und Öffentlichen, sie bleiben wach, aufrichtig und kritisch gegenüber jeder ideologischen Manipulation. Wir bauchen diese anderen Zugänge zum Politischen, weil die Geschichte nicht nur aus Verfassungen entsteht, ebenso wenig wie aus Doktrinen oder Moralsystemen, wahrscheinlich noch nicht einmal aus Ideologien. Das „Wann?“ und das „Jetzt!“ brauchen jene lang andauernden Bestandteile menschlichen Schwangergehens, lang andauernd nicht im Sinne von „zögerlich“, sondern im Sinne von „ständig präsent“ und „angemessen“.

Derzeit sind unsere politischen und sozialen Wege nicht so. Sicher hört uns niemand zu, wenn wir auf die Sinne als wertvolle Elemente der Alchimie verweisen, um den Lauf der Geschichte zu ändern, um neue Subjekte, Sprachen und Interpretationen zu entdecken und ganz neue Veränderungen anzustoßen. Das Problem ist, dass all diese Aspekte immer außerhalb der sozio-politischen Bereiche angesiedelt wurden. Sie wurden zu Symbolen der Privatsphäre und waren folglich rhetorisch weiblich, auf keinen Fall gehörten sie zur Öffentlichkeit. Sie gehörten nicht zum Recht und zum Gesetz, denn die Sinne werden außerhalb des Rechts, außerhalb des Staats und seiner Ideologien und außerhalb der Wirtschaft angesiedelt, sie sind gefährlich. Sie standen auch außerhalb der Religion, „wenn auch zum Glück der Ungehorsam der Mystikerinnen und Mystiker sie dorthin wieder zurückgebracht und sie dort verfeinert hat“ (S. 159).

Dass der Beitrag dieser existentiellen Elemente menschlichen und kosmischen Lebens ausgeschlossen wurde, führte zu großen Schäden am Menschlichen und an der Menschheit. Es entstanden hierarchische Politikformen, die immer etwas oder jemanden ausschlossen. So treten Sozial-, Wirtschafts- und Religionspolitik immer zusammen mit kontrollierender Macht auf. Wie in der Aussage von Henry Kissinger „Wenn du das Öl kontrollierst, kontrollierst du die Nationen, wenn du die Lebensmittel kontrollierst, kontrollierst du die Völker“, wurde Politik „von diesem hierarchischen und so engherzigen Verb aus dem rechnerischen Bereich bestimmt, von diesen seltsamen Vorausplanungen über andere, mit dem Gedanken, das Leben gehe weiter, weil wir es kontrollieren“ (S. 159).

Der Weg

Wir merken jetzt, dass der Weg anders ist als der, den wir uns wahrscheinlich bei dem Begriff „Fest“ vorstellen. Wer uns einlädt, tut das auf der Suche nach neuen Wegen. Es geht um Wege, durch die all dem sozialen, politischen und wirtschaftlichen Versagen unseres Systems etwas entgegengesetzt werden kann. Dafür ist Ungehorsam nötig, aus dem Begreifen heraus, dass alles, was uns gegeben wurde, uns in den meisten Fällen „ohne uns“ gegeben wurde. Wir wurden von unserem Inneren getrennt, während uns in allen Lebensbereichen ein einziger Gott aufgezwungen wurde, der für manche das Geld ist oder Dinge, die einen bestimmten Status ermöglichen, für andere der religiöse oder ideologische Gott des Monotheismus und der gesicherten Antworten. In allen Fällen jedoch „ohne uns“.

All die unterirdischen Bewegungen in der sozialen Welt unserer Kontinente zeigen die Schmerzen einer Menschheit, die sich wieder aus dem Bauch heraus neu zu denken beginnt und sich Raum dafür nimmt. Diese Bewegungen leben an Orten der Wiederaneignung eines politischen Lebens, das als alltägliche Lebenskunst verstanden wird, wo die Sprache dazu dient, zu leben und das Leben weitergehen zu lassen, wo die Sprache nicht täuscht und betrügt und alle Träume, Hoffnungen, Erwartungen und jegliche Kreativität hinwegfegt.

Wenn wir nicht naiv sind, wissen wir sehr gut, dass die offizielle Politik, die offizielle Religion und alle Welten, die aus diesem Offiziellen entstanden sind und von ihm genährt werden, jene Räume und jenes Suchen nicht widerspiegeln. Sie stiften uns zu egozentrischen, individualistischen Überlebenskämpfen an und haben uns die Lust an der Kreativität weggenommen, denn der größte Teil der Weltbevölkerung muss ja die gesamte Lebenszeit dem wirtschaftlichen Überleben widmen. In der offiziellen Politik und Religion fehlt es nicht nur an Sensibilität, sondern vor allem an einer Imaginationsfähigkeit, die daraus entspringt, dass wir das Leben kennen und dass wir wissen, was geschehen kann, wenn die Voraussetzungen zum Leben nicht mehr gegeben sind. Die Imaginationsfähigkeit ist das Vorher-Sorgen (prä-okkupare), um Bedingungen zu schaffen, die das Leben mit all seinen Aromen, Ressourcen und seiner Kreativität wieder möglich macht.

Der Autorin fällt es schwer, zum Ende zu kommen, weil sie denkt, dafür müsse sie ein Endergebnis präsentieren. Doch wenn es ein solches Endergebnis gäbe, stünden wir ja schon wieder mit dem Rücken zur Wand. Antonietta Potente glaubt nicht an eine Lösung, sondern nur an offene Türen und unzählige unterschiedliche Wege.

Auf eine der „Türen“ möchte sie aber noch hinweisen, die der Innerlichkeit.

In allen kulturellen und religiösen Traditionen gibt es gewisse wertvolle Elemente zur Eröffnung von Forschungswegen, die die Kostbarkeit von Zeit und Raum, Ereignissen und Begegnungen durchschreiten, ohne sich in ihnen zu verfangen. Ein gemeinsames Element dieser religiösen und kulturellen Erfahrungen ist für die Autorin das, was „Innerlichkeit“ genannt wird. Dies hat aber nichts mit einer dualistischen Sichtweise von innen und außen zu tun, sondern mit etwas, das wir als eine Art Haus beschreiben können: etwas von uns, das sich aber mit einem Mysterium verbindet, weil es schwierig ist, hineinzukommen und es zu entdecken, es ist nämlich kein begrenzter oder begrenzbarer Raum. Es ist nicht so leicht, Zugang zur Innerlichkeit zu bekommen. Die Tür der Innerlichkeit ist die Tür zum Sinn, zur Bedeutung, zur Seele. Zu dem Atem, der uns auf den Beinen hält, der uns vorwärtsdrängt und in Bewegung bringt. Vielleicht ist Innerlichkeit auch so etwas wie Feuer unter der Asche.

Es ist die Innerlichkeit, die die Asymmetrie des menschlichen Stils hervorbringt, einen dramatischen, unpräzisen Stil, voller Versuche und mehr oder weniger harmonischen Ergebnissen, und damit einen wahrhaft menschlichen Stil. Die Innerlichkeit ist einfach der Ort, von dem wir ausgehen sollten, doch in Wirklichkeit ist es eher ein Nicht-Ort. Wir können von der Innerlichkeit nur ausgehen, aber nie in ihr verweilen, denn es ist der wunderschöne Berührungspunkt des Seins und der Dinge, aus dem unsere Ideen und Handlungen entspringen.

Diotima, La festa è qui, Napoli 2012, 175 S., € 16,99

Link zum Beginn der Serie „Das Fest ist hier“

[1] Es ist nicht wirklich das letzte Kapitel des Buches, sondern nur der letzte im Buch abgedruckte Vortrag der gleichnamigen Seminarreihe, aus dem das Buch entstanden ist. Als Anhang gibt es noch einen Text von Gloria Zanardo, in dem sie den Ablauf des Diotima-Seminars nach dem Ende der Seminarreihe schildert.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 12.10.2015
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