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Rubrik erinnern

Concha Pérez und Sara Berenguer: zwei spanische Widerstandskämpferinnen

Von Vera Bianchi

Concha Pérez und Vera Bianchi.

Die spanische Widerstandskämpferin und Anarchistin Concha Pérez (links) mit ihrer Besucherin Vera Bianchi.

Vor 100 Jahren wurde Concha Pérez (1915-2013) geboren, eine beeindruckende und starke Frau, die ihr Leben lang in der spanischen anarchistischen Bewegung aktiv war. Auch Sara Berenguer (1919-2010) war eine beeindruckende anarchistische Kämpferin. Beide Frauen lernte ich im März 2005 kennen, als ich den Spanienkämpfer und Historiker Abel Paz (1921-2009) auf einer zehntägigen Vortragsreise durch Aragonien und Kastilien begleitete.

Mit Dieter Gebauer, einem Freund von Abel Paz, der die Reise organisiert hatte und mitreiste, fuhr ich zu einem spontanen Besuch zu Sara nach Südfrankreich. Wir wurden sehr herzlich empfangen, und ich war beeindruckt, dass Sara auch noch in hohem Alter AnarchistInnen aus ganz Europa empfing, Gedichte schrieb und veröffentlichte und historische Bücher über Frauen schrieb. Wir vereinbarten, dass ich versuchen würde, die Herausgabe von „Luchadoras Libertarias“ (Anarchistische Kämpferinnen) auf Deutsch in die Wege zu leiten. Ins Französische wurde das Buch, eine Zusammenstellung von Texten aus den Zeitschriften während der Spanischen Revolution sowie Erinnerungen aus den 1990er Jahren der ehemaligen Aktivistinnen, bereits übersetzt.

Gerade für Deutschland wäre eine Übersetzung wichtig – war doch Deutschland während des Spanischen Bürgerkriegs bereits eine Diktatur und politische Widerstandsaktivitäten gefährlicher und daher seltener. Wir können nicht auf 20.000 revolutionäre anarchistische Großmütter zurückblicken, aber teilhaben an den Erfahrungen und Erinnerungen der spanischen Revolutionärinnen. Eine Übersetzerin und einen Verlag habe ich bereits, leider fehlt es noch an finanzieller Unterstützung (Interessierte SponsorInnen melden sich bitte bei mir: bianchi@arcor.de)

Concha Pérez und die CNT

Concha lernte ich in Barcelona kennen; auch sie empfing mich sehr herzlich, beantwortete meine Fragen und erzählte mir von ihrer Gruppe „Dones de 36“ (katalanisch: Frauen von 36): Ende der 1990er schloss sie sich mit anderen im Spanischen Bürgerkrieg aktiven Frauen aus Barcelona zusammen, um ihre Erfahrungen aus dem Bürgerkrieg zu verbreiten – in Vorträgen, Konferenzen und Diskussionsveranstaltungen.

Concha Pérez wuchs mit fünf Geschwistern in einer armen Familie in Barcelona auf. Ihr Vater war Anarchist und saß dafür viele Jahre im Gefängnis; ihre leibliche Mutter starb an Tuberkulose, als sie zwei Jahre alt war, und so wuchs sie bei der zweiten Frau ihres Vaters auf. Diese war zwar nicht selbst anarchistisch aktiv, hielt jedoch ihrem Mann den Rücken frei für seine politischen Aktivitäten, indem sie vormittags in der Fabrik arbeitete und nachmittags im Haushalt. Trotz der anarchistischen Überzeugung des Vaters und eines Bruders wurde der Haushalt patriarchal aufgeteilt: alle Familienmitglieder arbeiteten tagsüber in der Fabrik, aber danach mussten sich die Frauen um den Haushalt kümmern, während die Männer frei hatten und lesen oder zu politischen Versammlungen gehen konnten. Diese geschlechtliche Ungerechtigkeit trieb Concha später zum Auszug aus dem Familienhaushalt.

Ihre Bildung erhielt Concha weniger im kurzen Schulbesuch als vielmehr im „Ateneo Libertario Faros“ (anarchistisches Bildungszentrum Faros), wo gemeinsam gelesen und diskutiert wurde. 1931, kurz nach der Proklamation der spanischen Republik, trat sie in die anarchistische Jugendorganisation Juventudes Libertarias und in die anarchosyndikalistische Gewerkschaft Confederación Nacional de Trabajo CNT ein, 1932 in die anarchistische Organisation Federación Anarquista Ibérica FAI. Als Arbeiterin in der Grafikwerkstatt wurde sie Delegierte der CNT. Wegen des Tragens einer Pistole kam sie 1933 für fünf Monate ins Gefängnis. 1935 übernahm sie Sekretariatsaufgaben in der neu gegründeten „escuela racionalista Eliseo Reclus“ (freie Schule Elisée Reclus), in der tags Arbeiterkinder und abends Erwachsene unterrichtet wurden.

Concha Pérez wusste zwar von der Frauengruppe Mujeres Libres, sah aber keine Notwendigkeit, auf diese Weise gegen den Machismo der männlichen Anarchisten vorzugehen. Sie selbst war schon immer in männlich dominierten Gruppen aktiv, war es gewohnt und fühlte sich von den Anarchisten akzeptiert.

Den franquistischen Putsch vom 17. Juli 1936 bekämpfte sie in Barcelona; direkt nach seiner Niederschlagung in Barcelona fuhr sie mit KameradInnen an die Front von Aragonien, wo sie ein halbes Jahr lang kämpfte; von den hundert Kämpfenden waren sieben Frauen.

Bei der Flucht über die französische Grenze mit einer Gruppe von KameradInnen im Dezember 1938 wurde sie entdeckt und im Internierungslager Argelès-sur-Mer monatelang festgehalten – einem der Lager, die die französische Regierung für die spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge am Strand ohne Dach über dem Kopf eingerichtet hatte. Nach der Geburt ihres Sohnes Ramón im Juni 1942 kehrte sie im September 1942 nach Barcelona zurück. Um Geld zum Überleben zu verdienen, gab sie ihr Baby in ein Waisenhaus, wo der Junge jedoch auch nicht mehr zu essen erhielt und sie ihn nach ein paar Monaten stark unterernährt abholte. Mit ihrem neuen Lebensgefährten, Mauricio Palau, unterhielt sie einen Marktstand, der zum heimlichen Treffpunkt vieler AnarchistInnen während der Diktatur wurde.

Sara Berenguer und die Mujeres Libres

Sara Berenguer (durch die Heirat in Frankreich mit Jesús Guillén auch als Sara Guillén bekannt) wurde am 1.1.1919 in Barcelona in einer Arbeiterfamilie geboren. Bis zwölf besuchte sie die Schule, dann arbeitete sie in einer Fleischerei. Mit Beginn des Spanischen Bürgerkriegs im Juli 1936 begann sie, sich bei der anarchistischen Jugendorganisation Juventudes Libertarias zu engagieren. Außerdem war sie im revolutionären Komitee der CNT-FAI in ihrem Stadtteil Les Corts aktiv, wo sie unter anderem für die Verteilung der Waffen zuständig war, und gab Kurse im dortigen Ateneo Cultural (kulturelles Bildungszentrum). Anfang 1938 wurde sie Mitglied der SIA (Solidaridad Internacional Antifascista), wo sie die KämpferInnen an der Front besuchte und unterstützte und neue Ortsgruppen aufbaute. Ende 1938 wurde sie Mitglied der Mujeres Libres (Freie Frauen) und Sekretärin des dortigen Regionalkomitees.

... und Sara Berenguer.

Sara Berenguer (links) war im spanischen Bürgerkrieg Mitglied der Mujeres Libres, der bekanntesten Gruppe anarchistischer Feministinnen.

Die Gruppe „Mujeres Libres“ (Freie Frauen) wurde im April 1936, also drei Monate vor Beginn des Spanischen Bürgerkriegs, gegründet. Wie viele spätere Mitglieder der Gruppe waren die Gründerinnen in der anarchistischen Bewegung aktiv gewesen, dann aber durch den dort herrschenden Sexismus enttäuscht worden. Vor allem jüngere Anarchistinnen empörten sich über das herablassende Verhalten einiger männlicher Anarchisten gegenüber Frauen; davon berichtet auch Sara Berenguer in ihrer Autobiographie. Deshalb kamen die Anarchistinnen zu der Überzeugung, dass es zumindest temporär notwendig sei, sich in einer Frauengruppe zu organisieren, um für eine gewisse Zeit einen geschützten Rahmen für die Aktivitäten und die Entwicklung eines Selbstbewusstseins der Frauen bieten. Zur Unterstützung des Zusammengehörigkeitsgefühls erfand die Gruppe Mujeres Libres sowohl eine eigene Fahne (blau mit einem rot-schwarzen Streifen am Rand) als auch eine Hymne.

Mit der Gruppe verfolgten sie zwei Ziele: „captación“ – Frauen für die anarchistische Bewegung zu begeistern und zu gewinnen – und „capacitación“ – die Befähigung (Bildung und Ausbildung) der Frauen. Dadurch sollten die Frauen wirtschaftlich unabhängig werden – als Grundlage für die geistige Emanzipation. Nach den Mujeres Libres befand sich die Frau in einer dreifachen Sklaverei: als Arbeiterin, als Hausfrau und Mutter und als Unwissende. Während des Spanischen Bürgerkriegs (18.7.1936 bis 1.4.1939), als rechtes Militär unter General Francisco Franco putschte, um eine Diktatur zu errichten, wuchs die Gruppe auf ungefähr 20.000 Mitglieder in über 160 Ortsgruppen an und unterstützte die republikanische Seite auf vielfältige Weise: sowohl als Kämpferinnen an der Front als auch im Hinterland durch Organisierung von Bildungs- und Ausbildungskursen, Kindergärten und Volksspeiseräumen. Die Mujeres Libres hielten die soziale Revolution nur für machbar durch die Verbindung von Anarchismus und Feminismus – nannten sich allerdings nicht Feministinnen, da diese Bezeichnung nur mit dem bürgerlichen Kampf für das Frauenwahlrecht assoziiert wurde, ihr viel weiter reichendes Ziel jedoch die Befreiung der Menschheit von jeglicher Unterdrückung – politisch, wirtschaftlich, patriarchal, religiös – war.

Neben einem umfangreichen Bildungs- und Ausbildungsangebot war die Zeitschrift „Mujeres Libres“ ein wichtiges Instrument zur Bildung und Information, die in 13 Ausgaben zwischen April 1936 und Oktober 1938 erschien. Daraus konnten die Mitglieder auch erfahren, welche Aktivitäten die anderen Ortsgruppen durchführten.

Sara Berenguer gelang es, Ende Januar 1939 mit einer Gruppe von GenossInnen aus Barcelona über die Pyrenäen in einem viertägigen Fußmarsch nach Perpignan in Südfrankreich zu fliehen. Durch die Unterstützung der dortigen Antifaschistischen Hilfe mussten sie nicht in einem der Internierungslager bleiben. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs waren Sara und ihr Mann Jesús im französischen Widerstand aktiv; nach der Geburt ihrer Kinder kümmerte sich Sara um die Unterbringung von spanischen Flüchtlingen.

Nach dem Sieg der Franquisten am 1. April 1939 gab es bis zu Francos Tod keine Aktivitäten von Mujeres Libres in Spanien mehr. 1962 gab es ein erstes Exiltreffen in Paris, und 1963 gründete sich dort ein Komitee der Mujeres Libres. Danach wurde auf Initiative von Suceso Portales (1904-1999) eine Exilzeitschrift mit Sitz in London, ihrem Wohnort, gegründet; 1972 wurde die Redaktion nach Montady (in der Nähe von Béziers, Südfrankreich) verlegt, also an den Wohnort von Sara Berenguer.

Nach Francos Tod im November 1975 hörte Sara Berenguer, dass sich in Barcelona eine junge Gruppe Mujeres Libres gegründet habe. Sara und andere Mujeres Libres trafen sich mit den jungen Frauen, und die Exilzeitschrift erschien noch bis Ende 1976, dann übergaben die Veteraninnen die Redaktion der Zeitschrift Mujeres Libres an die junge Generation.

Die Veteraninnen blieben jedoch weiter aktiv; neben zahlreichen Treffen innerhalb Mujeres Libres und auch mit anderen antifaschistischen Gruppen machten sie sich in den 1980er Jahren daran, ihre Erfahrungen zusammenzutragen und zu veröffentlichen. Nach einem ersten Anlauf, der daran scheiterte, dass die Manuskripte mit dem Tod von Mercedes Comaposada unauffindbar waren, gelang dann 1999 Sara Berenguer und einigen weiteren Mujeres Libres die Veröffentlichung von „Luchadoras Libertarias“.

Mich haben die beiden kämpferischen Frauen sehr beeindruckt – sie kämpften nicht nur in gefährlichen Situationen für ihre Ideale, sondern gaben diese Ideale trotz Rückschlägen und mitunter negativer Erfahrungen nie auf und traten nun mit anderen Methoden dafür ein. Mit Saras Büchern und Conchas Diskussionsveranstaltungen trugen sie dazu bei, dass die Erinnerung an aktive anarchistische Frauen im Spanischen Bürgerkrieg lebendig bleibt.

Literatur

Deutsch:

– Bianchi, Vera: Feministinnen in der Revolution. Die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg. Münster 2003
– Kornegger, Peggy/ Ehrlich, Carol u.a.: Anarcha-Feminismus. Berlin 1979
– Krasser, Cornelia/ Schmück, Jochen (Hg.): Frauen in der Spanischen Revolution 1936-1939. Berlin 1984
– Lohschelder, Silke: Anarchafeminismus. Auf den Spuren einer Utopie. Münster 2000
– Thomas Kleinspehn (Hg.): Mujeres Libres 1936-1978. Berlin 1979 (ein Großteil davon ist eine Übersetzung von: Nash, Mary: Mujeres Libres: Espana 1936-1939. Barcelona 1975.

Englisch:

– Ackelsberg, Martha A.: Free Women of Spain. Anarchism and the Struggle for the Emancipation of Women. Bloomington 1991
– Nash, Mary: Defying Male Civilization: Women in the Spanish Civil War. Denver 1995

Spanisch:

– Berenguer, Sara: Entre el sol y la tormenta. Revolución, guerra y exilio de una mujer libre. Valencia 2004
– Mujeres Libres (Conchita Liaño Gil/ Pura Pérez Benevent/ Sara Berenguer Laosa/ Soledad Estorach Esterri et al.): Luchadoras Libertarias. Madrid 1999

Autorin: Vera Bianchi
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 25.11.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Monika sagt:

    Vielen Dank für den sehr wichtigern Artikel über diese beiden Frauen, die ich nicht kannte.
    Ich freue mich über ein Buch über diese beiden bewunderswerten Frauen!

  • Hanne Mausfeld sagt:

    Danke für diese Info!
    Hanne Mausfeld

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