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Rubrik erinnern

Freudensprünge

Von Luisa Muraro

Vorbemerkung von Dorothee Markert

Diesen Artikel schrieb Luisa Muraro für die Zeitschrift der Libreria delle donne di Milano (Mailänder Frauenbuchladen) „Via Dogana“ im Herbst 1995 (Nr. 23). Ich habe ihn sofort übersetzt und war froh, dass er in der Schweizer Frauenzeitschrift „Emanzipation“ im Februar 1996 veröffentlicht werden konnte. In der Libreria delle donne und ihrem Umfeld löste Muraros Text einen längeren Diskussionsprozess aus, aus dem schließlich eine Flugschrift, das sogenannte rote Sottosopra, hervorging (Deutsch: „Das Patriarchat ist zu Ende“, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1996).

Wir eröffnen mit diesem Text explizit eine neue Reihe, die faktisch schon länger besteht: Wir stellen feministische Texte aus dem italienischen Geschlechterdifferenz-Denken ins Netz, die kaum noch auffindbar sind, weil sie in Frauenzeitschriften veröffentlicht wurden, die es längst nicht mehr gibt. Es sind Texte, die für die Weiterentwicklung feministischen Denkens wichtig waren und deren zentrale Gedanken bis heute in unseren Diskussionen eine Rolle spielen.

 

Wenn irgendein Mann oder irgendeine Frau euch sagt, dies seien schlimme Zeiten, dann achtet darauf, von wem dieser Gedanke kommt. Er könnte von eurer Schwiegermutter kommen, nachdem sie drei Stunden beim Arzt warten musste, von einem Intellektuellen, der vom Weg abgekommen ist und nicht mehr weiß, wo er sich befindet, von einer Freundin, die sich in einem Flüchtlingslager engagiert oder von einem Jugendlichen, der Schwierigkeiten mit der Schule und dem Leben hat … Und dann lasst ihn herein, diesen Gedanken, und widmet ihm die Aufmerksamkeit, die euch dafür angemessen erscheint. Aber lasst ihn nicht den Raum einnehmen, der einem anderen Gedanken zusteht, und zwar folgendem: Dies sind die Zeiten, in denen das Patriarchat zu Ende geht, nach viertausend Jahren Geschichte und vielleicht noch einigen der Vorgeschichte. Es ist vorbei! Es ist vorbei! Es ist vorbei! Möglicherweise ist das nicht genau euer Gedanke, es kann sogar sein, dass es überhaupt nicht euer Gedanke ist. Aber falls ihr ihm einen Platz einräumt, anstatt den tausend Aussagen über unsere Zeiten eine weitere hinzuzufügen, werdet ihr dem weiblichen Körper einen symbolischen Schutz gegeben haben, ohne den es, meiner Befürchtung nach, keine wirksame Schranke gegen den Missbrauch gibt.

Es ist nicht die Absicht der Via Dogana 23, das Ende des Patriarchats zu diskutieren oder zu beweisen, sondern diesem Gedanken einfach einen Platz einzuräumen. Wenn sich nämlich die Realität verändert, ohne dass wir diese Veränderung wahrgenommen haben, besteht die Gefahr, dass dies nur Verwirrung in den Köpfen zur Folge hat. Es gibt Feministinnen, sehr tüchtige Personen, die vor Verlangen nach Veränderung brennen, die aber nicht merken, dass die Veränderung bereits geschieht. Wie kommt das? Vielleicht ist es zu schnell gegangen, ist eine Antwort, aber die gilt nicht, denn das Patriarchat hat schon vor 200 Jahren angefangen, seinem Ende entgegenzugehen (Jane Austen, Leopardi), oder sogar schon vor 700 Jahren (Wilhelmina von Böhmen). Eine andere Antwort ist, es habe sich vielleicht nicht wirklich etwas verändert, und darauf folgt meistens eine Aufzählung von Benachteiligungen und Unrecht gegen Frauen auf der ganzen Welt, die leider lang und wahr ist. Diese Antwort ist heimtückisch, weil sie nur das Leiden in den Vordergrund stellt und uns dadurch das Bewusstsein für die Realität nimmt, die sich gerade zugunsten des weiblichen Geschlechts verändert. Eine weitere Antwort ist, die erwünschten Veränderungen kämen vielleicht nicht so, wie wir sie erwartet haben, so dass sie gerade von denen, die sie erwartet und vorhergesagt haben, nicht erkannt werden. Doch sie wären nicht gekommen, wenn sie nicht gewünscht und vorhergesagt worden wären, das ist sicher.

Wenn euch jemand sagt, alles hänge von der tiefgreifenden Verwandlung des Produktivsystems ab, wisst ihr, dass das nicht wahr ist, weil es noch nie vorkam, dass das Produktivsystem sich selbst und unsere Lebensweise verändert hat ohne das Engagement, in dem Begehren in Handeln und in Worte umgesetzt wurde. Das Ende des Patriarchats hängt zweifellos auch von äußeren materiellen Gegebenheiten ab (Mittel zur Empfängnisverhütung, Arbeitsmarkt usw.), aber zusammen mit inneren materiellen Gegebenheiten (Praxis der Beziehungen unter Frauen, weibliche Liebe zur Freiheit usw.) und mit moralischen Gegebenheiten wie dem Mut und der Kreativität derer, die uns den Weg geebnet haben. Seit Jahren, ja sogar seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden gab es Frauen, die das Ende der männlichen Kontrolle über den weiblichen gebärfähigen Körper herbeisehnten und folglich in diesem Sinne handelten und sprachen, vom Vertrauen auf Jesus bis zur Psychoanalyse, von Wallfahrten bis zum Italienischen Frauenbund, von der Fabrikarbeit bis zum unermüdlichen Studium, von der Pille bis zur Frauengruppe.

Als gesellschaftlicher Wandel hat das Ende des Patriarchats Zeit und Kraft gekostet und wird das auch weiterhin tun. Aber die symbolische Tatsache eines weiblichen Körpers, der nicht mehr für den privaten familiären oder den gesellschaftlichen Gebrauch nach den Entscheidungen von Männern bestimmt ist, habt ihr hier vor euch, in der unzerstörbaren Wahrheit dieser Worte. Es ist geschafft. Es ist zu Ende. Dies ist keine Krise, es ist das Ende. In unserer globalisierten Welt kann ein solches Ereignis nicht nur hier stattfinden und anderswo nicht möglich sein. Die Frauenkonferenz von Kairo 1994 hat das gezeigt und auch die von Peking wird es zeigen, darauf vertraue ich.

Wenn es euch jedoch so vorkommt, als sei nicht alles oder nicht viel von dem eingetreten, was ihr euch für euch selbst, für eure Töchter oder für eure Geschlechtsgenossinnen gewünscht habt, die schwierigere Leben haben, wenn ihr denkt, dass es noch ungelöste Probleme gibt und viel zu große Dramen, um Freudensprünge zu erlauben, dann wage ich euch nicht zu widersprechen. Ich empfehle euch aber, dem ersparten Leiden Aufmerksamkeit zu schenken. Auf der ganzen Welt war bis vor wenigen Jahrzehnten eine Frau, die unverheiratet schwanger wurde, mehr oder weniger der sozialen Schande ausgesetzt. Heute ist das nicht mehr so, und wo es noch vorkommt, ist es möglich geworden, dass eine Lehrerin, eine Nonne, eine Sozialarbeiterin, eine ältere Schwester … verhindert, dass sich eine solche Barbarei wiederholt, wie sie mich in meiner Jugend mit Horror erfüllt hat. Deshalb ist mir heute nach Freudensprüngen zumute.

Und wenn irgendjemand von einer Kanzel herunter oder von einem Fernsehschirm aus über die Schlechtigkeit unserer Zeiten jammert oder predigt und sie auf die Krise der Werte, seiner Werte, zurückführt, dann schlage ich euch vor, ihm zu verzeihen, indem ihr an die Angst der Männlichkeit bei ihrem schwierigen Übergang vom Geschlechtsprivileg in eine neue Situation denkt, an der noch alles oder fast alles neu zu entwerfen ist. Doch sicherlich müssen das sonderbare und zwiespältige „Werte“ sein, wenn meine, deine, wenn die weibliche Freiheit sie in eine solche Krise stürzen konnte.

 

Autorin: Luisa Muraro
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 30.11.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elfriede Harth sagt:

    Liebe Dorthee, es ist wirklich grundwichtig, diese prophetischen Texte immer wieder zu lesen! Danke von Herzen!

  • Juliane Brumberg sagt:

    Dieser Beitrag von Luisa Muraro müsste jedes Jahr einmal veröffentlicht werden, so gut tut es, immer wieder neu darüber nachzudenken, dass das Patriarchat zu Ende ist.

  • Danke für diesen Text! Er bestärkt mich darin, auf das zu schauen, was schon erreicht ist. Nicht nur die Freiheit der Frauen, sondern auch die der Lesben, Schwulen, trans- und intersexuellen Menschen hat in den westlichen Gesellschaften zugenommen. Aber es gibt jetzt auch den roll back in Form von Boku Haram, IS, Saudi Arabien und anderen gewalttätigen Kämpfern für das Patriarchat. Dazu ein neu erwachtes Verständnis für den „Ehrenmord“ an einer jungen Frau, der „Vormarsch“ der Farbe Rosa als Norm für kleine Mädchen, ganz freiwillig… Neben der Freude brauchen wir Wachsamkeit, damit wir Widerstand leisten, wo das Erreichte ausgehöhlt wird.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    …darauf achten, welchen Raum ich von welchen Gedanken einnehmen lasse…

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