beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik studieren

Jenseits von Geschlechteridealismen und Neoliberalismus. Prostitution ethisch befragen

Von Andrea Günter

Vergnügungsviertel in den Metropolen sind nur eine der Varianten, in denen Prostitution stattfindet. Foto: Katharina Wieland-Müler / pixelio.de

Vergnügungsviertel in den Metropolen sind nur eine der Varianten, in denen Prostitution stattfindet. Foto: Katharina Wieland-Müler / pixelio.de

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie die Prostitutionsdebatte erregt-aufregt. Als eine, die nun schon seit Jahrzehnten dazu einen aufgeklärten Diskurs versucht, wundere ich mich über die nach wie vor idealistischen Sichtweisen auf Prostitution. Idealistische Konzepte weisen nicht nur die Ausführungen von Stefanie Ettmann und die meisten Diskussionsbeiträge dazu, auch die Artikel über Prostitution der Gunda-Werner-Stiftung im Sommer 2014 waren desgleichen vorwiegend idealistisch strukturiert. Die Alternativen zu idealistischem Denken müssen erinnert werden. Für die Prostitutionsdebatte wäre das mehr als hilfreich.

Zum Beispiel: Heiligkeit der Klitoris? Das mag ja sein, dennoch, Heiligkeit ist ein Akt der Zusprechung, bleibt ein symbolischer Akt und ist damit menschliche sprachliche Vermittlung. Egal ob Klitoris oder der Autor Platon, kein Phänomen kann einen ersten Ort und Ursprung beanspruchen.

Bei Prostitution geht es darüber hinaus nicht um ein Organ (und seine symbolische Besetzung), sondern um ein spezifisches menschliches Beziehungsgefüge, eines, in dem Sprache gebildet, benutzt, inmitten der menschlichen sexuierten und ökonomischen Beziehungsgefüge situiert wird und mittels Interaktionen deren Gestalt bewirkt.

Beziehungsgefüge denken lernen, was haben feministische Denkerinnen darüber gerade auch als alternative Denkform zu Geschlechts-Idealisierungen kennengelernt? Zum Beispiel: historisch denken lernen. Das gilt gerade für „die“ Prostitution. Prostitution ist kontextabhängig, Situationen von Prostitution veränderten sich im Laufe der Jahrtausende immer wieder. „Tempelprostitution“ an der Grenze von Heiligem und Profanem ist historisch anders zu situieren als Prostitution in den Grenzzonen von Deutschland und Polen. Die Bedeutung der sie begleitenden ökonomischen Geschehen unterscheidet sich massiv. Zugleich gilt „Historisch denken lernen“ auch für die Beurteilungsmaßstäbe von Prostitution. Den Opfer-Täter-Frau-Mann-Patriarchatsdiskurs zu identifizieren, genauer gesagt seine Kritik, ist eine historische Errungenschaft. Dies gilt auch für Prostitutionssettings. Dass einige, wenn auch nur wenige Frauen, Sexarbeit als Selbstbestimmung artikulieren können, führt aus Mann=aktiv/Frau=passiv-Idealisierungen heraus: zum Glück. Damit gilt deren Sichtweise aber keinesfalls absolut. Relativierung heißt nicht Neoliberalismus, im Gegenteil. Der Postmoderne Beliebigkeit zu unterstellen ist ein Populismus, der oftmals überkommene Idealismen hochleben lassen will. Verantwortung übernehmen aber, das ist etwas sehr anderes. Um einem erneuten, einfach bloß verkehrtem Dualismus zu entkommen, dafür braucht es hingegen einen Diskurs, der die historischen Veränderungen der Prostitutionssituationen in den Blick zu nehmen und dann vor allem Gerechtigkeit als Urteilshorizont zu nutzen vermag. Gerechtigkeit als Urteilshorizont für Prostitutionssituationen zu entwickeln, damit geht es darum, Prostitution nicht idealistisch, sondern im Gegenteil geradewegs ethisch zu befragen.

Prostitutionsdiskurse von idealistischen Konzeptionen befreien

1991 fand in Frankfurt am Main der Erste Europäische Prostituiertenkongress statt. Anlass war die Einsicht, dass unterschiedliche gesellschaftliche weltweite Entwicklungen ernst genommen werden müssen, um das Phänomen Prostitution prostituiertengerecht zu verstehen und entsprechend Perspektiven und Haltungen zu entwickeln. Anfang der 1990er Jahre, da ging es bezüglich der Prostitution um die weltweiten Veränderungen von Arbeits- und Geschlechterverhältnissen und deren Implikationen für die Situationen, in denen Prostituierte sich bewegen. Diese sollten von Prostituierten selbst und von ihren Supporterinnen erkundet und in einem internationalen Rahmen aufgearbeitet werden. Zugleich stand damals die Auseinandersetzung mit einer neuen Gesetzgebung an, in Deutschland gilt Prostitution seit 2001 nicht mehr als sittenwidrig. Diese Veränderung verdankt sich der europäischen Entwicklung, Diskriminierung von Menschen in unterschiedlichen Lebensbereichen zu identifizieren, konkrete Antidiskriminierungs- bzw. Gleichbehandlungsgesetze zu erlassen und diskriminierende Gesetzeslagen zu verändern. Als feministische Ethikerin der Gruppe „Ethik im Feminismus“ hatte ich an diesem Kongress teilgenommen. Meine Funktion sah ich darin, Frauenbilder in Verbindung mit Sexualität, sofern sie ein imaginäres Zentrum der Prostitution bilden, zu rekonstruieren. Hierfür sind die durchaus divergierenden Stimmen von Prostituierten ernst zu nehmen. Diese Haltung ist der Erfahrung geschuldet, dass auf die Stimmen von Frauen nicht gehört werden muss, weil der etablierte Herr_innen_diskurs immer schon weiß, was richtig, und vor allem, was falsch und darum als „patriarchal“ zu klassifizieren ist (frei nach Nietzsche). Prostituierte macht diese Politik gleich mehrfach sprachlos.

Gleichzeitig sah ich mich als feministische Ethikerin dafür verantwortlich, die Konzepte des Moralischen, die Prostitution traditionellerweise begleiteten, kritisch zu befragen. Eine feministische Rekonstruktion dessen, wie Moral überhaupt in Bezug auf Geschlechter und Geschlechterverhältnisse konzeptioniert wird, und wie dies in die Problematik „Prostitution“ hineinspielt, auch diese Seite ist ethisch zu bearbeiten.

An historische Entwicklungen wie an diesen Kongress als Konglomerat von ganz unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Einsichten, die die Prostitution betreffen, zu erinnern, kann dabei helfen, sich aus idealistischen Diskursen über Prostitution zu verabschieden. Ethische Reflektionen jenseits der positiven und negativen Idealisierungen von Prostitution – die Prostituierte: das Opfer oder „die Frau, die ihren Körper verkaufen muss“; der Freier: das männliche Gewaltsystem; die Prostitution: eine Institution des Patriarchats – anzusetzen, dabei geht es um grundsätzliche Haltungen gegenüber allen gesellschaftlichen Phänomenen, zu denen Geschlechterbeziehungen reflektiert und bewertet werden müssen.

In Bezug auf Prostitution eine Haltung zu entwickeln beruht zumindest darauf, eine Auseinandersetzung darüber zu führen, ohne in idealistisches Argumentieren zu verfallen. Statt ein absolutes „die Frau“, „der Mann“ „die Sexualität“, „das Begehren“, „das Machtverhältnis“, „das Opfer“ usw. als ein „an sich“, das sich von selbst zu erschließen scheint, zu bedienen, können solche Logiken überwunden werden, indem sie entlang menschlicher Pluralität, kultureller Kontexte und historischer Situationen ausdifferenziert werden.

Idealistischen Geschlechterkonzepten Ausdifferenzierungen entgegenzusetzen ist immer noch notwendig. Um es mit einem Denkbild Simone de Beauvoirs zu verdeutlichen: Verschiedene Frauen haben verschiedene sexuelle Bedürfnisse, die zugleich so anders, so verschieden sind und so neuartig organisiert werden können, wie die der Männer so anders, so verschieden sind und so neuartig organisiert werden können. Wenigstens die Pluralität der Menschen als logischen Ausgangspunkt zu berücksichtigen, um über Frau-Mann-Verhältnisse in der Prostitution, die niemals das Frau-Mann-Verhältnis sind, sondern immer weltlich gestiftete und Sinn transportierende Frauen-Männer-Verhältnisse (Plural!) darstellen, diese Notwendigkeit stark zu machen, darin scheint sich das Engagement für eine andere sexuelle Kultur der Geschlechter heute kaum von dem der 80er und 90er Jahre zu unterscheiden.

Was den Diskurs über eine andere sexuelle Kultur der Geschlechter betrifft, so muss hierfür jedoch nicht nur der Idealismus von Geschlechterdiskursen, sondern zusammen damit auch der von politischen Konzepten reflektiert werden. Frauen kann nicht mehr so ohne Weiteres die „Opferposition“ zugesprochen werden wie in den 70er und 80er Jahren, weil deutlich geworden ist, dass eine vereinfachte Macht- und Strukturanalyse konzeptionell und analytisch befragt werden muss. Dies gilt umso mehr, weil diese Vereinfachung damals als ein erster Schritt für die „Kritik der Geschlechterverhältnisse“ durchaus einen Sinn hatte. Diesen Sinn zu erhalten, seine Kriterien und seine Ambition zu tradieren, bleibt die Aufgabe einer feministisch engagierten Auseinandersetzung mit Prostitution. Hierfür kann ein ausgereiftes ethisches Reflektieren einen wichtigen Beitrag leisten. Es besteht zunächst darin, in den alten und den neuen Antworten auf das Politikum Prostitution die Fragestellungen herauszuschälen, die sich ethischerweise stellen.

Die andere Seite hierzu bildet die sich in diesen Jahrzehnten neu entwickelte Perspektive, die von einer Selbstbestimmung von Prostituierten ausgeht. Prostituierte, die ihre Tätigkeit als einen Akt der Emanzipation verstehen, bilden ein auffälliges Spezifikum dieser anderen Seite. In meinen Diskussionen und Erfahrungen mit unterschiedlichen Hurenbewegungen bin ich von Anfang an dabei immer wieder auf „Prostituierte“ getroffen, die nicht unbedingt unter spezieller, der Prostitutionssituation selbst geschuldeter Gewalt litten, sondern unter der Gewalt ihrer Ehemänner (Freunde, Väter), die sie in die Prostitution führen. Für diese Frauen (und gerade derart betroffenen Männer!) ist eine selbstbestimmte Definition von Prostitutionstätigkeit ein wesentlicher Aspekt von Selbstbestimmung, insbesondere von ökonomischer Selbstbestimmung, eine Dimension, die nicht übergangen werden darf. „Prostituierte“ in diesem Fall in Anführungszeichen zu setzen, verdankt sich auch der Einsicht, dass die ökonomische Seite der Prostitution, die unmittelbare Bezahlung von Sex und deren unterdrückende oder auch emanzipatorische Seite, nicht immer eindeutig zu identifizieren ist. Als ich Anfang der 90er anfing, in meinem Umfeld zu erzählen, dass ich als feministische Ethikerin zum Thema Prostitution arbeite, habe ich auf einmal von allen möglichen Leuten Geschichten über Sex und Geld und Geld und Sex erzählt bekommen, die ich mir persönlich oftmals gar nicht anhören wollte, die mein Bedürfnis nach Differenzierung und Präzision aber geschärft haben.

Vielleicht kann über solche historischen und individuellen Ausdifferenzierungen deutlicher werden, inwiefern die unterschiedlichen Antworten auf die Problematik der Prostitution ethisch qualifizierte Antworten sind; Antworten, die auf das Verhältnis der Geschlechter, der menschlichen, immer weltlich organisierten Sexualität, auf Macht, Selbstbestimmung und Ökonomie moralisch reagieren und dabei moralisch qualifiziert reagieren sollten. Ein Ausdifferenzieren des Moralischen hilft oftmals dabei, eine Brücke zwischen divergierenden Positionen zu schlagen, weil durch einen solchen Unterscheidungsprozess Kriterien sichtbar werden, die durchgearbeitet werden können, ohne dass die Exzesse eines Phänomens, bei der Prostitution die häufig vorkommende Gewalt, zum alleinigen Maßstab der ethischen Analyse werden muss.

Paternalismus, Autonomie, Frauenbilder

Was folgt aus dieser Haltung nun für die Sicht auf Prostitution? Wie lässt sich dem Patt zwischen der idealistischen moralischen Verwerfung von Prostitution bzw. einem nun paternalistisch auftretenden Maternalismus Prostitutierten gegenüber und einer neoliberalen Laisse-faire-Haltung, die sich Vertretung von Emanzipation und Freiheit deklariert, entgegentreten? Wie eine Politik gestalten, die ferner das Patt zwischen „Staatlichkeit“/moralisch begründetem Verbot und Individualismus/moralischer Beliebigkeit überwindet?

Zentrale Grenzziehungen bleiben unbefragbar, so die Verurteilung der Zwangsprostitution, der Diskriminierung von Prostituierten ebenso wie der Doppelmoral bezüglich des Sexuellen, dann die Solidarität mit Drogenprostituierten, mit der speziellen Situation von MigrantInnen im Prostitutionsmilieu, ferner das Recht auf soziale Unterstützungen wie einen nicht-diskriminierenden Zugang zum Gesundheitswesen für Prostituierte – in dieser Richtung zielten auch die Ambitionen des Prostituiertenkongresses von 1991.

Staatliche Reglementierungen müssen das Vertrauen zurückgewinnen, im Zusammenhang mit Prostitution tatsächlich Rechtsstaatlichkeit zu repräsentieren statt bloß eine bestimmte Sichtweise auf Sexualmoral zu schützen (zu definieren, was „sittenwidrig“ ist) und damit paternalistisch zu agieren. Beläuft Rechtsstaatlichkeit sich vor allem aber auf den Schutz von Individuen, reicht dann jedoch eine Individualisierung des Moralischen vom Sexuellen, reicht sie im Zusammenhang der Prostitution aus? Ist die feministische Kritik der 70er und 80er Jahre, die die Unterdrückungsmechanismen der Geschlechterverhältnisse gerade auch in Prostitutionsverhältnissen in den Blick rückte, einfach überholt, weil sie sich politisch paternalistisch bzw. maternalistisch zu profilieren scheint? Muss diese auf Besonderheiten der Prostitution beschränkt werden, nämlich diejenigen Prostituierten ausnehmen, die sich als frei und emanzipiert deklarieren? Oder müssen und können die ersten feministischen Einwände in neue Kriterien übersetzt werden: in Kriterien und Ambitionen, die Antidiskriminierung, die Überwindung von Herrschaftsstrukturen, Selbstbestimmung und Rechtsstaatlichkeit gleichermaßen ernst nehmen? – Die damit einhergehende spezielle politische Spannung für das Kriterium Rechtsstaatlichkeit kann wie folgt verdeutlicht werden: Rechtsstaatlichkeit ist ein Gemeingut, also kein Gut, dessen Relevanz entlang der sexuellen Vorlieben und Praktiken einzelner Individuen bejaht oder abgelehnt werden kann. Sie regelt die Überwindung des Unrechts gerade gegenüber denjenigen Individuen, die auf vielfache Weise in Form von Prostitutionsverhältnissen Unrecht erfahren, als ein gemeinschaftliches Ziel und stellt daher einen gemeinschaftlichen Akt dar.

Angeleitet durch Gerechtigkeitstheorien startete ich in den 90Jahren den Versuch einer differenzierenden Intervention, die das Zusammenspiel von Autonomie und Bezogenheit betrifft. Statt die Diskussion über Sexualität auf individuelle Bedürfnis, Vorlieben, Körper, bestimmte Praktiken und „die“ Geschlechterhierarchie zu reduzieren, sollte als übergeordneter Gesichtspunkt im Vordergrund stehen, dass Sexualität menschliche Beziehungen und Bilder/Phantasien organisiert. Sexualität ist ohne Beziehungen zwischen Menschen und ihren (sehr unterschiedlichen) Phantasien über zwischenmenschliche Aktivitäten nicht zu denken. Damit kommt ins Spiel: Inwiefern und wie sind sexuelle Beziehungen zwischen Menschen gerecht, und darüber hinaus, wie werden sie gerecht(er) (insbesondere wenn Bildbedürfnisse und Phantasien im Spiel sind, die ihre Materialisierung zu realisieren wünschen)? Wie beeinflussen Phantasien und Frauenbilder, die nicht nur in westlichen Kulturen vom Dualismus „Jungfrau – Hure“ geprägt sind und die entsprechende Wirkungen auf Geschlechterverhältnisse haben, Überlegungen zu einer Geschlechtergerechtigkeit im Zusammenhang mit dem menschlichen Sexuellen? Gerade diese letzte Frage scheint mir für den deutschen Kontext besonders wichtig, weil die Auseinandersetzung mit Geschlechterbeziehungen in Deutschland sehr idealistisch entlang von Frauen-, Männer- bis hin zu Kinderbildern verläuft; die feministische Kritik an den Bildern über Prostitution, die die Medien immer wieder verbreiten, zeigt dies deutlich.

Prostitution ethisch befragen

In der Prostitution werden Geschlechterbeziehungen und Geschlechterbilder organisiert, indem bestimmte Geschlechterbeziehungen, von Seiten der Freier betrachtet direkt, kurzfristig und für kurze Zeit „käuflich“ sind, während von Seiten der Prostituierten betrachtet, solche Geschlechterbeziehungen immer wieder wenigstens einen Großteil ihrer Existenz ausmachen. Zugleich handelt es sich um Beziehungsformate und Bilder von Geschlechterbeziehungen, die weit über Sexualität im engeren Sinne hinausweisen: Sie definieren sexuelle Beziehungen über kurze männliche und in der Regel weiblich langfristige Zeitfenster sowie Geschlechterbeziehungen zugleich als Kaufs-, Verkaufs- und damit Verfügungs-, in diesem Sinne als „Täter-Opfer-Beziehungen“, insbesondere sofern die Verkäuferin keine andere Quelle ihrer ökonomischen Existenz – aus welchen Gründen auch immer – hat. Die ökonomische Existenz durch Prostitution einzukaufen, dieser Erwerb vermag zu schillern: Prostituierte verkaufen häufig Gespräche als Anerkennungsleistung; sie kleiden sich als Krankenschwestern, Schulmädchen oder Domina, um männliche Phantasien über Geschlechterstereotypen zu befriedigen; sie inszenieren Geschlechterklischees ebenso wie Klischees über sexuell stimulierende Räume und Repräsentationen; sie bieten Körperbefriedigungsangebote, die manchmal weniger das Bedürfnis nach Sex, sondern das Bedürfnis nach Macht und Gewalt, aber auch nach Regression wie gepudert, gewindelt und gesäugt werden, befriedigen.

Nun könnte man sagen, wenn es die Nachfrage nach all diesen Handlungen und also Einkaufs-Verkaufs-Tätigkeiten und Erwerbs-Möglichkeiten gibt und es außerdem Menschen gibt, die diesen Markt und seine Angebots-Nachfrage-Struktur freiwillig (!) am Leben halten, was spricht dann dagegen, dies zu akzeptieren? Das könnten zwei doch mit sich ausmachen, sie tun das ja freiwillig, sind ja erwachsen, also autonom. Dann muss Prostitution nur von Gewaltverhältnissen befreit werden.

Allerdings, für eine Ethikerin reicht diese Sichtweise, vor allem der Autonomiebegriff, nicht. Eine Ethikerin fragt nicht nur nach dem Vergangenen: Was war bislang (am Geschlechterverhältnis von Sexualität und Ökonomie) ungerecht? Wie waren die Geschlechterverhältnisse bisher institutionalisiert? Wie wirkten sie sich (die Prostitution) ehemals auf die sexuelle ebenso wie auf die moralische Selbstbestimmung von Frauen und von Männern aus? Eine Ethikerin fragt gerade auch nach der Zukunft: Wie wird es gerechter? Wie kann es gerechter werden, wenn das Vergangene berücksichtigt werden muss, ohne Veränderungen, neue Sichtweisen und neue Akzente zu übergehen?

Das Paradigma Gerechtigkeit beinhaltet, ethisches Anfragen nicht auf Individuen und individualisierte Beziehungen zu beschränken. Gerechtigkeit begnügt sich nicht damit, Entwicklungen des Bereichs der Prostitution den Bedürfnissen von einzelnen Individuen oder den Entscheidungen in Einzelkonstellationen von Geschlechterbegegnungen und damit der Größe eines gewissen Marktes von Angebot und Nachfrage zu überlassen. Was damit übergangen wird, ist, dass das, was zwei miteinander als Gutes aushandeln können, für weitere andere äußerst problematisch sein kann: Denken wir etwa an zwei Mafiabosse, die sich gut und gerecht über irgendeinen Coup einigen. Ob ihre Einigung wirklich gut und gerecht ist, hängt nicht nur von ihrer Sichtweise ab, sondern vor allem auch davon, was weitere andere davon halten und was es für diese bedeutet, welche Konsequenzen es für sie hat: ob sie mit ihren Leben bezahlen müssen. Vor allem aber darf ethisch nicht übergangen werden, was es für das Zusammenleben der Menschen bedeutet, wenn mafiöse Strukturen sich wechselseitig bestärken (und Mafiosi ihr Handeln womöglich sogar für moralisch gut halten, wie es die interne Gruppenmoral solcher Strukturen vorsieht – mafiöse Menschen können äußerst moralisch sein). Ähnlich stehen abhängige Prostituierte unter einem massiven häufigen moralischen Druck bzw. sie werden in eine moralische Situation gebracht, die sie keine Entscheidung entlang ihrer persönlichen Integrität treffen lässt, etwa wenn Prostituierte mit Migrationshintergrund damit unter Druck gesetzt werden, dass Familienmitglieder in ihrem Herkunftsland Gewalt angetan wird. Hier wird Moralität, nämlich die moralische Verbundenheit von Prostituierten mit ihren Herkunftsbindungen eingesetzt, um ihre individuelle Authentizität zu untergraben.

In der Perspektive der Gerechtigkeitsethik besteht die ethische Abwägung des Moralischen der Prostitution deshalb unbedingt in den drei folgenden Schritten:

1. Was bedeutet und wie gerecht ist etwas für ein Individuum – hier: die Prosituierte (auch: der Freier)? Wie wirkt es sich auf dieses Individuum aus, wenn xy geschieht

2. Was bedeutet und wie gerecht ist etwas in einer konkreten und persönlichen Beziehung – hier: in der Beziehung von Prostituierter und Freier? Wie wirkt es sich auf diese Beziehung aus, wenn xy geschieht?

3. Was bedeutet etwas für das Zusammenleben der Menschen – hier: der/aller Frauen und Männer? Wie wirkt es sich auf das Zusammenleben der Menschen aus, wenn in dem Zusammenleben von Prostituierter und Freier xy geschieht?

Diese Fragen und die akzeptablen, gerechtere Verhältnisse erstrebenden Antworten sind nicht gegeneinander auszuspielen oder zu hierarchisieren. In einem ethisch guten Urteil sind alle drei Dimensionen gleichwertig zu berücksichtigen.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass aufgrund der Kritik an Moralverhältnissen und der Akzeptanz der Breite von Selbstverwirklichungsbestrebungen in Bezug auf freiwillig tätige Sexarbeiterinnen die Fragen 1 und 2 durchaus mit „gut“ und „gerecht“ beantwortet werden können, dann ist damit immer noch nicht die letzte Frage geklärt: Wie wirkt es sich auf das Zusammenleben der Menschen aus, wenn in dem Zusammenleben von Prostituierter und Freier xy geschieht? Andererseits, die Stimmen von Sexarbeiterinnen, die ihrer Tätigkeit als freiwillig verstehen, müssen für einen ethischen Diskurs ernst genommen werden. Sie stellen Stimmen dar, die die überkommene Identifikation von Prostituierten als Opfer der Unmoralität, Doppelmoral und Gewalt von Männern und als Empfänger von moralischer Vernunft aus weiblicher Perspektive dekonstruieren.

Mag ein Konsens darin bestehen, dass Gewalt in der Prostitution verhindert und bestraft werden muss, so bleibt jedoch auch jenseits von Geschlechtergewaltbeziehungen zu befragen, welche Wirkungen es auf Frauen und ihr Leben hat, wenn ein Mann zum Beispiel seine Phantasie, von einer Krankenschwester versorgt zu werden und das vielleicht mit einem sexuellen Akt zu verknüpfen, in einem dafür vorgesehenen und stilisierten Raum inszeniert. Wie setzt er, außerdem die Gesellschaft, in der er lebt, diese Situation in Beziehung zu seinem sonstigen Leben? Und wie stiften Frauen die Beziehung zwischen solche Situationen, ihrem Leben und ihren Beziehungen zu (weiteren) Männern?

Prostitution und moralische Kompetenz

Ist ihm, dem Freier, bewusst, dass eine solche Beziehung zu einer „Prostituierten“, also zu einer Frau, die ihm ein Geschlechterbild verkauft, ein besonderer Raum dafür ist, ein bestimmtes Frauenbild und einen Sexakt in Form einer direkten Geldhandlung zu kombinieren und aufgrund einer solchen Geldhandlung sein Bild über Geschlechterbeziehungen bestimmen zu können? Ist ihm also bewusst, dass dieser spezielle Geschlechterbeziehungsraum kein Überall ist? Hält er sich an solche Unterscheidungen? Wie kompensiert er seine damit einhergehenden Vorteile in seiner Beziehung zu der Prostituierten, mit der er in einer individuellen Situation zu tun hat? Inwiefern kann er auf Abstand zu Ort, Bild und der damit einhergehenden Organisation von Geschlechterbeziehungen gehen? In solchen Ansprüchen an Selbstbefragungsprozesse von Freiern bestände eine Minimalethik für Freier und Prostitutionsbeziehungen.

Was mit diesen Überlegungen gezeigt werden soll, ist, dass es im Zusammenhang mit Prostitution (und Sexualität) um Moral geht. Allerdings ist Moral hier nicht im Sinne dessen im Spiel, einengende sexualmoralische Vorstellungen zu konservieren und zu rekonstruieren. Vielmehr rückt die Inanspruchnahme moralischer Kompetenz in den Vordergrund, die die spezielle Situation der Prostitution abverlangen muss: Unterscheidungen treffen zu können zwischen besonderen Situationen von „Prostitution“ und „allgemeinen“ sexuellen Geschlechterbeziehungen; zwischen der speziellen Inszenierung eines individuellen sexuellen Bedürfnisses in einem dafür angebotenen Rahmen, einer konkreten, direkt bezahlten Begegnung und solchen Rahmen, in denen es kein definiertes Angebot gibt, die Begegnungen offen gestaltet werden, Geld nicht unmittelbar fließt, unterscheiden zu können; mit der direkten Bezahlung verantwortlich umzugehen; die offensichtlichen Gewaltstrukturen zu überwinden, usw.

Denn gerade mit der Prostitution kommt aufgrund ihrer historischen Gestaltung und der damit verbundenen moralischen Bewertung, ihrer geschlechterhierarchischen Bedeutung und Organisationsweise des Ökonomischen zwischen den Geschlechtern ferner eine besondere Herausforderung ins Spiel, die das Moralische selbst betrifft. Prostitution verkauft durchaus auch eine als unmoralisch stilisierte Sexualität und eine als Herrschafts- und/oder Objektposition verfügbar scheinende Position „der Frau“ (manchmal auch „des Mannes“), was für einige Menschen gerade ihren speziellen Reiz ausmachen kann, einen Reiz, der moralkulturell überdies verstärkt wurde, indem Prostitution als „unsittlich“ markiert wurde. Damit entsteht oder verbleibt in der Beziehung zu einer Prostituierten eine Ambivalenz gegenüber dem Moralischen, dem menschlichen Sexuellen, gegenüber Geschlechterbeziehungen ebenso wie gegenüber dem Gerechten. Auch dieser spezielle Anreiz muss beachtet und dann auch bearbeitet werden. Die Gefahr, dass die Lust an (der Inszenierung von) Unsittlichkeit und Unmoral und an (der Inszenierung von) solchem Unrecht (gerade in Verbindung mit Geschlechterverhältnissen) das Moralische und Gerechte regiert, bleibt groß.

Das Dritte bedenken

Zu den zweien – Prostituierte und Freier – gibt es gerechtigkeitslogisch demnach also ein Drittes. Prostitution ist kein Bereich, in dem zwei gesellschaftlich isoliert miteinander tätig werden. Ein solches Drittes, das stellt traditionellerweise die Instanz des Zuhälters oder der Puffmutter, neuerdings des Sexmanagers oder der Sexmanagerin dar; es handelt sich um eine Instanz, die die Situation der Prostitution real oder auch bloß imaginär regiert, um bestimmte Phantasien über Geschlechterverhältnisse aufrecht zu erhalten. Dann aber sind diese Dritten immer auch unabdingbar die weiteren Frauen und Männer aus anderen Lebensbereichen und mit anderen Sexualitätspraktiken, von denen sich einige direkt und persönlich mit den negativen Konsequenzen der Prostitution auseinandersetzen müssen und wollen.

Eine liberale Position gegenüber der Prostitution, die darin besteht, das Geschäft der Prostitution den Prostituierten und den Freiern zu überlassen (oder so zu tun, als könne man es den beiden und ihrer Milieubeziehung überlassen), übergeht die Instanz des Dritten und kann deshalb nicht aufrecht erhalten werden. Die notwendige Kritik an einem falsch verstandenen – in diesem Fall: einem unterschlagenen gruppengebundenen – Individualismus ist unerlässlich, denken wir an die genannten Mafiosi. Ein solcher Individualismus ist keiner, er stellt im Gegenteil die andere Seite der Opfer-Gewalt-Struktur dar. Die fälschlich aufgebauten beiden Pole eines vorweisbaren gruppengebundenem Individualismus und eines gruppenunabhängig konzipierten Autonomiekonzepts bilden eine Dualität, die durch das Engagement für Gerechtigkeit überwunden werden kann.

Denn ein solches Individualitätsmodell, dass sich dennoch nur als ein Gruppen- und Milieumodell erweist, moralisch zu befragen, ist davon getragen, nicht davon auszugehen, dass es ohne Weiteres gut ist, wenn einer etwas will, zwei sich einig sind und ein dritter damit Profit macht. Prostitution kann weder als Individualitätsproblem noch als Gruppenphänomen behandelt werden. Die Auswirkungen auf das Zusammenleben aller bleiben zu befragen.

Die Problematik der „Prostitution“ ethisch zu bedenken ist vielschichtig, sie muss im Zusammenspiel der drei benannten zwischenmenschlichen Beziehungskonstellationen differenziert werden, ansonsten wird allein schon aufgrund einer ungenügenden Konzeption des ethischen Befragens Unrecht gemehrt.

Für diese anderen zu befragenden Dritten, hierfür stehen vorwiegend die vielen Initiativen, die Prostituierte schützen, Prostitution verbieten und Gewalt gegen Frauen bekämpfen wollen. Auffällig bleibt hier, dass sich auf männlicher Seite Initiativen herausbilden, die ein bestimmtes Männerverhalten (zum Beispiel Zéro Macho) dekonstruieren wollen, indem sie an die moralische Integrität von Männern appellieren und Männer dazu auffordern, Prostitution aufgrund ihrer persönlichen moralischen Integrität nicht nachzufragen. Jenseits des Anti-Gewalt-Kampfes sind auf Seiten der Frauen auf dieser Ebene nur wenige Stimmen zu hören. Die Verknüpfung „Opfer-Frau-Sexualität“ wird derart von Frauenseite fortgeführt. Als andere Seite dieser Struktur verbleiben damit gegenwärtig nur die Stimmen derjenigen Sexarbeiterinnen, die ihre Situation als selbstbestimmt definieren. Während in den 70er und 80er Jahren der 3. Aspekt im Vordergrund von Analyse und Kritik stand, so scheint damit derzeit der 1. in den Vordergrund zu rücken. Vielleicht verhilft eine genaue Analyse der Komplementarität dieser beiden Seiten (jenseits der Gewaltfrage), Kriterien für eine Kultur menschlicher Sexualität zu entwickeln, die klärt, wie Sexualität, Ökonomie und Ungleichheit (in Unterscheidung zu Macht und Dominanz) zusammengebunden werden können. Zu einfachen, absolut gültigen Antworten und Geschlechterverhältnissen führen solche Differenzierungen jedoch nicht. Allerdings können immer wieder historisch sinnstiftende Antworten entwickelt werden. Historisch sinnstiftende Antworten für die Problematik „Prostitution“ zu entwickeln, danach muss, danach kann gesucht werden.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 23.11.2015
Tags: ,

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Danke Andrea Günter für diesen so umfassenden Beitrag, der mich in seiner Unaufgeregtheit und Fülle zum nochmaligen Lesen animiert.
    Schmunzeln musste ich über:
    „Egal ob Klitoris oder der Autor Platon, kein Phänomen kann einen ersten Ort und Ursprung beanspruchen.“
    Ja, eine befreiende Feststellung 🙂

  • Marianne sagt:

    Das Dritte ist vor allem die herrschende Vorstellung von Ehe und Beziehung, die als romantische lebenslängliche Liebe mit immer weiter aktivem Begehren gedacht wird – was den Tatsachen einfach nicht entspricht.

    Nach mehr oder weniger Jahren ist bei nahezu allen Paaren die Luft/Lust raus, doch lebt man weiter mit dem Postulat der sexuellen „Treue“ – wobei dann eben jeder 3.Mann zum Freier wird, wogegen Frau eher zur Affäre neigt.

    Oft „bewirtschaftet“ die Frau auch die männliche Sexualität im Tausch gegen Wohlverhalten/Gehorsam, Zuwendungen, etc. – u.a. deshalb muss Prostitution geächtet bleiben, da ja sonst das Druckmittel entfiele.

    Solange die Paarverhältnisse sind wie sie sind, wird sich an Prostitution nichts ändern. Das eine Elend stabilisiert das anderen.

Verweise auf diesen Beitrag

Weiterdenken