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Zusammen-denken. Reflektionen über einen feministischen Workshop

Von Dolores Zoe

Kürzlich berichtete Dolores Zoe in diesem Forum von drei feministischen Veranstaltungen und den Schwierigkeiten im Austausch zwischen Feministinnen verschiedener Generationen. Bei einer dieser Veranstaltungen gab sie selbst einen Workshop zum italienischen Differenzfeminismus und reflektierte anschließend in einer Mail an Ursula Knecht, einer unserer Patinnen, was sie dabei erlebte. Mit beider Einverständnis veröffentlichen wir den Text hier ebenfalls.

 

Liebe Ursula,

vergangenes Wochenende fand nun also das Feministische Politikwochenende statt. Nach all unserem Austausch bezüglich meinem Workshop zum italienischen Differenzfeminismus möchte ich dir gerne berichten, wie es mir am Sonntag ergangen ist. Erst dachte ich, ich könnte das in einigen Sätzen tun, doch nun ist es doch eine lange Mail geworden. Und ich möchte sie gerne so belassen, denn die Worte sind mir genau so aus den Fingern geflossen. Hoffentlich findest du das eine oder andere Spannende, Anregende in meinen rückblickenden Überlegungen.

Nach den Workshops, die ich am Femwo-Samstag besucht hatte, war ich etwas verunsichert: In meiner vielleicht etwas naiven Vorstellung dachte ich mir, dass frau sich in einem autonomen, selbstgeschaffenen Frauenraum sich direkt begegnen und austauschen würde, ohne belehrende Vorträge und Frontalunterricht. Dem war aber nicht so, im Gegenteil: Alle Workshops und Inputs waren wohlüberlegt und gut vorbereitet – für meinen Geschmack eher zu gesittet und didaktisch. Ich hatte mir meine Runde wilddenkend und freisprechend vorgestellt. Nun tauchte plötzlich eine diffuses Kribbeln im Bauch auf. Zusammen-denken impliziert offenen Ausgang – würden sich meine Mitfrauen überhaupt auf so etwas einlassen? Erwarteten sie nicht gerade nochmals einen Vortrag, eine Einführung in den italienischen Differenzfeminismus? Diese wollte ich ja aber nicht leisten, wollte nicht als Expertin einer feministischen ‹Schule› auftreten. Was mich am italienischen Differenzfeminismus interessiert, ist die Praxis: sich begegnen, zusammen-denken, sich aufeinander einlassen, offen sein für Neues und Un(v)erhofftes. Also entschloss ich mich, meiner Angst vor der Reaktion meiner Mitfrauen genau dieses Interesse entgegenzustellen. Und das Risiko einzugehen, jene Frauen nicht befriedigen zu können, die lieber noch ein bisschen mehr ‹konsumiert› hätten. Mit diesen Gedanken ging ich am Samstagabend schlafen. Als ich nachts um vier Uhr aufwachte, merkte ich, dass ich im Kopf immer noch meinen Workshop herumstudierte…ich war doch ziemlich aufgeregt. Warum? Weil ich Angst hatte vor dem Vorwurf, zu wenig politisch, autonom, radikal, zu wenig was weiss ich was zu sein? Ja, tatsächlich war es so. Es war aber auch noch mehr: Ich fürchtete mich vor dem offenen Ausgang des Zusammendenkens, das ich anzetteln würde…

Am Sonntagmorgen sassen dann rund dreißig Frauen in meiner Runde. Und das, obwohl ich angekündigt hatte, dass ich keinen Vortrag halten würde, sondern wir die Praxis des Zusammen-denkens üben würden. Es beruhigte mich enorm, als ich zwei Freundinnen in der Runde sitzen sah. Auf Maja, das wusste ich, ist verlass. Sie würde mich sicher nicht hängen lassen, sollte der Austausch harzig werden. Und neben mir sass Aisha, die sich den Workshop von mir gewünscht hatte, und die mich sicherlich auch unterstützen würde. Und dann, ja, dann lief eigentlich alles wie wenn ich mir nie einen einzigen konzeptionellen Gedanken zu diesem Workshop gemacht hätte. Ich hatte anscheinend mit mir selbst ausgemacht, einfach mich selbst zu sein und das zu tun, was ich immer tue: zu sagen, was sich fühle und denke. So floss einfach alles einfach so dahin, es rauschte, sprudelte und hielt auch einmal inne.

Ganz spontan und einfach aus dem Bauch heraus forderte ich eine kurze Vorstellungsrunde ein (was bis anhin an keinem Workshop gemacht worden war) und fragte auch, ob die Frauen schon etwas über Differenzfeminismus wüssten. Nur eine der Frauen gab an, schon einmal von den ‹Mailänderinnen› gehört zu haben. Dank dieser Vorstellungsrunde fiel mir selbst der Redeanfang dann nicht mehr schwer. Ich verwies darauf, wie erstaunlich es sei, dass diese doch schon lange währende Form des Differenzfeminismus kaum bzw. nur Ansatzweise über die Alpen gekommen ist. Dann erzählte ich kurz, unter welchen historischen Bedingungen die Bewegungen rund um den Frauenbuchladen in Mailand entstanden sind. Spätestens als ich erklärte, dass das, was mich am italienischen Differenzfeminismus interessiere, die Praxis der Beziehungen der Frauen sei, hatte ich das Interesse meiner Mitfrauen geweckt. Beziehungen beürfen aber der ständigen Vermittlung – und darum würden wir in diesem Workshop zusammen denken und zusammen sprechen müssen. Dies impliziere aber auch, dass ich selbst das Ziel des Workshops nicht vorgeben könne, sondern dass wir gemeinsam bestimmten, welche Form unser Austausch annehmen würde. Da wir also kein festgelegtes Ziel hätten, würde ich aber doch einen gemeinsamen Ausgangsort unseres Denkens formulieren wollen.

So berichtete ich von der Diotima-Tagung in Luzern mit Chiara Zamboni, einem selbst organisierten Frauentreffen im Rahmen des 1.Mai, einem Aktivistinnen-Treffen der Gewerkschaften. Und ich bezog auch meine bisherigen Eindrücke des Femwo mit ein. Ich berichtete von den vielen verschiedenen Frauen, Altersgruppen, den diversen Interessen und Themenfeldern, denen sich Frauen widmen. Und auch, dass es für mich schwierig sei, diese Vielfalt zu fassen. Ein Beispiel für diese Vielfalt war ein Vortrag von Tove Soiland am Samstagabend des Femwo zu Queer-Theory und Neokapitalismus. Die an diesen Vortrag anschliessende Diskussionsrunde hatte ich als ‹babylonisches Sprachgewirr›, was darauf verweist, dass wir vielleicht tatsächlich nicht alle dieselben Sprachen sprechen – und also wieder eine gemeinsame Sprache finden müssen. Die Vielzahl an Frauentreffen und Veranstaltungen zeigte aber auch, dass unterschiedlichste Frauen das Bedürfnis hätten, sich zu begegnen. Warum aber? Warum wollen Frauen sich so treffen? Warum suchen sie den Austausch? Warum fanden wir uns am Femwo ein? Was war unser Begehren, an einem solchen Wochenende teilzunehmen?

Nach dieser Einführung war es zwei Minuten still in der Runde. Es war aber keine unangenehme stille, eher eine denkende. Dann sagte eine erste Frau etwas. Ihr antwortete eine zweite, dann eine dritte. Und nach zweistündiger Diskussion waren sicher zwanzig der dreißig Frauen zu Wort gekommen, viele hatten sich mehrmals eingebracht. Es war ein lebendiges aber auch nachdenkliches, ein rücksichtsvolles, feines Gespräch. Und sein Verlauf war (wenn frau «Wie weibliche Freiheit entsteht» gelesen hat) wenig überraschend: Wir gingen vom Frauenraum als safe space, als Wohlfühl- und Sicherheitsort aus, als Ort, an dem wir uns auf Frauen beziehen können und nicht von Männern beurteilt werden. Worauf die Diskussion sich 15 Minuten um Männer drehte, bis eine der Frauen einwarf, wir könnten doch endlich auch einfach einmal über uns sprechen und nicht über die anderen. Daraufhin ging es lange um die Dissonanzen in diesem Frauenraum, um Ausschlüsse. Es gab eine direkte Auseinandersetzung mit einer Frau, die sich nicht in die Runde setzen wollte, aber von hinter unseren Rücken ständig Kommentare ins Gespräch einwarf. Ich lud sie ein, sich dazu zu setzen, was sie ablehnte. Nach einer Viertelstunde wandte sich noch eine andere Frau an sie, worauf sie dann wütend weglief. Diese Situation hat zu einer längeren Diskussion über Inklusion und Exklusivität geführt, im Laufe derer sich noch eine Frau entschied, den Workshop zu verlassen. Wir sprachen darüber, dass frau sich nicht automatisch wohlfühlt in einem Frauenraum, dass es auch hier Konventionen gibt, die einschränken (frau ist zu wenig radikal, zu wenig politisch, zu wenig aktiv). Wir diskutierten auch über Macht und Autorität, über Intellektualität und Rationalität, darüber, wie wir Frauen überhaupt wissen und welche Formen dieses Wissen hat (einer der spannendsten Teile der Diskussion, wie ich finde!). Und zum Schluss ging es dann ganz konkret um unser Begehren, was wir uns für einen Frauenraum wünschen, was für Frauen wir (zu sein) begehren. Immer wieder und zum Schluss nochmals intensiv kam die Frage auf, wie frau Begehren überhaupt spüren, fassen, artikulieren kann, und wie wir uns gegenseitig Worte geben können, wenn wir in solch einer Runde zusammen-sind.

Das war’s. Und: Das alles lief ohne meine Moderation; zwar auch mit meiner Beteiligung, aber im Rahmen dessen, wie alle anderen Frauen sich auch zu Wort gemeldet hatten. Dieses Zusammendenken hatte einen Fluss und eine Dynamik… so etwas kann wirklich einfach nur geschehen. Ich denke, dass es wirklich so etwas wie ein ‹Sprung› war, ein Wunder eben. Ich kann gar nicht sagen, wie es kam, dass wir alle Themen der ‹Mailänderinnen› streiften, ohne dass ich sie explizit machen musste. Es war einfach alles da, im Raum. Meine Freundin Maja sagte nach dem Workshop zu mir: «Weisst du, was du gemacht hast? Du hast ihnen das Denken der Differenzfeministinnen praktisch beigebracht.» Das ist schön, nicht!? Auch sonst habe ich sehr gute Rückmeldungen erhalten. Eine Frau meinte zum Beispiel, dass es extrem gut tue, einfach diesen Schritt zurückzugehen und sich selbst zu befragen, eben von sich auszugehen und nicht immer schon draussen zu sein und auf einer theoretischen Ebene.

Wenn ich an die Abschlussrunde des Femwo denke, an das ‹Plenum›, das gar kein Plenum mehr war, weil kein Raum geschaffen wurde, in der jede Frau hätte sprechen können und gehört worden wäre – dann denke ich, dass mein Workshop für die dreißig Frauen sicherlich sehr wertvoll war. Dass sie wohl in keiner anderen Runde so viel über die andere, fremde Frau erfahren haben. Und eine letzte Beobachtung: Parallel zu meinem Workshop fand nur noch eine andere Veranstaltung statt, allerdings begrenzt auf zwanzig Personen. So sassen sie die übrigen Frauen im Schatten eines Baumes auf der anderen Seite der Wiese. Es waren die Frauen ‚älteren Semesters‘ aus der autonomen Frauenbewegung. Anscheinend hatten sie kein Interesse an einem offenen Austausch in unserer Runde. Sehr schade, denn sie hätten wirklich erfahren können, was junge Frauen heute bewegt – und das sind eben nicht nur die Frauenabteilung der PKK in Kurdistan, der antikapitalistische Kampf oder jener gegen die TISA. Die Begegnung mit diesen Frauen hat mir gezeigt, dass eine eigene Sprache finden nicht nur eine Frage des Alters ist – also, dass nicht nur die jungen Frauen ihre Sprache und ihren Feminismus finden müssen – sondern dass es ein beständiges Arbeiten an der Sprache bedarf, wenn frau nicht den Bezug/die Beziehung zum eigenen Frausein und dem der Mitfrauen verlieren will. Und dass dieses Sprache(er)finden nur in Verhandlung/Vermittlung (auch mit sich selbst) geschehen kann. Letztlich hat das doch alles auch viel mit Fragen zu tun: Die andere Frau befragen, neugierig sein, wissen wollen – und Raum geben, dass sich dasjenige, was sich Präsenz verschaffen will, entfalten kann. Ich habe mir darum im Abschlussplenum für das nächste Femwo mehr Dissonanz gewünscht. Und erst nachher an Chiara Zambonis Gedanken zur Jazz-Improvisation denken müssen, die sie bei der Tagung in Luzern damals geäussert hat.

Das waren jetzt viele Gedanken aufs Mal. Es schwirren viele mehr in mir herum. Aber dazu dann gerne mehr ein andermal, im direkten Gespräch.

Vielen Dank für deine Unterstützung und Ermutigung!

Alles Liebe,

Dolores Zoe

Autorin: Dolores Zoe
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 12.11.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anja Boltin sagt:

    Ein wunderbarer Text über ein wunderbares, gelungenes Experiment. Danke für die Veröffentlichung dieser sonst eher in der Schublade der einzelnen Vertrauten verschwindende „Innenansicht“.
    Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass ganz oft das „normalerweise nicht Gesagte“ (bzw. Veröffentlichte) genau das ist, was am stärksten Auskunft gibt über das, was „wirklich, wirklich wahr“ ist.
    Herzlichen Dank dafür!
    Anja

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