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Sexarbeit und Care

Von Antje Schrupp

IMG_0139Anfang November fand in Duisburg ein Netzwerktreffen der Care Revolution statt, und neben generellem Austausch, Kennenlernen und Vorbereitung der nächsten Konferenzen ging es inhaltlich um das Thema „Sexarbeit und Care“.

Dass in der Selbstbeschreibung des Netzwerks neben Hausarbeit, Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung und Wohnen auch Sexarbeit als Bestandteil von „Care“ aufgeführt ist, führt immer mal wieder zu Irritationen und Nachfragen. Ich selbst war vor dem Treffen in Duisburg der Ansicht, dass Sexarbeit eigentlich nicht unter Care zu subsumieren ist (außer man verwendet „Care“ in einem sehr weit gefassten, adjektivischen Sinn, der dann nicht mehr bestimmte Tätigkeiten beschreibt, sondern vielmehr eine Haltung zu dem, was man tut). Darüber (unter anderem) spreche ich zum Beispiel im Podcast von Katrin Rönicke mit ihr und Carmen Amicitiae.

Es waren in Duisburg mehrere Sexarbeiterinnen da, von denen zwei sehr deutlich dafür eintraten, Sexarbeit als Teil von „Care“ zu verstehen. Relativ einleuchtend fand ich ihre Argumentation, wo es um die Sexualassistenz für Menschen ging, die sich aufgrund von Alter, Krankheit oder sozialen Umständen nicht selbst sexuelle Erlebnisse und Befriedigung verschaffen können. Es waren auch einige Pflegekräfte da, die bestätigten, dass viele alte Menschen unbefriedigte sexuelle Bedürfnisse haben, was durchaus zu übergriffigen Aufforderungen gegenüber Pfleger­_innen führen kann (und das kommt offenbar nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen vor). In vielen Fällen kann man von den Betreffenden auch nicht einfach verlangen, ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse eben nicht auszuleben, zum Beispiel bei Dementen oder im Fall mancher psychischer Erkrankungen. Insofern ist der Einsatz von Sexualassistentinnen in solchen Situationen nicht nur sinnvoll, sondern tatsächlich auch „Care“.

Aber Sexualassistenz im pflegerischen Kontext ist natürlich nur ein sehr kleiner und keinesfalls typischer Teil des Phänomens „Prostitution“. Wie ist es bei den ganz „normalen“ Kunden?

An dieser Stelle soll es nicht um den Komplex Menschenhandel, Armutsprostitution, Gewalt und so weiter gehen, denn das alles ist entweder ohnehin strafbar oder es handelt sich eher um ein sozial- oder migrationspolitisches Thema. In diesem Text hier geht es mir um die Frage, wie „gute“ Sexarbeit im Kontext von „Care“ einzuordnen wäre, also ein Tausch von sexuellen Dienstleistungen gegen Geld, der einvernehmlich zwischen einer_einem Prostituierten und einem Kunden stattfindet. Es geht um das, was Andrea Günter in ihrem Beitrag kürzlich anmahnte: eine ethische Befragung des Themas.

Die Sexarbeits-Aktivistinnen argumentierten in Duisburg insbesondere mit der Ähnlichkeit dieser Dienstleistung im Vergleich zu anderen Tätigkeiten, deren Status als „Care“ üblicherweise nicht hinterfragt wird: Massagen, Therapiegespräche und ähnliches. Es wurde aus ihren Erzählungen deutlich, dass die Bedürfnisse, die Männer dazu bringen, zu einer_einem Prostituierten zu gehen, sehr komplex sind (oder zumindest sein können) und es dabei nicht nur ums „Ficken“ geht, sondern um sehr verschiedene Arten von Bedürftigkeit: Sich zeigen können wie man ist, jemanden haben, die zuhört und aufmerksam ist, sich „fallen lassen“ und so weiter. Es ist also ein komplexes „Dienstleistungspaket“, das da von Sexarbeiter_innen angeboten (und überwiegend von Männern nachgefragt) wird, und vieles davon ist in der Tat dem, was üblicherweise unter „Care“ verhandelt wird, sehr ähnlich.

Im Verlauf dieser Diskussion entstand bei mir der Wunsch, zwischen legitimen und illegitimen Bedürfnissen zu unterscheiden. Denn auch wenn die Tätigkeiten vielleicht eine gewisse Ähnlichkeit haben (und so wie manche es unvorstellbar finden, gegen Geld Sex mit Fremden zu haben, werden es andere unvorstellbar finden, Fremden gegen Geld den Hintern zu säubern), so finde ich doch, dass die Bedürfnisse nicht auf derselben Ebene stehen – also etwa das Bedürfnis, gewaschen zu werden, und das Bedürfnis, Sex mit einer Frau der eigenen Wahl zu haben.

Nicht jedes Bedürfnis, das ein Mensch verspürt, muss oder sollte meiner Ansicht nach (im Sinne eines guten Lebens für alle) auch befriedigt werden. Subjektive Bedürfnisse entstehen ja immer aus einem gesellschaftlichen Kontext heraus, sie gehen nicht nur von der betreffenden Person aus, sondern spiegeln Strukturen und Verhältnisse wieder. Sie bewegen sich also innerhalb einer bestimmten symbolischen Ordnung, sie sind, zumindest teilweise, „konstruriert“ (was nicht heißt, dass sie nicht real wären).

Und auch wenn ich die Argumentation der Sexarbeiterinnen nachvollziehen konnte, so bin ich doch der Ansicht, dass in der Prostitution auch Bedürfnisse von Männern ausgelebt (und befriedigt) werden, die nicht nur das (legitime) Bedürfnis, „emotional und sexuell versorgt sein“ betreffen, sondern auch (illegitime) Bedürfnisse danach, sich auf eine Weise „männlich“ fühlen zu können, die für das Zusammenleben insgesamt schädlich ist.

Sex und Macht sind in unserer Kultur eng miteinander verwoben. Wenn Sexarbeit dabei hilft, männliches Dominanzgebaren aufrecht zu erhalten, dann handelt es sich dabei nicht Care, denn es beeinflusst die Geschlechterbeziehungen negativ. Das bedeutet nicht automatisch, dass Sexarbeit, die auf solche Wünsche von Kunden eingeht, moralisch verwerflich wäre und verboten oder reglementiert werden muss. Wir kontrollieren ja auch bei anderen wirtschaftlichen Aktivitäten nicht ihre gesellschaftliche Nützlichkeit, bevor wir sie erlauben. Es ist legitim, mit unnützen Dingen Geld zu verdienen.

Eine solche Sexarbeit kann dann aber meiner Ansicht nach nicht mit „Care“ umschrieben werden.

Vor allem ein Satz einer Sexarbeiterin bei dieser Diskussion blieb mir im Kopf hängen, die sagte: „Und dann mache ich es dem Mann eben schön.“ Dieser Satz enthält meiner Ansicht nach eine zentrale Logik der Geschlechterbeziehungen unserer Kultur: Frauen wird die Aufgabe zugewiesen, es „dem Mann schön zu machen“. So war es in der Hausfrauenwerbung der 1950er Jahre, so ist es jetzt bei der Sexarbeit (und ja längst nicht nur dort).

Patriarchale Vorstellungen von Männlichkeit enthalten konzeptionell den Anspruch, die männlichen Bedürfnisse von jemand anderem, speziell von Frauen und von jüngeren Männern, erfüllt zu bekommen. Und zwar sämtliche Bedürfnisse und nicht nur diejenigen, die im Sinn des guten Lebens legitime Bedürfnisse sind. Das wird zum Beispiel daran deutlich, dass das gleiche für Weiblichkeit nicht gilt. Mit Weiblichkeit ist nicht der selbstverständliche Anspruch verbunden, von anderen bedient und umsorgt zu werden, sondern bei Frauen ist es schon das Höchste der Gefühle, wenn sie die Möglichkeit haben, „auch mal etwas für sich selbst zu tun.“

Ich vermute, das ist auch der wesentliche Grund dafür, warum sexuelle Dienstleistungen (von der Altenheim-Pflege-Situation abgesehen) auch heute noch fast ausschließlich von Männern nachgefragt werden, aller sexuellen Revolution und weiblichen Emanzipation zum Trotz. Ich glaube nicht, dass Frauen weniger Spaß an Sex haben oder prinzipiell Sex nur innerhalb von romantischen Beziehungen ausleben möchten. Frauen haben aber nicht die Erwartung und den Anspruch, dass selbstverständlich immer jemand da zu sein hat, der „es ihnen schön macht“. Und aus diesem Grund kommen sie auch nicht auf die Idee, sich dieses „Schönmachen“ bei Bedarf mal eben einzukaufen. Oder anders gesagt: Ein Mann, der sich gegen Geld sexuell befriedigen lässt, hat nicht nur Sex gekauft, sondern im Rahmen der herrschenden symbolischen Ordnung auch seine Männlichkeit bestätigt. Eine Frau, die sich gegen Geld sexuell befriedigen lässt, setzt hingegen symbolisch ihre Weiblichkeit aufs Spiel. Darin mag für manche Frauen gerade ein gewisser Reiz liegen, aber nicht für viele.

Deshalb würde ich nach dieser Diskussion meine Haltung zur Frage: „Ist Sexarbeit Care?“ folgendermaßen formulieren: Sexarbeit ist Care, insofern sie Bedürfnisse befriedigt, die mit Zuwendung, Entspannung, Aufmerksamkeit, sexueller Lust zu tun haben. Aber Sexarbeit ist nicht Care, insofern sie „Male Entitlement“ bedient, also die patriarchale Anspruchshaltung, versorgt zu werden nicht aufgrund der eigenen menschlichen Bedürftigkeit, sondern aufgrund der eigenen Männlichkeit.

Mir ist natürlich klar, dass das im konkreten Fall schwer oder gar nicht auseinanderzudividieren ist. Tendenziell aber vielleicht schon: Puffbesuche in einer Männergruppe sind mit einer hohen Wahrscheinlichkeit „Männlichkeitsbestätigungsrituale“, wohingegen ein einsamer, unglücklicher Mann, der bei einer Sexarbeiterin Trost und Entspannung sucht, vielleicht eher „bedürftig“ ist. Grenzwertig wäre für mich der Fall eines Ehemanns, der sexuelle Wünsche hat, die seine Frau nicht bedienen möchte oder kann, ein Beispiel, das von Pro-Sexarbeits-Aktivistinnen häufig als positiver Nutzen dieser Arbeit angeführt wird. Doch in diesem Fall hat das Ausweichen auf eine bezahlte Sexarbeiterin (weil man sich das halt leisten kann), durchaus einen Beigeschmack von Male Entitlement. Der Wunsch, Sexualität exakt den eigenen Vorlieben entsprechend auszuleben, ist meiner Ansicht nach nicht dasselbe wie das Bedürfnis nach Sattessen, Ausschlafen, Kleidung, medizinischer Versorgung. Ebenso wie das Bedürfnis nach Mobilität nicht dasselbe ist wie der Wunsch, einen Porsche zu fahren. Nochmal: Es geht hier nicht darum, so ein Geschäft moralisch zu verurteilen, sondern um die Frage, ob das, was bei einem solchen Geschäft geschieht, als „Care“ einzuordnen ist. Und da würde ich sagen: Nein.

Allerdings schließt sich daran gleich die nächste Beobachtung an, nämlich die, dass diese Dynamik der Verwobenheit von „Care“-Beziehungen mit Herrschaft nicht etwas Spezielles der Prostitution ist. Vielmehr ist diese Verwobenheit bei der Prostitution nur besonders deutlich sichtbar, ebenso wie hier besonders deutlich sichtbar ist, dass dabei Geschlechterverhältnisse eine wichtige Rolle spielen.

Aber Ausformungen von „Entitlement“ der Herrschenden gegenüber Marginalisierten gibt es auch in vielen anderen Bereichen. Das Herstellen, Zubereiten und Servieren von Nahrung zum Beispiel ist zwar ganz eindeutig Care. Aber auch hier kann die bloße Tätigkeit der Essensversorgung mit Herrschaftsverhältnissen verwoben sein und diese stabilisieren, zum Beispiel wenn der Vater „das größte Stück Fleisch“ bekommt oder wenn der Gast im Sternerestaurant die Kellner herumscheucht, weil er ja der mit dem dicken Geldbeutel ist.

Der Unterschied zwischen anderen Carearbeiten und Sexarbeit ist also nicht ein qualitativer, sondern ein quantitativer: Es ist unmittelbar einleuchtend, dass die arrogante Anspruchshaltung eines Restaurantgastes nichts daran ändert, dass Essenszubereitung im Prinzip „Care“ ist, dass diese Arroganz also nicht das Wesentliche beim Essen ausmacht, sondern nur eine negative Begleiterscheinung bestimmter Essens-Situationen ist. Bei der Prostitution hingegen scheint es vielen Feministinnen andersrum zu sein: Sie scheint ihnen wesentlich Status-Entitlement zu bedienen – und nur nebenbei, wenn überhaupt, auch wirkliche, legitime Bedürfnisse.

Ich finde es nicht so wichtig, diese Frage zu entscheiden. Sondern wichtig wäre, dass wir unsere Aufmerksamkeit für diese Grenze schärfen, bei der Care Gefahr läuft, gerade nicht das gute Leben aller zu befördern, sondern Dominanz und Herrschaftsverhältnisse zu stabilisieren. Das heißt, ich plädiere dafür, den Maßstab, den wir aus der kritischen Beschäftigung mit Sexarbeit gewinnen können, auch auf andere Bereiche von Care anzuwenden:

Care-Arbeit in allen Branchen ist nicht automatisch gut, denn sie kann ein „Bedienen“ von Männern enthalten, ein „es ihnen schön machen“ auch im Bereich von Pflege, Nahrung, Wohnung, Bildung. Und auch in diesen Bereichen stabilisiert dieses geschlechtlich markierte „Männer bedienen“ patriarchale Konventionen – ganz genauso wie eine Sexarbeiterin, die nicht menschliche Bedürfnisse befriedigt, sondern männliche Ansprüche.

Die geschlechtsbezogene Geschichte von Care hat zur Folge, dass dieses Problem dem gesamten Komplex inhärent ist. Das ist auch der Grund, warum manche Feministinnen der „Care Revolution“-Bewegung generell skeptisch gegenüberstehen. Sie sagen: Warum machen das jetzt schon wieder die Frauen, sollen sich doch die Männer darum kümmern! (Und es stimmt, dass die Bewegung zwar nicht nur, aber eben doch sehr überwiegend von Frauen getragen wird).

Ich teile diese Kritik nicht, weil mein feministisches Engagement gerade darin besteht, das, was Frauen tun und was Frauen wichtig ist, ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Allerdings sehe ich durchaus die Gefahr, auf die die „Care-skeptischen“ Feministinnen hinweisen, und halte ihre Sorge für berechtigt.

Deshalb finde ich es gut, wenn die Debatten um Sexarbeit und Care uns dazu herausfordern, genau an dieser Schnittstelle genauer hinzuschauen und die folgende Frage anzugehen: Wie stellen wir sicher, dass das weibliche Engagement für „Care“ tatsächlich dazu beiträgt, eine herrschaftsfreie Welt und gutes Leben für alle Menschen zu befördern? Und wie verhindern wir, mit unserem Engagement alte Rollenmuster und ein hierarchisches Verständnis von Geschlechterbeziehungen zu stabilisieren?

Das nächste Netzwerktreffen des Netzwerks Care Revolution ist am 23./24. April in Berlin und hat drei Themenschwerpunkte: Flucht und Care, Assistenz, häusliche Pflege. Die nächste große Aktionskonferenz findet dann am 21.-23. Oktober ebenfalls in Berlin statt. www.care-revolution.org

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Care Care Revolution Male Entitlement Prostitution Sexarbeit
Eingestellt am: 28.12.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Jessica sagt:

    Damit wäre die Tätigkeit einer Haushaltshilfe, die für Leute arbeitet, die es sich halt leisten können und sich in ihrer Freizeit lieber vergnügen (z.B. ins Bordell gehen), als sich mit ihnen lästiger Hausarbeit zu beschäftigen, auch keine Care-Arbeit. Richtig? Klassistisches Entitlement bedienen und so…

  • Antje Schrupp sagt:

    @Jessica – Ich würde es eher so sagen, dass ein Teil_Aspekt ihrer Arbeit Care ist und ein anderer nicht. Aber der Unterschied verläuft imho nicht darin (was ich bei deinem Kommentar so ein bisschen raushöre), dass die Haushaltshilfe etwas macht, wofür „eigentlich“ jemand anderes zuständig wäre (die Hausfrau?), sondern darin, welches Bedürfnis ihre Dienstleistung befriedigt: Geht es einfach nur darum, eine Wohnung sauber zu halten? Dann ist es Care (auch wenn dennoch Herrschaftsverhältnisse involviert sind, wie etwa Armutsunterschiede). Oder geht es um Statusbefriedigung? Also dass die Auftraggeber_in sich eines sozialen Überlegenheitsanspruchs vergewissert, indem „niedere“ Hausarbeiten an „niedere Menschen“ delegiert werden? Dann ist es nicht Care.

  • Elfriede Harth sagt:

    Dein Artikel stellt diverse wichtige Fragen in den Raum, mit denen wir uns eingehender beschäftigen sollten. Ich muß da erst noch weiter nachdenken. – Ich stelle fest, dass ich mit Care Arbeit es durchaus sehr oft jemandem „schön machen“ will. Ganz abgesehen von Geschlecht und Alter. Weil für mich gut auch mit schön zu tun hat. Das Gefühl von runder Befriedigung eines Bedürfnisses (Hunger, Kälte, Müdigkeit, Trostlosigkeit..) hat auch eine „ästhetische“ Komponente, die nicht unbedingt was mit „Kunst“ zu tun hat. Also jemanden fürsorglich versorgen hat für mich viele Facetten. Die Beziehung, die durch diese Tätigkeit zwischen mir als Fürsorgende, Versorgende und der Versorgten Person kann durchaus meinen Status als Mächtige bestätigen, weil ich in der Lage bin, etwas zu geben, also über einen Reichtum verfüge, der meinem Gegenüber in diesem Augenblick fehlt. So eindimensional sind nämlich – auch ungleiche – Beziehungen nicht.

    Dass sich viele Fragem gerade im Zusammenhang mit Sexualität stellen lassen, ist auch kein Zufall. Sexualität wirkt halt trotz allem (immer noch) symbolisch und daher tiefenpsychologisch auf eine besondere Weise in uns prägend und bestimmend. Allein die Tatsache, dass wir alle aus einer sexuellen Dualität entstehen, (wer weiß wie lange noch!), legt vielleicht den Urgrund für die Widersprüchlichkeit, die so vieles im Leben bestimmt und mit der wir immer wieder klarkommen müssen. Es ist (fast) nichts eindimensional. Und je tiefer wir in eine Sache hineinsteigen, desto komplexer und widersprüchlicher erscheint sie uns.

  • Gaby sagt:

    Bin froh um die Überlegungen von Antje. Ich gehe noch weiter. es gibt kein verbrieftes Recht auf Zärtlichkeit, Körpernähe und Sex. Ich kenne x Menschen beiderlei Geschlechts (und auch zwischendrin), in deren Leben keine freiwillig geschenkte Zärtlichkeit und kein Sex vorkommen. Sie sind nicht behindert und nicht alt, sondern nicht in der Lage oder willens, eine entsprechend notwendige intime Beziehung aufzubauen. Darum bin ich auch skeptisch bei den Berührer_innen /(sind ja eigentlich fast nur Frauen).
    In einer Gesellschaft, die allen seinen Mitgliedern genügend interessante und recht bezahlte Tätigkeiten bietet, würde kaum jemand freiwillig Prostitution als Berufsfeld wählen, ausser aus persönlicher Gier (man kommt schnell zu viel Geld), und das würde ich sowieso nicht unterstützen wollen, oder aus Not (darüber sind wir uns im Klaren: besser Prostituierte als noch ärmer). Neigungen und Begabungen in diesem Feld sollten sehr wohl eingebracht werden können, aber in privaten Beziehungen mit selbst gewählten Partner_innen. Wer Prostituierte in Anspruch nimmt hat eine Kombination von verfügbarem Geld und Mangel an Beziehungsfähigkeit. Damit sollte man(n) anders umgehen lernen.

  • Andrea sagt:

    Liebe Antje,
    das ist ein toller Artikel, vielen Dank dafür. Ich finde es super, dass Dir keine Mühe zu viel ist, um feministische Themen komplex zu betrachten und die einzelnen Facetten der Themen genauer unter die Lupe zu nehmen.
    Danke für die interessanten Einsichten, die Deiner Analyse entspringen.

    Die Unterscheidung zwischen grundlegenden menschlichen Bedürfnissen und dem Bedürfnis nach der Stärkung des Männlichkeits- und Herrschaftsbestrebens ist plausibel. Den Unterschied als Frau zu erkennen und sich bewusst der Befriedigung männlichen Herrschaftsbestrebens zu verweigern, gleichzeitig aber „gute“ Care-Arbeit zu leisten, finde ich dagegen aber sehr schwierig.

    Gibt es da praktische Hilfestellungen? Sicherlich wäre das ein Thema für weitere Beiträge. Aber die Tipps wären hilfreich, um die theoretischen Überlegungen im Alltag umzusetzen (in Anspielung auf Deinen Beitrag „Für eine Politik des Alltäglichen“). 😉
    Liebe Grüße!

  • „Wie stellen wir sicher, dass das weibliche Engagement für „Care“ tatsächlich dazu beiträgt, eine herrschaftsfreie Welt und gutes Leben für alle Menschen zu befördern? Und wie verhindern wir, mit unserem Engagement alte Rollenmuster und ein hierarchisches Verständnis von Geschlechterbeziehungen zu stabilisieren?“ fragt Antje Schrupp.
    Gerade, weil Sex für die Geschlechterbeziehungen etwas so Elementares ist, halte ich sexuelle Care, außer im Falle der sexuellen Versorgung von Pflegebedürftigen, im Sinne dieser Ziele für sehr ungünstig. Hier ein paar Worte zur sexuellen Kultur:
    Die Wissenschaft ist dabei, die „naturgegebene“ höhere Triebhaftigkeit des Mannes als Mythos zu entlarven, wie November 2015 im Themenabend bei 3sat zu erfahren war. So seien Frauen und Männer beispielsweise fast pari, wenn es um Untreue in Beziehungen geht. Frauen haben genauso viel Lust wie Männer! Der einzige Unterschied ist, so heißt es, dass Frauen und Männer unterschiedliche Erregungskurven haben, d.h. ihre Geschlechtsteile sind meistens nicht gleich schnell prall durchblutet, was unterschiedliche Wünsche und Lüste hervorbringt. Dies gilt nach meiner Erfahrung als Sexualberaterin allerdings auch nicht immer und für alle, es kann auch mal umgekehrt sein.
    Wenn nun Männer daran gewöhnt sind, zu Prostituierten zu gehen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, oder sich bei Pornos schnelle Befriedigung zu verschaffen, sind sie – mit Verlaub – für das erotische Begehren einer Frau uninteressant, weil sie keine Freude an Ejakulationskontrolle haben, bzw. diese verlernen – denn der Sexarbeiterin, bzw. dem Geldbeutel muss es schnell gehen. Ihre Frauen müssten sich bessere Liebhaber suchen, wenn ihnen heterosexuelle Erfüllung wichtig ist.
    Wenn also Männer zu Prostituierten gehen, weil ihre Frauen ihnen ihre Wünsche nicht erfüllen, geht es in jeder Hinsicht um sexuelle Care (Befriedigungsansprüche, -verweigerungen, -versprechen) Wenn innerhalb der sexuellen Geschlechterverhältnisse Frauen und Sexarbeiterinnen carefull sind, egal in welchem Sinn, und das heißt in diesem Fall ja eben auch, auf ihre eigene sexuelle Lust verzichten, dann schaden sie sich selbst (was einer jeden freigestellt ist) und anderen Frauen.
    Wenn Frauen beim schnellen Männersex lustlos mitmachen – Zitat einer Interviewten im 3sat-Beitrag: „Wenn eine Frau sagt, sie hätte noch nie einen Orgasmus vorgetäuscht, lügt sie“… – Wenn also eine Frau nur mitmacht, um ihren Mann zufrieden zu stellen (Care!), auch wenn dies voller Freundlichkeit, ohne jeden Zwang und Hintergedanken geschieht, dann leidet in den meisten Fällen ihre körperliche Empfindsamkeit, was ein Erkalten ihrer Libido zur Folge haben kann. Dies wiederum wird als ein Grund vorgebracht, sexuelle Befriedigung einzukaufen.
    Es geht hier immer um genitale Befriedigung von Männern. Es geht hier nie um gleichwertige Befriedigung. Die sexuelle Geschlechterbeziehung ist hier immer in einer Schieflage! Also wie ich es auch drehe und wende – sexuelle Care führt in meinen Augen nicht zu einem guten Leben, sie führt zu Unterdrückung oder Unterentwicklung weiblichen Begehrens und zementiert herrschende Mythen von sexuellen Rollen! Sie ist allemal nur in Ausnahmesituationen und in klarem Bewusstsein der Schieflage zu empfehlen.
    Wir können uns einmal fragen, wie es dazu kommt, dass wir Männern wirkliche, legitime, sexuelle Bedürfnisse zugestehen und unsere Körper dabei komplett vergessen? Denn dies geschieht in der Prostitutionsdebatte, und, wenn ich es richtig verstehe, auch hier.
    Mir wäre es lieber, den Begriff „Care“ hier raus zu nehmen und stattdessen über erotische Zärtlichkeiten nachzudenken! Ich glaube, da kämen wir den vorab postulierten Zielen viel näher!

  • Vivianne sagt:

    Sexuelle Dienstleistung als Care? Ach, wir Überbewerten doch einfach die Bedeutung von Sexualität, Schreiben damit die Sexualisierung unserer Kultur fort.
    Als Frau bin ich immer wieder mit der Aussage von Männer konfrontiert, sie hätten als Männer „besondere Bedürfnisse“. Sie haben scheinbar gelernt, sich selbst als bedürftig darzustellen (und mich als Frau damit unter Druck zu setzen). Ich bin nicht dafür eine solche Sichtweise zu fördern. Geholfen wäre allen viel mehr, wenn sich die nüchterne Sichtweise durchsetzen würde, dass Sex nicht automatisch glücklich macht.

  • Ich finde diesen Text aus verschiedenen Gründen wichtig: Erstens, weil er, wie @Andrea sagt, ein konkretes, derzeit viel diskutiertes Thema „komplex … betrachte(t) und die einzelnen Facetten … genauer unter die Lupe“ nimmt. Das ist für mich die beste Methode, um unfruchtbare Frontstellungen in konstruktive Debatten zu verwandeln. Die bisherigen Diskussionsbeiträge – zum Beispiel @Elfriedes Frage, ob „Es jemandem schön machen“ vielleicht (unter bestimmten, welchen Bedingungen?) doch konstitutiv zu Care gehört – zeigen, dass dieser Prozess tatsächlich in Gang kommt. Zweitens weil der Text sozusagen eine Pionierin ist für das, was in der Care Revolution jetzt ansteht: eine Differenzierung des Zentralbegriffs „Care“ anhand der Analyse tatsächlicher Praxen. Vor dem Hintergrund meiner eigenen These, dass ALLE Wirtschaft dem Kriterium Care genügen muss, eröffnet sich da ein weites Feld weiterer vergleichbarer Analysen: Was ist eine Caring Autoindustrie? Was sind Medien, die dem Kriterium Care genügen? Gibt es eine Caring Waffenindustrie? Wenn ja, wo ist der Übergang zur Waffenindustrie, die dem Kriterium Care nicht genügt? Etc. Und drittens, weil du @Antje ausdrücklich sagst, dass es vor allem darum geht, „genauer hinzuschauen“. Gefragt sind also vorerst nicht fixe Antworten, sondern sorgfältige Fokussierungen, insbesondere auf Übergänge und Grauzonen. Fragen, die der Neoliberalismus uns – bis hin zu Denkverboten – gründlich ausgetrieben hat, zum Beispiel diejenige, was legitime und was illegitime Bedürfnisse sind, erweisen sich dabei als wichtige Schlüssel. Irgendwie habe ich so ein Gefühl, dass 2016 das Jahr solcher Analysen werden wird…

  • Antje Schrupp sagt:

    @Elfriede – Ja, das „Es jemandem Schön machen“ würde ich auch unbedingt zu Care zählen. Es kann dabei nicht nur um das Nützliche gehen, und das was absolut notwendig ist. Es muss auch „Luxus“ dabei sein, diese Aufspaltung in das „Notwendige“ und das „Überflüssige“ ist auch einer dieser falschen Dualismen der vergehenden symbolischen Ordnung (Deshalb fand ich auch das Buch von Kristin Ross über die Pariser Kommune so gut, die sie als „Gemeinschaftlicher Luxus“ charakterisiert hat – http://antjeschrupp.com/2015/10/29/gemeinschaftlicher-luxus-das-erbe-der-pariser-kommune-2/) Ebenfalls dazu passend ja auch das Stichwort „Schönheit“ aus dem ABC des guten Lebens: https://abcdesgutenlebens.wordpress.com/category/schonheit/

    Der Punkt, um den es mir geht, ist der Aspekt des „Entitlements“, also die ungleiche Verteilung des Anspruchs darauf, es „von anderen Schön gemacht zu bekommen“ entlang sozialer Hierarchien von Frauen/Männern, Armen/Reichen, Migrierten/Einheimischen und so weiter. Es ist diese Verbindung, die wir irgendwie „knacken“ müssen, obwohl die beiden Aspekte im konkreten Fall schwer auseinander zu halten sind.

  • Ein interessanter Text zu einem vielschichtigen Themenkreis.

    Was mir nicht ganz klar ist, sind die intendierten Folgerungen aus der Debatte, ob eine Dienstleistung nun „Care“ ist oder nicht.

    Antje schreibt:

    „Wenn Sexarbeit dabei hilft, männliches Dominanzgebaren aufrecht zu erhalten, dann handelt es sich dabei nicht Care, denn es beeinflusst die Geschlechterbeziehungen negativ. Das bedeutet nicht automatisch, dass Sexarbeit, die auf solche Wünsche von Kunden eingeht, moralisch verwerflich wäre und verboten oder reglementiert werden muss. Wir kontrollieren ja auch bei anderen wirtschaftlichen Aktivitäten nicht ihre gesellschaftliche Nützlichkeit, bevor wir sie erlauben. Es ist legitim, mit unnützen Dingen Geld zu verdienen.“

    Ina Praetorius meint jedoch:

    „…Vor dem Hintergrund meiner eigenen These, dass ALLE Wirtschaft dem Kriterium Care genügen muss, eröffnet sich da ein weites Feld weiterer vergleichbarer Analysen“.

    Möchte Ina also alle „nicht-carenden“ Aktivitäten ächten oder gar verbieten? Und was folgt bei Antje aus einer Analyse, die ergibt, dass etwas NICHT Care-Arbeit ist?

    Ansonsten ist es für mich ein gewöhnnungsbedürftiger Gedanke, dass gewöhnliches Freier-Tum eine Form männlichen Dominanzverhaltens sei. Das mag m.E. stimmen für den „gemeinsamen Puffbesuch als Gruppe“, wobei es um die Beziehungen und Hierarchien der Männer untereinander gehen mag – aber der einzelne Freier ist für mich zuvorderst einer, der dafür BEZAHLEN MUSS, seine Bedürfnisse befriedigt zu bekommen. Nicht unbedingt das, was ich mir unter einer „mächtigen“ bzw. „dominanten“ Person vorstelle (der ja viele freiwillig dienen würden).

    Frauen (im gebärfähigen Alter) haben das Bezahlen in der Regel nicht nötig. Sie können, wenn sie denn wollen, aus einem unerschöpflichen Fundus an männlichen Interessenten schöpfen, die jeweils ganz umsonst recht viel tun, „um es ihr schön zu machen“ – sowohl sexuell (wenn sie ihm vermittelt, wie…) als auch weit darüber hinaus. Das funktioniert sowohl bzgl. des Wunsches nach einem festen Partner als auch beim Wunsch nach Abwechslung, Abenteuer und Affäre.

    In Beziehungen ist es in aller Regel die Frau, die ansagt oder wortlos wissen lässt, was in der Erotik läuft und was nicht (und frau macht diese Ebene häufig abhängig von ANDEREN Aspekten des Zusammenseins). Männer haben sich danach zu richten, tun sie es nicht, riskieren sie die Beziehung.

    Da der männliche Wunsch nach Sex die persönliche Beziehung zur Befriedigung weniger braucht als das bei Frauen der Fall ist, entsteht in der Folge ein Markt für Sex ohne irgendwie verpflichtende Beziehungsdimension. „Care“ würde ich diese Sexarbeit auch nicht nennen, aber legitim ist sie durchaus.

    Bei Massagen und Gesprächstherapie gibt es – das vermute ich jetzt einfach mal – deutlich mehr weibliche Nachfrage. Wäre dem so, würde frau diese Nachfrage dann als „weibliches Dominanzgebaren“ bewerten? Sie kauft sich ja etwas, das sie vom Partner offenbar nicht in genügendem Maße bekommt.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Claudia – Ich finde, Geld hat gerade eine Schlüsselfunktion in der modernen, kapitalistischen Form von Entitlement. Es ist quasi an die Stelle des feudalistischen Status gestiegen: Früher war jemand qua Position entitled, jetzt ist er es qua Geldbeutel. Auch innerhalb von Ehen spielt das eine Rolle („Ich bringe das Geld nach hause“).

    Dass Frauen im gebärfähigen Alter einen unerschöpflichen Fundus an potenziellen Sexualpartnern hätten, bezweifle ich. Es gibt sicher immer welche, die mir dir ins Bett gehen würden, aber das sind doch nicht unbedingt die, mit denen du gerne ins Bett möchtest (ist jedenfalls meine Erfahrung). Bezüglich des Begehrens gibt es oft ungleiche Machtverhältnisse – wer will dringender mit wem zusammen sein – und entsprechend werden dann in einer Beziehung Forderungen gestellt. Ich glaube, das ist aber unter den Geschlechtern relativ gleichmäßig verteilt.

  • Katharina Debus sagt:

    Liebe Antje Schrupp,

    Vielen Dank für diesen spannenden Artikel!

    Mir stellt sich beim Lesen die Frage der Perspektive: Ist Care Work = Fürsorge-Arbeit (nur) das, was von einem ethischen Standpunkt aus gesellschaftlich notwendige Arbeit im Sinne eines besseren Lebens darstellt, richtet sich die Unterscheidung in Care – Nicht-Care nach den Wahrnehmungen und Interessen der Konsument_innen oder zählen die Empfindungen und Perspektiven der fürsorgenden Person?
    Ich würde für letzteres plädieren: Etwas ist dann Care/Fürsorge, wenn die Person, die das ausübt, es als Fürsorge-Tätigkeit empfindet – es wäre dann das Empfinden und die Perspektive der sex-arbeitenden Person entscheidend.
    Ob diese Arbeit revolutionäres Potenzial hat, gesellschaftlich neutral ist oder aber herrschaftsstabilisierende Funktion hat (bzw. ambivalent unterschiedlich zu bewerten ist), ist dann eine andere Frage, die sich nicht gegenseitig ausschließt mit der Frage, ob es sich um eine fürsorgende Tätigkeit handelt oder nicht. Es sind dann die verschiedensten Kombinationen denkbar. Andernfalls wären große Teile dessen, was unter Care Work diskutiert wird, keine Care Work – damit würde m.E. das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
    In der konsument(_inn)enzentrierten Perspektive sehe ich die Gefahr, dass die Leistung von Sexarbeiter_innen (neben Frauen finde ich hier im übrigen auch Trans*-Personen als weitere stark vertretene Gruppe zu berücksichtigen) danach bewertet wird, ob die Konsument(_inn)en legitim oder herrschaftsstabilisierend handeln. So erhalten gerade nicht die fürsorgearbeitenden Personen Anerkennung und werden nicht solidarisch im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen unterstützt, sondern (wieder) noch moralischen Kriterien beurteilt. Und das nicht zufälligerweise angefangen beim tabuisierten Thema Sexarbeit – wobei ich den Vorschlag, die Fragen, die Sexarbeit aufwirft, auf andere Bereiche auszuweiten, sehr sinnvoll finde.
    Wenn wir diese konsument(_innen)-zentrierte Perspektive dann noch in einem patriarchalen Verhältnis betrachten, dann wird wieder eine cis-männliche (und eher reichere) Perspektive ins Zentrum gestellt und es werden die Perspektiven von Menschen anderer Geschlechter (unterschiedlicher finanzieller Situationen, aber mit oft niedrigerem sozialen Status auf der Ebene der Anerkennung der Arbeit) erneut unsichtbar gemacht. Das halte ich für falsch und weit entfernt vom feministischen Gehalt der Care-Work-Debatte – da bleibt dann nur noch die eine Hälfte übrig, wo es um gesellschaftliche Nutzbarkeit geht, und das ist mir dann zu nah am Thema Ausbeutung/Instrumentalisierung.

    Die Frage, ob es ein Recht gibt, die eigenen sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen (anhand des Ehepaar-Beispiels), was wiederum auch auf normative Verengungen in Bezug auf Sexpraxen und Paarkonstellationen verweist, würde ich umformulieren, ob es legitim ist, die Erfüllung der eigenen sexuellen Bedürfnisse in einem konsensuellen Rahmen zu verfolgen. Diese Frage würde ich dann klar mit ‚ja‘ beantworten.
    Wie sich das mit Aushandlungen von Partnerschafts-Formen verträgt, und wie sich darin Machtverhältnisse spiegeln, und wer infolgedessen in welcher Form unbefriedigt bleibt, ist eine andere Frage, die sicherlich spannend in ihrer Komplexität zu diskutieren wäre.

    Bei allen kritischen Anmerkungen dennoch: Herzlichen Dank für diesen sehr anregenden Artikel!

  • @Claudia: Ja, diese Frage, welche Konsequenzen es hat, wenn ein Produkt oder eine Dienstleistung beim Care-Check durchfällt, stellt sich logischerweise. Es gibt ja auch längst politische Kontrollmechanismen für die Legitimität von wirtschaftlichen Aktivitäten, zum Beispiel die Bewilligungsverfahren für Waffenexporte oder Grenzwerte für ökologische Belastung. In heutigen Rechtsstaaten ist es zwar, wie @Antje sagt, legitim, „mit unnützen Dingen Geld zu verdienen“, aber es ist schon heute nicht unbegrenzt erlaubt, mit SCHÄDLICHEN Dingen (Waffen, Drogen, umweltbelastende Produkte) Profit zu machen. In den entsprechenden Prüfungsverfahren kommt zwar vorerst der Begriff Care nicht vor, und auch nicht postpatriarchale Überlegungen zur Differenz von Bedürfnisbefriedigung und Entitlement. Aber das würde sich in einer Care-Centered Economy dann halt ändern. Jedenfalls würden wir mit solchen Test- und Verbotsverfahren nichts prinzipiell Neues erfinden, sondern uns in den bestehenden Konsens stellen, dass es zwischen Profit und Ethik eine Güterabwägung braucht. Schon heute ist es so, dass an diesen Übergängen von legitimen zu illegitimen wirtschaftlichen Aktivitäten permanent Konflikte ausgetragen werden, wie z.B. die Debatten über Kriegsmaterialexporte oder TTIP zeigen. Ob wir die Art, wie in bestehenden Rechtsstaaten die Kontrolle realisiert wird, gut finden, oder ob es da bessere Verfahren gäbe, ist dann nochmal eine andere Frage…

  • Antje Schrupp sagt:

    @Katharina – Ja, die praktische Entscheidung der Frage nach der Care-Qualität einer Arbeit der fürsorgenden Person zu überlassen, finde ich einerseits gut, so wie du sie argumentierst. Allerdings zwei Bedenken. Das erste ist die Frage nach der materiellen Absicherung. Eine Person, die mit dieser Arbeit Geld verdient und darauf angewiesen ist, wird möglicherweise dazu neigen, sie auch sich und den anderen gegenüber „schönzureden“, weil das direkte Auswirkungen auf ihr Einkommen hat. Ich denke, ein wirklicher Seismograf für die „Carehaftigkeit“ einer Tätigkeit kann die Einschätzung der fürsorgenden Person eigentlich nur sein, wenn damit keine anderen existenziellen Interessen verknüpft sind, zum Beispiel, weil es ein Grundeinkommen gibt oder sie jede Menge anderer Möglichkeiten hat, an Geld zu kommen.

    Meine zweite Anmerkung ist, dass gerade im Bereich von Pflege und Assistenz es eigentlich wichtig wäre, die Perspektive der Fürsorge empfangenden Person mehr zu berücksichtigen. Denn hier steht nicht einfach ein Bedürfnis, sondern eine faktisch alternativlose Bedürftigkeit im Raum und damit eine viel größere Abhängigkeit von der Fürsorgenden. Dieses Machtgefälle kann dann ausgenutzt werden. Ich denke da an ein Ehepaar, das ich früher mal kannte: Er war während ihrer Ehe immer sehr dominant gewesen, aber dann hatte er einen Schlaganfall und wurde von ihr viele Jahre lang gepflegt, und ich hatte immer den Eindruck, sie zahlt es ihm jetzt heim, dass er auf sie angewiesen ist.

    Fürsorgebeziehungen sind halt immer eingebettet in komplizierte Kontexte von anderen Beziehnungesverhältnissen. Deshalb ist es wahrscheinlich so schwierig, allgemeingültige Regeln für ihre Beurteilung aufzustellen, sondern es können immer nur Anhaltspunkte sein, während man immer im konkreten Fall abwägen muss.

  • Katharina Debus sagt:

    @Antje: Danke für die Antwort!

    Bzgl. Deiner ersten Anmerkung stellt sich mir dann auch die Frage nach der Relevanz der Beurteilung. Ich argumentiere im Moment zentral von der Frage der Anerkennung von Care Work. Wenn es um Anerkennung der Leistung geht, die in dieser Arbeit steckt, und nicht um die Frage, ob sie legitim auszuüben sei oder nicht, dann sehe ich wenige Gründe, warum in dieser Beurteilung ‚gelogen‘ werden sollte. Ich gehe allerdings auch davon aus, dass Sexarbeit aus Perspektive der Sexarbeitenden in aller Regel Fürsorge-Arbeit ist (was noch keine Aussage über Freiwilligkeit, Zwang etc. beinhaltet – wie gesagt würde ich das von der Frage der Care Work abkoppeln).
    Bei bedingungslosen Grundeinkommen, Aufenthaltserlaubnissen etc. bin ich aber sowieso mit im Boot, weil das m.E. die besten Maßnahmen gegen Zwang sind, in Bezug auf Sexarbeit und andere ausbeuterische Arbeits- und Beziehungsverhältnisse.

    In punkto Pflege und Assistenz stimme ich Dir völlig zu, dass da die Perspektive der Care in Anspruch nehmenden (oder nehmen wollenden) viel stärker mit berücksichtigt gehört – guter Punkt, danke! Ich war von Deinem Szenario des gut verdienenden und relativ autonom lebenden Sexarbeits-Kunden ausgegangen. Allerdings finde ich für die Entscheidung, ob etwas Care Work ist oder nicht, immer noch die Perspektive der Arbeitenden entscheidend. Ob die Arbeit qualitativ gut ist, dafür ist, so würde ich nach Deinem Einwand erweitern, insbesondere in Abhängigkeitsbeziehungen, die Perspektive der Konsument_innen sehr relevant. Und sowieso braucht es Mechanismen, die deren Rechte schützen/stärken…

    Weiterhin finde ich aber auch die oben schon aufgeworfene Frage interessant, wofür es wann welchen Sinn hat, in Care Work und Nicht-Care-Work zu unterscheiden. Das würde für mich dann auch ggf. zu jeweils unterschiedlichen Schlussfolgerungen führen.

    Und: Einen schönen Übergang ins neue Jahr allerseits!

  • Charybdis sagt:

    Gesetzt den Fall, wir stufen Folgendes als Carearbeit ein: Eine Prostituierte bietet einem hässlichen Versager, den sonst keine halbwegs attraktive Frau im Bett haben will, gegen Geld Trost und die Illusion der Akzeptanz. Was ja sehr häufig vorkommt. Dazu müsste es allerdings der gesellschaftlichen Norm entsprechen, dass sich auch die hässliche Versagerin Trost und die Illusion der Akzeptanz von einem attraktiven Mann kaufen kann. Dazu müsste erst einmal das Patriarchat abgeschafft werden. Da aber die Prostitution ein Symptom des Patriarchats ist wäre die Sache dann ohnehin obsolet.

    Ansonsten stimme ich Gaby zu: Es gibt kein verbrieftes Recht auf Zärtlichkeit, Körpernähe und Sex. Kinder haben natürlich schon das Recht auf Zärtlichkeit und Körpernähe, deshalb ist Kinderbetreuung im Gegensatz zur Prostitution auch echte Carearbeit.

    Ein Restaurantbesuch ist eindeutig nicht Care, weil sich ein gesunder Erwachsener selber Nahrung zubereiten kann.

    Ausserdem: Zu einem guten Leben für alle gehört es, dass 50% der anfallenden Carearbeit von Männern erledigt wird, ob bezahlt oder nicht.

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