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Der Kölner Dom – ein blinder Fleck

Von Silke Kirch

Die dunklen Wolken über dem Kölner Dom kommen nicht nur aus einer Richtung.

Die dunklen Wolken über dem Kölner Dom kommen nicht nur aus einer Richtung.

Stottern ist besser als reden

Sie machen mich wütend. Die deutschen Saubermänner, die zwar liebenswürdigerweise versuchen, nicht zu generalisieren – „die sind nicht integrierbar“ –, es dann aber doch tun, weil sie der Meinung sind, dass Deutschland in Sachen Geschlechtergerechtigkeit on Top sei. Also sollen alle Frauen die Klappe halten, die Männer kümmern sich schon um die üblen Gesellen. Was passierte im Bahnhof und auf der Kölner Domplattform, wer weiß das? Kommt nach und nach die Wahrheit ans Licht? Welche Vorstellung haben sich die Menschen in der Zwischenzeit gemacht? Wie viel Spaß macht es wem, sich auszudenken, was alles passiert sein könnte? Wie sehr befeuert gerade das Versteckspiel mit der Wahrheit die Phantasie, wer hat etwas davon? Und wen interessiert es anschließend wie lange, was tatsächlich passiert ist, was das bedeutet für die Frauen, denen es passiert ist? Der vermeintliche Clash of Civilizations am Kölner Hauptbahnhof wird zu einem brüderlichen Schlag in das Gesicht von Frauen. Aber nicht nur in das Gesicht von Frauen, auch in das Gesicht von Schutzbedürftigen, die einen weiten Weg gegangen sind, und in das Gesicht von schutzbedürftigen Kindern. Ich denke, so wie die Diskussion geführt wird, sind die Relationen aus dem Blick geraten, dabei liegt doch alles wie auf dem Präsentierteller vor uns. Der Präsentierteller ist die Kölner Domplattform.

Die Geschehnisse in der Silvesternacht trugen sich im Schatten des Kölner Doms zu. Der Kölner Dom, das Sinnbild der katholischen Kirche in Deutschland – eine Institution, die ein massives strukturelles Problem mit Gewalt und sexualisierter Gewalt gegenüber Minderjährigen und Schutzbefohlenen hat. Ist es ein Zufall, dass gerade in diesen Tagen der Bericht über die Verbrechen an den Regensburger Domspatzen vorgelegt wurde? Möglich. Kein Zufall jedoch ist es wohl, dass über den aufklärenden Bericht bezüglich der Vorfälle in Regensburg nicht oder kaum gesprochen wird. Kein Anlass zur Erregung. Vielleicht gerade deshalb, weil in diesem Fall nun die Fakten auf dem Tisch liegen, die Wahrheit ans Licht gekommen ist. Der Stoff hat kein Erregungspotenzial mehr. Wen interessiert das, was ist und war, es ist doch viel aufregender sich mit dem zu befassen, was möglicherweise hätte sein können. Kein Zufall vielleicht auch, dass nicht darüber geredet wird, was Gewalt gegen Kinder und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Heranwachsende – oder Frauen? – mit der Kirche als Institution, mit dem Christentum, mit dem Menschenbild gläubiger Christen katholischer Konfession zu tun hat. Es wird darüber geredet, was die Ereignisse in Köln mit dem Islam zu tun haben. Doch wenn es in Deutschland ein offenkundiges strukturelles Problem mit Gewalt gibt, dann in der Katholischen Kirche. Vielleicht gibt es auch in islamischen Gesellschaften oder in islamischen Gemeinden ein strukturelles Problem mit Gewalt. Aber darüber können wir nur reden, wenn wir die Selbstreflexion nicht ausschalten. Den Fremden, der die eigenen Frauen schändet, kann nur der sehen, der nicht aufgehört hat, Körper und Kontinente zu kolonialisieren. Die Kirche ist eine mächtige Kolonialmacht, und während die Frauen sich aus ihrer Position der Schutzbefohlenheit nach und nach emanzipiert haben, blieben die Kinder, die Körper der Kinder, die Seelen der Kinder, Brennpunkte im Hohlspiegel des Patriarchats, das nicht aufgehört hat, seine Phantasien von Allmacht, Herrschaft, Einzigartigkeit hervorzubringen. In diesem Hohlspiegel tauchen nun plötzlich auch wieder die Frauen auf. Aber ist es eine Horde nordafrikanischer und arabischer Männer, die sie zurückbringt in dieses Spiel? Oder ist es nicht vielmehr die selbststimulierende Erregungslust, die in unserem Land von jeder Plakatwand herunterlächelt und den Schritt Vorübergehender beflügelt? Der Subtext der Feindlichkeit gegenüber Anderen ist eine Haltung, die „dunkle Kontinente“ braucht und im anderen Menschen – Frauen, Kinder, Zugereiste – dingfest macht: Das Fremde muss gleichermaßen beherrschbar wie unberührbar bleiben, damit es die Phantasie erregen kann. Erst dann kann man es gebrauchen.

Was kann einem Menschen Heimat sein, der geflohen ist? Was kann einem Menschen Heimat sein, der geschlagen wurde? Vielleicht von seinem Nächsten in der eigenen Wohnung? Oder gefoltert? Wo kann er sich zu Hause fühlen? Was kann einem Menschen Heimat sein, der missbraucht wurde, der sich selbst in seinem Körper nicht heimisch fühlen kann? Wo findet ein Kind Heimat, das im Namen der Religion mit Haut und Haar in eine spirituelle Obdachlosigkeit getrieben wurde, die jeden Wunsch nach Heimat auf eine kaum vorstellbare schreckliche Weise pervertiert? Bildlicher als in Köln kann eine Verschiebung von Problemen kaum sein – hier Männer, die sich mit krimineller Energie zur Jagd auf Frauen verabreden, dort Männer, die sich nicht erst organisieren müssen, um Gewalt auszuüben, sie sind es schon und zwar auf eine so vortreffliche Weise, dass ihnen niemand, niemand, auch nach Jahren der Skandale und Sichtbarmachung von Verbrechen nicht, am Zeug flicken kann. Köln ist ein blinder Fleck in den Köpfen, und solange das so ist, wird es für viele Menschen in diesem Land keine Heimat geben, für Kinder, für Frauen, für hier geborene Menschen, für Zugereiste, keine Heimat, weil der Mitmensch inmitten der Nacht fehlt.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Danke, Silke Kirch – mir aus der Seele gesprochen.

  • Elfriede Harth sagt:

    Solange die katholische Kirche Frauen vom Amt ausschließt aufgrund ihres Geschlechts, heiligt sie eine symbolische Ordnung, die Penis und Hoden zu sakramentalen Zeichen für die Ausübung von religiöser Autorität macht. – Wie gut, dass sich immer mehr Katholik_innen inzwischen darüber hinwegsetzen und den Klerus als so gut wie bedeutungslos für ihr Seelenleben und ihr Verhältnis zu Gott betrachten. Die innerkirchliche Säkularisierung (Trennung von Religion und Amtskirche) wächst unaufhaltsam. Gerade durch diesen wachsenden Abstand und immer größere Unkenntnis über die offizielle Doktrin vergessen aber die meisten, dass unsere katholische Religion weitaus frauenfeindlicher ist, als z.B. der Islam, (von dem die meisten hauptsächlich nur Vorurteile, statt wirklicher Kenntisse haben).

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Alle patriarchalen Religionen und ihre Kulturen sind auf dem Fundament der Frauenfeindlichkeit bis hin zum Frauenhass aufgebaut. Während die Gruppen im Judentum und Christentum ihren patriarchalen Biss auch dank der Frauenbewegung und der feminstischen Frauenforschung immer mehr verlieren, ist der jüngere Islam noch wenig von seiner Mannzentrietheit verloren. Fast im Gegenteil – er blüht und gedeht dank Wahibismus und der Ideologie des sog. IS und wird vermutlich auch unter getauften, unsicheren jungen Männern Anhänger finden. Unsere mühsam erkämpften Frauenrechte sind nicht das Papier wert, wenn wir nicht dafür Flagge zeigen.
    Zum Glück liegt das finstere Kapitel der Regensburger Domspatzen nun auch offen. Angeblich hat ihr ehemaliger Chorleiter Georg Ratzinger davon nichts gewusst. Diese Meldung hat in meinen Augen deshalb keinen Aufschrei verursacht, weil erstens ein Teil der Übergriffe schon
    bekannt war und zweitens, weil die Macht der Bilder von der Neujahrsnacht in Köln zu präsent ist.

  • Dagmar Gruß sagt:

    Liebe Silke Kirch,
    danke erst einmal für die Idee, die beiden Nachrichten untereinander in Verbindung zu setzen. Beim Weiterdenken (was ich ja hier auf dieser Seite auch soll) fiel mir auf, dass auch diese Meinungsäußerung mir zu sehr von political correctness geprägt ist.
    Warum muss ich erst von Hexenverbrennung reden, um eine kritische Bemerkung zu Muslimen oder gar dem Islam im Ganzen (den es vielleicht gar nicht gibt) abliefern zu dürfen?
    Dass hinter den Regensburger Domspatzen eine geradezu mafiöse Struktur steckt, muss auf die Tagesordnung in aller Breite und Schärfe, aber es macht mir die Machenschaften des IS und auch die Vorgänge auf der Domplatte nicht sympathischer.
    Vielleicht ist es doch besser, auf das Einzelne zu schauen und nicht im Allgemeinen zu denken und mir damit das konkrete Grauen
    vom Halse zu halten.
    Ich versetze mich auch – mit Phantasie – in die Frauen hinein und möchte das nicht selbst erleben. Ich möchte auch die schwarze Hand nicht weiß machen müssen, um erzählen zu dürfen, wohin sie gefasst hat.
    Jetzt zählt nur Mitgefühl und Wahrheitssuche finde ich.
    Die Wahrheit wird uns frei machen. (Jesus)
    Vielleicht hat sogar unser Verlust des Wortes „Sünde“ etwas damit zu tun, dass das Unerwünschte nicht mehr benannt werden kann.
    Mir ist es lieber, die Sicherheitskräfte an den Flüchtlingswohnheimen zu verstärken, als die Wahrheit zum Spielball bestimmter Interessen zu machen.

    Das Verschweigen von Tatsachen hilft den rechten Kräften.

    Oder können selbst die Opfer – im Sumpf der Meinungsmachenden – schon gar nicht mehr unterscheiden, was Wahrheit und was Dichtung ist? Sie haben sich erst getraut, etwas Gemeines zur Anzeige zu bringen, als sie merkten, dass die Öffentlichkeit sie überhaupt hören will. Das gibt mir zu denken.
    Wir hätten besser auf Kirsten Heisig hören sollen … die wohl aus dem Leben ging, weil sie nicht sagen durfte, was sie wusste.

    Das Problem ist, dass die Meinungsmachenden so wenig Kontakt zu denen haben, über die sie schreiben. Und man dürfte nicht nur einen Flüchtling kennen, um über die Flüchtlinge etwas schreiben zu dürfen.

    Manche Flüchtlinge sind gewalttätig. Nicht alle sind gewalttätig.
    Manche Priester sind Kinderschänder. Nicht alle Priester sind Kinderschänder.
    Und – was schließen wir daraus? Wir schauen auf den einzelnen und lassen die Allgemeinplätze, auch die durch Suggestivfragen herbeigeführten.

    Dagmar Gruß

  • Yvonne Renne sagt:

    Also, Kirche und Rassismus hin oder her. Was hier gerade passiert, ist, dass Männer laufend mit Männern über „Vorkommnisse“ Verhaltensauffälligkeiten““ Ereignisse“ sprechen und ich kotzen könnte. Die Institutionen, die seit Jahrzehnten zu sexualisierter Gewalt arbeiten werden nicht gefragt. Sexualisierte Gewalt als Them steht nicht im Fokus. Genau so wenig, wie die Folgen: Für die Opfer und alle anderen Frauen. Es wird NICHT darüber geredet, was getan werden kann, damit Frauen sich hier sicher fühlen können. Und zwar auf der Domplatte und in ihrem Zuhause! Es wird NICHT darüber geredet, wie sich solidarische Männer verhalten können. Was Mönner tun können, damit Frauen sich sicherer fühlen. Am Anfang habe ich noch gedacht, es wäre doch eine gute Idee, wenn solidarische Männer einen Button tragen, damit Frau weiß, auf wen sie zählen kann. Aber, ehrlich? Ich würde keinem trauen, dass es nur eine Masche ist. Ich finde es zum Kotzen, dass die sexualisierte Gewalt als Aufhänger für Nazis u.a. genommen wird, um endlich ihren Rassismus zu feiern. Mir ist es egal, wer die Gewalt ausübt,- ER muss bestraft werden,- und zwar so, dass es von allen ernst genommen wird und nicht als Lapidardelikt. Wie wenig weit wir als „zivilisiertes“ Land weg sind von dem, was wir anderen unterstellen, sehen wir daran, wie die Politik und die Medien jetzt damit umgehen. Was jetzt in den Mittelpunkt gehört, ist das Thema sexuelle Gwealt an Frauen und Kindern. JETZT!

  • Ja, es ist halt immer einfacher, den Splitter im fremden Auge, jedoch nicht den Balken im eigenen zu sehen!

  • sandra Divina laupper sagt:

    Hallo Silke!
    Dein Text hat mir wirklich sehr gut gefallen. Es ist die Betroffenheit einer Frau herauszuhoeren, die merkt: Auf meine Kosten nimmt sich jemand heraus, einen anderen auf Grund seiner Hautfarbe, Religion, Herkunft, Kultur… fuer ein Verbrechen zu verurteilen, von dem hingegen stillschweigend hingenommen wird, dass es – vielleicht in einer „privateren“ Form – von den Angehoerigen der eigenen Nation, Religion, Herkunft, Kultur… jederzeit mehr oder weniger problemlos veruebt werden kann – auf jeden Fall immer wieder veruebt wird, ohne als notwendiger Anlass fuer eine Reflexion und Infragestellung der eigenen Sexualitaet wahrgenommen zu werden. Offensichtlich gilt nach wie vor, was sich einmal eine Fussballmannschaft bei einem internationalem Freundschaftsspiel auf die Fahne geschrieben hat: „Die Gewalt an Frauen ist ein Problem der Maenner.“ Aber offensichtlich ist das auch ein Problem, von dem nach wie vor viele Maenner Frauen wie dir und mir erst beweisen muessen, dass sie wirklich bereit sind, es als ein Problem anzusehen, das mit ihrer eigenen Sexualitaet zusammenhaengt.
    Weniger gluecklich finde ich die letzten sieben Worte deines Textes. Tatsaechlich denke ich nicht, dass es das Fehlen eines Mitmenschen in der Nacht ist, das es jemandem verwehren kann, sich irgendwo sicher zu fuehlen (Denken wir nur schon an Einsiedler!), sondern dass das Problem vielmehr in einem Mangel an Wahrnehmung weiblicher Autoritaet und Freiheit liegt – ein Mangel, den ich nur bekaempfen kann, indem ich bewusst Beziehungen zu anderen Frauen pflege, in denen stets auch die Ausuebung und Anerkennung weiblicher Autoritaet mit im Spiel ist.
    Liebe Gruesse,
    Sandra

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Hallo liebe „Alle“!

    Um an der grundsätzlichen Flüchtlingsdramatik anzuknüpfen:
    Mir fehlt es an Objektivität zur Beurteilung der allgemeinen Lage. Überall lese, höre ich Teilaspekte des Ganzen, weiß aber viel zu wenig über die einzelnen Herkunftsländer der Geflüchteten, über die asylrechtlichen Bedingungen, über das,
    was tatsächlich passiert (ist) an unterschiedlichen Standorten
    in Deutschland etc. Dieses bruchstückhafte Wissen bereitet mir
    langsam Unbehagen. Vllt geht es vielen meiner Mitfrauen
    ähnlich? Ich will schauen, ob es für mich Möglichkeiten gibt,
    mich zeitnah umfassend und möglichst objektiv zu informieren.

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