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Familie und Beruf: Wie Mütter in Frankreich?

Von Barbara Peveling

Vom Traumland zum Albtraum. Warum das Leben französischer Mütter auch nicht attraktiver ist als das deutscher Frauen: System bleibt System. Eine Beobachtung jenseits kultureller Stereotypen.

Foto: baerchen57/Flickr.com cc by-nc-sa

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Viele deutsche Mütter träumen von dem Leben französischer Frauen. Denn für diese ist ja alles einfach: Sie bekommen Kinder, dazu noch mehrere und nicht nur eines oder eineinhalb. Sie schaffen ihre Karriere nebenher, und last but not least haben die Französinnen und Franzosen auch noch ein aktiveres Liebesleben als Menschen in deutschen Schlafzimmern. Kurz gesagt: Französische Mütter sind, anders als ihre deutschen Pendants, nicht reduziert auf ihre Mutterschaft, sondern vor allem eins geblieben: Frauen. Kinder, Küche, Karriere à la Française alors?

Das empfiehlt zum Beispiel die deutsche Journalistin Annika Joeres in ihrem Buch „Vive la famille: Was wir von den Franzosen übers Familienglück lernen können, in dem alle Stereotype der französischen Frau und Gesellschaft so brav abgespult werden wie das ABC in der Schule. Es würde uns Deutschen doch so viel besser gehen, würden wir es wie die Franzosen machen, behauptet sie. Stimmt das?

Französische Stereotypen

In Frankreich, so lautet der Stereotyp und so behauptet es auch Joeres in ihrem Buch, gehen Mütter drei Monate nach der Geburt wieder arbeiten. Das Kind wird in dieser Zeit problemlos in der sogenannten Crèche, der Kita, untergebracht. Allerdings: Dazu muss die Mutter, oder besser gesagt die Familie (denn eigentlich sollte Erziehung ja eine Familienangelegenheit und kein Mutterproblem sein), erst einmal einen Platz in einer Kita haben.

Aurelie beispielsweise, die in einem Pariser Vorort lebt, hatte keinen Kitaplatz bekommen. Um einen Platz zu bekommen müssen Frauen sich schon zu Beginn ihrer Schwangerschaft um einen Platz bewerben, sonst haben keine guten Aussichten. Auch mit qualifizierten Tagesmüttern werden Verträge oft noch in der Schwangerschaft abgeschlossen. Auch Aurelie entschied sich für eine Tagesmutter, als sie nach der Geburt ihrer Zwillinge wieder arbeiten gehen wollte. Ihre Töchter waren damals fünf Monate alt, ihr Mann kam nie vor acht Uhr abends nach Hause. Aurelie beschloss, ihre Stelle in einem Personalentwicklungsbüro, wo sie seit Studienende eine feste Stelle hatte, in Teilzeit wieder aufzunehmen. Zurück an ihrem Arbeitsplatz begann allerdings das Mobbing: Der Personalleiter war mit ihrer Teilzeit nicht einverstanden. Aurelie ging und suchte sich eine Stelle an einer Berufsschule. „Lehrerin ist ein Beruf, der sich gut mit den Betreuungszeiten vereinbaren lässt“, erklärt sie, inzwischen Mutter von drei kleinen Mädchen.

Auch Pauline wechselte direkt nach dem Mutterschutz ihren Beruf. Als Ingenieurin hätte sie weiterhin viel reisen müssen, mit drei Kindern ging das nicht mehr. Vor allem, weil ihr Mann in derselben Branche arbeitete und trotzdem mehr verdiente als sie. Pauline eröffnete eine Filiale einer Kinderbekleidungskette an ihrem Ort. „Meine Arbeitszeit bestimme ich selbst““, erklärt sie.

Wie Pauline und Aurelie hat auch Juliette drei Kinder. Sie musste aber nicht ihren Beruf wechseln. Als IT- Spezialistin bei einer Bank konnte sie die Reduzierung ihrer Arbeitszeit auf 80 Prozent durchsetzen. „Banken sind immer noch so angelegt, dass sie viel Freiraum bieten, Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren“, erklärt Juliette. So hat sie immer mittwochs frei, um sich um ihre Kinder zu kümmern und diese zu ihren Sport- und Musikkursen zu begleiten. Der Mittwoch war bisher in Frankreich unterrichtsfreier Tag, das sollte eigentlich mit Hollands Grundschulreform von 2012 geändert werden. Allerdings wurde die Reform nur unvollständig umgesetzt, auch im Großraum Paris ist teilweise am Mittwoch noch immer unterrichtsfrei. Für Juliette hat sich also nicht viel geändert. Sie arbeitet mittwochs nicht, und an den anderen Tagen kommt sie erst nach 20 Uhr nach Hause. Von der Schule werden die Kinder von einer sogenannten „Nounou“, der Kinderfrau, abgeholt, die auch das Abendessen vorbereitet. Denn auch Juliettes Mann kommt spät nach Hause. Er hat, obwohl er bei einer Bank in der Direktion arbeitet, seine Arbeitszeit anders als Juliette nicht reduziert.

Ein stressiger Alltag, jenseits jeden Ideals

„Eigentlich würde ich lieber ganztags arbeiten“, erklärt Juliette, „denn durch das ganze Hin und her Fahren bin ich eigentlich nur unterwegs, habe aber nicht mehr Zeit mit den Kindern“. Hätte die Umsetzung der von Hollande 2012 durchgeführten Schulreform funktioniert, würden die Kinder außerschulische Aktivitäten eigentlich in der Schule angeboten bekommen. Mütter würden so entlastet und Kinder auch. So ist es aber nicht.

Es fehlt an Personal und auch an Finanzierung, überall. Von der hohen Qualität französischer Kinderbetreuung, die im allgemeinen deutschen Vorurteil gerne heraufbeschworen wird, ist häufig nichts zu merken.

„Als ich meine Zwillinge am ersten Schultag in die Schule brachte, war ich schockiert“, erzählt Aurelie, „ich stolperte über kotzende, heulende Kinder, die dabei waren, sich in die Hose zu pinkeln. Die anwesende Erzieherin war mit dreißig Kindern allein völlig überfordert.“ Ihr zur Seite sollte eigentlich eine von der Kommune ausgebildete Assistentin (eine so genannte ATSEM) stehen. Doch oft gibt es nicht genug Geld, und zwei Klassen müssen sich eine Assistentin teilen. Das macht einen Betreuungsschlüssel von einer Fachkraft für zwanzig Kinder im Kindergartenalter. Laut dem deutschen Kinderhilfswerk soll eine Fachkraft allein sich um nicht mehr als acht Kinder kümmern.

Wer träumt von wem?

Zwar können die Kinder in Frankreich bis 19.30 Uhr in den Schulen bleiben, doch wird der Betreuungsschlüssel abends noch geringer, das Personal ist oft nicht ausgebildet, und meist werden die Eltern auch von den Kommunen zur Kasse gebeten.

„Seitdem ein kleiner Junge aus der Schule weglaufen konnte und fast an der nächsten Kreuzung von einem Auto angefahren wurde, lasse ich meine Kinder nicht mehr in der Schule zur Hortbetreuung“, erklärt Juliette. Der Spagat zwischen Kinderbetreuung und Karriere ist also auch für Französinnen nicht so einfach zu schaffen wie geglaubt, und nicht selten schauen sie sogar mit neidischem Blick auf deutsche Verhältnisse. In Frankreich gibt es zwar eine monatliche Unterstützung für Eltern, die daheim bleiben, aber mit deutlich unter 1000 Euro wird es damit keinem Vater, der vielleicht Hauptverdiener ist, schmackhaft gemacht zu Hause zu bleiben. „Die Politiker sind auch kein Vorbild“ klagt Pauline, von jemandem wie Sigmar Gabriel, der sich als Politiker öffentlich Zeit für elterliche Verpflichtungen nimmt, lässt sich in Frankreich nur träumen. Politikerinnen wie Laurence Parisot prangern die Ungleichheit des französischen Systems an und fordern – analog dem deutschen Vorbild – eine Elternzeit für Väter. Dies auch mit der Absicht, Männer dazu zu bringen, ebenfalls Aufgaben im Haushalt und Erziehung zu übernehmen, was in Frankreich genauso wie in Deutschland meist an den Frauen hängen bleibt. Wie Pauline, Juliette und Aurelie kämpfen sich die Französinnen zwar nach der Geburt der Kinder schnell zurück auf den Arbeitsmarkt, aber sie zahlen dafür einen hohen Preis, und das nicht nur in Bezug auf den Kontakt und Nähe zu ihren Kindern, sondern auch in ihrer beruflichen Karriere.

Hier wie dort, kein Königinnenweg

Deutschen Frauen, die weiter vom französischen Königinnenweg träumen, ist der Film „La vie domestique“ (Das häusliche Leben) von Isabelle Cazjka mit Emanuelle Devos in der Hauptrolle zu empfehlen, der 2013 in französische Kinos kam. Bereits in der ersten Szene wird die Misere französischer Frauen überdeutlich: Während eines Geschäftsessens wird die von Devos gespielte Juliette vom Firmenboss gefragt, was sie denn mache. Sie antwortet: „Ich war Lehrerin, dann habe ich eine (Kinder)pause gemacht, jetzt suche ich Arbeit in einem Verlag und gebe Literaturkurse in sozial benachteiligen Stadtteilen.“ Die Antwort: „Gut, dann sind Sie ja beschäftigt.“ Als sie wenig später bei dem Literaturkurs den anwesenden Jugendlichen erklärt, dass Frauen in Frankreich frei und gleichgestellt sind, ist die lakonische Antwort eines jungen Mädchens: „Ach so, dann leben wir nicht im selben Land.“ Bisher erschien der Film nicht in Deutschland, vielleicht hängt das damit zusammen, dass das Frankreichbild und die damit verbundene paradiesische Vorstellung nicht ins Wanken kommen soll.

Doch wir müssen aufhören, hier wie dort, neidisch oder kritisch auf die andere Seite des Rheins zu schielen. Es kann auch keine Lösung sein, sich lediglich an negativen oder positiven Stereotypen abzuarbeiten, sondern eine realistische Zielsetzung ist gefragt. Damit Frauen und Männer sich in ihren verschiedenen Lebensbereichen, Beruf und Familie, ohne faule Kompromisse nach ihrem freien Willen selbst verwirklichen können.

 

Autorin: Barbara Peveling
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 19.01.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Die Klischees von Weiblichkeit / Männlichkeit spiegeln sich
    auch in Frankreich in den real vorwaltenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Gibt es eine vertiefte und breite Sexismus-Debatte?

  • Doreen Heide sagt:

    Mir hat von Anfang an geschwant, dass an diesem Ideal der französischen Mutter, welches uns in einer Ratgeberschwemme nahegebracht werden soll, irgendetwas faul ist. Diese französische Frau, die drei Monate nach der Geburt wieder vollzeit in ihren Beruf einsteigt, nach Feierabend zur Crèche hetzt und abends in liebreizender Schönheit ihrem Monsieur das Essen auf den Tisch stellt, konnte vor allem nur eines sein: ziemlich gestresst. Und oft funktioniert die ganze Choce auch nur mit dem Kindermädchen aus Nordafrika, welche ihrerseits auf eigene Familie verzichtet oder diese in der Heimat zurück lassen muss. Das vielbeschworene französische Modell ist in Wahrheit also eher ein Modell Globalista, welches auf der traditionellen kolonialen Ausbeutung aufbaut.
    Und für die Kinder, die von früh bis spät in den staatlichen Einrichtungen abgestellt werden, kann das auch nicht gut sein, wie aus dem Bericht ebenso deutlich wurde.
    Es führt kein Weg daran vorbei: Verantwortung für Kinder funktioniert nur mit reduzierter Arbeitszeit beider Eltern und staatlichem Ausgleich zwischen Eltern und Kinderlosen.
    Was ich jedoch nicht ganz verstanden habe: Woher stammen die ganzen Fallbeispiele? Aus dem Buch „Vive la familie“? Das aber möchte doch die französischen Verhältnisse als ideal darstellen.

  • Ute Plass sagt:

    „Doch wir müssen aufhören, hier wie dort, neidisch oder kritisch auf die andere Seite des Rheins zu schielen. Es kann auch keine Lösung sein, sich lediglich an negativen oder positiven Stereotypen abzuarbeiten, sondern eine realistische Zielsetzung ist gefragt. Damit Frauen und Männer sich in ihren verschiedenen Lebensbereichen, Beruf und Familie, ohne faule Kompromisse nach ihrem freien Willen selbst verwirklichen können.“

    Die Debatte darüber wird ja schon seit geraumer Zeit geführt: Z.B. hier:http://antjeschrupp.com/2013/03/26/grundeinkommen-und-sorgearbeit-update/
    Zitiere daraus:
    „Uns liegt daran, die ungelöste Frage der heute unter- oder unbezahlten, unverzichtbaren Sorgearbeit in den Debatten um das Grundeinkommen stets zum Thema zu machen. Richtig verstanden würde das Grundeinkommen eine neue Ausgangsbasis darstellen, von der aus neue, gerechte Gesellschafts- und Geschlechterverträge ausgehandelt werden können. Wird der Aspekt der fast ausschliesslich von Frauen geleisteten Sorgearbeit jedoch ausgeblendet, kann aus dem Grundeinkommen schnell ein unsoziales, neoliberales Projekt werden, das HausarbeiterInnen, Pflegekräfte und andere im Care-Sektor Beschäftigte mit einem Grundeinkommen „abspeist“. Das Grundeinkommen darf nicht als „Hausfrauenlohn“ missverstanden werden. Es wird für alle bedingungslos ausbezahlt und ermöglicht es allen, von einer gesicherten Existenzbasis ausgehend über alle Formen von Arbeit und deren Verteilung neu zu verhandeln. Zukunftsfähig ist das Projekt des bedingungslosen Grundeinkommens nur auf der Basis einer Definition von „Arbeit“ und „Wirtschaft“, die alle gesellschaftlichen Leistungen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse umfasst.“

    Und natürlich bedarf es einer weiter wachsenden Kapitalismuskritik und Auseinandersetzung mit den Themen Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität.

    http://www.postwachstum.de/postwachstumsgesellschaft-und-grundeinkommen-20130422

  • Ute Plass sagt:

    Eine interessante Feststellung der Tochter meiner Freundin, die in Frankreich lebt, verheiratet mit einem Franzosen, schwanger mit dem dritten Kind.
    Im Gegensatz zu Müttern in Deutschland, meint sie, dass
    Mütter in Frankreich nicht dieses ständige schlechte Gewissen hätten, wenn ihre Kinder oft den ganzen Tag „fremd betreut“ werden.

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