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Revolution in Sapphos Garten

Von Barbara Degen, Hyun-Kyoung Shin

Ein Briefbuch der Würzburger Philosophin und Körpertherapeutin Bettina Schmitz an die ebenfalls in Würzburg lebende und wirkende Tänzerin Lisa Kuttner. Philosophie und Tanz sind sich in den beiden begegnet und haben sich gegenseitig inspiriert und verwandelt. Zwei Leserinnen, Barbara Degen und Hyun-Kyoung Shin, haben uns ihre Assoziationen und Erfahrungen bei der Lektüre zur Verfügung gestellt.

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von Barbara Degen

26.5.2015

Liebe Bettina,

der Titel deines neuen Buches “Revolution in Sapphos Garten” hat mich sofort angesprochen. Und auch deine Methode, das Buch in Briefform an deine Tanzpartnerin und Freundin Lisa Kuttner zu schreiben, gefällt  mir. Wie es sich für eine ordentliche Rezension gehört, möchte ich euch beide kurz vorstellen: Du, Bettina, bist eine Würzburger Philosophin und Schriftstellerin, die ihr politisch-historisches-feministisches Denken mit Kunst verbindet, mit Reflexionen über Sprache und in deinem neuen Buch mit Tanz.  Ich kenne dich schon länger und erinnere mich an eine Tanzperformance „Justitia ist eine Frau“ im Würzburger Landgericht, wo ich dich und Lisa in ihrer konzentrierten gemeinsamen Arbeit zum ersten Mal live erlebt habe und sehr beeindruckt war, wie so ein angeblich abstraktes Thema in Tanz umgesetzt werden kann. Lisa arbeitet seit den 80er Jahren im Würzburger Raum als  Tänzerin, Tanzpädagogin und Tanztherapeutin und gründete 2005 ihr Studio Tanzraum. Zusammen habt ihr die Frauenakademie Sapphos Garten gegründet. Sappho, die Titelfrau, wurde ca. 600 v.Chr. geboren und lehrte auf der griechischen Insel Lesbos in der Polis Mytilene. Ihre schönen Gedichte sind bis heute –bruchstückhaft – überliefert und bezaubern Frauen und Männer. Deshalb  gefällt es mir besonders, dass das Buch in ihrer Tradition viele Gedichte von dir, Bettina, enthält. Eines, das gut zu unserer Arbeit im Haus der FrauenGeschichte passt, heißt:

ahninnenschiff

auf der reise zu den ahninnen.
wo sind sie?
sie sind in mir.
wer hat mir diesen fremden
rhythmus auferlegt, diese trommelschläge?
schläge. und in mir der herzschlag. unter
den füßen der puls der erde.ich bin die
ruhe im auge des sturms. ich bin die
stille im wilden brausen. ich bin
wild bewegt und in aller stille
entströmt meinem geöffneten mund
euer singen. In wasser und erde finden
die füße grund. wir norden uns ein.
Das schmale boot wird ein Kreis.
wir sind ein ahninnenschiff.

Im Vorwort des Buches beschreibst du eine Reise, die immer tiefer und tiefer in die Buchstabenwerkstatt, die Wortschmiede  hinabreicht, in die  Wurzeln unserer Existenz als Frauen, in unseren Alltag. Auf diese Reise bin ich sehr gespannt und natürlich auch auf deine Fähigkeit, philosophisches Denken mit Gedanken über den Tanz zu verbinden und gleichzeitig die Begriffe Revolution und Rebellion mit deinen Überlegungen zu  füllen.

 

31.5.2015

Jetzt habe ich mich in das Buch eingelesen und finde viele Fragen und Anregungen, die mir sehr vertraut sind:  Die Begegnung mit einer seelenverwandten Freundin, familiäre Sorgen und Nöte, wie du sie mit deinem Sohn Jonathan schilderst, die vielen Fragen, die dir durch den Kopf gehen. Auch wenn ich selbst keine Tänzerin bin gefällt es mir, Tanz als Brücke und Verbindung zwischen Geist und Körper, als  Bewegungswissen zu interpretieren. Ich glaube, dass es dieses Bedürfnis vieler Frauen ist, das uns oft auf Widerstände stoßen lässt.

Auch den Wunsch, das Wort Revolution stimmig zu erklären, ist mir aus meiner eigenen Geschichte bekannt. Die Permanenz der Veränderung, das Prozesshafte kommt meistens zu kurz. Ich stimme dir auch zu, dass es besonders die Frauen sind, die auf gewaltlose Veränderungen drängen

Ich komme mir vor wie ein Eichhörnchen, das aus deinen Reflexionen, Gedanken und Erfahrungen Nüsse für das eigene Leben sammelt. Nachdem du lange über die Notwendigkeit und die Grenzen von Sprache nachgedacht hast, schreibst du, warum Sprache so wichtig ist. Den Worten Sinn geben, mit dieser Formulierung kann ich mich identifizieren, obwohl oder gerade weil ich einen starken Widerstand gegen allzu lange und allzu glatte Definitionen habe. Ich bin gespannt, wie dein (und mein) Erkenntnisprozess weiter gehen wird.

Beim Lesen denke ich über deine Fragen, deine Assoziationen, deine Verbindungswege zwischen Mythen, Natur den Tarotkarten, den Rhythmen der Jahreszeiten und unserer Gegenwart viel nach. Fast bei jedem Satz lege ich eine Pause ein, um das Gelesene noch einmal innerlich zu wiederholen und um es mir damit zu eigen zu machen. Gestern war ich noch einmal in dem Film “Die fünf Elefanten” über die Dostojewski – Übersetzerin Swetlana Geier. Sie kam aus Kiew und macht im hohen Alter noch einmal eine Reise in ihr Heimatland, in eine Zeit, die zugleich eine Zeit des stalinistischen und nationalsozialistischen Terrors war, um noch einmal aus dem Storchenbrunnen  ihrer Jugendzeit zu trinken. Den Brunnen findet sie nicht, aber sie lehrt die jüngeren Frauen in einer Schule die Kunst der Worte in unterschiedlichen Kulturen: Ihr müsst zuerst – so sagt sie – das große Ganze sehen und es euch zu eigen machen. Danach ist eine konzentrierte, bei ihr fast detailversessene Arbeit an den Begriffen, Worten und Klängen der jeweiligen Sprachen notwendig. Die Nase hochhalten beim Übersetzen nennt sie das. Diese Mischung aus Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Sprachgefühl in angeblich kleinen Dingen, verbunden mit einem Blick für die Gesamtheit der Welt, finde ich auch bei dir.

 

5.6. 2015

Ich schleppe dein Buch mit mir herum, so wie ich früher meine kleinen Kinder mit mir herumgeschleppt habe, immer auf der Suche nach einen paar Augenblicken oder Minuten Zeit, in denen ich mich ihren Gedanken, Worten und Gesten intensiv widmen konnte. Heute habe ich gemerkt, dass es nicht nur die Zeit  und die vielen Alltagsaufgaben sind, die mir fehlen, um mich konzentriert dem Buch zu widmen. In meinen Gedanken hakt es und nach einigem Nachdenken hat dieser Haken auch einen Namen Jonathan, dein Sohn, der an einem chronischen Müdigkeitssyndrom leidet.

An mir selbst kann ich feststellen, dass mein persönliches Umfeld meine Erschöpfungszustände nicht zur Kenntnis nimmt, sondern hartnäckig an dem Bild von mir als starker, leistungsfähiger, erfolgreicher Frau festhält, obwohl ich ausgiebig über diese Erschöpfungssituationen rede. Vermittele ich ein falsches Bild von mir?  Dieses nicht ins Bild passen  finde ich auch in deinem Buch wieder. Immer wieder spüre ich die Frage, wie läßt sich ein so ungewöhnlicher Weg, Philosophie und Tanz bewusst zu verbinden, klar und überzeugend begründen. Auch die Frage, wie lebe ich mit einem behinderten Kind, wieviel Freiraum darf und muss ich mir nehmen, bewegt mich mit. Du schreibst nachvollziehbar und regst zum eigenen Nachdenken an, gerade weil du Alltag, Denken und Geschichte miteinander verwebst und weil du uns LeserInnen vermittelst, dass Erkenntnisse durch unseren Körper hindurchgehen und hindurchgehen müssen. Die Balance zwischen Fragen und  – oft vorläufigen-  Antworten empfinde ich als gut gelungen und wohltuend.

 

12.6.2015

Jetzt  habe ich die letzten Kapitel deines Buches in einem Schwung durchgelesen und lege es zufrieden aus der Hand. Es hat mir gut getan und ich habe dich, Lisa, Jonathan und einige Philosopinnen wie Julia Kristeva, Hannah Arendt, Luisa Muraro  und Helene Cicoux besser kennen gelernt.

Die von dir beschriebenen Bewegungen des Schreibens und des Tanzens erinnern mich an unser zentrales Bild im Haus der FrauenGeschichte, die Spirale. Die Bewegungen der Frauen im politischen Leben und in ihrer  Geschichte bewegen sich gleichzeitig in beide Richtungen, nach außen und innen und von innen nach außen. Nur so entstehen durch die fast zwangsläufigen Reibungen, die dieser widersprüchliche Weg mit sich bringt, die notwendigen Veränderungen und Verwandlungen. Darin liegt für mich auch der revolutionäre Kern unserer Widerstandskraft und unserer Fähigkeit gleichzeitig Alltag und Utopien zu denken.

Ich verabschiede mich mit deinem letzten Gedicht aus dem Buch:

sapphos garten

sicher ist Sappho
melancholisch gewesen
wegen all der schönen,
klugen, begabten Frauen
die sie nicht
ein ganzes Leben lang
so lieben konnte,
wie sie es verdient hätten…
nicht immer schläft
jede für sich allein
… und sicher war Sappho

voller überschäumender
Freude
über all die
zauberhaften Frauen,
die sie
ein süßes kleines bisschen
lieben konnte
vorsichtig setzt sie
nachts
die bloßen Füße
aufs taufeuchte Gras
sammelt
die verlorenen Herzen ein
liebkost sie, hütet sie
lässt sie wieder frei
… schreibt eine ode
ans freie herz

 

Hyun-Kyoung Shin: Über die Revolution in Sapphos Garten

Eine äußerst geordnete und gleichzeitig völlig verkehrte und verdrehte Welt! Revolution bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Herrscherin oder die das Leben in Muße genießende Frau befreit und nicht im Keller versteckt wird! Dass Zeit wieder in ihren kosmischen Dimensionen gesehen und in dieser schönen Ordnung – nichts anderes bedeutet Kosmos – gemessen wird. (236)

Die mytilenische Muse Sappho (591 v. Chr.) unterrichtete die jungen Frauen in Poesie, Musik,Gesang und Tanz auf der Insel Lesbos und trat mit ihnen bei Festen zu Ehren der Götter auf. Heute ist Sapphos Garten eine Akademie, in der die göttliche Kraft der Frauen studiert und lebendig gemacht wird. Was für einen Grund hat Sapphos Garten, wenn er über die kosmische Ordnung redet?

Eine postmoderne Heilphilosophie weist darauf hin, dass die Lebensenergie die Schwingung des Weltalls bedeutet. Alles fließe in und außer uns. Die Partikel des Lichts, der Farben und der Energie verändern das Gemüt des Menschen. In der Welt zirkuliert alles. Das Leben und der Tod, die Jahreszeit, der Tag und die Nacht,Ein- und Ausatmen. Schließlich bildet das Magnetfeld einen spiralförmigen Kreis.

Die chinesische Heilkunst meint, dass jedes Organ einem Planeten zugeordnet ist, beispielsweise die Leber und die Gallenblase zum Jupiter, das Herz und der Dünndarm zum Mars, die Milz und der Magen zur Erde, die Lunge und der Dickdarm zur Venus und die Niere und die Blase zum Merkur. Unser Körper ist ein Mikrokosmos. Aber wie können wir dies wahrnehmen, wenn unsere ätherische Kanäle aus Angst vor einem gewissem Monster blockiert wären?

Die Kreativität wohnt in der Welt des Mondes und die weibliche Sexualität befreit den gesellschaftlichen Zwang. Wenn die weibliche Energie die Luft vibriert, entsteht eine stille Kultur für die friedliche Welt. Beim Mondschein trinkt das Hexengeschlecht das Herzensgetränk. Beim Tarotkartenlegen wird eine verlorene Welt geahnt, indem die „Priesterin der Schwerter” den arbeitenden Geist versinnbildlicht und die „Schnee-Eule” mit der Göttin Athene, Kriegerkönigin und Hüterin des weiblichen Intellekts wird.

In die Akademie Sapphos Garten treten die Frauen ein, die vielleicht von der Traurigkeit empfangen werden. Wo die Traurigkeit wohnt, wohnt die Seele. Wo die Seele wohnt, ist die Quelle der Fantasie. Aber dieser Vorgang kommt nicht allein. Es kann sein, dass er von dem Gefühl des Niedergangs begleitet wird.

„Für mich jedenfalls ist diese sehr besondere Situation unter anderem auch Anlass gewesen, mich mit der Opferrolle auseinander zu setzen. Soweit ich mich selbst gut einschätzen kann, neige ich überhaupt nicht dazu, mich als Opfer zu verstehen. […] Also, die Krankheit der Kinder – zuerst waren es ja für immerhin etwa ein Dreivierteljahr beide Söhne – hat schon Anlass gegeben, solche Tendenzen einer Opferhaltung, die dann doch in mir auftauchen, zu aktivieren. Ich bin froh, dass es mir gelungen ist, sie zu deaktivieren. (29)“

Eine kosmische Erklärung dafür ist: Im Zwiespalt der Seele ist das Licht. Wenn die Verletzung am Sein erkannt wird, verabschiedet er sich von dem Unbewusstsein. Der Körper und Geist vereinigen sich.

Am Schluss des Buches wird der Eindruck gewonnen, dass die schamanische Umkehrung eine Lösung für die Menschen und die Natur wäre. Das schamanische Bewusstsein trennt nicht zwischen innen und außen. Es gibt keinen Unterschied zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt.

Die schamanische Kosmologie erklärt; die Mittlere Welt hat zwei Aspekte, nämlich die materielle Realität (sichtbar) und das spirituelle Äquivalent jedes Lebewesens (unsichtbar).  Sie gehört den Gesetzen des Raum-Zeit-Gefüges. Die Obere und die Untere Welt unterliegen nicht den gewohnten Raum- und Zeitmechanismen. Hier existieren die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft gleichzeitig und die Orte werden wie im Traum gewechselt, ohne daß man dafür Wege zurücklegen muss.

Ein Schaman/nin verbindet die Welten. Und er/sie könnte einen Fehler in der Mittleren Welt verbessern, indem er einen Ausgleich zu der Oberen und in der Unteren Welt schafft. Die schamanische Fähigkeit rettet die zerstückelte Welt in die Ganzheit.
Die Frauen können aus der Konditionierung kommen, wenn sie den Geist natürlich ausrichten. Die weibliche Wurzel hilft den Frauen bei Sapphos Garten.

Bettina Schmitz, Revolution in Sapphos Garten, Aachen 2015, 279 Seiten, 19,80 Euro.

 

Autorin: Barbara Degen, Hyun-Kyoung Shin
Redakteurin: Ursula Pöppinghaus
Eingestellt am: 03.01.2016
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