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Frauen in Duisburg-Marxloh

Von Antje Schrupp

Die Ethnologin  Anna Caroline Cöster hat in einer groß angelegten Studie untersucht, wie im Duisburger Stadtteil Marxloh Geschlechterrollen und Migrationsbiografieren miteinander zusammenhängen, sich kreuzen oder auch voneinander unterscheiden. Ihre Beobachtungen sind ein wichtiger Beitrag zu dem Versuch, möglichst realitätsnah zu verstehen, welche Themen, Ressourcen, Hindernisse, Strukturen und Denkmuster hier eine Rolle spielen. Denn es genügt nicht, die Herausforderungen, die sich durch Menschen mit anderen als westlich-„emanzipierten“ Geschlechterbildern ergeben, unter dem Label „Wir und Die“ zu betrachten. Die Sache ist erheblich komplexer.

Ich werde Cösters Studie hier in zwei Teilen vorstellen: einem ersten Beitrag über türkeistämmige und deutsche Marxloherinnen, und einem späteren zweiten Beitrag über die erst kürzlich aus Bulgarien und Rumänien eingewanderten Frauen.

Duisburg-Marxloh. Foto: Julian Schüngel/Flickr.com (cc by-nc-sa)

Duisburg-Marxloh. Foto: Julian Schüngel/Flickr.com (cc by-nc-sa)

Der Stadtteil Duisburg-Marxloh ist seit einiger Zeit als „Problemviertel“ in den Medien. In den 1960er Jahren galt es noch als wohlhabender, attraktiver Stadtteil, inzwischen macht die Gegend Negativschlagzeilen, die medial immer wieder mit dem hohen „Ausländeranteil“ in Zusammenhang gebracht werden.

Anna Caroline Cöster hat über mehrere Jahre hinweg jeweils einige Monate lang im Viertel gelebt, mit vielen Frauen gesprochen, am Alltagsleben teilgenommen, Kirchengemeinden, Moscheen, Bürgerinitiativen besucht. Dabei hat sie (mit dem Blick der Ethnologin) acht verschiedene Gruppen von Frauen identifiziert: drei „türkeistämmige“ – Gastarbeiterinnen, Bildungsaufsteigerinnen und Heiratsmigrantinnen – (hierzu zählt Cöster alle, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern aus der Türkei eingewandert sind, also auch diejenigen, die inzwischen einen deutschen Pass haben), drei deutsche Gruppen – Aktive, Alteingesessene, Zurückgezogene –, sowie Bulgarinnen und rumänische Roma. Diese acht Gruppen sind erstens zahlenmäßig stark im Stadtteil vertreten und zweitens unterscheiden sie sich in ihren jeweiligen Anliegen, Lebensformen und Ansichten deutlich voneinander. Die so genannten „Ruhrpolen“ hingegen, die Anfang des 20. Jahrhunderts in großer Zahl in den Stadtteil gezogen sind, sind heute keine ethnologisch zu identifizierende Gruppe mehr, sondern abgesehen vom Nachnamen nicht mehr von Deutschen zu unterscheiden.

Die türkeistämmigen „Gastarbeiterinnen“ sind Frauen, die in den 1960er und 1970er Jahren auf Anwerbung von Thyssen hierher gezogen sind, entweder allein oder mit ihren Männern. Sie sind inzwischen in Rente und pendeln in der Regel zwischen Deutschland und der Türkei, weil sie sowohl hier wie auch dort familiäre Bindungen haben. Viele dieser Frauen erinnern sich, ähnlich wie deutsche Alteingesessene, regelrecht „nostalgisch“ an früher, als der Stadtteil noch prosperierte und deutsche wie türkische Familien gutnachbarlich zusammengelebt hätten. Diese Frauen haben meistens eine auskömmliche Rente, manche haben sich von ihren Ehemännern getrennt, was ihnen durch die deutschen Sozialsysteme möglich war. Sie sind überwiegend mit ihrer Lebenssituation zufrieden.

Die zweite oder dritte Generation der „Bildungsaufsteigerinnen“ hingegen sieht ihre Perspektiven in Deutschland überwiegend skeptisch. Diese Frauen sind hier aufgewachsen und haben das deutsche Bildungssystem erfolgreich durchlaufen, entsprechend haben sie auch ganz andere Ambitionen als ihre Mütter oder Großmütter sie hatten. Aber sie fühlen sich von der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht richtig akzeptiert und klagen über Diskriminierungserfahrungen, zum Beispiel bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, die sie auf ihren türkischen Namen, ihr Aussehen oder auch auf die Nichtakzeptanz des muslimischen Kopftuchs zurückführen.

Dabei muss man allerdings bedenken, dass diejenigen Bildungsaufsteigerinnen, die erfolgreiche Berufskarrieren hatten, größtenteils inzwischen (wie auch die Mehrzahl der bürgerlichen Deutschen) aus Marxloh weggezogen sind. Das heißt, der Anteil der „Unzufriedenen“ aus der zweiten und dritten Generation der Türkeistämmigen ist hier größer als im bundesweiten Durchschnitt.

Durchgehend sagen diese Frauen, dass ihre Eltern sie stark in ihrem Wunsch nach Bildung und beruflichem Erfolg gefördert haben, ja sogar sie dazu drängten, zum Beispiel Rechtsanwältin, Ärztin, Lehrerin zu werden und vor allem finanziell auf eigenen Beinen zu stehen und ein gutes Einkommen zu haben. Diejenigen, die eine akademische Ausbildung oder eine angestellte Karriere nicht erreicht haben (oder das nicht wollten), bauten sich andere Karrieren auf. Zum Beispiel ist der Boom an Brautmodegeschäften, für die Marxloh unter Türkeistämmigen inzwischen sogar europaweit bekannt ist, maßgeblich der unternehmerischen Initiative solcher „Bildungsaufsteigerinnen“ zu verdanken.

Weil sich eine eigenständige berufliche Karriere schlecht mit traditionell (ost)-türkischen Familienvorstellungen verträgt, haben viele dieser Frauen nicht oder erst sehr spät geheiratet. Das heißt aber, sie fielen und fallen als Ehefrauen für die türkeistämmigen Männer aus ihrer Generation genauso aus wie „emanzipierte deutsche Frauen“. Aus diesem Grund heiraten die Söhne oder Enkel der Gastarbeiterinnen häufig Frauen aus der Türkei (oder werden mit ihnen verheiratet), die dann nach Marxloh ziehen: die dritte von Cöster identifizierte Gruppe unter den türkeistämmigen Frauen. Die Heiratsmigrantinnen haben kaum Schulbildung und kennen sich in der deutschen Gesellschaft zunächst nicht aus, weshalb sie stark auf ihren Mann und dessen Familie angewiesen sind. Die Frauengruppe in der Moschee ist neben dem Einkaufen oft ihr einziger Bezug außerhalb der Familie, ein Grund, warum viele dorthin gehen, auch wenn sie in der Türkei vielleicht gar nicht besonders religiös waren. Oft werden diese Frauen auch stark von ihrer Schwiegermutter kontrolliert und haben wenig Bewegungsfreiheit oder Handlungsoptionen.

Dennoch beurteilen sie ihre Lebenssituation in Deutschland sehr unterschiedlich: Manche sind unglücklich, zum Beispiel weil sie von ihre Mann geschlagen, von der Schwiegermutter drangsaliert werden, oder auch, weil sie in der Türkei ein glückliches und sozial eingebundenes Leben geführt hatten und sich nun einsam und abgeschnitten fühlen. Andere hingegen sind froh, der heimischen Dorfkontrolle oder auch schwerer Feldarbeit entkommen zu sein und jetzt in Deutschland ein als luxuriös empfundenes Konsumleben führen zu können.

Jedenfalls zeigt sich bei dieser Entwicklung ein deutlicher Konflikt innerhalb der türkeistämmigen Bevölkerung in Marxloh, den ich interessant finde: Einerseits möchten diese Familien zwar an traditionellen Eheformen mit klarer Rollenaufteilung der Geschlechter festhalten – aber nicht in Bezug auf die eigenen Töchter oder Enkelinnen! Die sollen nämlich die emanzipierten Chancen auf Bildung und eigenes Einkommen nutzen. Da beides gleichzeitig aber nicht geht, gibt es einen ständigen Neu-Zuzug junger Frauen aus der Türkei, was demografisch gesehen ein interessantes Phänomen ist. Denn auf diese Weise wächst ja der Anteil der Frauen im Vergleich zu dem der Männer stetig an.

Gemeinsam ist den türkeistämmigen Frauen, dass sie in ökonomisch relativ abgesicherten Verhältnissen leben (bezogen auf die Gesamtbevölkerung Marxlohs). Die Väter und Großväter, teilweise auch Mütter und Großmütter waren in Deutschland während der sozial gut abgesicherten Zeit in den 1970er und 1980er Jahren erwerbstätig, viele haben in Marxloh Häuser oder Wohnungen gekauft, sie haben Anspruch auf Renten und Sozialleistungen. Außerdem tragen heute meist sowohl Söhne als auch Töchter zum Familieneinkommen bei. Gleichzeitig leben sie eingebunden in starke soziale Netzwerke, die einerseits einengen, gerade wenn sie mit patriarchalen Geschlechternormen verknüpft sind, die aber auch Heimat, Sicherheit und Zugehörigkeit vermitteln.

Das ist auch der wesentliche Unterschied zu den meisten deutschen Frauen, die in Marxloh sozusagen zunehmend vereinsamen. Abgesehen von den „Aktiven“, die bewusst in diesen „multikulturellen“ Stadtteil gezogen sind und sich hier sozial und politisch engagieren, möchten sie eigentlich am Liebsten wegziehen, können das aber auch verschiedenen Gründen nicht.

Viele sind dafür schlicht zu arm: Wer von Hartz IV lebt, hat so gut wie keine Chance, woanders eine Wohnung zu finden. Cöster nennt diese Frauen die „Zurückgezogenen“, denn sie leben meist ganz allein in einer kleinen Wohnung und haben so gut wie keine sozialen Kontakte. Viele haben auch sexualisierte Gewalterfahrungen gemacht: Marxloh ist der Duisburger Stadtteil mit der höchsten Rate an häuslicher Gewalt (während er in Bezug auf sonstige Kriminalität, anders als oft behauptet wird, im Durchschnitt liegt).

Von häuslicher Gewalt sind alle Frauen potenziell bedroht, aber es gibt in Marxloh zwei Gruppen, die sich kaum dagegen wehren können: die türkischen Heiratsmigrantinnen und die deutschen Zurückgezogenen. Der Grund, warum sie sich nicht wehren können, ist aber diametral entgegen gesetzt: Die einen können es nicht, weil sie sozial isoliert sind, sie wissen nicht, wohin sie sich wenden können oder sind emotional stark an den Täter gebunden. Bei den anderen hingegen ist gerade ihre starke soziale Einbindung das Problem, weil die Familie die Täter schützt und dafür sorgt, dass nichts nach außen dringt.

Was die deutschstämmigen Marxloherinnen betrifft, so vereinsamen aber nicht nur die verarmten „Zurückgezogenen“ zunehmend, sondern auch die ökonomisch besser gestellten „Alteingesessenen“, weil viele ihrer früheren Bekannten oder Verwandten inzwischen aus Marxloh weggezogen sind. Auch sie selbst würden am liebsten wegziehen, haben aber meistens hier Wohneigentum – hart verdient durch die Arbeit ihrer Eltern oder Großeltern bei Thyssen – für das sie heute nicht mehr den Preis erzielen würden, den sie angemessen finden. Deshalb möchten sie es nicht verkaufen.

Ihr Gefühl der wachsenden sozialen Exklusion wird durch politische Entwicklungen weiter verstärkt: So hat die katholische Kirche, zu der die deutschen Marxloherinnen traditionell gehören und die für sie ein Symbol für Zugehörigkeit ist, aus Kostengründen viele ihrer Aktivitäten eingestellt oder Filialen geschlossen, während gleichzeitig im Stadtteil die größte Moschee Deutschlands gebaut wurde. Auch ein traditionsreiches Schwimmbad, mit dem sich die deutschstämmigen Stadtteilbewohnerinnen stark identifiziert hatten, wurde aus Kostengründen zugemacht. Auf diese Weise entsteht bei ihnen zunehmend das Gefühl, nichts mehr zu zählen und von den Türkeistämmigen quasi „überrollt“ zu werden.

(Teil 2 – Bulgarinnen und Rumäninnen)

marxlohAnna Caroline Cöster: Frauen in Duisburg-Marxloh. Eine ethnographische Studie über die Bewohnerinnen eines deutschen „Problemviertels“. Transcript, Bielefeld 2016, 444 Seiten, 39,99 Euro.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 06.02.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    „Auch ein traditionsreiches Schwimmbad, mit dem sich die deutschstämmigen Stadtteilbewohnerinnen stark identifiziert hatten, wurde aus Kostengründen zugemacht. Auf diese Weise entsteht bei ihnen zunehmend das Gefühl, nichts mehr zu zählen und von den Türkeistämmigen quasi „überrollt“ zu werden.“
    Das Gefühl des „überrollt“ werden von den Türkeistämmigen
    dürfte sich in ähnlicher Weise auch in anderen Kleinstädten/Regionen finden. Migration wird zum Sündenbock
    für eine verfehlte Politik, die dazu beigetragen hat, dass bezahlbarer Wohnraum, gute öffentliche Verkehrsanbindung, Kultur- u. Freizeiteinrichtungen nicht mehr gefördert, sondern eingespart wurden.
    Die aktuelle Flüchtlingsproblematik rückt auch all diese Versäumnisse verschärft in den Blick. Noch habe ich die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, dass die sog. mündigen BürgerInnen hierzulande gegen die menschenfeindliche Politik aufstehen und nicht gegen Menschen, die in ihrer Not hier Zuflucht suchen.

  • Rea Gorgon sagt:

    … Herzlichen Dank für Ihre Arbeit der Zusammenfassung dieser sehr interessanten Untersuchung! …

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