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Frauen in Duisburg-Marxloh – Bulgarinnen und Rumäninnen

Von Antje Schrupp

Foto: Flickr.com/Bukarest4Life (cc by-nc)

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Die Ethnologin Anna Caroline Cöster hat in einer groß angelegten Studie untersucht, wie im Duisburger Stadtteil Marxloh Geschlechterrollen und Migrationsbiografien miteinander zusammenhängen, sich kreuzen oder auch voneinander unterscheiden.

In einem ersten Beitrag stellte ich ihre Forschungen in Bezug auf die deutsch- und türkeistämmigen Bewohnerinnen vor. In diesem zweiten Teil möchte ich über die Bulgarinnen und Rumäninnen schreiben, die in den vergangenen Jahren neu hierher gezogen sind.

Ehrlich gesagt, hat mich deren Lebenssituation am meisten schockiert, und zwar deshalb, weil ihre Lage so grausam ausweglos ist: Sie haben fast keine menschenwürdige Möglichkeit, ihr materielles Überleben zu sichern. Als EU-Bürgerinnen können sie zwar nach Deutschland kommen und hier leben, haben aber in der Regel keinen Anspruch auf Hartz IV. Leider haben sie praktisch auch keine Chance auf einen Erwerbsarbeitsplatz, da sie in der Regel nicht über Qualifikationen verfügen, die am Arbeitsmarkt nachgefragt sind. Das einzige Geld, das sie bekommen, ist Kindergeld. Entsprechend leicht sind sie ausbeutbar, von Vermietern, potenziellen Arbeitgeber und so weiter.

Interessant fand ich, dass die in Marxloh lebenden Bulgarinnen und Rumäninnen zum größten Teil sehr spezifischen Bevölkerungsgruppen angehören: Die Rumäninnen sind Roma aus einem bestimmten Stadtteil von Bukarest, die Bulgarinnen gehören zur türkischsprachigen Minderheit einer bestimmten Region in Bulgarien. Die Strategien, mit denen diese Frauen jeweils versuchen, das Überleben für sich und ihre Familien zu sichern, sind zudem sehr unterschiedlich.

Die Bulgarinnen versuchen, sich an die türkeistämmige Marxloher Bevölkerung zu halten. Sie bemühen sich, als fromme Musliminnen zu erscheinen, benutzen islamische Vornahmen (in Bulgarien war die türkeistämmige Bevölkerung lange gezwungen gewesen, ihre islamischen Namen ins slawische zu ändern). Sie gehen in die Moschee, halten ihre Familien dazu an, „ehrbar“ zu sein. Auf diese Weise hoffen sie, wohlgesonnene türkeistämmige Arbeitgeber oder Vermieter zu finden. Allerdings klappt das nicht immer. Auch weil für Muttersprachlerinnen das bulgarische Türkisch leicht vom türkischen Türkisch zu unterscheiden ist. Anna Caroline Cöster hat mit Frauen gesprochen, die von Mietwucher berichteten, oder davon, um ihren Lohn geprellt worden zu sein.

Nicht wenige dieser Frauen verdienen deshalb Geld als Sexarbeiterinnen, was angesichts der nach außen gezeigten „Ehrbarkeitsperformance“ jedoch noch einmal doppelt belastend ist. Häufig ist es auch die Familie gemeinsam, die entscheidet, dass eine der Töchter im Bordell arbeiten soll. Das bedeutet einerseits auch Zwang oder zumindest Druck für die damit quasi „beauftragte“ Frau, andererseits trägt jedoch die Familie dann auch das „moralische Risiko“ gemeinsam und die Position der Frau als Familienernährerin ist etwas gestärkt. Die Situation ist jedenfalls ein Dilemma, da Prostitution häufig die einzige Möglichkeit für diese Familien ist, überhaupt irgendwie an Geld zu kommen und so von tatsächlicher Wahlfreiheit natürlich keine Rede sein kann.

In jüngster Zeit entsteht allerdings noch eine weitere Alternative: Und zwar hat sich in Marxloh eine kleine, vor allem von bulgarischen Familien frequentierte evangelikale (christlich-fundamentalistische) Gemeinde gegründet. Ihre Mitglieder predigen sowohl die Abkehr vom Islam als auch von jeglicher Art „sündigem Lebenswandel“. Sie versuchen, sich mit gegenseitiger Solidarität, Netzwerken und ähnlichem selbst zu unterstützen, und andererseits versuchen sie auch, sich mit ihrem klar christlichen Profil gegenüber der deutschstämmigen Bevölkerung als die „guten Marxloher Ausländer_innen“ darzustellen, was natürlich auch mit Hoffnungen verbunden ist, auf diesem Weg die ein oder andere Chance auf einen Job zu haben.

Die rumänischen Romafrauen, obwohl sie faktisch in einer sehr ähnlichen, von absoluter Armut bedrohten Lebenssituation sind wie die Bulgarinnen, wählen meist einen anderen Weg. Sie kleiden sich zum Beispiel bewusst auffällig, mit langen, offenen Haaren, bunten Röcken, viel sichtbarem Schmuck, in gewisser Weise auch das (ähnlich wie bei den anderen das Kopftuch) eine bewusste Inszenierung von Herkunftstraditionen. Mädchen und junge Frauen bewegen sich sichtbar und ohne männliche Begleitung auf der Straße, versammeln sich dort und beanspruchen also Präsenz im öffentlichen Raum. Die Familienstrukturen der Roma sind allerdings ebenfalls patriarchal, es gibt eine klar definierte Hierarchie und Aufgabenteilung zwischen Frauen und Männern. Aber die Frauen sind dabei nicht auf den häuslichen Bereich verwiesen, im Gegenteil, es fällt traditionell in ihren Aufgabenbereich, die materielle Versorgung der Familie zu gewährleisten.

In den Anfangsjahren ihres Zuzugs nach Marxloh kamen die Romafrauen noch halbweg an Lebensmittel, indem sie bei (meist türkeistämmigen) Geschäften abends nach Resten fragten. Inzwischen ist diese Quelle aber ziemlich versiegt, einerseits, weil es zu viele Romafamilien geworden sind, um alle zu versorgen, aber auch, weil die Roma inzwischen zu einer Art Sündenbock für Marxloh geworden sind, auf die die anderen Bevölkerungsgruppen ihre Ängste und Abwehrhaltungen projizieren – eigentlich alle anderen „Gruppen“, die Cöster interviewt hat, sprachen schlecht von den Roma und machten sie für die Probleme im Stadtteil verantwortlich. Einzige Ausnahme waren die „Aktiven“, von denen sich manche sozial für die Belange der Romafrauen engagieren und ihnen zum Beispiel im Umgang mit Behörden helfen, allerdings haben die dafür oft einen etwas paternalistisch-besserwisserischen Blick.

Eine weitere Besonderheit, die die Roma in Marxloh von den anderen Bevölkerungsgruppen unterscheidet, ist ihre Mobilität. Viele von ihnen sind nicht direkt von Bukarest aus nach Duisburg gekommen, sondern haben vorher schon in anderen Ländern, vor allem in Spanien, ihr Glück versucht. Und auch jetzt ergreifen sie sich bietende Chancen beim Schopf. Sie brechen zum Beispiel kurzfristig auf, wenn sie von einer Gelegenheit hören, irgendwo anders in Europa Arbeit zu finden oder Geld verdienen zu können. Das hat zur Folge, dass sie manchmal einige Monate in Marxloh sind, dann wieder einige Monate woanders, dann kommen sie zurück und so weiter. Ein Problem ist das vor allem für die Schulkarrieren der Kinder, die immer wieder von langen Abwesenheitszeiten unterbrochen sind. Das mindert natürlich ihre Chancen, später einmal zu „Bildungsaufsteigerinnen“ zu werden.

Insgesamt zeigt sich auch in Bezug auf Marxloh wieder, dass Konflikte, die als kulturelle oder religiöse erscheinen, zu allergrößten Anteilen wirtschaftliche Ursachen haben, sie sind eine Folge ökonomische Ungleichheit und damit verbundener Machtverhältnisse und existenzieller Nöte (so ähnlich, wie es Safeta Obhodjas in ihrem Roman „Die Bauchtänzerin“ für die Genese des Bürgerkriegs in Bosnien schilderte).

Dass es mitten in Europa Menschen gibt, die von absoluter Armut betroffen sind, die so gut wie keine Chancen haben auf ein Leben mit einer halbwegs ausreichenden materiellen Absicherung, stellt dabei das gesamte Projekt Europa in Frage.

marxlohAnna Caroline Cöster: Frauen in Duisburg-Marxloh. Eine ethnographische Studie über die Bewohnerinnen eines deutschen „Problemviertels“. Transcript, Bielefeld 2016, 444 Seiten, 39,99 Euro.

 

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 12.02.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Helga Steinmaier sagt:

    Vielen Dank für diese Studie und die „Zusammenfassung“ bzw. Informationen an die sonst ja nur schwer zu komen ist!
    Ich werde sie verbreiten, denn gerade was diese Frauen betrifft gibt es wohl viel Unwissenheit und Unsicherheit.
    Ich habe einige dieser Frauen (und ein Ehepaar) im Integrationslkurs und sie sind ganz gut in der Auffassung, können zum Teil schon einigermaßen lesen und schreiben.
    Sind das eher Ausnahmen oder waren si ealle in der Schule in Rumänien bzw. Bulgarien?
    Danke und viele Grüße
    Helga Steinmaier

  • Antje Schrupp sagt:

    @Helga – Das weiß ich nicht, aber warum sollten sie nicht Lesen und Schreiben können? Das Problem ist halt, dass der Arbeitsmarkt für Menschen ohne bestimmte Qualifikation so leergefegt ist, dass Menschen, die ein bisschen „fremd“ oder „anders“ sind bzw. auftreten, nicht mal als Putzfrau oder Lagerist etc. einen Job finden.

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Grundsätzlich haben Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, flüchten, Ressourcen wie Kraft, Mut, Flexibilität,
    Fähigkeiten zur Geldbeschaffung.Um eine Flucht zu bestreiten,sind Kontakte und finanzielle Mittel vonnöten.
    Warum sollte der Arbeitsmarkt sie nicht brauchen?

  • Antje Schrupp sagt:

    @Johanna Helen – Weil es beim Arbeitsmarkt nicht nur um objektive Qualifikationen geht, sondern auch um soziale Homogenität. Die Leute stellen tendenziell lieber Leute ein, die ihnen selbst ähnlich sind. Und dann gibt es ja auch noch faktische Qualifikationen und bescheinigte Qualifikationen.

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Antje “ die Leute stellen tendenziell lieber Leute ein, die ihnen selbst ähnlich sind“

    Es fehlen faktische und bescheinigte Qualifikationen und es besteht die Gefahr von Ausbeutung der weiblichen Migrantinnen
    in Privathaushalten und in der privaten Altenpflege. Ohne Arbeitsverträge, es bestehen lediglich Absprachen im gegenseitigem Einvernehmen. Diese privaten Arbeitgeber_innen
    sind den Migrantinnen ähnlich?

  • Antje Schrupp sagt:

    @Johanna Helen – Ja. Zum Beispiel stellen weiße Familien in Privathaushalten lieber weiße Altenpflegerinnen oder Putzkräfte ein als Schwarze, und lieber ohne Kopftuch als mit usw.

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