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Karwoche ist Carewoche – Wirtschaft ist Care: Ein neuer Verein und sein erstes Projekt

Von Ina Praetorius, Martha Beéry-Artho, Gaby Belz

Fünf Frauen, darunter eine Patin (Ina Praetorius) und eine Autorin (Martha Beéry-Artho) von bzw-weiterdenken, haben im Dezember 2015 in St. Gallen den Verein WiC – Wirtschaft ist Care – gegründet. Ende Januar 2016 starteten sie ihre erste Kampagne zum Thema „Karwoche ist Carewoche“. Sie besteht aus einem Set von siebzehn Postkarten mit Facts zur Ökonomie und praktischen Aktionsvorschlägen. Exklusiv für beziehungsweise-weiterdenken erzählen Ina, Gaby, Martha, Nadja und Cornelia, wie es zu ihrer Zusammenarbeit gekommen ist und was sie mit dem Verein und der Kampagne vorhaben.

ie fünf Frauen von "Wirtschaft ist Care": Nadja Schnetzler, Ina Praetorius, Martha Beery und

Gründeten zusammen den Verein „WiC – Wirtschaft ist Care“: Nadja Schnetzler, Gaby Belz, Ina Praetorius, Martha Beéry-Artho und Cornelia Carmichel Bromeis (von links nach rechts).

 

Ina Praetorius: Inspiration an Karfreitag

Es war am Karfreitag, dem 6. April 2012. Ich saß im Gottesdienst in meiner Heimatgemeinde Wattwil. Da sagte der Pfarrer etwa dies: „Es ist ja bekannt, dass die Vorsilbe Kar-‚ mit dem englischen Wort Care verwandt ist. Wir begehen zwar die Karwoche traditionellerweise als Woche der Trauer über den Tod des Erlösers. Das althochdeutsche Wort ‚Kara’ bedeutet aber auch ‚Sorge’ im Sinne von ‚Fürsorge’…“

Nein, ich hatte es nicht gewusst. Zwar war ich schon seit den frühen achtziger Jahren unterwegs mit dem Begriff Care. Auslöser war das Buch „Die andere Stimme“ (1982) der amerikanischen Entwicklungspsychologin Carol Gilligan gewesen. Dieses Buch  hatte eine Debatte erst über Care-Ethik, dann über Care-Ökonomie in Gang gesetzt. Also über Fragen wie diese: Wie sorgen wir eigentlich füreinander? Wer sorgt für wen und bekommt dafür welche Anerkennung? Warum werden Sorgearbeiten gratis oder schlecht bezahlt geleistet, und warum meistens von Frauen? Warum kommen sie in der ökonomischen Theoriebildung fast überhaupt nicht vor? Obwohl die Ökonomie sich als „Lehre von der Bedürfnisbefriedigung“ versteht? Was bedeutet die Geldfixierung dieser so genannten „Ökonomie“ für den Zustand unserer Welt? Und so weiter.

Aber dass diese ganze Care-Geschichte mit der pflichtgemäßen Trauer vor Ostern zusammenhängen könnte, darauf war ich noch nicht gekommen.

Nach dem Gottesdienst schlug ich in meinem alten DUDEN-Herkunftswörterbuch unter „Karfreitag“ nach. Da steht: „Das Bestimmungswort, das als selbständiges Wort in spätmhd. Zeit untergegangen ist, bedeutet ‚Klage, Trauer’, vgl. mhd. Kar, ahd. chara ‚Wehklage, Trauer’, denen got. Kara ‚Sorge’, engl. care ‚Kummer, Sorge’ entsprechen…“ Das war wieder einmal einer dieser Momente, in denen ich mich frage, wie mir das Naheliegende so lange hatte verborgen bleiben können. Wie damals, als ich entdeckt hatte, dass Materie mit Mutter zusammenhängt. Oder als mir jemand sagte, man könne Durcheinander auch in zwei Wörtern schreiben: Durch einander. Und dann sei dieses Wort viel weniger bedrohlich…

Die Karwoche, so dachte es in mir weiter, könnte also zur Care-Woche werden. Und das wäre nicht nur etymologisch, sondern auch theologisch gut begründbar. Wenn wir nämlich, statt uns auf die Kreuzigung des Jesus von Nazaret zu fixieren, die Geschichten aus seinem Leben in die Mitte stellen, dann stoßen wir auf viel Care, auf geradezu phänomenal viel Care für ein Männerleben: Jesus hat Essen gekocht und Wasser zu Wein gemacht, er hat geheilt und gepflegt und öffentlich Geschichten wie die vom barmherzigen Samariter erzählt. Wer sich noch einigermaßen in der Bibel auskennt, weiß das. Und er oder sie weiß auch, dass in der Bibel, zwischen diversen Familiendramen und Kriegsgräueln, immer wieder von bedingungsloser Zuwendung die Rede ist. Der Spitzensatz steht im vierten Kapitel des ersten Johannesbriefs und heißt ganz einfach „Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,8).

Wenn ich von etwas begeistert bin, dann gehe ich gnadenlos damit hausieren. Ich fing also an, Texte zu Carefreitag zu schreiben und alle möglichen Leute zu fragen: Wer könnte denn das umsetzen? Die Kirche? Welche Kirche? Oder gerade nicht die Frommen? Vielleicht wären ja Leute außerhalb der Kirche aufgeschlossener für die Idee, die Woche vor Ostern mit neuer Bedeutung zu füllen? Vielleicht feministische Theologinnen, überhaupt Feministinnen, die schon so lange über Care nachdenken?

Die Reaktionen waren, abgesehen von ein paar Menschen, die noch nie das Wort „Karwoche“ gehört hatten, durchweg positiv: Tolle Idee!  Aber dann kam das Aber. Bei den Kirchenleuten hörte es sich meistens so an: Ja, tolle Idee, aber das dauert! Die Programme für die nächste und die übernächste Karwoche sind doch längst gemacht. Außerdem leben wir auf das Reformationsjubiläum zu, und die Katholischen haben auch schon ihre festen Fahrpläne… Die Feministinnen fanden eher, die Karwoche interessiere doch längst niemanden mehr, uns Frauen schon gar nicht. Feministinnen seien doch sowieso alle allergisch auf die Kirche.

Irgendwann wurde es mir zu dumm und ich stellte meine Idee samt meinem Frust aufs Facebook. Das war im Sommer 2015…

 

Gaby Belz: Resonanz aus dem Spitalbett

…Als Inas Posting auf Facebook erschien, lag ich im Spital, nicht wirklich krank, nur in der Angewöhnungsphase mit meinen neuen Hüftgelenk. Im Spitalbett war ich befreit von vielen inneren und äußeren Pflichten. Der Blick aus dem Fenster meines Zimmers über die Appenzeller Hügel gab Weite, die Kuhglocken die klangliche Begleitung. Ich las gerade inspiriert Inas Essay „Wirtschaft ist Care“, der im Februar 2015 erschienen war, und fühlte mich rundum davon angesprochen.

Seit Jahren beschäftige ich mich als Organisationsberaterin mit den Dysfunktionalitäten unseres Wirtschaftssystems. In der Gemeinwohl-Ökonomie habe ich viele mögliche Antworten gefunden, weshalb mein Engagement in dieser Bewegung auch gleichzeitig meine Forschungstätigkeit ist. Im Essay „Wirtschaft ist Care“ fand ich hilfreiche Überlegungen zur Versöhnung von bezahlter und nicht bezahlter Arbeit. Gedanklich ließ ich mich vom damit verbundenen Menschen- und Gesellschaftsbild sehr ansprechen: Wir sind frei immer in Abhängigkeit voneinander, sowohl am Anfang wie am Ende des Lebens, oder eben auch nach einer Operation. Wir sind also durch einander. Das ist für mich eine wunderschöne Wortschöpfung. In meiner Euphorie nach dem gelungenen Eingriff habe ich deshalb Inas Vorschlag der Care-Woche sofort aufgegriffen. Ich schickte ihr eine Facebook-Message: Machen wir das doch einfach! Jetzt gleich!…

 

Martha Beéry-Artho: Vorgeschichte Grundeinkommen

… Ich hatte Ina durch unser gemeinsames Engagement für ein geschlechtergerechtes bedingungsloses Grundeinkommen kennengelernt. Über meine Beschwerde bei der unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen haben wir hier im beziehungsweise-weiterdenken ja schon informiert. Mein Anliegen einer korrekten Darstellung dessen, was vor allem Frauen mit unbezahlter Care-Arbeit an die Ökonomie beitragen, war von der Beschwerdeinstanz als gerechtfertigt beurteilt worden. Doch die Fernsehgesellschaft hatte schließlich beim Bundesgericht, der höchsten Instanz, Recht bekommen. Das bedeutet: Radio und Fernsehen können Frauen, ihre Realität und ihre Anliegen, vorerst weiterhin beliebig darstellen, ohne Berücksichtigung der Konsequenzen.

Trotz oder gerade wegen dieses Rückschlags treffen Ina und ich uns weiter, so auch am 14. August 2015 im Café Saint Gall, wo wir uns mit Cornelia, Gaby und Nadja für ein Brainstorming verabredet hatten: Wie soll es mit „Wirtschaft ist Care“ weitergehen? Können wir aus der Idee „Karwoche ist Carewoche“ etwas machen? Ich war zwar neugierig, aber auch etwas zurückhaltend, sind doch meine Assoziationen zur Karwoche nicht gerade erbaulich. Doch weil ich mich weiterhin mit meinen Erfahrungen in die Debatte um das Grundeinkommen einmischen will, nahm ich am Treffen teil.

Die Idee, die Karwoche zur Care-Woche zu erklären, kam mir entgegen. Die traditionelle Karwoche war für mich immer eine schwierige Zeit. Im Lebensmittelladen, den meine Mutter als selbständig Erwerbende führte, war es eine besonders anstrengende Zeit, denn der Verkauf von österlichen Spezialitäten konnte das Einkommen aufbessern, bedeutete aber mehr Arbeit. An Karfreitag bekam ich dann jeweils Einsicht in die Interpretation kirchlicher Regeln: Mein Vater verdiente in der Nuntiatur in Bern, wo er als Gärtner und Chauffeur arbeitete, nicht genug, um die Familie ernähren zu können. An Fasttagen wurden dort aber feine Fischgerichte aufgetischt, während wir zu Hause Suppe aßen. Solche Erlebnisse haben mein Denken und meine Einstellung zur Kirche geprägt.

Ich bin im Jahr 1941 geboren und habe eine für diese Zeit typische Frauen-Careière hinter mir, mit allen üblichen Stationen: Manchmal war ich angestellt, dann arbeitete ich als kaufmännische Leiterin unbezahlt in der Tierarztpraxis meines Mannes mit, später über zwölf Jahre zu 100 Prozent in der Flüchtlingshilfe der Caritas, betrieb zeitweise als Gedächtnistrainerin ein eigenes kleines Einfrau-Unternehmen oder hatte ein Einkommen als freie Mitarbeiterin beim Radio.  Hätte es damals schon ein bedingungsloses Grundeinkommen gegeben, dann hätte ich wohl alles, was ich einnahm, am Grundeinkommen anrechnen lassen müssen. Dass ich immer auch den eigenen Haushalt führte, Kinder großzog, den Mann unterstützte und so weiter, würde wohl ohnehin nicht in Betracht gezogen. Oder wie genau soll ich mir Care-Arbeit mit bedingungslosem Grundeinkommen vorstellen? Darüber müssen wir dringend nachdenken! Als die Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen am 4. Oktober 2013 in Bern eingereicht wurde, waren wir, ein paar Frauen, deshalb mit dem Slogan „Grundeinkommen nur mit Care-Ökonomie!“ dabei…

 

Nadja Schnetzler: Eine Idee zum Laufen bringen

… Eineinhalb Jahre vorher, nämlich beim Lancierungsfest der Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen im April 2012, hatte ich Ina in Zürich kennengelernt. Schon vorher hatten wir losen Kontakt über Facebook und waren auch nach diesem ersten Treffen über Social Media verbunden geblieben.

Inas Einsatz für die Care-centered Economy begeisterte mich. Im Begeistert-sein und Begeistern bin ich gut, sogar geradezu professionell: Es ist nämlich mein Beruf, Organisationen dabei zu helfen, gute Ideen zu entwickeln und umzusetzen.

Bei Inas Idee spürte ich bald, dass es hier mehr Schnittmengen zu meiner eigenen Existenz gibt als bei anderen Initiativen, mit denen ich beruflich zu tun habe: Care geht mich persönlich an. Als Tochter eines Kirchenmusikers in der Reformierten Kirche schaute ich auch genauer hin, wie Theologinnen heute Themen, die man mir als Kind in einer bestimmten Form „verabreicht“ hatte, anders und neu beleuchten. Als Mutter von zwei Teenagern stelle ich fest, dass Care etwas ist, das nicht nur mich und meine Familie, sondern die Gesellschaft insgesamt betrifft. Außerdem habe ich gerade zwölf Interviews mit Frauen geführt, zum Thema Grundeinkommen. Mir wurde klar, dass Care ein Dauerbrenner bleiben wird, den wir als Gesellschaft und „Wirtschaft“ insgesamt lösen dürfen.

Im Projekt „Karwoche ist Carewoche“ kommt für mich all das zusammen. Ich bot daher per Facebook an, mit meinem speziellen Know-how einen Beitrag zu leisten. Am 14. August 2015 trafen wir uns im Café St. Gall. Da entstand die Idee, eine Serie von Postkarten und eine Website zu gestalten, verknüpft mit einem Auftritt in den Sozialen Medien, um möglichst viele Personen zu erreichen.

Ich habe also  genau das gemacht, was ich gerne mache: Einerseits habe ich andere dazu inspiriert, eine Idee auf einfache, aber stimmige Weise umzusetzen. Andererseits habe ich viel gelernt – und lerne immer noch – über Care als Thema, das uns alle angeht und an dem wir dran bleiben werden. Ich bin schon gespannt, was unser nächstes Projekt sein wird. Wir haben ja gleich auch noch WiC gegründet, den Verein, der längerfristig arbeiten wird…

 

Cornelia Camichel Bromeis: Orientierung im postpatriarchalen Durcheinander

… Als Theologiestudentin an der Uni Basel lernte ich Ina Praetorius kennen. Sie stellte sich als „postpatriarchale Denkerin“ vor. Daran blieb ich hängen – und kam einige Jahre später wieder darauf zurück: Ich war inzwischen Ehefrau, Mutter und Berufsfrau geworden – alles gleichzeitig. Ständig wurde ich mit der Frage konfrontiert, ob denn mein Mann als Teilzeitbeschäftigter genügend Freiraum habe in seinem Beruf, und ob ich nicht an die Kinder denken müsste – die brauchen doch ihre Mutter!  Aha.

Mit meinem Mann gemeinsam habe ich jetzt unser Leben organisiert: Kinderbetreuung, Haushalt und Erwerbstätigkeit haben wir aufgeteilt, und beide sind wir glücklich dabei. Patriarchales Denken verschwindet aber nicht einfach mit der Gleichberechtigung. Da braucht es mehr: Postpatriarchales Denken eben, das mit der konventionellen Zuordnung von Werten und Arbeitsbereichen nach Geschlecht Schluss macht. Vor allem braucht es ein Bewusstsein dafür, dass Care-Arbeit Sinn macht – auch für Männer. Care geht alle an!

Vernetzung auf Facebook und Ferienstimmung sei Dank!  Als Inas Posting „Karwoche ist Carewoche – wann fangen wir damit an?“ im Sommer 2015 erschien, war ich in den Familienferien auf Sizilien. Ich habe „Gefällt mir“ geklickt – und prompt kam die Anfrage, ob ich da denn mitmachen würde. So habe ich drei weitere Frauen kennengelernt, die in ihrer Unterschiedlichkeit alle dieselbe Wellenlänge haben. Mit euch mache ich postpatriarchale Careière!

Ich bin Pfarrerin in Davos und in kirchenleitender Funktion auf kantonaler Ebene tätig. Ich freue mich, dem postpatriarchalen Durcheinander nicht einfach tatenlos zuzuschauen oder Vergangenem nachzutrauern. Aktiv will ich etwas zu einer gesellschaftlichen Neuordnung beitragen: Der Verein WiC – Wirtschaft ist Care – ist gegründet. Er versteht sich als Teil der vernetzten Bewegung „Care Revolution“.

Unser erstes Projekt nutzt die Lücke, die der kirchlich-religiöse Traditionsabbruch in unserer Gesellschaft hinterlassen hat. Was „Karwoche“ bedeutet, kann heute nämlich nicht mehr als allgemein bekannt vorausgesetzt werden. Vielleicht weil sich so Bevölkerungskreise mit und ohne religiösen Hintergrund erreichen lassen, steigen jetzt auch evangelisch-reformierte Landeskirchen auf das Projekt ein, sowohl inhaltlich als auch finanziell. Wer unsere Ideen und Projekte gut findet, darf und soll WiC mit Spenden unterstützen: Wir haben ein Support Netzwerk!

Es ist an der Zeit, Wirtschaft neu zu denken, und zwar vom Anfang her: vom Menschen, der ungefragt geboren wird. In einer Gesellschaft, die den Zeitpunkt  des Todes immer mehr selber zu bestimmen beginnt und den Tod von vielen Menschen in Kauf nimmt, um den eigenen vermeintlichen „Wohl-Stand“ zu sichern, reden wir von Geburtlichkeit und kommen so auf die Grundbedeutung der Ökonomie zurück: Wirtschaften bedeutet, elementare Bedürfnisse von Menschen und Mitwelt zu befriedigen. Das ist der Paradigmenwechsel, den wir meinen und wollen. Und es gibt dafür Anknüpfungspunkte in der christlichen Tradition: Weihnachten als Menschwerdung Gottes in einem bedürftigen, von Älteren abhängigen Baby. Und Ostern: Die Frauen, die den Leib Jesu einbalsamieren wollten, fanden nicht den Toten sondern das Aufstehen, den Aufstand ins Leben bei diesem Mann, den man „gefährlich“ fand,  weil er sich um Menschen und ihr Heil kümmerte. Seine Careière endete nicht am Kreuz, sondern beginnt mitten ins Leben hinein.

Wie wär’s mit einer WiC-Karte zu Ostern an Bekannte, Freundinnen und Freunde?

So könnte der Umwertungs- und Neudenkprozess bei jedem und jeder anfangen:

Ohne Care gibt es keine Menschen. Ohne Menschen braucht es keine Wirtschaft. Care ist kein Teil, kein „Sektor“ der Wirtschaft, sondern Wirtschaft ist Care! 

 

Autorin: Ina Praetorius, Martha Beéry-Artho, Gaby Belz
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 19.02.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Es wäre ja himmlisch, wenn wir schon in der postpatriarchalen Zeit angekommen wören. Das kann ich nicht erkennen. Ich meine, dass patriarchales Denken und Handeln im Endstadium agiert – deshalb halte ich es um so brandgefährlicher und leider immer noch in der Lage, das Leben auf der Erde, ja die Erde selber zu zerstören. Dabei sind die patriarchalen Religionen ein konstituierender Teil des Problems Patriarchat gewesen und vermutlich immer noch. Schön, dass auch in deren Reihen ein Neudenken angekündigt wird. Mary Daly schrieb, dass wir uns selber in die Lage versetzen müssten, patriarchales Denken „hinter uns zu lassen“, ebenso wie patriarchale Institutionen.

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    „Wirtschaft ist Care“ (?) Diesen Denkzusammenhang kann ich
    (noch) nicht nachvollziehen. Aber vllt sollte ich den gesamten
    Artikel noch mal durchlesen. Reproduktionsarbeit (neuer Begriff: Carearbeit) und wirtschaftliche Arbeit ergeben ein Ganzes und ergänzen sich gegenseitig. So verstehe ich es aus meiner Sicht.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Johanna Helen – Dazu hier eine lohnenswerte Lektüre: http://www.bzw-weiterdenken.de/2015/07/die-wiederentdeckung-des-selbstverstaendlichen/ Oder du suchst in unserer Stichwortsuche mal zum Thema „Care“, da finden sich noch eine ganze Menge Texte. Zum Beispiel auch einer, der die Gleichsetzung von Care mit Reproduktion kritisiert: http://www.bzw-weiterdenken.de/2015/09/reproduktion-passt-nicht-zur-care-revolution/

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Danke Antje! Ich bin beeinflusst von
    Marxistischer Theorie (Arbeitsgruppen in den achtziger Jahren
    an der Universität zum Thema Reproduktionsarbeit, Hausarbeits- diskussion etc.) Von daher die enggefasste Sichtweise
    und die Unterteilung in „produktive Arbeit“ und
    „gesellschaftlich notwendige Arbeit“.

  • @Johanna Helen: Die Frage ist, was wir unter „Wirtschaft“ verstehen wollen. Ich selber gehe von dieser Definition aus, die – unwesentlich abgewandelt – auf den ersten Seiten jedes beliebigen Lehrbuchs der Ökonomie zu finden ist: „Arbeitsteiliges Wirtschaften ist eine gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität.“ (Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik, Bern-Stuttgart-Wien 1998/2008,11). Wenn ich diese Definition anwende, dann hat sich jede wirtschaftliche Aktivität an der Frage zu messen, ob sie „menschliche Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität“ befriedigt. Damit sind konventionelle Trennungen wie die von „Care“ und „wirtschaftlichen Aktivitäten“ oder „Produktion“ und „Reproduktion“ oder von „Markt“ und „Familie“ etc. aufgehoben, weil alle Tätigkeiten sich an demselben, von den Ökonomen selbst gesetzten Kriterium messen müssen. Ich meine, dass dies in unserer aktuellen Situation faktisch bedeutet, dass die Beweislast umgekehrt ist: Nicht wir müssen beweisen, dass Care Wirtschaft ist, denn niemand bezweifelt, dass Kochen, Putzen, Waschen, Kinder erziehen etc. menschliche Bedürfnisse befriedigt. Hingegen sollte der ökonomische Mainstream beweisen, dass er seinem eigenen Kriterium genügt: Befriedigen Waffen, Werbung, TV-Castingshows, Fussballweltmeisterschaften etc. menschliche Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität? Welche?

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    @Ina. „All creatures, great and small…“ Das Thema Tierschutzethik sollte berücksichtigt werden im Zusammenhang
    mit der CARE_Diskussion.

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    An Ina. Zur Ergänzung: Tierschutzethik ist nicht nur aus
    tierschützerischer Sicht notwendig, sondern auch aus der
    ökonomischen Perspektive wichtig. Übrigens! Das Wort
    „Vieh“ bedeutet auch „Vermögen“ und „Besitz“ und „Geld“
    (Indogermanische Sprache) Vieh gilt auch heute noch in vielen
    Ländern als Inbegriff von Besitz und Reichtum.

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