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Mustang: Fünf Schwestern verteidigen ihre Freiheit

Von Antje Schrupp

Die türkisch-französische Regisseurin Deniz Gamze Ergüven erzählt in ihrem Film „Mustang“ die Geschichte von fünf Schwestern, die in einem kleinen Dorf ihre Freiheit gegen überkommene patriarchale Regeln verteidigen.

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So lange Haare und so lange Beine. Die fünf Schwestern im Teenager-Alter sind sexy, so werden sie inszeniert. In Hotpants und Tops, mit wehenden Haaren flitzen sie im Garten herum, liegen in knappen Bikinis in der Sonne, träumen von Jungs oder von Fußball oder vom fernen Istanbul.

Allerdings leben sie im Haus ihrer Großmutter und ihres Onkels in einem kleinen und konservativen Dorf, wo die Tugendwächterinnen sie schon seit geraumer Zeit kritisch im Auge haben. Als sie dann einmal nach Schulschluss mit Jungs im Meer herumtoben, ist Schluss mit lustig: Der Onkel spricht ein Machtwort, die Großmutter fügt sich dem sozialen Druck, die Mädchen werden eingesperrt. Der Plan: Sie allesamt so schnell wie möglich zu verheiraten, bevor noch etwas „Schlimmes“ passiert.

Doch die Schwestern geben nicht klein bei. Es beginnt ein Kampf um die Freiheit, der sich gewaschen hat – wie genau die Geschichte sich entwickelt, will ich hier nicht erzählen, um nicht die Spannung zu verderben.

Nur so viel: Es ist mitreißend, Gefühlskino. Die Schwestern handeln solidarisch, und doch findet jede ihre eigene Strategie, mit den Verhältnissen zurecht zu kommen. Es endet tragisch und hoffnungsvoll zugleich, und trotz des klaren Settings von Gut versus Böse halten sich die Klischees in einem vertretbaren Rahmen. Denunziert werden nicht einzelne Personen, sondern ein gesellschaftliches System, das von Frauen erwartet, genau einen als richtig zugelassenen Lebensweg zu gehen.

Interessant fand ich die Herangehensweise von Regisseurin Ergüven an das Phänomen „Patriarchat“. Sie ist nämlich ganz anders als zum Beispiel in deutschen Filmen wie „Das weiße Band“, in denen ja auch patriarchale Strukturen filmisch dargestellt werden. Doch hiesige „Patriarchatsfamiliendramen“, wenn man so will, fokussieren häufig auf den psychologischen Faktor: Sie zeigen zum Beispiel, wie Väter ihre Frauen und Kinder mit Worten oder Blicken ängstigen. Die Autoritätspersonen müssen erst gar nicht laut werden, denn sie verbreiten qua Existenz schon eine Atmosphäre der Angst, der Beklemmung, der Ausweglosigkeit.

In „Mustang“ hingegen muss das Patriarchat ganz schön die Ärmel hochkrempeln. Es müssen Zäune gebaut und Gitter vor Fenstern angebracht werden, um die Mädchen im Zaum zu halten. Die Schwestern zeigen keine Angst und keinen Respekt, weder vor dem Onkel, noch vor der Großmutter, sondern es ist von Anfang an ein Machtkampf: Wer ist gewiefter, wer ist stärker? Um diese Konstellation plausibler zu machen, lässt der Plot die rebellischen Schwestern nicht bei ihren eigenen Eltern aufwachsen, sondern bei Onkel und Großmutter. Man kann sich also vorstellen, dass sie vielleicht anders, freier erzogen wurden.

Dennoch habe ich mich über mich selbst gewundert, weil ich beim Zuschauen ständig Angst um die Mädchen hatte: Angst, dass sie erwischt werden, dass sie ihre Respektlosigkeiten noch büßen müssen, dass ihnen etwas Schlimmes droht, wenn sie weiter so ungehorsam sind. Ich hatte als Jugendliche nicht diesen Mut, mich offen den „Autoritätspersonen“ entgegen zu stellen, geradeheraus ungehorsam zu sein (und ich galt  in dem Alter nicht unbedingt ein braves Häschen). Das gab mir irgendwie  ein bisschen zu denken.

Der Film kommt am 25. Februar in Deutschland in die Kinos.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 23.02.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Lydia sSherer-Ziegler sagt:

    Danke für den Beitrag!
    Mich macht der Film sehr neugierig, zumal hier wohl die helle Seite des Ungehorsams deutlich gemacht wird. Die dunkle Seite fordert mich als Lehrerin immer wieder heraus. Bei aller Anerkennung des Potentials des Ungehorsams braucht es in meinem Beruf auch ein klares Nein.
    Lydia

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Lydia,schön gesagt: „Die helle Seite des Ungehorsams.“

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