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Die Liebe als politische Praxis

Von Luisa Muraro, Sandra Divina Laupper

Anmerkungen der Übersetzerin Sandra Divina Laupper:

Im Dezember 1991 ist die Nr. 3 von Via Dogana erschienen, eine Nummer, die ganz der weiblichen Liebe der Mutter gewidmet ist, wobei die Redaktion ausdrücklich unter „weiblicher Liebe der Mutter” sowohl die Liebe der Tochter zur Mutter als auch der Mutter zur Tochter versteht. Von besonderer Bedeutung ist nicht nur der Text von Luisa Muraro, den ich hier übersetzt habe, sondern auch der Artikel „Auf der Seite der Mutter” von Alessandra Bocchetti, einer in Italien sehr bekannten Feministin, unter anderem Begründerin des „Centro culturale Virginia Woolf” in Rom. Darin schreibt sie: „Nicht immer beschenkt uns das Leben mit der Gnade einer guten Beziehung zu unserer Mutter, ganz im Gegenteil ist unsere Beziehung zu ihr fast immer schmerzhaft, häufig auf unerträgliche Weise, nie gleichgültig. So kennzeichnet die Mutter mit einer Dorne im Herzen ihre Bedeutung. Nun habe ich verstanden, dass all dieser Schmerz nicht von mir abhängt, nicht von ihr, dass er nicht nur von uns beiden zusammen abhängt, das heißt von unserer Beziehung, sondern dass er von der Tatsache abhängt, dass all das, was mit der Mutter zu tun hat, im wörtlichen Sinn un-angemessen ist. Weshalb die weibliche Liebe zur Mutter bedeutet, die Mutter und all das, was mit ihr zu tun hat, wieder an den ihr angemessenen Platz zu bringen. Nur wenn wir das getan haben, können wir wissen, wie sehr unsere Mutter in ihrem Charakter und insbesondere in ihrer Beziehung zu uns in Wirklichkeit hassenswert oder eben liebenswert.”

Auch ich gehöre – wie die meisten Frauen, die ich kenne, und mit denen ich mich vertieft über diese Thematik auseinandergesetzt habe – zu jenen Frauen, die von einer schmerzhaften Beziehung zu ihrer Mutter sprechen können. Der nachfolgende Artikel von Luisa Muraro hat auf jeden Fall für mich einen Meilenstein in der Aufarbeitung meiner persönlichen Beziehung zu meiner Mutter bedeutet. Und ich finde ihn nach wie vor aktuell dank seiner Kraft, einer Frau zu helfen, sich in ihren Beziehungen zu anderen Frauen zu orientieren und vor allem auch die politische Dimension dieser Beziehungen zu erfassen.

 

Luisa Muraro: „Die Liebe als politische Praxis”

Es war, als ich einmal von der Notwendigkeit sprach, die Mutter aus Dankbarkeit für das erhaltene Leben zu lieben, eine Notwendigkeit, die bedeutend mehr ist als eine moralische Pflicht: eine symbolische Notwendigkeit, von der es abhängt, ob eine Frau einen freien und fruchtbaren Bezug zu sich selbst, zu den anderen Frauen, zu den Männern finden kann. Nachdem ich gesprochen hatte, stand eine Frau auf und sagte: „Dann bin ich verloren, denn ich werde meine Mutter, die mich nicht geliebt hat, nie lieben können.”

Mit diesen Worten zeigte jene Frau auf, was der schwierigste und vielleicht auch der entscheidendste Übergang ist, den eine Frau in ihrem Dasein als Mensch zu passieren hat. Das, was am menschlichen Dasein einer Frau am stärksten negativ auffällt, ist die Abhängigkeit von den Männern, nicht die wirtschaftliche, sondern die affektive und geistige Abhängigkeit. Die französische Philosophin Simone Weil, die wenig von ihrem Geschlecht spricht und häufig die männliche Form verwendet, wenn sie sich auf sich selbst bezieht, bemerkt das von den Frauen, nämlich die Unterordnung unter das andere Geschlecht. Aber sie hinterfragt nicht die Gründe. Heute wissen wir, eine Frau gerät in diese Abhängigkeit – die die emanzipierten Frauen nicht verschont, ganz im Gegenteil –, weil sie versucht, etwas vom Mann zu bekommen, das ihr nur die Mutter geben konnte. Was ist das? Es ist die Möglichkeit, sich selbst zu akzeptieren, wie sie ist, und ein Maß zu finden im Umgang mit den anderen.

Der mütterliche Ursprung der Abhängigkeit der Frauen von den Männern wurde (soviel ich weiß) das erste Mal von Sigmund Freud erkannt („Die Weiblichkeit”, 1932). Allerdings ist es laut diesem Autor unvermeidlich (und richtig), auf einen Mann jenes Anliegen zu übertragen, das ursprünglich an die Mutter herangetragen, aber nicht angenommen wurde.

Das ist absolut nicht unvermeidlich, wird Luce Irigaray ihm 40 Jahre später (in „Speculum, Spiegel des anderen Geschlechts”, 1974) erwidern und aufzeigen, dass diese Vorstellung mehr einem Wunsch der Männer entspricht als einer Erfahrung der Frauen. Tatsächlich kam es Ende der 1960er Jahre mit dem Aufkommen des Feminismus zu einer Veränderung. Ich beziehe mich hier nicht auf jenen Feminismus, der gleiche Rechte für Frauen wie für Männer einfordert, und auch nicht auf jenen,  der sich in ein Rivalitätsverhältnis zum Mann stellt: In beiden Fällen handelt es sich um Formen  des Emanzipationismus, in denen der Mann das verbindliche Maß für eine Frau bleibt. Ich beziehe mich auf jene Bewegung, die – in jeder Hinsicht – größer ist als der Feminismus und die uns dahin gebracht hat, die Gesellschaft anderer Frauen zu schätzen, für unseren Geist eine Nahrung zu suchen, die dem Denken von Frauen entspringt, unserem Geschlecht Glauben zu schenken und Vertrauen entgegenzubringen. Die Veränderung wirkt wie ein Flashback, der die ursprüngliche Beziehung mit der Mutter wieder aufleben lässt, allerdings in einem neuen Kontext, einem Kontext, der sich verändert hat durch die Anwesenheit von Frauen, die sich lieben, sich gegenseitig zuhören, sich gegenseitig beurteilen und wertschätzen. So kommt es, dass jene Spiele, die mit der Kindheit vorbei und begraben zu sein schienen, wiedereröffnet werden: Das Glück, als Frau geboren zu sein, das eine Frau nun bewusst erlebt, verwandelt sie selbst zu Recht in Dankbarkeit für jene Frau, die sie auf die Welt gebracht hat. Es geht nämlich darum, den Weg jener Verschiebung – von der Mutter zum Mann –, die unsere Zivilisation als unvermeidlich dargestellt hat, rückwärts zu begehen. Es geht darum, der Beziehung einer Frau zu ihrer Mutter die Kraft des Symbolischen zurückzuerstatten. Kurz gesagt, es geht um die Freiheit einer Frau.

In dieser befreienden Bewegung, der tiefsten und elementarsten, die es gibt, stoßen viele Frauen aber auf das Hindernis einer katastrophalen – oder auf jeden Fall schwierigen – Beziehung zur eigenen Mutter. Wie jene Frau, die am Ende meiner Erläuterungen sprach, könnten auch viele andere Frauen sagen: „Dann bin ich verloren.”

„Wer dir das unglückselige Misslingen ihrer Beziehung zur Mutter entgegenhält, bringt einen Einwand gegen deine Äußerungen vor”, hat mich jene Frau ermahnt, von der ich die Politik erlernt habe (gemeint ist hier Lia Cigarini vom Frauenbuchladen von Mailand; Anm. d. Übers.), „sie sagt zu dir, dass sie in ihrer Beziehung zur Wirklichkeit vor einem Hindernis steht, hier und jetzt, einem Hindernis, das so elementar ist, dass sie es auf die Beziehung zur Mutter bezieht.”

Und sie hat hinzugefügt: „Die weibliche Liebe der Mutter ist nicht der Name des Gefühls, das in der Beziehung zwischen einer Frau und ihrer Mutter präsent (gewesen) sein kann oder auch nicht; es ist der Name einer notwendigen Vermittlung, das heißt eines Übergangs, den der menschliche Geist machen muss, um seine Fähigkeiten entfalten zu können. Deshalb gelangt eine Frau zur Liebe der Mutter dank derselben Bewegung, die sie dazu bringt, das Bewusstsein der Notwendigkeit dieser Vermittlung zu erlangen, was bedeutet, wenn wir auf unsere Geschichte schauen: dank der Praxis der Selbsterfahrung, die von der Beschreibung der Beziehung mit dem Mann bald auf die Herkunftsfamilie, wo ja die Beziehung zur Mutter von zentraler Bedeutung ist, übergegangen ist; dank der Praxis des Unbewussten, wodurch sie lernt, auf den Neid, die Angst usw. zu hören; dank der individuellen Psychoanalyse (in einzelnen Fällen); dank der Praxis der Ungleichheit unter Frauen; dank der Praxis, sich einer älteren und erfahreneren oder auch einfach nur klügeren und umsichtigeren Frau anzuvertrauen, um aus dieser Geste eine verbindliche Vertrauensbeziehung entstehen zu lassen (hier bezieht sich der Text auf die im Buch „Non credere di avere dei diritti” des Frauenbuchladens von Mailand, Rosenberg&Sellier, Turin, 1987 – auf deutsch: „Wie weibliche Freiheit entsteht”, Orlanda Frauenverlag, Berlin 1988 – beschriebenen, in der Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre entwickelten politischen Praktiken; Anm. d. Übers.). Es sind diese Praktiken”,  so spricht immer noch sie, „die ja zu einer persönlichen Entwicklung führen, die uns dazu gebracht haben zu verstehen, dass es eine symbolische Ordnung der Mutter gibt; deshalb ist es so, dass es, wenn eine Frau in ihrer Beziehung zur Mutter ein Hindernis und nicht eine Kraftquelle sieht, bedeutet, dass ihr eine angemessene politische Praxis fehlt, die ihr erlauben würde, ihre Erfahrungen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.” Dann hat sie hinzugefügt: „Du musst auch sagen, dass es die weibliche Liebe der Mutter gibt; Orte wie das Kulturzentrum ‚Virginia Woolf‘ in Rom, wie die philosophische Frauengemeinschaft Diotima in Verona, wie der Frauenbuchladen in Mailand oder wie die UDI (= Unione Donne in Italia, jene politisch, sozial und kulturell aktive gesamtstaatliche Frauenorganisation, die 1945 aus der Organisation der im antifaschistischen Widerstand kämpfenden Frauen entstanden ist; Anm. d. Übers.) oder auch andere Orte, wo eine weibliche Genealogie präsent ist, hätten nicht existieren können, wenn die Mütter von jenen, die sie geschaffen haben, nur Elend, Gleichgültigkeit und Hass zu vermitteln gehabt hätten.

Bei diesen Worten fällt die Bedeutung auf, die der Wahl der Praxis gegeben wird: Die jeweils gewählte Praxis ist das Entscheidende, das alles ins Rollen bringt. Die Bedeutung der Praxis ist so groß, dass man damit nie übertreiben kann: Die angemessen gewählte Praxis verändert den Sinn der Wirklichkeit und verändert demzufolge auch die Wirklichkeit selbst. Aber die Anzahl derjenigen, die das wissen, ist noch zu gering; die anderen lassen sich in ihrem Fortkommen weitgehend vom Zufall bestimmen oder bewegen sich kraft eines großen Aufwandes an gutem Willen und Intellektualismus fort – und kommen nur sehr mühsam voran. Noch sind wir sehr wenige, die wissen, dass es auf die richtige Praxis ankommt, um den Sinn der Wirklichkeit und damit die Wirklichkeit selbst zu verändern, weil es notwendig ist, diese Erfahrung gemacht zu haben, um es zu wissen. In der Tat, gerade weil es so wichtig ist, die richtige Praxis zu wählen, reichen die Worte nicht aus, um zu vermitteln, was die Wahl der richtigen Praxis bedeutet.

Jener Frau, die von sich sagte, dass sie verloren sei, hatte ich geantwortet: „Es zählt nicht, was du fühlst, es zählt die Bedeutung der Worte, weshalb du Worte der Dankbarkeit gegenüber deiner Mutter suchen und finden solltest: Die Sprache selbst wird für dich sagen, was du nicht fühlst.” Viele haben befunden, dass das eine gute Antwort war, aber jene Frau selbst, die eigentlich Betroffene? War sie in der Lage, Worte der Dankbarkeit für ihre Mutter zu finden?

Die Antwort der politischen Praxis ist besser. Mit der Praxis führe ich eine Neuerung in meiner Wirklichkeit ein (zum Beispiel halte ich mir vor Augen, was ich Gutes von meinen Geschlechtsgenossinnen erhalten habe, und zugleich lege ich darüber Rechenschaft ab; oder ich äußere mich zu Wünschen und Problemen, anstatt mich hinter einem Schweigen zu verschanzen; ich fühle mich an das Urteil einer vertrauenswürdigen Frau gebunden; usw.), sodass die Wirklichkeit lebendiger und freier wird, weil sie nicht mehr abhängig ist von dem, was gewesen ist; ganz im Gegenteil wird die Vergangenheit verändert vor meinen Augen erscheinen, weil ich mich verändert habe.

Bei den Worten der Frau, die mich die Politik gelehrt hat, fällt nicht nur das große Gewicht auf, das sie der Praxis zuschreiben, sodass die Liebe selbst zur politischen Praxis wird – es fällt auch auf, wie sie die Blickrichtung verändern. Ihre Worte laden nämlich dazu ein, die Wirklichkeit als etwas anzusehen, das sich ändern kann, weil wir selbst uns ändern können. So zeigt jene Bewegung des Geistes, die uns dazu gebracht hat, die Notwendigkeit der weiblichen Liebe der Mutter zu begreifen, eben diese Liebe am Werk: Sie zeigt sich als Wirkung dieser Liebe, als das, was diese Liebe bewirkt hat. Und so schließt sich der Kreis in einer kreisförmigen Bewegung, die uns miteinbezieht und Kraft gibt.

Autorin: Luisa Muraro, Sandra Divina Laupper
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 03.04.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • antigone kunz sagt:

    Liebe Luisa Muraro
    Liebe Sandra Divina Lauper

    Zuerst einmal ein herzliches Danke, für das Verfassen und Wiedereinstellen dieses wichtigen Textes.
    Die (politische) Praxis, als leibliche Umsetzung kann oft, dadurch dass sie so klein und unscheinbar ist, von grosser unmittelbarer Befreiung sein.
    Lieben als Verb, ganz besonders im Zusammenhang mit der eigenen Mutter ist oft so überwältigend und auch so abstrakt, da weiss eine gar nicht wo anfangen. Denn das Denken kann noch solange denken, die Emotionen noch so lange brodeln, wer das ganze hält und ausbadet ist der Körper. Schon nur mal eine kleine Hinbewegung im Konkreten, Physischen zur (imagnierten) Mutter zu machen, kann fast unmöglich sein. Es braucht oft viele Zwischenstufen, geduldiges Abwarten und manchmal geht es auch einfach so. Der Körper machts vor und alles Andere kommt nach oder noch nicht ganz nach.
    Das Leibliche, Konkrete auch als Orte, wo durch den Alltag erforderte Hinwendung gepflegt wird und nicht gleich lieben zu sein braucht, kann so manches aufgewühlte Frauendasein entlasten.
    Liebe als Qualität des Seiens, ist.
    Lieben als Ausdruck unserer Existenz – sei es auch als politische Praxis – braucht Manifestation und Leiblichkeit, so wird sie erst begriffen, integriert und kann Neues in Gang setzten.

    un grand merci und liebe grüsse
    antigone kunz

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