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Frauenliebe und -freundschaft sind der Motor der Revolution

Von Jutta Pivecka

 

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Barbara Beuys gibt in „Die neuen Frauen –Revolution im Kaiserreich 1900 – 1914“ einen Überblick über die Frauenbewegungen und die bewegten Frauen dieser Umbruchsepoche. Sie erinnert in der „Vorgeschichte“ an die Namen mutiger Frauen wie Louise Otto-Peters, Auguste Schmidt oder Henriette Goldschmidt, die schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Publizistinnen eine Revolution der Geschlechterverhältnisse herbeizuschreiben versuchten: „Dem Reich der Freiheit werb´ ich Bürgerinnen“ ist das Motto ihrer Zeitschrift, die 1849 erstmals erscheint.

Im 2. Kapitel geht es um jene Frauen, denen um die Jahrhundertwende ein Studium in Deutschland noch versagt blieb, die sich aber jenseits der Grenze in der Schweiz ihren Traum von einer vertieften Bildung oder ihren Berufswunsch (viele als Ärztin) erfüllten. Die Studienkolleginnen Franziska Tiburtius und Emilie Lehmus gründen schließlich gemeinsam die erste Poliklinik für Frauen in Berlin. Interessant ist hierbei zu lesen, wie absurd bis heute gewürdigte Größen der Medizin ihre Abwehr weiblicher Kolleginnen begründeten. So zum Beispiel Professor Virchow, den Beuys zitiert: „Das Weib ist eben nur Weib durch seine Generationsdrüse; alle Eigentümlichkeiten seines Körpers und Geistes oder seiner Ernährung und Nerventätigkeit: die süße Zartheit und Rundung der Glieder…jener schöne Schmuck der Kopfhaare..diese Tiefe des Gefühls…diese Sanfmut, Hingebung, Treue – kurz alles, was wir an dem Weibe Weibliches bewundern und verehren, ist nur eine Dependenz des Eierstockes.“

Für mich besteht eine wichtige Leistung dieses Buches in der Erinnerung an die Namen, Leistungen und Werke so vieler Frauen, einige, von denen ich schon viel gehört oder gelesen hatte, andere, die für mich zu Entdeckungen wurden. Die Lektüre gab mir auch Anstoß dazu, heute fast vergessene Bestseller-Autorinnen der Jahrhundertwende wie Gabriele Reuter oder Alice Berend wieder zu lesen.

Schon um 1900 stehen im Zentrum der weiblichen Emanzipation Fragestellungen, die auch heute noch den Diskurs prägen: die Rolle der Frau als Mutter, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die sexuelle Selbstbestimmung. Beuys zeigt an vielen individuellen Biographien die unterschiedlichen Bedürfnisse und Begehren der Frauen, geprägt durch ihre soziale Herkunft und ihre politische Haltung. Während bürgerliche Frauen vor allem für das Wahlrecht und berufliche Aufstiegsmöglichkeiten kämpfen, streben die Proletarierinnen und ihre Vorkämpferinnen wie Clara Zetkin und Rosa Luxemburg gemeinsam mit ihren männlichen Parteigenossen nach einer Revolution, um die Massenarmut zu beseitigen.

Während die bürgerlichen Frauen von ihren Vätern, Ehemännern und Brüdern als treusorgende Hausfrauen und Mütter idealisiert, ihre angeblichen Geschlechtseigenschaften naturalisiert werden und ihre sexuelle Befreiung durch eine perfide Doppelmoral verhindert wird, haben es die Sozialrevolutionärinnen mit männlichen Mitstreitern zu tun, die das Geschlechterverhältnis zu einem „Nebenwiderspruch“ erklären, der im revolutionären Kampf zu vernachlässigen sei. Beide kämpfen innerhalb ihres jeweiligen sozialen und politischen Umfelds gegen Entmündigung, Marginalisierung und Funktionalisierung. Barbara Beuys weist nach, dass links wie rechts die „Frau in ihrer Funktion als Mutter“ instrumentalisiert und politisiert wurde. Clara Zetkin vertritt, als es um einen „Gebärstreik“ geht die von der männlichen Parteiführung ausgegebene Linie gegen die um die Selbstbestimmung über ihren Körper streitenden Frauen. Die weibliche Solidarität zwischen den unterschiedlichen Lagern und innerhalb derselben wird immer wieder aufgekündigt, wenn es um ideologische „Übergrößen“ wie „Vaterland“ oder „Klassenkampf“ geht.

Aus Beuys Geschichts- und Geschichtenbuch lässt sich jedoch auch Hoffnung schöpfen: Spannend ist es zu lesen, wie fast alle Frauen, von denen sie erzählt, von anderen Frauen inspiriert werden, sich gegenseitig lehren und unterstützen, Lebens- und Arbeitsgemeinschaften miteinander bilden. Frauenfreundschaften und – lieben, so zeigt es Beuys an vielen Beispielen, sind der Motor weiblicher Emanzipation. Zum Schluss ihres Buches fasst Beuys noch einmal, auf Karen Horney, die große Psychoanalytikerin, die dem „Penisneid“ den Todesstoß versetzte, Bezug nehmend, zusammen: „Am Ende aller Argumente nämlich komme von Seiten der Männer noch stets die Biologie ins Spiel. Frauen, heißt es dann triumphierend, würden nun mal schwanger und Kinder gebären. Also seien sie in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eben nicht voll einsatzfähig. Dagegen hilft nach Karen Horney zweierlei: Solidarität und Kooperation unter Frauen.“

 

Barbara Beuys: Die neuen Frauen – Revolution im Kaiserreich 1900 – 1914,  Hanser Verlag 2014, € 24,90

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 12.04.2016
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