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Lenas Klasse, oder: Sexualisierte Gewalt trotz Geschlechter-Egalität

Von Antje Schrupp

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Viele Frauen im öffentlichen Raum, aber sexualisierte Gewalt passiert trotzdem ungestraft: Szene aus dem Film „Lenas Klasse“.

Nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht ist viel darüber diskutiert worden, in welchem Zusammenhang sexualisierte Gewalt mit dem weltanschaulichen Hintergrund der jeweiligen Täter steht. Ist sexualisierte Gewalt in allen Kulturen vorhanden oder in manchen mehr als in anderen? Und wenn ja, wovon hängt es ab? Helfen egalitäre Geschlechterverhältnisse, sexualisierte Gewalt zu verringern?

Nachdenklich gemacht hat mich dazu der russisch-deutsche Film „Lenas Klasse“, der am 28. April in Deutschland in die Kinos kommt und den wir in der Evangelischen Filmjury gesichtet haben. Er ist filmisch nur so mittelmäßig, aber inhaltlich interessant (Achtung, ich verrate im Weiteren fast die ganze Handlung):

Der Regisseur  Ivan I. Tverdovsky erzählt die Geschichte der 16-jährigen Lena, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist und in eine neue Sonderschulklasse kommt. Dort lebt sie sich zunächst gut ein und schließt Freundschaften, doch mit der Zeit kocht eine unterschwellige Gewalt hoch und Lena wird von ihren Mitschüler_innen brutal vergewaltigt.

Die handelnden erwachsenen Personen sind fast ausschließlich Frauen: die Lehrerinnen, die Schulleiterin, Lenas Mutter. Die Klasse besteht aus Jungen und Mädchen, und Lenas Clique, der sie sich anschließt, ist halbe-halbe zusammengesetzt.

Ich finde Filme aus anderen Ländern ja immer auch daraufhin interessant, wie sich das Alltagsleben anderswo von dem in Deutschland unterscheidet. Tverdivsky zeigt das heutige Russland als hartherzige und brutale Gesellschaft, in der aber Frauen und Männer auf Augenhöhe und als Gleiche miteinander umgehen. Es gibt in der Klasse keine erkennbare Hierarchie zwischen Jungen und Mädchen, beide sind gleichermaßen dominant und selbstbewusst, der öffentliche Raum ist nicht männlich konnotiert. In den Gesprächen fällt an keiner Stelle eine Andeutung, die auf eine Höherwertigkeit des Männlichen verweist. Es gibt keine Geschlechterklischees, kein Hellblau-Rosa-Getue, keine Kokettiererei. Sozusagen ein gleichstellungspolitisches Paradies.

Doch an dem Punkt, wo es um die weibliche Sexualität geht, ist alles anders. Der egalitäre Umgang der Geschlechter miteinander im Alltag bewahrt Lena nicht davor, vergewaltigt zu werden, und es ist klar, dass diese Gewalt ein gesellschaftliches Tabu darstellt. Die Mütter halten zu ihren Söhnen, egal was die tun. Die Täter und Täterinnen kommen ungeschoren davon, Lena und ihre Mutter (die ihr beisteht) haben keine Chance. Es gibt keine Kultur der gesellschaftlichen Ächtung sexualisierter Gewalt.

Es kann natürlich sein, dass Regisseur Tverdivsky die russische Realität etwas verzerrt darstellt, speziell seine negative Darstellung der Lehrerinnen und der Schulleiterin könnte übertrieben sein. Aber dennoch drängt sich mir die Frage auf, warum auch eine gleichstellungspolitische Tradition wie die in Russland, die zu einem egalitären Alltagsverhalten zwischen den Geschlechtern und zu einer selbstbewussten Anwesenheit von Frauen im öffentlichen Raum geführt hat, nichts an der Brutalität der sexualisierten Gewalt geändert hat. Warum auch dort, wo Frauen das Sagen haben (wie in der Schule) es keinerlei Sensibilität für die Opfer gibt.

In den gegenwärtigen Debatten über den Islam wird ja häufig die kulturelle Geschlechterseparation in islamischen Ländern kritisiert. Auch in Zusammenhang mit muslimischer Kleidung oder Regeln, die auf eine Trennung von Frauen und Männern abzielen (oder Berührungsverbote installieren) wird häufig gesagt, auf diese Weise werde der Alltag sexualisiert, weil ständig präsent und sichtbar ist, und darüber nachgedacht werden muss, ob das Gegenüber nun eine Frau oder ein Mann ist (oder man selbst). Und ich halte das auch für problematisch.

Aber speziell sexualisierte Gewalt scheint es nicht zu erklären. Denn die gibt es offenbar genauso in einer Gesellschaft wie der russischen, die keine derartigen Tabus kennt. Es ist zu befürchten, dass sexualisierte Gewalt sehr viel tiefer in die menschliche Kultur eingeschrieben ist, als dass man sie mit relativ „oberflächlichen“ Maßnahmen (Religion, Gesellschaftssystem, Familienstrukturen etc.) loswerden kann. Und es ist wirklich erstaunlich (oder vielleicht leider auch nicht), dass dieses Thema nicht besser erforscht ist.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 23.04.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Auch ich bin dafür, dass das Thema sexualisierte Gewalt besser erforscht wird. Dann bekäme ich vielleicht eine Antwort darauf, warum in Gesellschaften, die heute noch nach matriarchalen Regeln leben, keine Vergewaltigungen bekannt sind, auch keine körperliche Gewalt. Sollte es wirklich daran liegen, dass diese Frauen und die männlichen Verwandten ihre Kinder gewaltfrei und ohne Demütigung aufziehen? Bei Kindern, die in unseren patriarchalen Gesellschaften mit ihren patriarchalen Religionen und kulturellen Gebräuchen, körperlich, seelisch und sexuell misshandelt und genötigt werden, sind Veränderungen im Gehirn nachgewiesen worden, sehr auffallend bei Jungen mit den bekannten Folgen.
    Auch die Staaten, die sich sozialistisch oder kommunistisch nannten und noch nennen, sind patriarchal geblieben und die propagierte Geschlechteregalität habe ich zumindest bei meinen zahlreichen Besuchs- und Briefkontakten in der DDR nicht ausmachen können. Es würde mich wundern, wenn es in der UdSSR und im ehemaligen Zarenreich und im heutigen Russland, wo die Menschen durchgängig massive Unterdrückung erlebten und erleben, es anders ist.

  • Irina Pawlowa sagt:

    Ich verlinke hier einen Text über Feminismus in Russland, der ziemlich deutlich macht, dass von Gleichstellung und Augenhöhe keine Rede sein kann:

    http://www.bento.de/politik/feminismus-in-russland-was-denken-russinnen-ueber-gleichberechtigung-477331/

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