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Wer will/kann/darf/soll Eltern sein?

Von Elfriede Harth

Was bedeutet Eltern sein heute? Wie wird jemand Eltern? Sechs Stunden lang wurde dieses Thema an der Uni Mainz aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und diskutiert.

Rebekka und Sebastian vom Elternreferat des AstA der Uni Mainz hatten den Thementag zum Elternwerden organisiert. Foto: Verena Lettmayer

Rebecca und Sebastian vom Elternreferat des AstA der Uni Mainz hatten den Thementag zum Elternwerden organisiert. Foto: Verena Lettmayer

Wer wird Eltern? Warum wird jemand Eltern? Was sind denn Eltern? Was tun oder unterlassen Eltern?  Das Autonome Referat für Eltern des AstA der Universität Mainz hatte einen Thementag dazu organisiert und mit einem tollen, gut besuchten Kinderprogramm auch die Bedingungen dafür geschaffen, dass betroffene Eltern oder Menschen, die an Eltern statt mit der Versorgung von Kindern beschäftigt sind, auch selbst daran teilnehmen konnten.

Es ist ein Thema, das mich schon immer beschäftigt hat. Und von dem ich immer neue spannende Aspekte entdecke. Der folgende Text ist demnach auch keine Zusammenfassung der gehaltenen Vorträge, sondern eher durch sie inspiriert.

Schwangerwerdenkönnen

Eltern sind Menschen, die sich durch eine bestimmte Beziehung zu einem „Nachwuchs”, also durch „Kinder” definieren. Doch Elternsein ist auch eine Rolle, wird also bestimmt durch gewisse Tätigkeiten oder Verhaltensweisen. Elternsein ist darüber hinaus ein gesellschaftlicher Status mit der ganzen dazu gehörigen Symbolik.

Erst durch das Kind, die Tochter oder den Sohn, wird jemand zur Mutter oder zum Vater, werden Menschen zu Eltern. Menschen werden immer in ein Beziehungsgeflecht hineingeboren. Zumindest ist das bislang immer so gewesen, wenngleich diese Beziehungen historisch in unterschiedlichen Formen definiert und reguliert wurden. Das ist der kulturelle, gesellschaftliche, symbolische Aspekt von Elternschaft und Kindschaft. Darüber hinaus, oder vielleicht davor, gibt es noch den biologischen Aspekt von Elternschaft und Kindschaft, der damit zu tun hat, dass das Menschsein untrennbar mit Körperlichkeit zusammenhängt.

Antje Schrupp sprach über das Schwangerwerdenkönnen. Foto: Verena Lettmayer

Antje Schrupp sprach über das Schwangerwerdenkönnen. Foto: Verena Lettmayer

Wie Antje Schrupp (die auch Redakteurin dieses Forums ist) in ihrem Vortrag zu „Schwangerwerdenkönnen” darlegte, werden drei Komponenten benötigt, damit ein neuer Mensch entstehen kann: eine Eizelle, eine Samenzelle und ein Mensch, in deren Gebärmutter sich in einem Zeitraum von bestenfalls vierzig Wochen die/der aus miteinander verschmolzenen Ei- und Samenzelle gebildete Zygote zu einem autonom mit den eigenen Lungen atmende Mensch entwickeln kann.

Eizelle und Samenzelle sind notwendig, damit es zu einer Befruchtung kommt. Seit Menschengedenken wurden Eizellen im Körper einer Person befruchtet, die sich dadurch auszeichnete, dass sie schwanger werden konnte. Inzwischen kann diese Befruchtung in einem Reagenzglas stattfinden. Aber die Entwicklung und Reifung dieser befruchteten Zellen bedarf (noch?) unbedingt einer menschlichen Gebärmutter, also eines Menschen, dessen Organismus mit einer solchen ausgestattet ist.

Wer verfügt aber über das Kind, wenn es einmal geboren ist? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass es versorgt wird? – Die schwangere Person hat theoretisch bis zur Entbindung mehrere Monate Zeit, sich aus dem Staub zu machen, um für sich alleine die Verfügung über das Kind zu sichern. Bis zur Geburt ist das entstehende neue Menschenkind auf Gedeih und Verderb auf die Gebärmutter als Ort der Menschwerdung angewiesen. Wie in der anschließenden Diskussion darauf hingewiesen wurde, gibt es in den abrahamitischen Religionen die Vorstellung von einem „gebärmütterlichen” (=barmherzigen) Gott. Es ist „Gottes Barmherzigkeit”, seine/ihre Bedingungslosigkeit, die eine (geistige) Menschwerdung überhaupt erst möglich macht.

Diese Sachverhalte haben sicherlich dazu geführt, dass eine erste Unterscheidung zwischen Menschen gemacht wurde, nämlich in solche, die schwanger werden konnten und solche, denen es versagt war. Die englische Sprache macht diese Unterscheidung noch ganz bildlich deutlich, indem ein Nicht-schwanger-werden-Könnender schlicht als „man” bezeichnet und einer, der aller Wahrscheinlichkeit nach diese Fähigkeit doch hat, weil mit einer Gebärmutter ausgestattet, „Womb-man” (Gebärmutter-Mensch) heißt – was heute  „woman” geschrieben wird. Also Mann und Frau. (Allerdings ist diese etymologische Herkunft umstritten).

Heteronormativität und Kinderhaben

In der Vergangenheit wurden in unserem europäischen Kulturkreis einem Mann, verstanden als einem Menschen ohne Gebärmutter, durch die Institution der Ehe die von seiner Ehefrau geborenen Kinder quasi als Eigentum zugeschrieben. Er erhielt als Familienoberhaupt das Sorge-Recht und damit die volle juristische Macht über das Kind, das seine Frau ausgetragen und geboren hatte. Es war dabei unerheblich, ob er es gezeugt hatte. Das galt einfach als gegeben. Als Symbol dieser Macht erhielt das Kind seinen Nachnamen. Die Institution Ehe war also eines von vielen Mitteln, um Menschen mit Gebärmutter – und daher mit der Fähigkeit, neue Menschen zu produzieren – der Frucht ihrer körperlichen Leistung zu enteignen.

Ich fand schon immer die Redewendung bemerkenswert, dass eine Frau ihrem Mann „ein Kind schenkte“ oder „ihm eines gebar“. Gleichzeitig wurde jedoch erwartet, dass der Mensch mit Gebärmutter das vollständig auf fremde Hilfe angewiesene Menschenkind versorgte. Wohl auch deshalb, weil der Gebärmutter habende Körper auch über Milchdrüsen verfügt, die nach der Abnabelung des Kindes die ideale Anfangsnahrung produzieren, um das Kind bis zu dem Alter zu ernähren, wo es Zähnchen bekommt und davon krabbeln kann, also weitere Anzeichen von Selbständigkeit aufweist. Neun Monate Schwangerschaft wurden anscheinend als moralische (und juristische) Verpflichtung betrachtet, die – notfalls vollständige und alleinige – Verantwortung für die Sorge um das Leben und das Wohl des Kindes zu tragen.

Schwangerwerden außerhalb der Ehe wurde unter Strafe gestellt. Es wurde stigmatisiert. Ein Kind „ohne Vater“ wurde diskriminiert, die Mutter als Frau und als Mensch gesellschaftlich deklassiert und marginalisiert, wenn nicht gar ausgestoßen. War eine Schwangerschaft schon immer ein großes körperliches Risiko für das Leben und die Gesundheit eines Menschen mit Gebärmutter, so bedeutete eine Schwangerschaft außerhalb der vorgegebenen gesellschaftlichen Normen und Regelungen eine Ächtung, eine große soziale Gefahr.

Wachsende Vielfalt der Familienformen

Mit der Möglichkeit, Schwangerschaften sicher zu verhüten und notfalls abzubrechen, änderte sich die Lage grundlegend. Menschen mit Gebärmutter konnten nun ihren Dienst an der Produktion neuer Menschen verweigern. Allerdings war das immer wieder tabu, mit Verboten und schweren Strafen belegt. Doch in Zeiten rasanten Bevölkerungswachstums, wie wir es seit 1850 kennen (von einer Milliarde Menschen im Jahre 1850 wuchs die Bevölkerung auf 2,5 Milliarden im Jahre 1975 und sprang dann auf über 7 Milliarden heute), änderte sich vieles. Auch in den Geschlechterverhältnissen.

Gepaart mit wachsender Lebenserwartung verkürzte sich im Leben eines Menschen mit Gebärmutter – einer Frau – der Zeitraum, der von einer möglichen Erzeugung und Aufzucht von Nachwuchs ausgefüllt wurde, bedeutend. Den Frauen eröffneten sich viele andere Lebensaufgaben und Lebensperspektiven. Institutionen wie die Ehe verloren ihre Bedeutung. Eine wachsende Vielfalt von Formen des Zusammenlebens zwischen Menschen in Eltern-Kind Beziehungen wurden sichtbar und immer legitimer. Immer mehr Kinder werden außerhalb der Ehe geboren. Heute kann einem Mann die Vaterschaft auch außerhalb der Ehe amtlich zugesprochen werden. Er muss dazu lediglich eine Erklärung abgeben, mit der er diese Vaterschaft „anerkennt”. Er kann dabei auch das Sorgerecht für das Kind erhalten. Und in der Gesellschaft wird immer stärker gefordert – in erster Linie von jenen, die für eine gerechtere Verteilung der (unbezahlten) Sorgearbeit plädieren – dass Väter sich auch an der Ausübung der „Sorge-Pflicht” beteiligen.

Mutter des Kindes war bisher immer die Person gewesen, die die oder den Neugeborene_n „entbunden” hatte. Ohne ihre Anwesenheit, ohne ihr Dabeisein, kann es keine Schwangerschaft und keine Entbindung / Geburt geben. Doch schon seit alters her garantierte die körperliche Mutterschaft der austragenden und gebärenden Frau durchaus nicht automatisch die Verfügungsgewalt über das Kind, das sie entbunden hatte, weil die gesellschaftlichen Regelungen und Normen anderes vorsahen (zum Beispiel mit einem Sorgerecht des Vaters, durch Adoption, durch Eigentum an der Frau in der Sklaverei, etc.)

Und auch heute entstehen neue Normen und Regelungen, die die Schwangere-Entbindende von der Frucht ihrer Matrix enteignen. Und zwar gemäß der heutigen marktwirtschaftlichen Gepflogenheiten mittels Tausch gegen Geld zu vertraglich festgelegten Bedingungen. Diese Transaktion wird auf Deutsch „Leihmutterschaft” genannt, auf Französisch „GPA” oder „Grossesse pour autrui” – „Schwangerschaft für jemand anderen”, auf Englisch „surrogacy” oder „Ersatz”-Schwangerschaft oder „stellvertretende” Schwangerschaft. Es ist ein Markt entstanden, in dem sich Menschen ohne Gebärmutter oder solche, die kein Kind austragen wollen, ein „eigenes” Kind kaufen können, um sich so den Status von „richtigen” Eltern zu leisten: Ihr DNA ist an die nächste Generation weitergegeben worden.

Ist Elternschaft eine Sache von DNA? Ist Elternschaft eine Sache von menschlichem Gewebe? Und wo bleiben die langen Monate und die körperliche Leistung der Schwangerschaft? Das Zehren des sich entwickelnden neuen Organismus am Körper der Schwangeren? Das gesundheitliche Risiko, das jede Schwangerschaft birgt? Antje Schrupp plädiert für die legale (und moralische) Anerkennung der Schwangerschaft als entscheidendem Element für die (biologische) Elternschaft. Die Schwangerschaft sollte mindestens so viel Gewichtung bekommen bei der Bestimmung der Elternschaft wie die Samenzelle und die Eizelle, so dass man unter Umständen im Falle von Leihmutterschaft von einem Kind mit drei biologischen Eltern sprechen sollte.

Sie plädiert für eine Abkehr von der genetischen Komponente als alleinigem Kriterium für die Definition von biologischer Elternschaft. Ganz abgesehen davon, dass es ja auch eine sozial definierte Elternschaft gibt, bei der Care das entscheidende Merkmal ist, nicht die biologische Verwandtschaft. Schwangerschaft könnte so gesehen auch als eine erste Form von Care betrachtet werden. Sie macht sichtbar, dass Care lebensnotwendig ist – für die darauf Angewiesenen.

Ja, aber wie ist es mit der freien Entscheidung der Careleistenden?

Familie, Geschlecht, Normalität im Wandel

Und so stellt sich die Frage: Was ist Elternschaft über die reine Biologie hinaus? Besonders, wenn es um menschliche Elternschaft geht. Schließlich ist doch das besondere Gattungsmerkmal der Spezies Homo Sapiens, dass es außer dem biologischen Substrat noch eine symbolische, geistige Komponente hat.

Jochen König sprach über neue Familienformen und queere Elternschaft. Foto: Verena Lettmayer

Jochen König sprach über neue Familienformen und queere Elternschaft. Foto: Verena Lettmayer

Dazu gab Jochen König eine Einführung, indem er aus seinen persönlichen Erfahrungen als zentrale Bezugsperson seiner beiden Töchter erzählte und aus seinen Büchern vorlas (die auch hier im Forum schon besprochen wurden). Seine Familie besteht nicht aus Vater-Mutter-Kind, sondern ist ein komplexes Beziehungsgeflecht aus mindestens vier erwachsenen Ko-Eltern, die sich die Carearbeit der Elternschaft teilen, auf eine Art und Weise, die nur noch wenig vom Muster der gewohnten sexuellen Arbeitsteilung hat. Seine Tochter nannte ihn anfangs Mama, weil er Dinge tat (sie zum Beispiel im Kindergarten abzuholen), die Bezugspersonen anderer Kinder taten, die von diesen Mama genannt wurden. Damit irritierte sie in ihrem Umfeld alle, die feste Identitäten und geschlechtliche Rollenaufteilungen gewohnt sind. Angefangen bei den anderen Kindergartenkindern.

Es waren also die ausgeübten Tätigkeiten und die Verhaltensweisen, die Jochen König an den Tag legte, und die das Kind bei anderen Menschen wieder erkannte, die seine Tochter dazu bewogen, ihn als Mama zu identifizieren. Die erfahrene Erziehung, die diese Tätigkeiten zuhause nicht biologischen Persönlichkeitsmerkmalen (tiefe oder hohe Stimme, Bartstoppeln, Busen, etc..) von bestimmten Menschen zugeordnet hatte, ermöglichte es der Tochter, ihre eigenen Klassifikationen zu machen.

Frauen und Männer sind sich ja biologisch sehr ähnlich. Sie haben einen Kopf, zwei Augen, zwei Ohren, eine Nase und einen Mund, ihr Verdauungssystem, ihr Blutkreislauf und ihr lymphatisches System funktionieren nach den gleichen Prinzipien. Sie brauchen Schlaf, müssen essen und trinken, haben Stuhlgang, frieren, schwitzen, altern, stinken, empfinden Schmerz und Freude, atmen, sterben eines Tages und verwesen auf genau die gleiche Weise. Und bis auf das Schwangerwerdenkönnen haben sie vielfach die gleichen Fähigkeiten, bzw. sind die Unterschiede zwischen Geschlechtsgenossinnen oft größer als zwischen manchen Frauen und manchen Männern. Und je mehr die Gesellschaft die sexuelle Arbeitsteilung überwindet, desto mehr verändern sich auch die geschlechtlichen Normen und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

Diese Veränderungen können Verunsicherungen und Ängste auslösen, weil sie gesellschaftliche (Macht-) Strukturen und Identitäten infrage stellen. Und so verfestigen sich gewisse alte Muster in einem neuen Gewand. So bestehen zum Beispiel gleichgeschlechtliche Paare auf einem Recht auf Ehe und auf eine „richtige Familie”, in einem Kontext, in dem sich die Bedeutung der monogamen Kleinfamilie für heterosexuelle Paare immer mehr verwässert.

Aber langsam entsteht ein Bewusstsein und ein Anspruch auf die Bejahung und Sichtbarmachung neuer („gender queerer”) Formen der Ko-Elternschaft. So lese ich gerade ein 2015 erschienes Buch der Valencianerin Maria Llopis (Jahrgang 1975), „Subversive Elternschaften”, in der sie in 18 Interviews ganz unterschiedliche Erfahrungen zum Thema Schwangerschaft, extatische Entbindung, transhack-feministische Mutterschaft, Laktivismus, Ko-Stillen, Ökosexualität, kreative Care Arbeit der Kinderaufzucht, etc.. diskutiert.

Die Sklaverei des Fließbands ist keine Befreiung von der Sklaverei des Spülbeckens

Es ändern sich also die Identitäten und die Beziehungsgeflechte. Aber es bleibt die Notwendigkeit der Care Arbeit. Weil wir Menschen vielfältige körperliche und emotionale Bedürfnisse haben, für deren Befriedigung wir auf die Zuwendung anderer Menschen angewiesen sind. Und so schloss der Thementag ab mit einem Vortrag von Katja Wagner über die materialistische Kritik der Sorgearbeit.

Autorin: Elfriede Harth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 26.05.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ich möchte euch zu diesem Thema „Elternschaft“ und „Schwangerwerdenkönnen“ einen Text der Theologin und Ordensfrau Léocadie Aurélie Billy empfehlen. (Das französische Original steht hier: Léocadie Aurélie Billy, Maternité précoce et matriarcat: Une interpellation au féminisme en Afrique, in: Verena Naegeli et al eds., There is Something We Long For/Nous avons un désir, Kinshasa (ed. Tsena Malalaka) 2015, 103-115). Léocadie schreibt über das in ihrer Heimat Togo (und insgesamt im subsaharischen Afrika) sehr verbreitete Phänomen der Teenager-Schwangerschaft und eine Sozialform, die sie „matriarcat de fait“ („faktisches Matriarchat“) nennt. Sie schlägt vor, diese faktisch verbreitete, aber kaum symbolisch repräsentierte oder moralisch anerkannte Sozialform, aktiv zu benennen, zu erforschen und zu legitimieren. Als ethisches Kriterium für dieses Postulat dient ihr das Kindeswohl ebenso wie das Wohl der Mutter und der gesamten Gemeinschaft: https://tsenamalalaka.wordpress.com/leocadie-aurelie-billy-3/

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