beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik handeln

Noch unsichtbarer und unbeliebter: Care-Arbeit an Dingen

Von Dorothee Markert

Foto: Dorothee Markert

Foto: Dorothee Markert

Der größere Teil der Care-Arbeit wird unbezahlt und überwiegend von Frauen verrichtet und bleibt gesellschaftlich und wirtschaftlich unsichtbar. Dagegen wandte sich bereits die Frauenbewegung der 1970-er Jahre, indem sie versuchte, diese Arbeit, die bis dahin als etwas Privates galt, das Frauen quasi angeboren war, ins öffentliche Bewusstsein zu heben und als etwas sichtbar zu machen, das politischer Veränderung zugänglich ist. Ein Stück weit ist das auch gelungen. Es brachte Müttern immerhin einige Rentenjahre ein sowie den Trick, Vätern durch die Bezahlung von zwei zusätzlichen Kinderbetreuungsmonaten Erfahrungen in der Kleinkindbetreuung zu ermöglichen und damit die Ignoranz etwas zu reduzieren, die viele von ihnen dieser Arbeit bis dahin entgegengebracht hatten.

Heute ist kaum mehr umstritten, dass Kinderbetreuung und die häusliche Pflege von Kranken und Alten Arbeit ist und dass sie gesellschaftlich notwendig ist. Doch diese Einsicht hat sich noch kaum auf die Anerkennung und Bezahlung dieser Care-Arbeit ausgewirkt, denn obwohl es dabei in all den Jahren kaum Fortschritte gab, wird bis heute politisch weitgehend an der Vorstellung festgehalten, Frauen und Männer sollten sich privat darauf einigen, die familiäre Care-Arbeit gerecht unter sich aufzuteilen. In neuerer Zeit gibt es zu diesem Thema wieder einige politische Initiativen und Bewegungen, beispielsweise „Care-Revolution“ oder „Wirtschaft ist Care“.

Zwei Arten von Care-Arbeit

Was bisher noch kaum ins Blickfeld gerückt wurde, ist die Tatsache, dass es auch innerhalb der Care-Arbeit unterschiedlich wertgeschätzte Bereiche gibt: Ein Teil der Care-Arbeit ist noch unsichtbarer und unbeliebter als der andere, und das ist genau der Teil, der nach wie vor fast vollständig bei den Frauen verbleibt oder, wo er bezahlt wird, meistens von Migrantinnen erledigt wird. Schon mein Vater übernahm, da meine Mutter schwer herzkrank war, das gesamte Einkaufen und ab und zu die Zubereitung des Sonntagsbratens, wofür er natürlich viel Anerkennung bekam. Während ich hinterher die Küche aufräumte, dachte ich oft, dass ich wohl weniger Arbeit gehabt hätte, wenn ich selbst gekocht hätte. Denn Menschen, die von klein auf von der Care-Arbeit an Dingen entbunden waren oder großen Widerstand dagegen entwickelt haben – das sind insgesamt mehr Männer als Frauen, doch die Zahl der Frauen hat inzwischen wahrscheinlich zugenommen – sind oft wenig achtsam im Umgang mit Dingen und haben nicht gelernt, wie man zusätzliche Aufräum- und Reinigungsarbeiten vermeiden kann. Dies ist sicher auch ein Grund, warum es mit der Aufteilung der Hausarbeit bei Paaren oft nicht so gut klappt, auch wenn diejenigen, die sich neu daran beteiligen, durchaus willig sind. Beklagt wird auf der einen Seite, dass die Partner die Arbeit nicht sehen, dass sie „einfach nicht mitdenken“, sondern nur dann etwas tun, wenn sie darum gebeten werden, dass sie von sich aus keine Verantwortung übernehmen. Auf der anderen Seite steht die Enttäuschung, dass das Bemühen nicht gesehen und der Beitrag selten als gut genug empfunden wird.

Ich habe lange darüber nachgedacht, wie sich der Unterschied zwischen den beiden Arten von Care-Arbeit beschreiben lässt, bis ich plötzlich das Naheliegende erkennen konnte: Der am meisten verachtete Teil der Care-Arbeit ist der, der mit der Pflege, Erhaltung, Reparatur und dem sinnvollen Lagern von Dingen zu tun hat, während Care-Arbeit, die die unmittelbaren Bedürfnisse von Menschen befriedigt (oder auch von Tieren, wenn sie so etwas wie Familienmitglieder sind), einen deutlich höheren Stellenwert hat. Um das negative Image von Hausarbeit aufzupolieren, wurde deshalb die Begriffserweiterung „Haus- und Familienarbeit“ erfunden, und die ehemalige Deutsche Hausfrauengewerkschaft wurde in „Verband Familienarbeit“ umbenannt. Die unterschiedliche Wertigkeit der beiden Teile von Care-Arbeit zeigt sich dort, wo sie bezahlt werden, auch in der beruflichen Einstufung: Mehr Ansehen, etwas bessere Bezahlung und vor allem auch eine längere Ausbildung finden wir bei Care-Berufen, die direkt mit Menschen zu tun haben, dort, wo Kranke und Alte untersucht und gepflegt und Kinder betreut werden, niedriger in der Hierarchie steht das Personal, das dort die Räume reinigt, das Geschirr spült und die Wäsche wäscht.

Richtiggehend gegeneinander ausgespielt werden die beiden Teile von Care-Arbeit in dem erfolgreichen Familienfilm „Honig im Kopf“. Während auf anrührende Weise dafür plädiert wird, den Großvater mit seiner beginnenden Demenz nicht allein zu lassen und in der Familie zu betreuen, wird der Mutter, die sich über die Zerstörungen von Dingen durch den Großvater aufregt, – von Dingen, die sie immer wieder mit viel Mühe gepflegt hat und die ihr daher wichtig sind – jedes Mal vom Rest der Familie klargemacht, dass sie sich nicht so anstellen soll. „Dann kaufen wir eben eine neue“, ist der Kommentar ihres Mannes, nachdem die Küche teilweise ausgebrannt ist. Über die Kettenreaktion an Zerstörungen beim lange und aufwendig vorbereiteten Fest lacht dann außer der Mutter die ganze Familie und natürlich auch das Kinopublikum. Ich konnte über solche Slapstick-Passagen in Filmen noch nie lachen, da ich immer daran denken musste, mit wie viel Mühe das alles wieder aufgeräumt werden muss. Besonders übel fand ich in „Honig im Kopf“, dass es am Ende dann doch wieder die vorher lächerlich gemachte Frau ist, die schließlich ihren Beruf aufgibt, um den Großvater zuhause zu betreuen, was ihr Mann (Till Schweiger) scheinheilig kommentiert mit dem Satz: „Aber du liebst doch deinen Beruf!“

Noch unsichtbarer und unbeliebter

Dass Aufräumen, Saubermachen und Reparieren die unbeliebtesten und am meisten verachteten Haushaltstätigkeiten sind, brachte ich in meinen früheren Texten damit in Verbindung, dass diese Tätigkeiten im Kapitalismus aus wirtschaftlichen Gründen nicht erwünscht sind: Wir sollen Dinge nicht erhalten, sondern wegwerfen und neu kaufen  (Wachsen am Mehr anderer Frauen, Abschnitt „Hausarbeit und Nachhaltigkeit“). Doch jetzt denke ich, dass die Unbeliebtheit und noch größere Unsichtbarkeit dieser Arbeit auch mit den Tätigkeiten selbst zu tun hat.

Denn erstens ist ihre Notwendigkeit längst nicht so offensichtlich wie bei den Care-Arbeiten an Menschen. Im Gegensatz zu einem Kind mit voller Windel oder leerem Magen schreien Dinge nicht, wenn sie von einer Staubschicht bedeckt sind. Erst wenn diese Tätigkeiten längere Zeit nicht verrichtet worden sind, hat das zunehmend und spürbar unangenehme Folgen: Man findet nichts mehr und verbringt immer mehr Zeit mit Suchen, die Umgebung wird immer hässlicher, Dinge verrotten und stinken, Ungeziefer breitet sich aus. Wo jedoch Schönheit und Wohlbehagen nicht als wichtig für ein gutes Leben erachtet werden, kann dieser Teil der Care-Arbeit durchaus längere Zeit auf ein Minimum reduziert werden. In der Linken wurde er daher als „bürgerlich“ verachtet und sollte weitgehend abgeschafft werden. Da die Frauenbewegung der 1970-er Jahre anfangs stark von der Linken beeinflusst war, übernahm ein großer Teil von ihr auch die Verachtung für die als überflüssig betrachtete Care-Arbeit an Dingen. Und so sahen die ersten Frauenzentren auch aus. Die Notwendigkeit dieser Arbeit in Frage zu stellen, ist sicher das beliebteste Argument, mit dem Menschen sich wehren, wenn hier Mitarbeit eingefordert oder um Wahrnehmung und Anerkennung gerungen wird.

Zweitens ist das Ergebnis dieser Care-Arbeit für all diejenigen unsichtbar, die sie nicht selbst verrichtet haben. Nur wenn sie länger nicht getan wurde, wird das vielleicht wahrgenommen, hauptsächlich von denen, die sich dafür zuständig fühlen. So wünschen sich Hausfrauen (und –männer) vergeblich, dass andere Familienmitglieder voller Anerkennung sagen: „Hier ist es aber schön sauber und aufgeräumt“. Um sichtbar zu machen, dass sie geputzt hatte, ließ die Mutter einer Freundin daher immer absichtlich irgendwelche Putzutensilien in den Räumen liegen. Das hat ihr aber in punkto Anerkennung und Wertschätzung auch nichts genützt, im Gegenteil.

Drittens sind diese Arbeiten zeitraubend, manchmal auch körperlich anstrengend, dabei aber eher langweilig und geisttötend, von ewiger Wiederholung geprägt und wenig befriedigend. Die dafür eingesetzte Lebenszeit scheint „für nichts“ zu verrinnen. Wenn ich am einen Ende des Gartens mit dem Unkraut-Entfernen fertig bin, könnte ich am anderen gleich wieder anfangen. In sich haben diese Arbeiten keinerlei kreatives Potential und halten zudem nie lange vor. Während ein Essen sehr phantasievoll zusammengestellt und zubereitet werden kann und wenigstens die Dauer der Mahlzeit über die Essenden erfreut und für einige Stunden satt macht, befriedigt das blitzende Waschbecken meistens nur mich und auch nur so lange, bis sich wieder jemand die Hände wäscht. Am Ende eines Tages voller Care-Arbeit an Dingen weiß ich in der Regel selbst nicht mehr, was ich alles gemacht habe.

Viertens kann über diese Tätigkeiten fast nicht gesprochen werden. Seit ich Rentnerin bin, verbringe ich viel mehr Zeit mit Care-Arbeit an Dingen als vorher. Anfangs habe ich mich gefreut, endlich genug Zeit dafür zu haben. Wenn ich dann aber meiner Partnerin vermitteln möchte, dass ich durchaus nicht auf der faulen Haut gelegen bin, während sie all das gemacht hat, worüber wir spannende Gespräche führen können, bekommt sie sofort diesen leeren Blick, der mir zeigt, wie uninteressant die Aufzählung meiner vielfältigen Tätigkeiten an diesem Tag für sie ist. Vielleicht ist das Abschalten an dieser Stelle zum Teil auch eine früh erlernte Widerstandsmöglichkeit gegen das vorwurfsvolle Einklagen von Anerkennung für Hausarbeit durch Mütter, doch nicht nur: Solche Gespräche sind einfach uninteressant, auch für mich selbst.

Wie Menschen sich Care-Tätigkeiten an Dingen erträglicher machen

Erträglicher werden Care-Tätigkeiten an Dingen nur durch den Kontext, in dem sie stehen oder in den wir sie stellen. Ich pflege Dinge dann gern, wenn ich sie liebe, entweder aufgrund ihrer Schönheit oder weil ich schöne Erinnerungen mit ihnen verbinde, manchmal sind sie mir einfach durch meine jahrelange Pflege ans Herz gewachsen, ich habe eine Bindung an sie entwickelt.

Ich verrichte diese Tätigkeiten auch gern für eine Person, die ich liebe, doch dies ist störungsanfällig. Bei jeder kleinen Kränkung, beispielsweise wenn ich mich hinsichtlich der dafür aufgebrachten Mühe und Zeit missachtet fühle, spüre ich sofort meine Unlust. Dann wird diese Arbeit schnell wieder zu einer banalen, langweiligen und mühsamen Tätigkeit, die mir die Zeit stiehlt und mit der ich nie fertig werde, und ich bin voller Ärger, während ich Geschirr wegräume, bügle, Flecken entferne, Müll wegbringe, Pflanzen pflege, verdorbene Lebensmittel entsorge, Wäsche zusammenlege und so weiter.

Kreativität können wir allerdings einsetzen, indem wir den Kontext gestalten, in den wir diese Tätigkeiten stellen. Viel von sich reden macht eine Schweizer Ethnologin, die Kurse anbietet, in denen gelernt werden kann, wie Wellness beim Putzen möglich ist. Beim Bügeln höre ich immer Musik und tanze auch hin und wieder ein bisschen dabei. Da ich sonst kaum Musik höre, freue ich mich sogar darauf. Das Unkrautentfernen habe ich zu meiner Denk- und Meditationszeit erklärt, und ich kann mich dabei wirklich gut entspannen oder gründlich über etwas nachdenken. Das Reinigen oder Reparieren von Dingen werte ich für mich auf, wenn ich mir klarmache, dass ich damit ihren Gebrauchswert oder sogar ihren Tauschwert wieder herstelle, (falls ich sie später einmal verkaufen will).

Waschplatz mit Sitzbänken

Waschplatz mit Sitzbänken

Nur noch selten haben wir noch die Möglichkeit, Care-Arbeit an Dingen gemeinsam zu verrichten, wie das früher einmal üblich war, als noch mehr Menschen daran beteiligt waren, in Großfamilien, Dorfgemeinschaften und in bürgerlichen Häusern mit zahlreichen Bediensteten. Auch wenn kleine Kinder im Haus sind und auf ihre Weise „mittun“ dürfen, bekommt Care-Arbeit an Dingen einen anderen Charakter. Doch dafür braucht es Zeit und Geduld, und beides ist in modernen Haushalten meistens Mangelware. Ich erinnere mich an viel Spaß und spannende Gespräche beim gemeinsamen Aufräumen und Putzen nach großen Festen oder beim täglichen Spülen und Abtrocknen zuhause. Bei meiner letzten Reise durch Burgund fiel mir auf, dass dort jedes Dorf noch einen überdachten Waschplatz hat, mit Sitzmöglichkeiten rund um das Becken. Ich stellte mir vor, wie die Frauen früher beim Wäschewaschen zusammensaßen, wie sie einander Geschichten erzählten und sicher auch den neuesten Dorfklatsch, wie sie vielleicht hin und wieder miteinander Lieder sangen. Natürlich ist es gut, dass uns viele der einst so mühsamen Hausarbeiten heute von Maschinen abgenommen werden, doch das Alleingelassenwerden mit den verbleibenden Rest-Tätigkeiten, die sich nicht automatisieren lassen, ist ein Preis, den wir dafür zahlen müssen – und den zahlen bisher fast ausschließlich Frauen.

Es ist gut, dass der Wettbewerb unter Frauen, wer die perfekteste Hausfrau ist, als Möglichkeit, sich die Hausarbeit erträglicher und interessanter zu gestalten, mit der Emanzipation ins Erwerbsleben und der Frauenbewegung weitgehend verschwunden ist, wobei der Hausfrauenstolz allerdings gleich mit unterging.

Hannah Arendts Unterscheidungen menschlichen Tätigseins, auf Hausarbeit bezogen

Warum der Anspruch auf Perfektion in diesem Bereich allen Beteiligten nicht gut tut, wird deutlicher, wenn wir uns die beiden Teile von Care-Arbeit mit Hilfe von Hannah Arendts Unterscheidungen von Arbeiten, Herstellen und Handeln anschauen. Schon früher habe ich festgestellt („Wachsen am Mehr“, s.o.), dass Arendts Unterscheidungen in vieler Hinsicht nicht auf Haus- und Familienarbeit passen, da Care-Arbeit Anteile aller drei Bereiche enthält, aber auch einiges, das mit keinem der von ihr beschriebenen Kriterien erfasst wird. Vielleicht hätte Hannah Arendt andere Unterscheidungen gefunden, wenn sie diesen großen Bereich menschlichen Tätigseins nicht aus ihrer Analyse ausgeklammert hätte. Doch um besser zu verstehen, warum Care-Arbeit an Dingen so viel weniger befriedigend ist als andere Tätigkeiten, macht es trotzdem Sinn, Arendts Beschreibungen der drei Bereiche an den beiden Arten von Care-Arbeit auszuprobieren.

Sofort ist offensichtlich, dass Elemente des „Handelns“ in der Care-Arbeit an Dingen nur dann zum Tragen kommen, wenn wir sie in einen Kontext stellen, in dem wir mit anderen Menschen reden können. Bei der Care-Arbeit an Menschen nimmt das Handeln dagegen einen großen Raum ein, wir sprechen miteinander, fällen Entscheidungen, nehmen Einfluss, sind Autorität, machen Fehler, entschuldigen uns und geben Versprechen, die wir halten oder auch nicht. Beim Einkaufen, als Eltern von Kindergarten- und Schulkindern und bei Aktionen in der Nachbarschaft bekommt dieses Handeln auch eine politische Dimension, die über den Familienhorizont hinaus geht. An anderer Stelle haben wir diese Art des Handelns primäre Politik genannt.

Wäschewaschen war früher ungeheuer mühsam, aber die Frauen konnten dabei miteinander reden

Wäschewaschen war früher ungeheuer mühsam, aber die Frauen konnten dabei miteinander reden

Zum „Arbeiten“ passt bei der Care-Arbeit an Dingen zwar die ewige Wiederholung, aber nicht der lustvoll erlebte regelmäßige Rhythmus von Mühsal und Lohn. Nur bei körperlich anstrengenden Arbeiten wie Sträucherschneiden und -häckseln und beim Kompostverteilen erlebe ich das ansatzweise, doch bei den typischen Hausarbeiten bin ich zwar angestrengt, aber nie so herrlich körperlich erschöpft wie beispielsweise nach einer Tageswanderung. Care-Arbeit an Dingen kann bis spät in die Nacht fortgesetzt werden, da diese Arbeit ja auch nie wirklich abgeschlossen ist. Und Erwerbstätigen bleibt oft gar keine andere Wahl, als mit ihr über die Müdigkeitsgrenze hinaus weiterzumachen. Die körperlich anstrengendsten Tätigkeiten der Care-Arbeit an Dingen nehmen uns heute Maschinen ab, was ja auch gut ist, aber genau dadurch entstehen jene Rest-Tätigkeiten, die getan werden müssen und „nicht der Rede wert“, aber in ihrer Summe äußerst erschöpfend und vor allem zeitraubend sind. Das „Arbeiten“ hat laut Arendt in erster Linie mit dem Stoffwechsel des Menschen mit der Natur zu tun, mit ihrer Überfülle und mit dem „Segen des Lebendigseins“, all dies passt ausschließlich für die auf Menschen bezogene Care-Arbeit. Bei der Care-Arbeit an Dingen kämpfen wir eher gegen das Lebendige, das Dinge verschmutzen, verschimmeln, verfaulen, überwuchern und verrotten lässt, manchmal sogar ganz konkret gegen eine Invasion von Insekten in unseren Wohnungen oder an unseren Pflanzen. Wo Perfektion wie in „Schöner wohnen“ angestrebt wird, wird hier sogar gegen die menschlichen Mitbewohner und ihre Lebendigkeit gekämpft, da menschliche Lebensäußerungen ja ständig neue Care-Arbeit an Dingen nach sich ziehen. Negative Erfahrungen mit dem Kampf unserer Mütter gegen unsere Lebendigkeit – Einschränkungen, Strafen, Vorschriften – sind sicher auch ein Grund, warum Hausarbeit und der Versuch, sie nach Möglichkeit zu reduzieren, bei vielen Menschen ein so negatives Image haben, warum Care-Arbeit an Dingen besonders unbeliebt ist.

Die „Kehrseite“ ihrer positiven Beschreibungen des Arbeitens hat Hannah Arendt am Ende des Kapitels dann doch noch erwähnt. Sie schreibt: „Ohne die Natur und die Dinge, die sie spendet, dankbar hinzunehmen und zu verzehren, aber auch ohne sich der natürlichen Prozesse von Wachstum und Verfall zu erwehren (Hervorhebung D.M.) könnte das Animal laborans, das der Mensch unter anderem auch ist, niemals sein Leben erhalten“ (Vita activa, 1981, S. 122).

Da es beim „Herstellen“ um Dinge geht, die von Menschen in die Welt gebracht werden, scheint die Care-Arbeit an Dingen ebenfalls viel mit der Tätigkeit „Herstellen“ zu tun zu haben. Doch all das, was das Herstellen von Dingen so befriedigend macht ­– etwas Neues in die Welt bringen, etwas Bleibendes schaffen, schöpferisch tätig sein –, fehlt bei der Care-Arbeit an Dingen. Auch hier haben wir es wieder mit den unerfreulichen Rest-Arbeiten zu tun, mit einer Art Kehrseite des Herstellungsprozesses, dem Kampf darum, die in die Welt gebrachten Dinge möglichst lange zu erhalten und vor den lebendigen Prozessen zu schützen, die sie wieder der Natur einverleiben wollen. Manche Hausfrauen versuchen diese Arbeiten dadurch aufzuwerten, dass sie eine Annäherung an den Herstellungsprozess anstreben, indem sie so gründlich putzen, dass die Dinge „wie neu“ sind, „in neuem Glanz erstrahlen“, was ihnen auch die Werbung schmackhaft machen will. Doch wenn Hausfrauen aus ihren Wohnungen ein perfektes Ding machen wollen, das dauerhaft in der Welt bleibt, das blitzt und strahlt wie ein Edelstein, werden sie zu äußerst unglücklichen Putzteufeln, die auch die Menschen in ihrer Umgebung unglücklich machen. (Es gibt ein schönes Kinderbuch zu diesem Thema: Guus Kuijer, Erzähl mir von Oma).

In der auf Menschen und ihre Bedürfnisse bezogenen Care-Arbeit werden dagegen durchaus Dinge hergestellt, die zumindest eine Zeitlang in der Welt bleiben. Bei ihrer Herstellung können Kreativität und Freude an der Perfektion eine Rolle spielen, und es gibt dazu auch Handwerksberufe bzw. industrielle Fertigung. Ich denke beispielsweise an die Herstellung von Marmelade, an das Zubereiten von Mahlzeiten und Gebäck, an das Stricken und Nähen von Kleidung.

Hausarbeit als SklavInnenarbeit

In „Vita activa“ von Hannah Arendt habe ich auch interessante Aussagen über den Zusammenhang von Hausarbeit und Sklaverei gefunden. Sie schreibt, in der Antike seien Sklaven im Wesentlichen im Haushalt beschäftigt gewesen, nur eine sehr geringe Zahl sei in der Warenproduktion oder in Bergwerken eingesetzt worden. Aristoteles habe erstaunlicherweise damals schon gesagt, man könnte sich wohl eine Welt denken, in der „jedes Werkzeug auf Befehl sein Werk verrichten würde“, „das Weberschiffchen weben und das Plektron die Lyra schlagen ohne eine Hand, die sie führt“, eine Welt, in der das Handwerk ohne Handwerker auskommt. Aber das würde nicht heißen, dass der Haushalt je ohne Sklaven bewirtschaftet werden könne (Vita activa, S. 108 und 111).

Irgendwann in unserer Kulturentwicklung müssen Menschen auf die Idee gekommen sein, die unerfreulichen und unbefriedigenden „Kehrseiten- und Restarbeiten“ aus ihrem Zusammenhang mit den Arbeiten herauszulösen, von denen sie eigentlich ein Teil sind, und sie anderen Menschen aufzubürden, denen sie das volle Menschsein absprachen und abtrainierten. Auch heute sagt man noch, wenn man zu einer bestimmten Arbeit keine Lust hat, man müsse „einen Dummen dafür finden“. Solche „Dummen“ waren im Lauf der Geschichte die Sklaven und Sklavinnen, später in den großen Haushalten des Adels, die dann von den reichen Bürgern kopiert wurden, waren es die Bediensteten, und zwar jene, die ganz unten in der Hierarchie standen, bei den Handwerkern die Lehrlinge („Lehrjahre sind keine Herrenjahre“), beim Militär die „Burschen“. In den modernen Kleinfamilien landete die Zuständigkeit für jene unerfreulichen und unbefriedigenden Arbeiten wieder bei den Frauen. Die Zuständigkeit dafür hatten sie nämlich immer, wahrscheinlich auch in der Antike und auf jeden Fall im Bürgertum, selbst wenn sie jene Tätigkeiten als „Hausherrinnen“ nur organisierten und beaufsichtigten. Und heute sind es Migrantinnen und manchmal auch Migranten, die wohlhabenderen Frauen zumindest einen Teil jener Arbeiten abnehmen, während den anderen zugemutet wird, fast alles allein zu machen, ob sie erwerbstätig sind oder nicht, da das ja angeblich mit Hilfe der Maschinen wie von selbst geht.

Ich stelle mir eine Kultur vor, die sich ganz von den Resten jener Sklavenhalter- und Sklavenhalterinnenmentalität befreit hat, die sich darin zeigt, dass man sich für bestimmte unangenehme Tätigkeiten nicht zuständig fühlt und kein Problem damit hat, sie anderen aufzuhalsen und sie auch noch möglichst schlecht oder gar nicht dafür zu bezahlen. Wobei man diese Menschen und das, was sie tun, dann auch noch verachtet. In dieser veränderten Kultur wäre es selbstverständlich, dass jede Person, sobald und solange sie dazu körperlich und geistig in der Lage ist, die Dinge in ihrem Besitz selbst in Ordnung hält. Hier würde es als Bildungsdefizit begriffen, wenn eine Person nicht gelernt hat, die Notwendigkeit jener Arbeiten überhaupt zu erkennen, weil sie sich nicht dafür zuständig fühlt. Zwischen Wahrnehmen und Sich-zuständig-Fühlen besteht nämlich eine Wechselwirkung. Kein Mensch wäre mehr gezwungen, ausschließlich Care-Arbeit an Dingen zu leisten, und das womöglich ein Leben lang. Denn es bleibt bis heute eine versteckte Art von Sklaverei, wenn wir Menschen verwehren, die anderen Potentiale ihres Menschseins zu entfalten, indem wir ihnen nur die am wenigsten anregenden und befriedigenden Tätigkeiten zugestehen, damit andere von ihnen befreit werden können.

Care-Arbeit an Dingen und Nachhaltigkeit

Es gibt noch andere Gründe, warum eine kulturelle Veränderung hin zu einem anderen Umgang mit Care-Arbeit an Dingen dringend geboten ist. Denn um den Ressourcenverbrauch zu senken und die Zerstörung unseres Planeten aufzuhalten, muss uns daran gelegen sein, Dinge zu erhalten, anstatt ständig neue zu produzieren. Wenn Menschen im Rahmen der Care-Arbeit an Dingen eine Bindung zu den Dingen in ihrem Besitz aufgebaut haben, werden sie weniger leichtfertig mit ihnen umgehen und sie eher reparieren als wegwerfen. Und sie werden auch sorgfältiger auswählen, was sie einkaufen. Laut einer Greenpeace-Studie sind sogar Kleider und Schuhe inzwischen zu Wegwerfartikeln geworden und werden kaum einmal ausgebessert, selbst neue Kleidungsstücke werden oft weggeworfen (vgl. Badische Zeitung, 24.11.2015). Wer bereit ist, einen Fleck zu entfernen oder ein kleines Loch zu stopfen, kann auf dem Flohmarkt sogar teuerste Markenkleidung ganz billig bekommen, da manche der vorherigen BesitzerInnen sie lieber weggeben, als sich diese Mühe zu machen.

Mir ist noch keine Schule begegnet, in der in den Pausen und nach dem Unterricht nicht in den meisten Klassenzimmern die Lichter an blieben, die Fenster sperrangelweit offen und die Heizungen auf höchster Stufe. Niemand fühlte sich zuständig, durch eine kleine Mühe Energie einzusparen. Die Möglichkeit, das den Kindern an dieser Stelle beizubringen, wurde nicht genutzt. Denn für das Aufräumen und Saubermachen hinterher waren ja die Putzfrauen zuständig. Wer einen achtsamen Umgang mit Dingen und der eigenen unmittelbaren Umgebung erlernt hat, wer gelernt hat, sich auch für das Aufräumen zuständig zu fühlen, wird sicher pfleglicher mit den Ressourcen und der Umwelt umgehen und schließlich auch bei bahnbrechenden neuen technischen Errungenschaften die Folgen für die Erde und das Klima mitbedenken. Atomkraftwerke hätten nie gebaut werden dürfen, wenn wirklich mitbedacht worden wäre, was nach dem Ende ihrer Laufzeit mit den Ruinen und währenddessen mit dem verbrauchten radioaktiven Material geschehen sollte, von Unfällen ganz zu schweigen. Doch dafür fühlten sich ihre Betreiber nicht zuständig. Um das Aufräumen sollten sich andere kümmern.

Besitz belastet nicht, wenn ich die Dinge nicht selbst warten, pflegen und aufräumen muss. Und so kann ich problemlos immer mehr davon anhäufen. Auch mehrere riesige Anwesen sind kein Problem, wenn andere dort die Care-Arbeit an Dingen leisten. Damit Menschen einen Maßstab für das „Genug“ bekommen, was die Überfüllung unserer Welt mit Dingen verlangsamen würde, wäre es eine Hilfe, wenn jede Person selbst für die Pflege ihrer Dinge zuständig wäre. Schon in Kinderzimmern ist es ja ein Problem, dass die Kinder mit dem Aufräumen der vielen Dinge, die sie besitzen, überfordert sind. Wird es ihnen aber von der Mutter abgenommen, lernen sie schon von klein an, dass jemand anderes dafür zuständig ist. Genauso ist es mit den Dingen in Schulranzen. Ohne Hilfe der Mütter (oder Väter) gelingt es nur wenigen Kindern, darin Ordnung zu halten.

Als meine Partnerin und ich noch beide voll berufstätig waren, mussten wir immer wieder viele Lebensmittel wegwerfen, vor allem schlecht gewordenes Obst und Gemüse. Mich schmerzte das jedes Mal. Doch um es zu vermeiden, hätten wir viel Zeit einsetzen müssen, viel öfter und kleinere Mengen einkaufen und die Lebensmittel besser lagern. Inzwischen mache ich jeden Morgen Obstsalat für das Müsli und koche auch öfter, so kann ich allzu viel Lebensmittelverschwendung vermeiden. Ich merke aber auch, dass das viel mehr Zeit kostet, als ich mir jemals vorgestellt habe. Eine meiner Freundinnen verkauft mit viel Freude gesunde Lebensmittel. Morgens muss sie zwei Stunden vor Ladenöffnung im Geschäft sein. Denn, wie sie in ihrer Ausbildung gelernt hat, sind gesunde Lebensmittel lebendige Lebensmittel. Und diese brauchen viel Pflege. Sie müssen richtig gelagert, gekühlt und vor allem ständig auf faulige Stellen überprüft werden. Dann werden sie nach Dringlichkeit ihrer Verwertung in unterschiedliche Körbe gelegt und stufenweise reduziert verkauft, bis hin zu dem Korb, aus dem die KundInnen sich umsonst bedienen können. Von der viel zu geringen Bezahlung abgesehen, liebt meine Freundin auch diesen Teil ihrer Arbeit, denn sie findet, dass wir dem Segen, den unsere Lebensmittel bedeuten, und auch den Menschen, die ihr Wachstum mit viel Mühe ermöglicht und durch ihre Pflege begleitet haben, Respekt schulden und daher achtsam mit den Lebensmitteln umgehen müssen.

Wo können wir mit der Veränderung anfangen?

Anerkennung kann nicht eingeklagt werden und schon gar nicht für etwas, das für die anderen unsichtbar ist. Sich für etwas zuständig zu fühlen, womit man bisher nichts zu tun hatte, kann nicht erzwungen werden. Ständiges vorwurfsvolles Kritisieren, das viele Frauen und Männer von ihren Müttern kennen, vergiftet nur die Atmosphäre in den Beziehungen und Familien und verstärkt die Abneigung der Kritisierten, sich mit Hausarbeit zu befassen. Wer bisher von der Verantwortung für Care-Arbeit an Dingen entbunden war, sieht diese Arbeit wirklich nicht, es braucht einen längeren Lernprozess, um sie überhaupt wahrzunehmen. Das ist ähnlich wie bei Kindern mit Legasthenie, die früher ständig geschimpft und bestraft wurden, weil sie ihre Fehler nicht sahen, und die schließlich alles taten, um nichts mehr mit Lesen und Schreiben oder dem Lernen überhaupt zu tun zu haben.

Bei denen, die grundsätzlich zu einer besseren Verteilung der Care-Arbeit bereit sind, ist die Erkenntnis nötig, und zwar auf beiden Seiten, dass es hier ganz konkrete Dinge zu lernen gibt, beispielsweise vor dem Einkaufen in den Kühlschrank zu schauen und hinterher die Lebensmittel so einzuräumen, dass die älteren vorn im Kühlschrank und im Regal stehen, damit sie zuerst verbraucht werden. Gesellschaftlich, vor allem auch in den Medien, brauchen wir eine Einstellungsänderung dahingehend, dass es sich beim Hausarbeits-Analphabetentum nicht um sympathische männliche Hilflosigkeit und Tollpatschigkeit oder um ein Zeichen weiblicher Emanzipiertheit handelt, sondern um ein peinliches Bildungsdefizit. Um überhaupt zu einer Veränderung bereit zu sein, könnte vielleicht auch die Betroffenheit über die eigenen Reste von Sklavenhalter- und Sklavenhalterinnenmentalität helfen, denn damit möchte ja heute niemand mehr etwas zu tun haben.

Und natürlich kann Kindern – Jungen und Mädchen gleichermaßen – als Selbstverständlichkeit vermittelt werden, dass Dinge und Räume gepflegt werden müssen und dass jede Tätigkeit erst dann abgeschlossen ist, wenn die dafür benötigten Dinge wieder gereinigt und an ihrem Platz sind. Die Begeisterung von kleinen Kindern, Tätigkeiten nachzuahmen, kann ihnen helfen, vieles davon spielerisch zu lernen. Doch das wird nur in einer Atmosphäre von Freundlichkeit und Geduld gelingen und nur dann, wenn nicht andere Vorbilder, die vielleicht sogar die interessanteren Leben haben, ihnen vorführen, wie cool es ist, sich bestimmte Tätigkeiten durch andere abnehmen zu lassen.

Ein wichtiger Ansatzpunkt sind auch Verhandlungen über Arbeitsteilung und ihre Veränderung. Eine sinnvolle Arbeitsteilung, die Care-Arbeit an Dingen nicht auf bestimmte Menschen abschiebt, ist erst dann möglich, wenn die grundsätzliche Zuständigkeit dafür von jedem und jeder Beteiligten anerkannt ist. Wo Maschinen benutzt werden, geht es natürlich schon aus ökologischen Gründen nicht, dass jede Person in einem Haushalt ihre Wäsche und das von ihr benutzte Geschirr selbst wäscht, hier muss Arbeit selbstverständlich zusammengefasst und dann neu verteilt werden. Doch gerade an dieser Stelle müssen die bisher für Care-Arbeit Zuständigen sehr aufpassen, dass sie nicht wieder einer Arbeitsteilung zustimmen, bei der alle unbefriedigenden und unsichtbaren Rest-Tätigkeiten an sie abgeschoben werden.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Danke Dorothee! Wenn wir uns jeweils im Labyrinth als „öffentliche Hausfrauen“ outen, erwähnen wir immer diese Care Arbeit an den Dingen: aufräumen, putzen, den Tisch decken und abräumen, abwaschen etc etc. Hier, im öffentlichen Raum ist es unmittelbar einsehbar, mit erfahrbar und wird wertgeschätzt. Wichtig ist, dass frau es immer wieder auch benennt.

  • Anne-Käthi Zweidler sagt:

    Herzlichen Dank für die gescheite und erhellende Unterscheidung von Care-Arbeit. Sie regt an zum kritischen Blick auf die eigene Arbeit und was ich selber wann und warum „auslagere“.

  • Matthias Wanner sagt:

    Herzlichen Dank für diese Überlegungen, die mir sehr entsprechen!
    Insbesondere hat mir der Gedankenstrang zur Gestaltung des (sozialen) Kontexts von Care-Arbeit gefallen. Gemeinsames Abspülen erzeugt Kontakte und Gespräche, gemeinsames Sockenstopfen Geschichten und vielleicht liegt auch ein Erfolgsgrund von Reparatur-Cafés in dieser sozialen Komponente des Austauschs und des „Gemeinsamen tuns“.
    Aber auch meditative und grundsätzlich wertschätzende Haltungen können Care-Arbeit an Dingen zu einer lebenspflegenden Aktivität werden lassen. Zuhause hieß es immer wieder, spülen sei wie „Buddha baden“. Ein schöner Vergleich 🙂

    Ausgeblendet wird aus meiner Sicht viel zu oft auch die vielschichtige Verbindung zwischen innen und außen, d.h. meiner Person und meinem Umfeld. Aufräumen, putzen und pflegen sind Bewältigungs- oder Erhaltungsstrategien nicht nur meines äußeren Umfelds, sondern auch meines Innenlebens. Aus der Mediation kenne ich den Ausspruch „man kann im Außen nur Konflikte moderieren und begleiten, die man in sich ebenfalls nachvollziehen und bearbeiten kann.“. Auf die Care-Arbeit bezogen dreht es sich immer wieder um: dadurch, dass ich im Außen für Ordnung, Sauberkeit und Funktionalität sorge, stelle ich auch in mir selbst neu Ordnung her. Das ist jedoch ein aktiver Prozess, den ich nicht delegieren kann oder sollte und der mich in eine viel stärkere Verbindung mit meinem Außen bringt. So finde ich z.B. auch öffentliche (und gemeinsame!) Aufräum- und Putzaktionen so schön und damit schließt sich der Kreis zur Ausgestaltung der Kontexte der Care-Arbeit..

  • Elfriede Harth sagt:

    Liebe Dorothee, vieles von dem, was Du schreibst, kann ich so gut nachempfinden. Ich denke, manche Tätigkeiten sind dann erholsam, wenn eine gewisse Abwechslung da ist. Wenn ich geistig arbeite, muss ich manchmal unterbrechen und erst mal etwas putzen. Das ist als würde diese Tätigkeit irgendetwas in meinem Körper auslösen, das mich sicherer in meinen Gedankengängen macht. So, als würde sich dann die Intuitionskraft in Bewegung setzen. Denn dür mich geht Denken einfach nicht nur im Kopf. Dann ist da die Beziehung zu dem Objekt, das versorgt wird…. richtig, es kann eine Seele haben. Weil ich eine Beziehung dazu entwickelt habe. Einem Schwager (Mann!) verdanke ich viel in der Hinsicht. Er meint, es sei eine spirituelle Übung, Arbeit an Dingen, Pflege, etc.. mit großer Achtsamkeit zu verrichten. Denn die Dinge sind mehr als sie bei oberflächlicher Betrachtung scheinen. Es ist eine Übung im Hier und Jetzt sein.

  • Ute Plass sagt:

    @Mathias Wanner: „So finde ich z.B. auch öffentliche (und gemeinsame!) Aufräum- und Putzaktionen so schön und damit schließt sich der Kreis zur Ausgestaltung der Kontexte der Care-Arbeit.“
    Zustimmung.:-)
    Dorothee verweist auch darauf, dass gerade Kinder
    sich sehr gerne einbeziehen lassen und eifrig bei der Sache sind, wenn es gilt ‚zu helfen‘. Zu hoffen ist, dass Elternhaus, Kindergarten, Schule… dieses ’soziale Gen‘ nicht verkümmern lässt, sondern zur gegenseitigen Fürsorge
    anleitet.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Danke, liebe Dorothee, für Deine ausführliche, umfassende Auseinandersetzung mit der Care-Arbeit an Dingen. Sie trägt dazu bei, die Bedeutung dieser Arbeit (und deren geringer Wertschätzung) besser zu verstehen und sie im eigenen Umfeld bewusster und dadurch weniger freudlos zu tun.

  • Unabhägnig wie die „Care-Arbeit an Dingen perzipiert, gewichtet und honoriert wird:
    Es geht doch um haushalten, hegen und pflegen, den Dingen, die uns anvertraut sind, die wir uns mehr oder gar nicht angeeignet haben, zu schauen.
    Es geht um Leiblichkeit und Gegenständlichkeit, ob es sich nun um Inbeziehungtreten mit Dingen oder Menschen handelt, ist doch eigentlich egal.
    Die Trennung zwischen Tun und Denken, zwischen mir und meiner mich umgebenden Ding- oder Menschenwelt ist doch eine reine pädagogische, didaktische und Teil des divide-et-impera Konzepts.
    Wer von uns mal friedlich und ruhig, was auch immer putzen reinigen, pflegen konnte, weiss doch, wie sich da Teile zu einem Ganzen zusammenfügen, wie ein noch so kleiner Ort, des Wohlgepflegten genauso eine Ausstrahlungskraft, wie Vernachlässigtes, lieblos Angehäuftes, entwickeln kann.
    Alltägliches Tun, sich Widmen und Einlassen und jedem Ding, das uns umgibt, einen Platz geben und alles andere, das eben seinen Platz bei uns nicht recht oder nie zu finden mag, ziehen lassen…das ist die Kunst der Oikos-Nomin.
    Allem und jedem seinen ihm zugedachten Wert geben, einen Platz geben, das braucht die Horizontaliät, es braucht Zeit, es lebt von der Zeit, der Achtsamkeit mit der sie getränkt wurden.
    Haushalten ist Struktur geben, Sicherheit vermitteln und Schönheit schaffen. Nicht in einem ästhetischen Sinn, sondern in einem existentiellen, sinnlich und seelisch wahrnehmbaren.
    Das Haus, die Welt ist, sind unsere Oikos sie wollen geschaut, gepflegt, geputzt, in Ruhe gelassen und gekümmert sein.
    Putzen in der Vertikalität wird zu Pflegen.
    Sich kümmern ist hohe Kunst, die sich im Alltäglichen und oft Unscheinbaren und Langweiligen manifestieren kann.
    Da braucht keine von uns einen Zenkurs besuchen.
    Da braucht keine von uns einen WorkLifeBalance Coach zu buchen.
    Das Tun, das pflegende Tätigsein ist ein wesentlicher Teil unsere Leiblichkeit genau so wie es die Musse ist.
    Es braucht auch nicht eventmässig organisiert sein.
    Monotonie ist Monotonie. Monotonie kann wie Langeweile uns an Grenzen bringen, wo der Verstand, der Mind sich langweilend, gähnend aus dem Staub machen und wir uns nur noch mit Abwesenheit konfrontiert sehen….
    Putzen, reinigen, ordnen und pflegen ist Tätigsein, Wirken und das unmittelbare uns Umgebende durch uns beleben, berühren, befreien, ja auch befreien, es sich ein ordnen und einfügen lassen.
    Frau kann hochintellektuell sein und es lieben Hemden zu bügeln.
    Frau kann hochwissenschaftlich sein und es geniessen nach Hause zu kommen und das Bad zu reinigen, zu pflegen.
    Putzen, reinigen, ordnen und pflegen sind Tätigkeiten, die Ruhe und Klarheit in so manches aufgewühltes Dasein bringen können.
    Es dies eine Möglichkeit den Alltag als Übung zu erfahren, gewollt oder ungewollt, oft bleibt uns einzig und allein die Wahl des wie und das macht den Ganzen Unterschied. In diesem Wie liegt in meinen Augen die Freiheit einer jeden von uns und mit jedem neuen Jetzt müssen wir neu darum ringen und entscheiden.

    herzlich grüsst
    patrizia

  • Johanna Helen Schier sagt:

    „Wellness bei der Care-Arbeit“

    Liebe Dorothee!

    Danke für diesen mit Herz geschriebenem und klugen Artikel.
    Ich komme gerade aus meinem Garten. Ganz bewusst nutze
    ich keinen Rasenmäher. Nach meinem Umzug aus der Stadt
    hin zum Landleben „senste“ ich in den ersten Jahren, inzwischen habe ich Wege angelegt und pflege sie mit
    der „Heckenschere“. Ich spare auf diese Art die Kosten
    für das Fitnessstudio und_oder andere Bewegungskurse
    in den entsprechenden Sport-Bildungsstätten.
    „Unkraut jäten“ macht einen „klaren Kopf“. Da stimme ich Dir zu. Besonders für Schreibende ist es heilsam.
    Kommt frau bei einem Gedankengang aktuell nicht weiter
    und_oder gerät der gesamte Schreibprozess ins Stocken:
    Im Garten,“abgetaucht“ im Unkraut erhellt sich der Geist.

Weiterdenken