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Rubrik unterwegs

Feministisches Business as Usual

Von Ina Praetorius

Ein Bericht über die 25. Jahresversammlung der International Association for Feminist Economics (IAFFE) in Galway/Irland, 24. bis 26. Juni 2016

Die diesjährige Jahrestagung der IAFFE, der Internationalen Vereinigung für feministische Ökonomie, fand dieses Jahr in Irland statt. Foto: Ina Praetorius

Die Jahrestagung der IAFFE, der Internationalen Vereinigung für feministische Ökonomie, fand dieses Jahr in Irland statt. Foto: Ina Praetorius

Am 24. Juni 2016, dem Tag eins nach der Brexit-Abstimmung, eröffnete Professorin Semsa Özar aus Istanbul an der National University of Ireland in Galway die 25. Jahreskonferenz der International Association for Feminist Economics (IAFFE). Die grüne Insel im Atlantik ist vom knappen Volksentscheid im Nachbarland anders, direkter betroffen als der Rest Europas. Die Irinnen fragen sich: Wird im Norden wieder eine Grenze hochgezogen? Werden Konzerne und EU-Institutionen von der großen auf die kleinere Insel abwandern und der irischen Wirtschaft Auftrieb geben? Oder wird, umgekehrt, das Land, das sich bis 2008 stolz „Celtic Tiger“ nannte, das dann in eine Rezession geriet und sich jetzt allmählich „erholt“, wieder ins Abseits driften? Werden Nord- und Südirland sich langfristig als neue Einheit, die „vereinigtes Nordwesteuropa“ heissen könnte, in der EU wiederfinden? Vielleicht zusammen mit den Schottinnen, die wie die Nordirinnen am 23. Juni 2016 für „Bleiben“ gestimmt haben?

Zahlen und Kurven

Das Thema des Eröffnungsplenums der IAFFE-Konferenz stand natürlich längst vor Brexit fest, und es wurde nicht kurzfristig geändert: „Gender Equality in ‚Post-Recovery’ Ireland“ (Geschlechtergleichheit in Irland nach der ‚Erholung’). Wie zu erwarten äußerten sich alle drei Rednerinnen trotzdem in spontanen Voten zur bangen Frage, was nach dem Brexit aus der „Erholung“ ihres Landes wohl werden wird. Aber dann hielten sie sich doch an ihre vorbereiteten Manuskripte, präsentierten Zahlen und Kurven zur Entwicklung weiblicher Erwerbs- und Nichterwerbsarbeit im volkswirtschaftlichen Auf und Ab der vergangenen Jahre und beklagten den Übergang von einer theokratischen in eine neoliberale patriarchale Ideologie auf der mehrheitlich katholischen Insel. Selbstverständlich durfte man im Anschluss Fragen stellen und diskutieren. Aber die Zeit war kurz bemessen: Der Kaffee wartet schon im Foyer, Networking ist angesagt.

Die vielen jungen Wissenschaftlerinnen und wenigen Wissenschaftler aus ungefähr dreißig Ländern, die nach Galway gereist sind, scheinen vor allem dies zu suchen: Kontakte zu Älteren, die es schon auf einen Lehrstuhl oder eine andere einflussreiche Position geschafft haben, Jobs, Einladungen zu Vorträgen – und jetzt erstmal die  Möglichkeit, sich mit dem eigenen Forschungsprojekt in einer der vielen „Papersessions“ zu präsentieren.

Powerpoint und offene Fragen

Eine Papersession geht so: Drei bis fünf Referentinnen, deren Eingaben von der IAFFE-Zentrale zugelassen wurden, zeigen in einer eineinhalbstündigen Veranstaltung hintereinander ihre Powerpoint-Präsentationen. Danach ist fast immer die Zeit zu kurz, um Verbindungen zwischen den nur notdürftig unter Titeln wie „Umwelt und Gender“ oder „Wachstum, Makroökonomie, Reproduktion und Wohlergehen“ oder „Nachhaltigkeit, Ökologie und Care“ gruppierten Fragestellungen herzustellen. Fast alle Projekte sind für sich genommen interessant. Aber wie gehören sie zusammen? Gibt es eine übergreifende Theorie? Einen Referenzrahmen? Eine gemeinsame Begrifflichkeit? Eine geteilte Auffassung darüber, was überhaupt „Feminist Economics“ sein und in welche Richtung sie die Welt bewegen will?

Es gibt auch Papersessions zu solchen übergreifenden Fragen. Zum Beispiel am Sonntag Morgen eine zum Thema „Advancing Feminist Theory and Critique“ (Die Weiterentwicklung feministischer Theorie und Kritik): Irene van Staveren aus den Niederlanden berichtet darüber, dass noch immer Vorurteile über „weibliches Verhalten“ unbesehen in Datenerhebungen einfließen. Arpita Bhattacharjee aus den USA macht sich Gedanken darüber, wie ökonomische Entscheidungen von Frauen durch soziale Normen, Kultur oder Religion beeinflusst werden.  Tiina Vainio aus Finnland schlägt eine radikale Derrida’sche Dekonstruktion herrschender ökonomischer Diskurse vor. Ulrike Knobloch aus der Schweiz berichtet über ihre langjährige Arbeit an einer kritischen Wirtschaftsethik aus Geschlechterperspektive, die sie als Erweiterung der „Integrativen Wirtschaftsethik“ Peter Ulrichs versteht – Dekonstruktion oder Erweiterung? Welche dieser Denkbewegungen ist für einen Theorierahmen feministischer Ökonomie angemessen? Wäre eine Kombination aus beiden möglich? Dass wir „das einmal klären sollten“, darüber sind sich Tiina Vainio und Ulrike Knobloch einig. Aber dann ist die Zeit vorbei, und alles strömt in die nächste Session.

Es kann durchaus sein, dass ich in Galway Wichtiges verpasst habe, denn es ist unmöglich, alle Sessions und Roundtables und Receptions und Dinners zu besuchen. Fünf bis acht Sessions finden jeweils gleichzeitig statt, und schriftlich liegen die Papers nicht vor. Zwar wurde über #iaffe2016 eifriger getwittert als über vergangene Konferenzen, aber wissenschaftliche Abhandlungen lassen sich doch schwer in Ultrakurzbotschaften fassen.

Altbekannte Forderungen

Das Schlussplenum, auf das ich meine Hoffnung auf eine greifbare gemeinsame IAFFE-Politik verschiebe, hat das Thema „The Future of Feminist Social Sciences“ (Die Zukunft feministischer Sozialwissenschaften). Es ist voll von längst bekannten Forderungen, in denen sich eine gewisse Unzufriedenheit der Rednerinnen mit dem Status quo ausdrückt: Wir Feministinnen sollten interdisziplinärer arbeiten. Akademikerinnen, und gerade Ökonominnen, sollten weniger arrogant auftreten, um von denen, für die sie forschen, verstanden zu werden. Weniger der übliche akademische „Konsensualismus“, weniger business as usual wäre angezeigt, dafür mehr Wahrnehmbarkeit in der Öffentlichkeit, bessere Verbindungen zwischen Forschung und politischem „Activism“, mehr alternative Orte der Wissensproduktion außerhalb der Universitäten… Nach den vier Referaten wäre zwar noch Zeit für eine weiterführende Debatte gewesen, in der wenigstens einige dieser Forderungen in eine Art Wirklichkeit hätten überführt werden können. Aber es fand keine Debatte statt. Zu wenige TeilnehmerInnen meldeten sich zu Wort.

Ungeordnete Vielfalt und Ratlosigkeit

Multidimensional angeregt durch feministisch inspirierte weltweite Forschungsgeschäftigkeit fahre ich ans Meer, um mich noch ein bisschen vom atlantischen Wind zerzausen zu lassen, bevor auch ich wieder zum business as usual an meinen Wattwiler Schreibtisch zurückkehre. Die Ratlosigkeit, die mich schon durch die IAFFE-Konferenzen von 2011 in Hangzhou und 2015 in Berlin begleitet hat, ist geblieben: Wie finden der akademische Betrieb und postpatriarchale Weltgestaltung zusammen? – Ja, es ist wichtig, dass Feministinnen in höhere akademische Positionen aufsteigen, gerade in der männerdominierten Leitwissenschaft Ökonomie. Ja, dafür sind Orte notwendig, an denen ambitionierte Anfängerinnen mit arrivierten Leitfiguren in Kontakt kommen. Ja, für politisches Handeln braucht es empirisch gesichertes Wissen. Ja, die Welt braucht Forscherinnen und Forscher, die fleißig und seriös die Databases erarbeiten, mit denen nicht- oder postakademische „Activists“ dann ihre Politik unterlegen können. –

Aber die Welt könnte auch gut einen Zusammenschluss von feministischen, besser noch: postpatriarchalen Denkerinnen der Oiko-Nomia brauchen, die wissen und sagen, wozu all die Daten über Erwerbs- und Hausarbeit, über Unternehmerinnen und Bäuerinnen und Caremigrantinnen und Familien und Mehrfachbelastungen, über Armut und Transgender und hartnäckige Ideologien gut sein sollen. Oder mit anderen Worten: wie es mit der Welt, in der es seit fünfundzwanzig Jahren eine IAFFE gibt, weitergehen soll. Vielleicht sollten wir Activists eines Tages unsere Scheu gegenüber der zahlen- und kurvenverliebten akademischen Ökonomie überwinden und der IAFFE mitteilen, was wir uns von ihr wünschen?

 

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 01.07.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elfriede Harth sagt:

    Könnte es nicht sein, dass der Frust über diese Art von Veranstaltungen etwas am Format liegt? Es ist eben kein „Denken in Präsenz“, kein etwas miteinander erarbeiten, sondern mehr eine Art Markt der Möglichkeiten, wo möglichst viele Gedanken feilgeboten werden, aber die „Einkäuferin“ einfach nur einen kleinen Korb dabei hat, in den sie nur Kostproben des Angebots mitnehmen kann. Ich stehe dieser Art Veranstaltungen immer skeptischer gegenüber. Wegen des Formats. Es wird viel zu viel hineingepackt. Oder vielleicht liege ich falsch: ich sollte mich eben von vorneherein darauf einstellen, nur einige wenige Gedankenkostproben mitzunehmen. Einige wenige vertiefende Gespräche mit einigen wenigen Teilnehmenden zu führen, evtl. einige Anschriften auszutauschen, um dann (gemeinsam) die Gedanken weiterzuspinnen…. Wie immer – wir werden mit Information überflutet – ich habe manchmal das Gefühl zu ertrinken. Da ist einfach weniger mehr. Aber auch feministische Wissensproduktion und wohl auch -vermittlung lässt sich nicht von der Zwangsjacke des Massenvertriebs trennen….. Auch hier findet eine Art Beschleunigung und Angst, nicht damit mithalten zu können statt…..

  • Ute Plass sagt:

    „Fast alle Projekte sind für sich genommen interessant. Aber wie gehören sie zusammen? Gibt es eine übergreifende Theorie? Einen Referenzrahmen? Eine gemeinsame Begrifflichkeit? Eine geteilte Auffassung darüber, was überhaupt „Feminist Economics“ sein und in welche Richtung sie die Welt bewegen will?“

    Kam *das gute Leben für alle Menschen* – als eine Art von übergreifender Theorie – nicht zur Sprache?

  • @Ute: wie gesagt: kann sein, dass ich Wesentliches verpasst habe. Aber das „gute Leben für alle“ ist mir nirgends begegnet. Für manche Präsentatorinnen scheinen die UNO-Milleniumsziele ein Rahmen zu sein, an dem sie sich orientieren. Andere scheinen einfach vorauszusetzen, dass z.B. steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen gut ist. Wieder andere orientieren sich mehr oder weniger explizit an Martha Nussbaums Fähigkeitenansatz. Die meisten geben über den normativen Rahmen ihrer Forschungen keine Auskunft, sondern setzen voraus, dass wir uns als Feministinnen irgendwie einig sind. @Elfriede: Ja natürlich liegt es am Format. Und du hast Recht: ich könnte auch meine Ansprüche runterschrauben auf das, was in diesem Rahmen nun mal realistischerweise zu holen ist: Detaileinsichten, Kontakte, einzelne Gespräche…

  • Ute Plass sagt:

    @Ina: “ Die meisten geben über den normativen Rahmen ihrer Forschungen keine Auskunft, sondern setzen voraus, dass wir uns als Feministinnen irgendwie einig sind.“

    Wäre also angesagt, feministische Tagungen u. Veranstaltungen so zu konzipieren, dass Raum für ‚das nicht einig sein‘ vorhanden wäre? Und nicht weniger wichtig: Raum für Visionen, die das gute Leben für ALLE meinen.

    Teile @Elfriedes Skepsis hinsichtlich überfrachteter Formate, die mich ermüden bis langweilen, vor allem wenn sie in erster Linie der Selbstdarstellung dienen, zwecks Anerkennung im akademischen Wissenschaftsbetrieb.

    @Ina – deine Frage aufgreifend könnte die nächste IAFFE-Veranstaltung lauten: *Ein Vierteljahrhundert IAFFE – wie soll es mit der Welt weitergehen?* 🙂

  • Anscheinend ist die „IAFFE“ sowas wie die „EU“ des Feminismus? Wobei die EU noch deutlich bekannter ist, selbst in marginalisierten Kreisen… Ich kenne „IAFFE“ z.B. gar nicht, obwohl in der 2.Welle der Frauenbewegung sozialisiert und an feministischen Themen durchaus interessiert.

  • Antje Schrupp sagt:

    @ClaudiaBerlin – Eher ist sie sowas wie die UNO der Feministischen Ökonomie, denn die IAFFE ist weltweit (also nicht nur Europa), beschäftigt sich allerdings nur mit Ökonomie und nicht mit Feminismus generell :)) _ ja, sie ist viel zu unbekannt, was einerseits an schlechter PR liegt, andererseits auch am medialen Desinteresse.

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