beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik anschauen

Vater nervt Tochter

Von Antje Schrupp

In ihrem Film „Toni Erdmann“ zeichnet Regisseurin und Drehbuchautorin Maren Ade ein kritisches Bild vom Leben einer „Karrierefrau“. Die Frage, was Frauen im neoliberalen Haifischbecken heute eigentlich anderes tun können, bleibt dabei allerdings merkwürdig offen.

Foto: FIlmpresskit

Foto: Filmpresskit

Ines Conradi (gespielt von Sandra Hüller) ist eine ambitionierte Unternehmensberaterin, die für ihre Firma gerade in Rumänien im Einsatz ist, aber noch höhere Ambitionen hat: Gerade bringt sie sich für die nächste Karrierestufe Shanghai in Position. Doch bald schon droht ihr Ungemach von unerwarteter Seite:

Als sie bei einer Familienfeier zuhause in Deutschland ständig telefoniert und ziemlich gestresst wirkt, wird sich ihr Vater Winfried (Peter Simonischek), ein gesellschaftskritischer Intellektueller mit Hang zu albernen Witzen, darüber bewusst, dass er eigentlich gar keine Ahnung hat, was seine Tochter so macht und ob sie glücklich ist. Als dann auch noch sein Hund stirbt, beschließt er kurzerhand, nach Bukarest zu reisen. Woraufhin eine ebenso komplizierte wie witzig erzählte Vater-Tochter-Komödie ihren Lauf nimmt.

Ines ist von ihrem Vater natürlich schon bald genervt und wimmelt ihn nach wenigen Tagen wieder ab. Doch der setzt sich einfach eine Perücke auf und drängelt sich als Kunstfigur „Toni Erdmann“ in ihr Leben. Der Konflikt zwischen der zielstrebigen Geschäftsfrau, die sich gegen gönnerhafte Chefs und sexistische Kunden behaupten muss, und dem links angehauchten Pensionär nimmt seinen Lauf.

Als Ines‘ Empfehlungen hunderte von rumänischen Arbeitern um ihre Jobs bringen werden, hält Vater Winfried ihr den ungnädigen Spiegel der Kritik vor. Das ist einerseits vorhersehbar, andererseits gelingt es Regisseurin Maren Ade aber immer wieder, überraschende Wendungen für die Handlung zu finden. Und so wird die Geschichte trotz ihrer 162 Minuten doch nicht langweilig.

Ein Kinotipp ist das auf alle Fälle, auch wenn das Tochter-Vater-Verhältnis manchmal für meinen Geschmack zu klischeehaft gerät. Dass Winfrieds Verhalten anmaßend und teilweise übergriffig ist, wird nicht weiter thematisiert, die Sympathien des Publikums hat er auf seiner Seite. Als pensionierter Lehrer, der wirtschaftlich abgesichert ist und seine Berufslaufbahn in den goldenen Zeiten der Bundesrepublik und lange vor dem Neoliberalismus verbrachte, hat er leicht Reden.

Natürlich ist sein kritischer Blick berechtigt. Aber andererseits stellt sich die Frage, was Ines denn eigentlich anders machen könnte. Eine Frage, die der Film nicht beantworten muss, aber zumindest deutlicher hätte stellen können. Das fand ich zumindest, die meisten anderen Mitglieder der Evangelischen Filmjury, mit denen zusammen ich den Film gesehen habe (er wurde zum Film des Monats gekürt) fanden meine Kritik nicht berechtigt.

Von daher würde mich natürlich auch eure Meinung dazu interessieren: Am 14. Juli kommt „Toni Erdmann“ (so der Filmtitel) in Deutschland ins Kino.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.07.2016
Tags: , ,

Weiterdenken