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Warum soll Fürsorgearbeit heute „Care“ heißen?

Von Katrin Wagner

https://www.flickr.com/photos/silkegebel/18202986410/in/photolist-tJx4Fh-u28bwH-t5hgXc-t5h96R-tJwp21-tYMZKJ-t5h6U6-u2guxH-t5h8uF-t56ZBC-t56Hiq-tYMGJj-t5hkHi-t571vw-t5hnoH-tJwsx9-u1L68q-u1Lba9-tJwBbb-tJwqYs-tJF8rB-xNmMWD-yL1hg8-t56RE5-u2guFi-tYMGzw-u2gnfB-t5haND-tYMSdj-tJxc5f-tJEVPD-u1L5bq-t5heAi-tJEQyZ-u1L9FN-tYMV3h-tJxa9G-tJwGgb-t5heyz-tJwqs7-u28bb2-u28232-t5hd6K-r6V3B-ysCkWj-yGVFDy-ysCkCo-JRH9cj-xNdwob-xNdwjJ

Ist es Care-Arbeit, ein Bett zu bauen? Foto: Silke Gebel/Flickr.com (cc by-nc-sa)

Ich beschäftige mich nun schon seit einigen Jahren mit feministischer Ökonomiekritik. Tatsächlich habe ich die ersten Schriften bereits zu meiner Schulzeit gelesen, vor allem in meinen späten Teens (also Mitte/Ende der 2000er-Jahre, ich bin 1989 geboren). Damals habe ich alles aufgesogen, was ich an feministischer Theorie in die Finger bekommen konnte. Texte zum „Lean in-Feminismus“ bis zur feministisch-marxistischen Arbeitsverteilungsfrage wurden so Teil meiner Auseinandersetzung mit Feminismen.

Mit meinem Studium wurde ich mit einem angeblich neuen Konzept, der feministischen Wirtschaftskritik konfrontiert: Care. Ich war auf vielen Tagungen und Kongressen zur Care-Thematik. Ich hatte das Privileg, in einigen Kursen unterschiedliche Zugänge zu lernen. Darunter „Care und Migration mit dekolonialem Anspruch“, „Care und Affekttheorie“ und „Care und (neuer) Materialismus“. Ich war 2014 bei der „Care Revolution“ dabei und habe mir die Ergebnisse diverser Forschungsprojekte zu diesem Thema angehört – kurzum, ich habe mich wirklich viel, lange und intensiv mit diesem Begriff auseinander gesetzt.

In all den Jahren habe ich immer versucht, das Neue an Care zu verstehen. Ich wollte wissen, warum plötzlich nicht mehr von Fürsorgearbeit oder Reproduktionsarbeit gesprochen wird, und was dieser englische Begriff nun besser macht. Mein Fazit zurzeit ist: Nix. Vieles von dem, was heute an „Neuem“ geschrieben wird, wurde auch schon vor der letzten Jahrtausendwende angemerkt. Aber der Fakt, dass sich Kritiken aus dem vorigen Jahrhundert fast wörtlich auch noch heute so schreiben lassen, spricht für sich.

Care wird wieder diskutiert, in meinem universitärem Elfenbeinturm (in dem Anglizismen auch eher die Regel als die Ausnahme geworden sind) und in der Politik. Dabei scheint der Sprachwechsel in Englische geholfen zu haben.

In feministischen Bewegungen markiert und erzeugt er allerdings einen weiteren Bruch. Care ist ein weiteres Wort, welches vor allem den Älteren zumeist erklärt werden muss, obwohl  ihnen die Debatte unter Stichworten wie „Reproduktionsarbeit“ und „Fürsorgearbeit“ in den meisten Fällen bereits bekannt ist. Umgekehrt fallen die älteren Texte zu dieser Thematik häufig aus dem Sichtfeld derjenigen, die sich mit dieser auseinandersetzen wollen.

Ich bin also zunehmend unzufrieden mit dem Begriff „Care“, vor allem, wenn damit Überlegungen verknüpft werden, die genauso gut die alten Begriffe ergänzen könnten. Zum Beispiel die Frage, was zu „Care“ dazugehört, nur das ins Bett bringen eines Kindes oder auch schon das Bauen des Bettes (so etwa Friederike Habermann in ihrem Buch „Ecommony“, S. 67). Diese Frage ließe sich genauso gut auch mit den alten Begriffen stellen. Ich möchte aber in der feministischen Ökonomiekritik gerne die Debatte weiterführen, statt sie mit neuen Begriffen zu wiederholen.

Unter einer bestimmten Perspektive kann ich dem Care-Begriff allerdings doch etwas abgewinnen, nämlich dann, wenn ich in seiner Übersetzung auf die mehrfachen Deutungsmöglichkeiten achte. „Care“ ist das englische Wort für „Für_Sorgearbeit“. Der Ausdruck „I care“ wird allerdings in der Alltagssprache vor allem benutzt, um zu sagen: „Ich sorge mich/Es ist mir nicht egal“. In  dieser Bedeutung liegt für mich der Wert des Wortes.

Denn die Aussage „ICH sorge mich/es ist MIR nicht egal“ geht zunächst von mir selbst aus, bezieht sich aber immer auf etwas, sei es Mensch oder Natur, Gesellschaft. Mit „I care“ benenne ich eine Beziehung. Diese Beziehung kann sich in klassischen Fürsorgetätigkeiten äußern, sie kann bedeuten, dass ich mir den Kopf über etwas zerbreche, oder dass ich einfach nur auf etwas Bestimmtes hoffe.

„Ich sorge mich um dich“, kann ich unabhängig davon sagen, ob ich im nächsten Moment etwas Konkretes tun kann, um dieser Person zu helfen, denn nur, weil wir vielleicht an unterschiedlichen Orten leben, muss es mir nicht egal sein, wie es ihr geht. „I care about…“ kann sowohl eine Abstraktionsleistung sein als auch mit persönlichen und  konkreten Gefühlen, Wünschen, Bedürfnissen und so weiter verbunden. So hilft der Begriff auch, die eigene Position in politischen und gesellschaftlichen Debatten zu beschreiben. Ein „I care about refugees“ also „Refugees sind mir nicht egal“ kann ein Resultat der Bilder von und Begegnungen mit Betroffenen sein, oder meiner politischen Haltung, mit der sich derzeitige Zustände nicht vereinbaren lassen.

Grammatikalisch ist „I care“ sowohl etwas, das begründet werden kann („I care because…), als auch etwas, das als Begründung angeführt werden kann („…because I care“). Um sich um etwas zu sorgen, reicht es, dass man es will oder dass man es tut. Sich um etwas zu sorgen, muss nicht zwingend nach kapitalistischen Verwertungslogiken funktionieren, auch wenn einige dies gern so hätten.

An diesem Punkt schließt es wieder an die klassische Care/Reproduktionsdebatte von Karl Marx und zahlreichen Feminist_innen an. Care wird zu wenig, und in privaten Kontexten kein Wert nach kapitalistischer Wertschöpfungslogik zugesprochen. Care ist allerdings Voraussetzung dafür, dass andere Erwerbsarbeiten getan werden können

Von dieser kritischen Analyse ausgehend, wurden schon vor Jahrzehnten unterschiedliche Forderungen und ‚Lösungsansätze‘ entwickelt. Es gab Menschen, die Fürsorgearbeiten komplett aus privaten Haushalten holen wollten, und es gab die Forderung nach Arbeitsverträgen für Hausfrauen. Ich halte die Analyse zwar für richtig und die Forderungen nach besserer Entlohnung für unterstützenswert, dennoch stört mich, dass sie sich auf die Frage nach dem ‚Wert‘ von Für_sorgearbeit beschränkt und dabei die Dimension der Beziehung vergisst.

Ich möchte ‚Care‘ also nur nutzen, wenn es für eine Erweiterung der alten Begriffe um die Beziehungsebene steht. Wenn deutlich gemacht wird, dass es sich sowohl um das Tun als auch um das Denken von ‚Care‘ handelt, und das auf vielen Ebenen und in vielen Kontexten.

Mich interessiert ‚Care‘ als Gegenentwurf zu Gleichgültigkeit und als Widerstand gegen patriarchale, neoliberale und kapitalistische Verhältnisse. Mich interessiert das Potential von Kindergärtnerinnen und Altenpflegern als subversive Antikapitalist_innen und Feminist_innen, in der Hoffnung, dass sich so neue Denkräume öffnen.

 

Autorin: Katrin Wagner
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 31.07.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Ich ziehe es auch vor von Sorge/Fürsorgetätigkeiten zu sprechen. Sich kümmern, um mich und andere, damit die Welt nicht verkümmert, das wird fast immer sofort verstanden,
    (im Gegensatz zum Care-Begriff).

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebe Leute,Nun,als älter gewordene Frau die das Metier Care und Fürsorge kennt und ausgeübt hat,bin ich auch bestückt mit einem Denk-und Widerstandvermögen.Gerade weil sich engagieren auch bedeutet,dass Frau/Man(n)Stärken und Schwächen hat.Und nicht von der Ausgangsbasis worin man sich aufhielt lässt sich der ganze Lebenslauf beschreiben,oder in diesem Carebereich sich festnageln.Die daraus gewonnenen Fähigkeiten stimmen nicht überein mit jenen, die Care von der anderen Seite auseinander nehmen,und nach Lösungen suchen.Klar,dass Frau mit so einer „CareFlagge“,auch gerne aneckt,denn die eigenen sozialen Aufgaben und darüber hinaus für andere bestehen.Das persönlichen Denken und Schweigen hat auch seinen Verlauf.Der Lebenslauf ändert sich.Und Frau steht zu ihrem Platz und zu sich selbst in der Gesellschaft,trotz erlebtem Ungemach.Das Ungemütliche ist und bleibt vorerst,dass das Thema Care mit viel zu viel Heu auf dem Wagen vollgeladen wird,im Schaukeln hin und her geschüttelt und der Wagen seinen Weg weiter behaupten muss,will er ankommen.Da bleiben einige Aehren auf dem Boden liegen,,die von Hand eingesammelt werden müssen um das ganze Thema zu verstehen.Theorie und Praxis klaffen auseinander.

  • Cornelia Roth sagt:

    Diese doppelte Bedeutung von Care, die hier am Ende des Artikels angesprochen wird, fasziniert mich, je länger ich darüber nachdenke. I care – ich bin nicht gleichgültig – ist vielleicht auch eine Möglichkeit, für die Menschen eine Öffnung zu schaffen, die Caretätigkeit und all das unter „Gedöns“ abhaken. Weil „I care“ neben einer moralischen Forderung oder einer notwendigen Einsicht auch noch etwas Sinnstiftendes haben kann: „I care!“ „We care!“. Etwas waches und wachsames, womit man sich in die Gemeinschaft einbringen kann. Wo man entdecken kann, dass man ohne Care am eigenen Leben und seiner Wahrheit möglicherweise vorbeilebt. Vielleicht wird der Blick auf das Notwendige so besser möglich.

  • In der – ziemlich männerdominierten – Commons-Bewegung läuft gerade eine Auseinandersetzung darüber, was wichtiger ist: „Innovation“ oder „Maintenance“. Da kann man richtiggehend zuschauen, wie eine neue Dichotomie aufgebaut wird: Innovationisten gegen Leute, die finden, es sei viel wichtiger, das Erfundene (zum Beispiel Solarpanels in Afrika oder Biogasanlagen im ländlichen China…) dann auch in Stand zu halten. Care in dem Sinne, wie Katrin den Begriff hier entwickelt, als „Gegenentwurf zu Gleichgültigkeit“, könnte da zum postdichotomen Brückenbegriff werden: „I care“ bedeutet: ich bin aufmerksam auf das, was hier und jetzt gebraucht wird. Das kann heute Innovation sein, und morgen aufrechterhaltendes Tun (Maintenance).

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