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„Mutter“ und „queer“ gehört beides zum Feminismus

Von Antje Schrupp

motherDie vergangenen Jahrzehnte waren im (deutschen?) Feminismus von einer Spaltung geprägt, die ich selbst für sehr unfruchtbar halte, und zwar die Spaltung zwischen „Mutterfeminismus“ und „Queerfeminismus“, um es mal vereinfacht zu sagen. Als eine, die mit Frauen und Gruppen aus beiden Richtungen Kontakt hat, bin ich oft verblüfft, wie wenig beide Seiten jeweils voneinander wissen.

Queerfeminist*innen sind oft davon überzeugt, dass alles was mit „Mutter und Matriarchat“ zu tun hat, zutiefst essenzialistisch und biologistisch ist. Matriarchatsfeministinnen sind oft überzeugt, dass „queer“ Frauen abschaffen will, den Feminismus ent-radikalisiert und ohnehin nur ein Trick zur kapitalistischen Einverleibung von Frauen ist. Und wenn solche Vorurteile nicht gepflegt werden, dann höchstens deshalb, weil man von der Existenz der anderen feministischen Richtung gar nichts weiß.

Zum Beispiel wie in diesem Buch, wo gleich zu Beginn steht, dass „das Thema Mutterschaft und Mütterlichkeit in aktuellen feministischen Debatten im deutschsprachigen Raum so wenig Platz einnimmt.“ (Seite 8). Das stimmt so manche Feministin, die seit Jahrzehnten genau dies in den Mittelpunkt ihres Aktivismus gestellt hat, vermutlich ärgerlich. Trotzdem ist die reine Existenz dieses Sammelbandes aus meiner Sicht ein gutes Zeichen. Nämlich dafür, dass auch innerhalb queerfeministischer Debatten das Thema Mutterschaft in letzter Zeit verstärkt in den Fokus rückt. Möglicherweise und hoffentlich können sich daraus ja Anknüpfungspunkte zu einem gegenseitigen Austausch ergeben.

Die unterschiedlichen Beiträge des Bandes sind zu heterogen, um sie auf einen Nenner zu bringen (hier ein Link zu mehr Infos und dem Inhaltsverzeichnis). Es sind interessante dabei und uninteressante, manche wiederholen nur schon tausendmal Beklagtes, andere haben originelle Thesen, über die man länger nachdenken kann. Insgesamt ist die Lektüre aber allen zu empfehlen, die ein Interesse daran haben, in einen „interfraktionellen“ Diskurs einzusteigen, und die sich dafür interessieren, was derzeit in queerfeministischen Horizonten der Diskussionsstand zum Thema „Mutter“ ist.

Die interessanteste Herausforderung liegt meiner Ansicht nach darin, den Zusammenhang zwischen „Mutterschaft“ und „Geschlecht“ neu zu diskutieren. Die tendenzielle In-Eins-Setzung von Mütterlichkeit mit Weiblichkeit hat dem Matriarchatsfeminismus nicht nur den (teilweise durchaus berechtigten) Vorwurf eingebracht, stereotype Geschlechterrollen zu reproduzieren. Er hat ihm auch einen Großteil seiner Überzeugungskraft genommen, und zwar umso mehr, je differenzierter gesellschaftliche Rollenmuster sich fortentwickelt haben. Was aber kann von den radikalfeministischen Positionen rund um Mutterschaft gesagt werden, wenn ihre Grundlage nicht mehr (nur) eine weibliche Biologie ist?

Sehr vieles meiner Meinung nach, vor allem in der Tradition des italienischen Differenzfeminismus natürlich, der ja von Beginn an ganz dezidiert nicht essenzialistisch war (also das nicht nur behauptete, sondern auch aktiv bearbeitete). Allerdings fehlt es hier noch häufig an einer gelingenden Vermittlung in andere diskursive Szenen. Der Versuch, die Erkenntnisse aus den vergangenen Jahrzehnten mit den Erkenntnissen aus queerfeministischen Debatten in einen Austausch zu bringen, wäre jedenfalls vielversprechend.

Zumal ja auch die Fortentwicklung der Reproduktionsmedizin den Begriff der Mutter längst uneindeutig gemacht hat: Ist die Mutter diejenige, die die Entscheidung trifft, ein Kind zu bekommen? Diejenige, von der die Eizelle stammt? Diejenige, die das Kind in ihrem Körper austrägt und zur Welt bringt? Diejenige, die sich nach der Geburt hauptverantwortlich um das Kind kümmert? Zumindest die erste und vierte dieser Personen muss nicht weiblich sein, und auch die anderen müssen nicht weiblich sein, wenn man Transsexualität als geschlechtliche Variante des Menschseins akzeptiert. Dass sich im Phänomen der Mutterschaft wie in kaum einem anderen Biologie und Kultur, Materie und Geist, Persönliches und Gesellschaftliches überkreuzen, ist in der feministischen Debatte natürlich schon lange bekannt und berücksichtigt. Indem Mutterschaft als Phänomen getrennt vom Konzept „Weiblichkeit“ betrachtet, zumindest nicht einfach fraglos an dieses gekoppelt wird – und das ist es im Wesentlichen, worauf queerfeministische Ansätze bestehen – braucht es aber neue Analysemodelle, und daran fehlt es noch.

Es ist natürlich schade, dass die Herausgeberinnen und Beitragenden dieses Buches, von einer halben Seite Exkurs zu Affidamento abgesehen, keinerlei Bezug nehmen auf die intensiven feministischen Debatten rund um Mutterschaft (weil sie von ihnen offenbar nichts erwarten). Lediglich in ihrer Kritik an konservativer Mütterlichkeit wird die Frauenbewegung der 1970er gewürdigt, nicht aber als Initiatorin weitaus radikalerer und innovativer kultureller Konzepte.

Dennoch sehe ich in diesem Band eine positive Veränderung: Erstens wird klar, dass Queerfeminismus sich mit dem Phänomen Schwangerschaft und Mutterschaft beschäftigen muss. Zweitens wird klar, dass Mutterschaft nicht unabhängig von Geschlecht diskutiert werden kann, dass es nicht in einer neutralen „Elternschaft“ aufgeht. Drittens – und hier ergeben sich aus meiner Sicht die wichtigsten Anknüpfungspunkte – wird klar, dass es hierbei auch um eine Neuordnung von „Care“ geht, die gesellschaftsveränderndes Potenzial hat. Ich finde, das ist ein guter Anfang.

Maya Dolderer, Hannah Holme, Claudia Jerzak, Ann-Madeleine Tietje (Hrsg.): O Mother, Where Art Thou? (Queer-)Feministische Perspektiven auf Mutterschaft und Mütterlichkeit. Westfälisches Dampfboot, Münster 2016, 24,90 Euro.

 

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.08.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Angret sagt:

    Danke für die Rezension! Gibt es einen Beitrag, den du besonders gehaltvoll findest? und ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich richtig weiß, auf welche intensiven feministische Debatten rund um Mutterschaft du dich beziehst..meinst du die Vereinbarkeitsdebatten?

  • Antje Schrupp sagt:

    @Angret – Hm, was jemand jeweils gehaltvoll und interessant findet, hängt ja immer auch ein bisschen von den eigenen Interessen ab. Ich lese immer gerne Texte, die mir Neues vermitteln und andere Perspektiven, unabhängig davon, ob ich dann inhaltlich allem zustimme. (Ich sage das, weil oft Leute Texte dann als „gut“ emfehlen, wenn sie ihrer eigenen Meinung möglichst entsprechen, das ist bei mir also anders).

    Thus said fand ich den Essay „Affirming the Value of Black Motherhood“ von Akilah S. Richards interessant (allerdings als einziger Text auf englisch), außerdem den von Joke Janssen „In meinem Namen. Eine trans*/queere Perspektive auf Elternschaft“ und Ann-Madeleine Tietge „Niemand ist dem anderen seine Mutti? Zu Mütterlichkeit in heterosexuellen Paarbeziehungen.“ An dem letzteren Text ist interessant, wie stark geschlechtsbezogen „Mütterlichkeit“ selbst in der Beziehung von solchen Paaren, die sich selbst für kritisch und „gender-bewusst“ halten, auf Seiten der Frauen verortet wird.

    Zu den Fragen, wo im Feminismus „intensive Debatten über Mütterlichkeit“ geführt wurden – ich selber beziehe mich dabei vor allem auf den italienischen Differenzfeminismus, wo Luisa Muraros 1991 erschienenen Buch „Die symbolische Ordnung der Mutter“ viele Debatten ausgelöst hat, auch bis nach Deutschland und andere Länder. (Ich hab mal hier einen Vortrag dazu: http://www.antjeschrupp.de/symbolische-ordnung-der-mutter)

    Und dann gibt es natürlich die ganze Matriarchatsbewegung, die in der „Zweiten Welle“ des Feminismus eine sehr wichtige Rolle gespielt hat und die es bis heute gibt, z.B. http://www.matriaval.de/

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