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Kirche – kein Ort mehr für religiös und politisch interessierte Frauen?

Von Juliane Brumberg

Keine Frauen in den Kirchen? Foto: Juliane Brumberg

Keine Frauen in den Kirchen? Foto: Juliane Brumberg

Für evangelische Feministinnen waren die achtziger und neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine gute Zeit, eine Zeit des Aufbruchs. Die Landeskirchen waren – mal etwas mehr, mal etwas weniger – offen für die Anliegen der Frauenbewegung und konnten sich dem Drängen auf volle Gleichberechtigung der Geschlechter innerhalb der Institution Kirche nicht entziehen. Sie richteten Gleichstellungsstellen ein und statteten sie personell und finanziell angemessen aus. Lehrstühle für Feministische Theologien wurden geschaffen, und in Gelnhausen richtete die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) ein Frauenstudien- und Bildungszentrum ein. Lesbische Frauen oder Alleinerziehende fanden unter kirchlichen Dächern Orte, an denen sie sich nicht mehr verstecken mussten. Als religiös interessierte Frau, die auf der Suche war und von der herkömmlichen Theologie eher unbefriedigende Antworten auf ihre Fragen bekommen hatte, fand  ich in kirchlichen Zusammenhängen viele Gelegenheiten, bei denen ich als Frau andocken konnte mit meiner Sehnsucht nach einer Welt, in der es um mehr geht, als nur darum, dass Frauen  „dasselbe machen dürfen, wie die Männer“.

Ich freute mich innerhalb der Institution Kirche über Orte, an denen ich mich beheimatet und gut aufgehoben fühlte, und über neue Ideen, die mich bereicherten. Dazu zählten Frauenliturgien und Frauengottesdienste mit Liedern, in denen auch die „Schwestern“ sichtbar waren, neue Auslegungen der alten biblischen Geschichten, die Möglichkeiten eines weiblichen Gottesbildes, die Impulse durch die Feministischen Theologien und nicht zuletzt die 2006 erschienene Bibel in gerechter Sprache (BigS). In vielen Landeskirchen erschienen eigene Frauenzeitschriften (insbesondere in Westfalen die „Lila Blätter“ , im Rheinland die „Rheinweiber“ und in Bayern die „efi“), die die Entwicklungen begleiteten und vorantrieben. Erkenntnisse und Pfunde, an denen die Kirche wachsen könnte und von denen wir dachten, dass sie Eingang in die sonntägliche Verkündigung finden würden.

Heute, 30 Jahre später, ist von dieser lebendigen Aufbruchstimmung wenig übrig geblieben. Die Kirche hängt ihr Fähnlein nach dem Wind und mäandert in einem politischen Mainstream dahin, der glaubt, mit Gender alles abzudecken, womit sie die Bedürfnisse und Sorgen von Frauen nicht ernst nimmt. Die nächste Leitungsgeneration – und dazu gehören auch Frauen, deren heutige Führungsposition durch das Engagement ihrer Vorgängerinnen erst möglich wurde – zeigt sich desinteressiert und hat sich bequem in der herkömmlichen Theologie und Kirchenhierarchie eingerichtet. In den kirchenleitenden Gremien scheint die Meinung vorzuherrschen, wenn rund 30 Prozent der Pfarrstellen mit Frauen besetzt sind, sei genug für die religiösen Bedürfnisse von Frauen getan. Ein echtes Interesse an dem, was politisch und theologisch wache und veränderungswillige Frauen erarbeitet haben und was die Verkündigung bereichern könnte, ist nicht zu erkennen. Kirchliche Gleichstellungsstellen werden nicht wieder besetzt oder in Büros für Chancengerechtigkeit umgewandelt – und damit  die Frauenfrage den hilfsbedürftigen „Problemgruppen“ zugeordnet. Die kirchlichen Frauenzeitschriften wurden eingespart, auch von der evangelischen frauen information in Bayern (efi), der Einzigen, die noch übrig geblieben war, erschien im September die letzte Ausgabe. Aus dem Frauenstudien- und Bildungszentrum in Gelnhausen wurde ein Studienzentrum für Genderfragen. Ein Dach für politisch engagierte Frauen, die in und mit der Kirche Neues in die Welt bringen wollen, stelle ich mir anders vor.

Vielmehr  ist es ein Skandal, dass die Kirche sich diese Einrichtungen geleistet und sie finanziert hat, ohne das, was dort erarbeitet wurde, in irgendeiner Weise zu rezipieren. Waren es also nur teure Alibi-Einrichtungen?

Wen wundert es da noch, dass bei den Kirchenaustritten der Anteil der Frauen in allen Altersgruppen überproportional steigt? Dabei ist es nicht so, dass Frauen sich abwenden von Glauben und Religion. Traditionell gehörten sie zu den interessierteren und treueren Kirchgängerinnen. Heute suchen viele eine spirituelle Heimat in dem Bereich, der von den traditionellen Kirchen etwas überheblich als Esoterik abgetan wird. Offensichtlich fühlen sie sich dort besser aufgehoben und angesprochen als in den herkömmlichen Gemeinden. Junge (und ältere) Frauen, die sich für Geschlechtergerechtigkeit, die Freiheit von Frauen und ein „gutes Leben für alle“ engagieren, kommen heute woanders zusammen als in Kirchenräumen.

 

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Monika sagt:

    Hervorragend und leider sehr wahr! Monika

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Seit vielen Jahren versuchen Frauen den Kirchenvertreterinnen und -vertretern zu erklären, dass sich Kirche verändern und mehr auf die Menschen und ihre Bedürfnisse eingehen müsse.

    Leider haben die Kirchen das nicht gehört oder auch nicht verstanden.

    Nun findet ein gigantischer Auszug von Frauen aus den Kirchen statt: Junge Frauen lassen als deutliches Signal ihre Kinder nicht mehr taufen. Sie tragen die Thesen der inhaltlich unbeweglichen Kirchen nicht mehr mit und möchten ihre Kinder davor schützen, in den Kirchenkrieg zwischen evangelisch und katholisch usw. hineingetauft zu werden.

    So geht es nieder mit den Kirchen: Starr und unbeweglich voran die rk Kirche, daneben hart und gefühllos die evangelische.

    Für jede Änderung und Korrektur ist es inzwischen wohl zu spät. Viele aktive und engagierte Frauen sind gegangen, die Kinder wissen nichts und wollen auch nichts mehr von dem Kampf der Religionen wissen.

    Danke für den guten Artikel!
    Gisela F.

  • Ja, ich bin auch je länger je mehr wieder ausserhalb der Kirchen unterwegs. Obwohl es durchaus Ausnahmen gibt, wie zum Beispiel die Impulstagung „Make-up!“ des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes letzte Woche, am 23. und 24. September 2016 in Olten. Da war spürbar, wie viel kritische Frauenpower noch in solchen traditionellen kirchlichen Vereinen stecken kann. Wo sonst könnte ich 500 Frauen live und mit viel Resonanz von der Care Revolution erzählen? – Ich halte es so: die offenen Räume für postpatriarchales Durcheinanderdenken, die die Kirchen immer noch bieten, nutze ich nach Kräften. Das kann ein Kirchentag sein. Oder eine Pfarrerin, die mir zu einem Freundinnenpreis einen schönen grossen Versammlungsraum mitten in der Stadt für eine Carewoche-Ideenwerkstatt zur Verfügung stellt. Oder eine internationale Konferenz im Vatikan, an der ich unbehelligt über Geburtlichkeit als neues anthropologisches Paradigma referiere. Oder ein noch existierendes Gemeindeblättchen, das einen Text über Care-Ökonomie abdruckt und mir dafür sogar ein anständiges Honorar zahlt… Ob die Kirchen als Organisationen, so wie sie jetzt sind, eine postpatriarchale Zukunft haben, darüber mache ich mir wenig Gedanken, denn das entscheidet, fromm ausgedrückt, die Heilige Geistkraft, und die lässt sich oft viel Zeit, in diesem Falle vermutlich weit über unser aller Lebenszeit hinaus. Das inspirierte Weiterdenken im Sinne des befreienden Evangeliums findet derzeit so oder so meistens in Grenzräumen zwischen den herkömmlichen Institutionen statt, ob das nun Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, NGOs, die Rosa Luxemburg Stiftung oder Universitäten sind. Die Freiräume eröffnen sich oft an überraschenden Orten. Was es braucht, ist Geistesgegenwart und Urteilskraft, um sie für postpatriarchales Transzendieren zu nutzen, wann und wo auch immer.

  • ursula jung sagt:

    Zum Foto:
    Diese schöne Kirche lädt ein zu edler Kirchenmusik. Bachkantaten werden hier sicher gut besucht sein.
    Eine Freundin von mir,unkirchlich aus Überzeugung,schwärmte mir gestern vor, sie habe die H-moll Messe von J.S. Bach mitgesungen….
    Reicht es vielleicht, wenn die Kirche ihre musikalischen Schätze pflegt?
    Mir tut es unendlich leid, die Schätze der Fem. Theologie nicht mehr zu finden.

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Wir schätzen und lieben die Innenausstattung schöner alter Kirchen: Frauen evangelischen Glaubens und schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten.
    Oft sind es katholische Kirchen und Ja (!) natürlich gehen wir gerne in Gesangskonzerte.

  • ursula jung sagt:

    Im Traum sah ich eine Pfarrerin auf dieser Kanzel,in einem weißen Talar mit wunderschön bestickter Stola.
    Sie las aus der Bibel in gerechter Sprache.
    Die Bänke zu dieser Gedenkfeier der Reformation eng gefüllt.

  • Leider hat Juliane Brumberg in fast allen Punkten recht. Ich finde es auch skandalös, dass all das, was wir uns mühsam erarbeitet und erkämpft hatte, so langsam wieder abbröckelt.
    in einem Punkt liegt Juliane Brumberg allerdings falsch:
    Es gibt noch eine landeskirchliche Frauenzeitung:
    Unsere eFa in der Pfalz! Sie lebt noch!
    Herausgegeben von der Evangelischen Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft: Fachbereich Frauen. http://www.evangelische-arbeitsstelle.de

  • Die von Ursula Jung auf der Kanzel imaginierte Pfarrerin könnte ich sein. Ich trage einen weissen Talar und bin seit kurzem in Besitz einer farbig-fröhlichen Stoa, gefertigt von Indigenen in Guatemala. Und ich predige immer feministisch bis postpatriarchal. Oft auch gegen den Widerstand derjenigen, die in der Gemeinde das Sagen haben. So wurde mir vorgeworfen. dass ich die BigS an die Konfirmand_innen als Geschenk übergeben habe.

  • Karin Hügel sagt:

    Beim Korrigieren meiner Druckfahnen von Karin Hügel, „Lesungen für Segnungsfeiern gleichgeschlechtlicher Paare, queer ausgelegt. Jonathans Zusage der Lebensgemeinschaft an David (1 Sam 18,1-4) und Ruths Treueschwur gegenüber Noomi (Ruth 1,14-17)“, in: Andreas Krebs (ed.), Alt-Katholische und Ökumenische Theologie. Jahresheft 2016 des Alt-Katholischen Seminars der Universität Bonn, Alt-Katholischer Bistumsverlag, Bonn 2016 ist mir aufgefallen, dass 2016 zwei weitere evangelische Landeskirchen in der BRD Trauungen für gleichgeschlechtliche Paare ermöglicht haben (nämlich vereinfacht gesagt, neben der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau auch die Evangelische Landeskirche in Baden und in die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz). Wie in der Alt-Katholischen Kirche gibt es etwa auch in den meisten anderen Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren, wobei nur in letzteren eine eingetragene Lebenspartnerschaft Voraussetzung ist. Da ich in Wien leben, weiß ich nicht, ob deshalb an Wochenenden sich vermehrt die Kirchen für solche Trauungen füllen und ihr dazu eingeladen werdet (?)

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Beitrag: G. Forster… Es ist übrigens noch schwieriger als ich dachte, einen Studiengang „Feministische Theologie“ in Niedersachsen und umzu zu finden. Ich recherchiere seit ein paar Tagen und werde nicht fündig.In der Vergangenheit gab es,
    z.B. in Oldenburg und Hannover, eineinhalbjährige Fernstudiengänge mit
    8 Modulen zum Thema „Geschlechtergerechte Theologie“

  • Und es gibt sie doch noch: Die Feministische Theologie und ihre Netzwerke! So feiert die „IG feministiche Theologinnen der deitschen Schweiz und Lichtensteins“ heuer ihr 25-j$hriges Jubiläum. Anlass für den Vorstandn, dies in einer Medienmitteilung zu würdigen: https://feministische-theologinnen.ch/wp-content/uploads/2016/10/25-Jahre_IG_Feministische-Theologinnen.pdf und Anlass der Vorstandsfrau Dr. theol. Doris Strahm über Erreichtes und Ersehntes in einem Interview Auskunft zu geben: https://www.kath.ch/newsd/gender-themen-kommen-immer-wieder-auf-den-tisch/

  • Anbei noch der Bericht einer Bestandesaufnahme der Situation von Frauen in den Schweizer Kirchen: http://www.aufbruch.ch/6253

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