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Rubrik handeln

Stark sein in der Differenz, statt Diskriminierung anzuprangern

Von Dorothee Markert

Für andere sprechen

Bei einer Sonntagspredigt vor ein paar Wochen sprach die Pfarrerin über „das Leid derer, die entdecken, dass sie einen Menschen des gleichen Geschlechts lieben“. Ich fand es gut, dass hier eine der Minderheiten erwähnt wurde, der ich angehöre, und mir tat auch das Mitgefühl für das Leid gut, das damit verbunden ist, ein Anderssein bei sich zu entdecken, dem aus der Mehrheitsgesellschaft immer noch oft Befremden, Spott und Ablehnung entgegenschlägt – wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß wie vor 43 Jahren, als ich mein Coming-out hatte. Doch gleichzeitig reizten mich die Worte der Pfarrerin zum Widerspruch. Denn als ich entdeckte, dass ich Frauen liebe, war das kein Leid, sondern eine große Freude, ein Glück, ich fühlte mich stärker denn je und war entlastet, weil ich endlich wusste, warum ich meine männlichen Freunde nicht so lieben konnte, wie sie es sicher verdient hatten. Und diese Gefühle gaben mir die Kraft, mein Anderssein trotz aller Widrigkeiten meistens selbstbewusst zu leben, sie weckten und stärkten zudem meinen politischen Kampfgeist. So begann ich gleich, mich dafür einzusetzen, dass es gleichgeschlechtlich Liebenden in unserer Gesellschaft besser geht.

Foto: Dorothee Markert

Foto: Dorothee Markert

Eine Freundin von mir, die aufgrund einer chronischen Erkrankung auf einen Rollstuhl angewiesen ist, regte sich neulich furchtbar darüber auf, dass jemand in ihrer Wohnanlage ein Schild aufgehängt hatte, auf dem darum gebeten wurde, einen bestimmten Durchgang „für unsere Rolli-Frauen“ freizuhalten. Als sie mir davon erzählte, fand ich ihre Reaktion zunächst übertrieben, denn das sei doch „gut gemeint“ und halt nur nicht so glücklich ausgedrückt gewesen. Meine Freundin meinte aber, das sei ja genau das Problem, dass hier andere für sie sprechen, über sie verfügen („unsere“) und dabei übersehen, dass sie eine Person mit einem Namen ist, die zwar auf einen Rollstuhl angewiesen, aber deshalb noch längst keine „Rolli-Frau“ ist.

Bei den Treffen der Redaktion von bzw-weiterdenken haben wir schon mehrmals über die „Frau mit Sternchen“ (Frau*) diskutiert, was schließlich zu der Gesprächsserie über die Frage geführt hat, was eine Frau sei. Dabei sagte eine, sie habe noch keine Trans- oder Interfrau getroffen, die darauf bestand, dass ihre Existenz jedes Mal durch das Sternchen sichtbar gemacht werden müsse, wenn das Wort „Frau“ gesprochen wird. Es seien vor allem Queer-Aktivistinnen gewesen, die sich für diese Minderheiten stark machten. Nachdem wir (älteren) Feministinnen uns mühsam von den Inhalten befreit hatten, die als Zuschreibungen und Rollenvorschriften mit Frau-Sein verbunden worden waren, und endlich zu wissen glaubten, dass „weiblich“ einfach nur das ist, was Frauen tun und sind und miteinander aushandeln, müssen wir heute wieder mit Tadel und Nicht-mehr-Zuhören wegen „binären Denkens“ rechnen, wenn wir beispielsweise von „weiblicher Autorität“ sprechen oder das Wort „Frau“ ohne Sternchen und weitere Erklärungen gebrauchen. Positiv finde ich an der „Frau mit Sternchen“, dass hier Differenz sichtbar gemacht wird, was auch mir ein Anliegen ist. Und dieser Weg ist auf jeden Fall stimmiger als die seit den 90-er Jahren in der damals jüngeren Generation der Frauenbewegung eingeführte Sprachregelung, nicht mehr von Frauenzentren, Frauenreferaten usw. zu sprechen, sondern von „Frauen- und Lesbenzentren“. Dies kam wahrscheinlich deshalb auf, weil die in solchen Bereichen Aktiven zu einem hohen Anteil lesbisch lebten und das Gefühl hatten, von den „Frauen“ nicht ausreichend gewürdigt zu werden. Dass damit indirekt der Titel „Frau“ nur noch denen zuerkannt wurde, die heterosexuell lebten, sollte wohl in Kauf genommen werden – ich habe es nie akzeptiert.

Die Vereinnahmung durch Männer, die jahrhundertelang gewohnt waren, für Frauen (mit-)zu sprechen oder Frauen zu erklären, wer und wie sie seien oder sein sollten, haben wir zu Beginn der Frauenbewegung Schritt für Schritt aufgedeckt und uns von ihr befreit. Irgendwann haben zumindest die Differenz-Denkerinnen unter den Feministinnen auch begriffen, dass Frauen dasselbe tun wie jene Männer, wenn sie meinen, sie könnten als frauenpolitisch Aktive für andere Frauen sprechen und kämpfen. Sie haben gezeigt, dass politische Stärke auch auf andere Weise entwickelt werden kann: Von mir selbst ausgehend zu sprechen und dafür als Person einzustehen, gestärkt durch gute Beziehungen zu anderen Frauen, die mir Autorität zusprechen.

Frauen sind keine Minderheit, sondern mehr als die Hälfte der Menschheit, doch sie werden trotzdem im Symbolischen bis heute in der Regel wie eine Minderheit behandelt und verhalten sich auch oft so, als seien sie eine. Vielleicht kommt der Eifer, mit dem manche Frauen sich für Minderheiten einsetzen und leider auch für diese sprechen, aus der Erfahrung, als Frau so oft unsichtbar und scheinbar unbedeutend zu sein – oder abgewertet zu werden –, dass sie das anderen gesellschaftlichen Gruppen, also tatsächlichen Minderheiten, auf keinen Fall antun wollen.

Behindert

Behindert werden Angehörige von Minderheiten vor allem durch die vielfältigen Hürden, die eine Mehrheitsgesellschaft ihnen in den Weg stellt, die nichts von ihnen wissen will, ihre Existenz möglichst totschweigt und sie nicht als legitimen Teil der Gesellschaft akzeptiert.

Bis zu meinem Coming-out konnte ich fast nichts erfahren über Frauen, die mit dem Begriff „lesbisch“ bezeichnet wurden, außer dass das etwas Ekelerregendes oder Lächerliches sein musste. Es gab noch keine Vorbilder und fast keine Bücher und Filme über uns. Die wenigen, die wir schließlich entdeckten, endeten alle tragisch, mit Mord oder Selbstmord. Ohne die Frauenbewegung wäre ich auf eine Subkultur angewiesen gewesen, deren Existenz zwar auch für mich wichtig war, in die ich aber nicht wirklich hineinpasste. Ich hätte mich niemals damit abgefunden, in einem Ghetto zu leben, und lehnte auch später alle Bestrebungen innerhalb der Frauenbewegung ab, sich in eine separate, „autonome“ Frauenwelt zurückzuziehen. Der italienische Geschlechterdifferenzansatz bot dafür die passende Theorie und Praxis. Eine Erfahrung, die mich total glücklich machte und hinter die es von da an kein Zurück mehr für mich gab, war das Bundestreffen 1980 der deutschen Freinetbewegung – einer Bewegung von Lehrpersonen zur Demokratisierung der Schule –, bei dem wir drei Angehörigen der homosexuellen Minderheit ganz selbstverständlich wir selbst sein konnten, ohne uns verstecken und verstellen zu müssen, aber auch ohne als Exotinnen behandelt und mit Samthandschuhen angefasst zu werden. Das war die Art von Normalität, die ich von da an für uns anstrebte und die ich mir für alle Minderheiten wünsche.

Auch als Angehörige der Minderheit der Linkshändigen wurden mir Hürden in den Weg gestellt. Die frühe Umschulung der Händigkeit, die heute als Körperverletzung gilt, bewirkte eine Art Hirnschädigung mit zahlreichen Folgen, die mir das Leben schwermachten: Durch meine Ungeschicklichkeit als Kind, wegen der ich geschimpft, verspottet und im Sport immer als Letzte gewählt wurde, durch mein lebenslanges Zittern der Hände, sprachliche Ausfälle unter Stress und große Schwierigkeiten, Bewegungen zu automatisieren. Dabei ging es mir ja vielleicht noch besser als meiner Oma und meiner Tante, denen in der Schule Prügel drohten, wenn sie den Stift in die falsche Hand nahmen. Heute wird zwar nicht mehr umgeschult, doch mit den besonderen Schwierigkeiten in einer auf Rechtshändige eingestellten Umwelt werden linkshändige Kinder immer noch viel zu oft allein gelassen.

Als Hürde habe ich es zu Beginn meines Studiums auch erlebt, dass ich Dialektsprecherin war. Obwohl ich in Süddeutschland studierte, dominierten in den Seminaren eindeutig die Nicht-DialektsprecherInnen und gaben den Maßstab für Sprechtempo und Geschliffenheit der Rede vor. Und für die schulische Ausbildung, die ich mir eigentlich gewünscht hätte – ein humanistisches oder wenigstens neusprachliches Gymnasium – , war es ebenfalls eine damals unüberwindbare Hürde, dass ich auf dem Land aufwuchs, wo es halt nur ein Gymnasium gab.

Über die zahlreichen Hürden, die für die Nicht-Minderheit der Frauen zu überwinden waren und sind, ist ja schon genug geschrieben worden.

Ich finde es wichtig, mir zu überlegen, welchen Minderheiten ich angehöre, und mir die Hürden bewusst zu machen, die dies mit sich gebracht hat. Auch ein bisschen Selbstmitleid und Trauer sind da durchaus angebracht. Wo solche Hürden eine gesunde Entwicklung und eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben beeinträchtigen, müssen sich Angehörige der jeweiligen Minderheit zusammenschließen, zur Stärkung ihres Selbstwertgefühls und um einige der Hürden beiseite zu schaffen. In dieser Hinsicht ist seit den Achtundsechzigern und der Frauenbewegung ungeheuer viel geleistet worden, auch im Bereich der Menschen mit körperlichen Einschränkungen, die heute als „Behinderte“ bezeichnet werden.

Doch nach solchen notwendigen Ausflügen in die jeweilige Minderheitenwelt, in der besonders auch die Erfahrung wichtig ist, einmal Mehrheit zu sein und die Illusion vollständiger Zugehörigkeit zu erleben, finde ich die Rückkehr in die „ganze Welt“ wichtig. Es tut nicht gut, ein Leben lang auf dem herumzureiten, was uns das Leben scheinbar schwerer gemacht hat, als es für andere war, und sich in Phantasien darüber zu verlieren, wie toll wir und unser Leben ohne diese Belastungen hätten sein können. Denn dabei kann es auch passieren, dass wir unseren Rückzug mit Hürden rechtfertigen, die gar nicht mehr bestehen.

Es ist eine verständliche und weit verbreitete Haltung, sich über das, was man im Leben nicht erreicht hat, mit den besonderen Umständen hinwegzutrösten, die das scheinbar verhindert haben. Das ist angenehmer, als sich einzugestehen, dass es vielleicht auch an falschen Entscheidungen, mangelndem Fleiß und fehlender Konfliktbereitschaft gelegen haben könnte. So erzählte mir neulich ein fast Achtzigjähriger, wie anders sein Leben verlaufen wäre, wenn sein gebildeter und begüterter Patenonkel nicht so früh gestorben wäre. Das pubertierende Pflegekind von Bekannten kommt bei jeder Auseinandersetzung an den Punkt, dass alles anders wäre, wenn es eine normale Familie hätte. Ein früherer Schüler von mir, der ständig den Unterricht störte und andere Kinder oft durch sein provozierendes Verhalten ärgerte, beantwortete jede Kritik mit der Unterstellung, dass er nur wegen seiner dunklen Hautfarbe abgelehnt werde. Ich selbst machte fehlende Berufsinformationen in der Schule und fehlende weibliche Berufs-Vorbilder für meine falsche Berufswahl verantwortlich. Später diente mir meine Behinderung als umgeschulte Linkshänderin zur Allzweck-Entlastung, bis ich endlich begriff, dass es einfach niemand gibt, der nicht irgendein „Päckchen“ zu tragen hat. Denn das, was uns lange als Normalität verkauft wurde, gibt es in der Realität genauso wenig wie ein reines Deutschtum, das sich unabhängig von ausländischen Einflüssen entwickelt hat.

Differenzgestärkt
Irgendwo habe ich einmal den Ausspruch einer alten Frau gelesen, er stand wohl im Zusammenhang mit den körperlichen Veränderungen durch Menstruation und Wechseljahre: „Männer sind zu bedauern, sie wissen nichts“. Wer anders ist als das, was als Maßstab für Normalität gesetzt wurde, hat die Möglichkeit, mehr zu wissen und die Welt anders wahrzunehmen als diejenigen, die nur eine einzige Perspektive kennen. In meiner Dissertation fand ich heraus, dass Mädchen sich aus den gelesenen Kinder- und Jugendbüchern sowohl an männliche als auch an weibliche Personen erinnerten, während die Jungen nur männliche Personen im Gedächtnis behielten und damit insgesamt fast um die Hälfte weniger potentielle Vorbilder hatten. Auch Seh-, Hör- oder Körperbehinderte machen Erfahrungen und entwickeln Fähigkeiten, die „Nicht-Behinderte“ sich nicht einmal vorstellen können. Um das hervorzuheben, wurde schon vor Jahren vorgeschlagen, statt „behindert“ den Begriff „andersfähig“ zu verwenden.

Wenn ich auf das achte, was mir mein Anders-Sein bzw. Einer-Minderheit-Angehören an Lern- und Forschungsmöglichkeiten bietet, so kann ich trotz Leid und Behinderungen nur dankbar sein für den weiteren Horizont, der sich mir damit auftut. Da ich in einer Frauenbeziehung lebe, kann ich beispielsweise erkennen, dass viele Paarprobleme, die üblicherweise mit Unterschieden zwischen Frauen und Männern erklärt werden, in Wirklichkeit mit der Dynamik in Beziehungen zu tun haben, in denen Sexualität eine Rolle spielt, und daher nicht den Männern bzw. den Frauen als Schuldigen zugeschoben werden können. Aus solchen Erkenntnissen kann beispielsweise eine bessere Paarberatung entwickelt werden, auch andere Ansätze in der Gender-Forschung. Es gibt Untersuchungen darüber, dass Linkshändige einen anderen Blick auf die Welt haben und daher auch andere Fragen stellen und ein anderes Denken entwickeln können als Rechtshändige. Da ich als Angehörige einer Minderheit nicht darum herumkomme, mich auch in die Mehrheitsperspektive einzuarbeiten, habe ich auch hier ein Mehr an Möglichkeiten. Als Dialektsprecherin, für die das Erlernen der Hochsprache ja schon eine Art Zweitsprachenerwerb war, hatte ich sicher einen Vorteil beim Erlernen weiterer Sprachen, was sich noch positiver auf mein Selbstwertgefühl ausgewirkt hätte, wenn meine Erstsprache auch wertgeschätzt anstatt lächerlich gemacht worden wäre.

In einem Anfang der 90er Jahre erschienenen Text schreibt Lising Pagenstecher im Zusammenhang mit dem Informationsdefizit, das die Kommunikation zwischen heterosexuellen und homosexuellen Personen erschwert, was dann bei den Letzteren gern als Diskriminierung bewertet wird: „Lesben lernen als erste ‚Sprache’ die heterosexuelle und als zweite die lesbische, sie sind also im Unterschied zu Heterosexuellen ‚zweisprachig’, oder anders ausgedrückt, in zwei verschiedenen Welten zuhause. Heterosexuelle kennen nur die eine Welt und radebrechen allenfalls in der Zweitsprache. Abgesehen davon haben Lesben sich – notgedrungen – kritisch mit beiden Welten auseinandergesetzt, mit der lesbischen, bevor sie in diese überwechselten, mit der heterosexuellen, bevor und seit sie diese verlassen haben“ (Lising Pagenstecher, Lesbische Präsenz im Alltag: Von der Defensive in die Offensive. Von dieser Autorin stammt auch der Text Abschied von der liebgewordenen Heimat ‚Diskriminierung’? in: Frau ohne Herz 30/1992. Beide Texte waren sehr wichtig für mich, um nicht in einer „uns einenden Negativheimat“ stecken zu bleiben).

Foto: Ute Knüfer

Foto: Ute Knüfer

Unwissenheit über Differenz, und auch nichts darüber wissen zu wollen, ist bei denen, auf die unsere ganze Kultur zugeschnitten ist und die sich deshalb zum Maßstab für Normalität machen, immer noch weit verbreitet. Sie haben nicht gelernt, die Differenz wahrzunehmen, die hinter dieser „Normalität“ versteckt ist, weil die Minderheiten, denen das möglich ist, sich in der Regel äußerlich anpassen, um keine Ablehnung zu erfahren. Das gilt in vieler Hinsicht auch für die Nicht-Minderheit der Frauen. Wenn man nichts über Differenz weiß, ist man schlecht vorbereitet, damit umzugehen, wenn sie sich einem plötzlich unübersehbar aufdrängt: Wenn Frauen sich in ihrem Anders-Sein nicht mehr abwerten und einschüchtern lassen, wenn gleichgeschlechtlich Liebende sich nicht mehr verstecken, wenn Linkshändige sich nicht mehr umschulen lassen und wenn im öffentlichen Raum immer mehr Frauen mit Kopftüchern und mehr dunkelhäutige Menschen als früher unterwegs sind. Es ist daher überhaupt kein Zufall, dass es überwiegend Männer sind, die die AfD oder andere fremdenfeindliche Parteien wählen. Wer das Lernfeld der in der Regel ersten Differenz, der wir im Leben begegnen, nicht zu nutzen gelernt hat, um neugierig zu werden auf das Andere, um zu fragen, zu staunen und Dankbarkeit zu entwickeln für den materiellen und kulturellen Reichtum, der aus dem respektvollen Zusammenleben unterschiedlicher Menschen entsteht, kennt nur eine Möglichkeit, mit ihr umzugehen: sie weitmöglichst zum Verschwinden zu bringen, um das, was man fälschlicherweise für Normalität hält, „wieder“ herzustellen – durch Ausgrenzung, Einschüchterung, Unterwerfung, Vertreibung oder Ausrottung.

Die Anti-Diskriminierungs-Perspektive schwächt
Als ich 1988 die ersten Texte der Differenz-Feministinnen aus Italien entdeckte, eröffnete sich mir die Möglichkeit eines Engagements in der Frauenbewegung, das nicht von Benachteiligung und Unterdrückung, also nicht von der Diskriminierung von Frauen ausging, sondern von dem, was uns stark macht: unserem Streben nach der Freiheit, unser jeweiliges Begehren zu entwickeln und in die Welt zu bringen. Und diese Sichtweise übertrug ich auch auf meine Minderheitensituationen. Damit leugne ich nicht das nach wie vor große Leid, das Angehörigen von Minderheiten zugefügt wird, und auch nicht die Hürden, die ihnen in den Weg gestellt werden. Ich leugne auch nicht, dass immer wieder die Notwendigkeit besteht, für die Verwirklichung gleicher BürgerInnenrechte und der Gleichheit vor dem Gesetz zu kämpfen.

Doch Minderheit sein heißt nicht per se Opfer sein. Wenn wir ständig mit dem Aufspüren von Diskriminierung beschäftigt sind, besteht die Gefahr, dass uns der Blick auf das verloren geht, was wir selbst sind und was wir besitzen, der Blick auf unsere Stärke und unseren Reichtum. Wenn wir unsere generelle Benachteiligung glaubhaft vermitteln wollen, müssen wir uns nämlich hüten, über die positiven Seiten unserer Situation zu sprechen. Und so kommen im öffentlichen Diskurs unsere Stärken und unser Glück nicht vor, wie in der Predigt der am Anfang dieses Artikels zitierten Pfarrerin.

Der Modus „Aufspüren von Diskriminierung“ nimmt zudem eine ähnliche Perspektive ein wie der Neid: Ständig müssen wir unsere Situation mit der der anderen vergleichen. Was andere haben, wird überhöht, das eigene gering geachtet. Diese Perspektive macht das Leben nicht reicher, sondern ärmer. Und wie der Neid vergiftet sie das Zusammenleben mit anderen. Da wir aus dieser Perspektive heraus dazu neigen, die Ursache all unserer Probleme im Außen, bei den anderen zu suchen, nehmen wir nicht mehr wahr, welche Veränderungsmöglichkeiten wir selbst hätten. Wir üben uns nicht mehr darin, Hindernisse zu überwinden, und erfahren nicht mehr, wie befriedigend es ist, wenn uns das gelingt.

Es ist erschreckend, wie viele Menschen in unserer Gesellschaft inzwischen eine solche Diskriminierungsperspektive einnehmen. Laut einer von der Antidiskriminierungsstelle in Auftrag gegebenen repräsentativen Befragung fühlte sich fast jede dritte Person diskriminiert, die meisten aufgrund ihres (zu niedrigen oder zu hohen) Alters. Am zweithäufigsten wurde die Benachteiligung aufgrund des Geschlechts genannt, danach kamen Religion und Weltanschauung, ethnische Gründe, Behinderungen und sexuelle Orientierung. Fast jede vierte Person mit Migrationshintergrund oder Behinderungen fühlte sich diskriminiert, Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung erlebte fast die Hälfte der befragten homosexuellen Personen (vgl. Badische Zeitung, 10.08.2016).

Der Fokus „Diskriminierung“ wirkt sich auch auf die Mehrheitsgesellschaft negativ aus. Denn wer jederzeit damit rechnen muss, eine Klage wegen Diskriminierung an den Hals zu bekommen, wird im Umgang mit Angehörigen von Minderheiten verunsichert reagieren, wird den Kontakt mit ihnen eher vermeiden als suchen und wird sich bemühen, ja nichts falsch zu machen. Gerade las ich in einem Roman über einen amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf folgende Passage aus der Sicht eines afroamerikanischen Kampagnenmitarbeiters: „Die meisten (Weißen) tun gönnerhaft: sie würden dir um keinen Preis widersprechen, und wenn du den größten Müll redest. Es ist nahezu unmöglich, mit ihnen ein stinknormales, anständiges Gespräch zu führen. Sie sind so damit beschäftigt, auch ja nichts Verkehrtes zu sagen, so sehr um den Beweis ihrer Vorurteilslosigkeit bemüht, dass sie sich vor lauter Korrektheit kaum noch rühren können. Sie sind außerstande, einfach mit dir zu reden. […] Es ist schwer, als Schwarzer in der Politik zu sein und diese Volltrottel nicht zu verachten“ (Anonymus, Mit aller Macht, München 1996, S. 41).

Wenn Menschen sich auf die hier beschriebene Weise in ihrer freien Meinungsäußerung eingeschränkt und durch immer wieder neue Sprachregelungen, die Diskriminierung vermeiden sollen, in ihren Sprechgewohnheiten kritisiert und gegängelt fühlen, entsteht nicht nur Verunsicherung, sondern auch massiver Ärger, das Gefühl, von den Minderheiten in der eigenen Freiheit eingeschränkt und dominiert zu werden. Thilo Sarrazin, den man wohl als einen der geistigen Väter von PEGIDA und AfD bezeichnen kann, hat in seinem Buch über den „Tugendterror“ diesen Ärger zum Ausdruck gebracht und damit offensichtlich vielen Menschen aus der Seele gesprochen.

Irrationale Ängste vor einem Dominiertwerden durch Minderheiten werden auch durch die Medien verstärkt. Die Vorliebe der öffentlichen Medien für das Besondere, das Exotische, das Ungewöhnliche und Dramatische führte in den letzten Jahrzehnten dazu, dass es kaum noch einen Film gibt, in dem hauptsächlich Angehörige der alten „Normalität“ vorkommen, wie sie die Filme der 50er und 60er Jahre bevölkerten. Dass heutzutage überproportional viele Minderheiten-Angehörige dargestellt werden, ist einerseits erfreulich, weil dadurch Tabus und Informationsdefizite abgebaut werden, andererseits entsteht gleichzeitig auch ein verzerrtes Bild. Selbst ich war erstaunt, als ich neulich in einer Statistik sah, dass „ganz normale Familien“ immer noch eine deutliche Mehrheit sind, nicht Alleinerziehende oder Patchwork-Familien. Und als ich las, dass 36 Millionen verheirateten BundesbürgerInnen nur 106.112 Menschen in eingetragenen Partnerschaften gegenüberstehen, was die Ängste vor einer „Homo-Ehe“ als völlig lächerlich erscheinen lässt (vgl. Badische Zeitung, 10.08.2016). Ein ähnlich verzerrtes Bild entsteht wahrscheinlich auch bezüglich des Anteils der MigrantInnen. Das könnte erklären, warum die Ablehnung gegenüber Flüchtlingen in den neuen Bundesländern am massivsten auftritt, dort, wo der MigrantInnenanteil an der Wohnbevölkerung am geringsten ist. Wo vorher Abwehr aus Fremdheit/Befremden war, entsteht nun Abwehr aus Angst, sich nicht mehr behaupten zu können, sich verteidigen zu müssen. Wenn solche Ängste sich in Hass verwandeln, helfen uns Minderheitsangehörigen auch die besten Anti-Diskriminierungsgesetze nicht mehr viel.

Wenn junge Feministinnen mich tadeln, weil ich das Wort „Frau“ immer noch ohne Sternchen schreibe, und deshalb meine ganze Argumentation in Frage stellen, reagiere auch ich ärgerlich, obwohl ich ihr Anliegen, Differenz sichtbar zu machen, grundsätzlich bejahe. Mit dem Zwang zum Sternchen verbinde ich eine Schwächung meiner Aussagen über mein Frau-Sein. Ich habe das Gefühl, dass ich mich dadurch immer gleichzeitig ein bisschen zurücknehmen muss, um ja keine Person zu diskriminieren, dass ich bereit sein muss, mich schuldig zu fühlen, wenn ich dabei etwas übersehen habe. Wenn alte und junge Feministinnen sich an dieser Stelle nicht verständigen bzw. in ihrer Differenz akzeptieren können, verhindert das ebenfalls gemeinsame Stärke, die aus dem Austausch und dem Voneinander-Lernen entstehen könnte.

Starksein in der Differenz, dazu gehört der Mut zu positiven Aussagen über das eigene Anderssein, gerade auch dort, wo wir allein oder in der Minderheit sind. So wie Katrin Wagner als einzige junge Differenz-Feministin unter ihren queer-feministischen Kommilitoninnen ihre Position zum Thema „Frau mit Sternchen“ in einem bzw-Artikel erläuterte. So wie Klaus Wowereit sich mit den Worten outete: „Ich bin schwul und das ist auch gut so“. Und dazu gehört es zudem, trotz der auch vorhandenen Schmähbriefe vor allem über die positiven Reaktionen auf diese Aussage zu reden und damit der Diskriminierung keinen zusätzlichen Raum zu geben. Um Diskriminierung anzuprangern, muss ich nämlich wieder und wieder das Negative und Abwertende wiederholen, was gegen mich und meinesgleichen vorgebracht wird. Und das schwächt mich selbst und stärkt im Symbolischen das, was mir schaden will.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 25.09.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Dagmar Gruß sagt:

    Danke für diesen fabelhaft hellsichtigen Artikel!

  • Danke für diesen differenzierten Text zum Thema. Besonders angesprochen hat mich dieser Satz: „Wer anders ist als das, was als Maßstab für Normalität gesetzt wurde, hat die Möglichkeit, mehr zu wissen und die Welt anders wahrzunehmen als diejenigen, die nur eine einzige Perspektive kennen.“

  • Das finde ich ganz ausgezeichnet und auch versöhnlich. Stärke verbindet sich mit Gelassenheit statt mit Gehässigkeit.
    Vielen Dank für diesen Artikel

  • Maria W sagt:

    Danke für diesen Text. Als Linkshänderin freue ich mich, dass diese Diskriminierung auch einmal in den Diskurs einbezogen wird; leider ist auch hier die Sprache auf der anderen Seite: Recht, gerecht, rechtschaffen usw. sind positive Begriffe, während linkisch, gelinkt werden, auf links ziehen negativ sind. In ländlichen Gegenden gehen Frauen in der Kirche immer noch auf die linke Seite, die, dem Norden zugewandt, als „böse“ Seite gilt.
    Darum müsste eigentlich auch hier mehr sprachliche Sensibilität und mehr Respekt praktiziert werden; theoretisch nicht nur für Linkshändige, sondern auch für alle, die sich keiner bestimmten Seite zugehörig fühlen. Ich weiß, „Recht*Linksanwält*Innen“ liest sich nicht leicht, aber es wäre, verzeihung…: gerecht*linker.

  • Ju Baxter sagt:

    ein sehr guter Text…der zum Nachdenken anregt und gleichzeitig das eigene Denken befreit..

  • Dieser Text spricht mir in vielen Punkten aus der Seele und ich bin dafür sehr dankbar. Außerdem bestärkt er mich darin, mein „Anderssein“ weiterhin als Geschenk zu nehmen.

  • Susann Tracht sagt:

    Liebe Dorothee Markert. Mein Name ist Susann Tracht. Dein Artikel hat mich im ersten Moment pur und vollends erfreut, dann kam ein mulmiges Gefühl im Bauchbereich dazu. Beides steht auch jetzt nebeneinander. Es hat etwas zu tun mit dem, was dein Text mir vermittelt in Verbindung mit dem Wort „anders“ mitsamt seinen Ausformungen und Verknüpfungen wie Anders- sein, Anders-fähig etc.
    Anders-Sein als andere. Dies schafft für mich einen Graben und erzeugt Vergleich. Ein Vergleich, der mit Bezug auf das Besondere, das Geschenk des und im Anders- Sein (s. Lula Witzescher) für mich schon nah dran ist an Überhöhung i.S.v. das das edelste und höchste nicht auf die Masse wirkt (i.A. Nietzsche).
    Ein Vergleichen, das du an einer anderen Stelle eben gerade nicht mehr möchtest „Ständig müssen wir unsere Situation mit der der anderen vergleichen. Was andere haben, wird überhöht, das eigene gering geachtet. Diese Perspektive macht das Leben nicht reicher, sondern ärmer. […] vergiftet sie das Zusammenleben mit anderen. Da wir aus dieser Perspektive heraus dazu neigen, die Ursache all unserer Probleme im Außen, bei den anderen zu suchen, nehmen wir nicht mehr wahr, welche Veränderungsmöglichkeiten wir selbst hätten. Wir üben uns nicht mehr darin, Hindernisse zu überwinden, und erfahren nicht mehr, wie befriedigend es ist, wenn uns das gelingt.“ Dies lässt sich auch auf die Überhöhung des Anders- Seins beziehen. Auch diese reduziert die Fülle des Lebens im Innen wie im außen.
    Für mich ist eine Haltung lebensvoll die Anders-Sein schlicht und stark zugleich als eine Ausprägung menschlichen So-Seins versteht und genauso damit umgeht. Mit dem Blick auf Varianten des SO- Seins eröffnet sich ein Kontinuum, welches für mich eher Begegnung auf Augenhöhe, in vollster Wertschätzung der gesamten Person ermöglichen, während Anders- Sein den Blick für mich auf Trennende lenkt. Varianten des SO- Seins erlauben leichter und freudiger ein sich vermischen und damit Wandlung bei allen Beteiligten. Es geht um Austausch, die Begegnung, das „Zwischen“ (Hannah Arendt) dieses das „Der Mensch […] am Du zum Ich.“ (Buber) wird und das Welt entsteht und verstehbar wird, wenn viele über sie reden. Das geht weit_tiefer als die Betonung des Anders-Sein „[…] als Geschenk.“(Lula Witzescher) verbunden mit der „[…] Möglichkeit, mehr zu wissen und die Welt anders wahrzunehmen als diejenigen, die nur eine einzige Perspektive kennen.“ (dein Zitat). Ein Lächeln für dich, Dorothee und alles Gute. Susann

  • Fidi Bogdahn sagt:

    … -statt „behindert“ den Begriff „andersfähig“ zu verwenden- …
    schränkt mich immer noch ein, weil der Vergleichsmodus erhalten bleibt;
    dabei bin ich doch unvergleichlich!
    …jedenfalls weiß ich das, seitdem ich behindert bin 🙂
    Danke, Dorothee!

  • Petra Kirste sagt:

    Ich staune wie du von dir selber ausgehend aufs große Ganze kommst, wieder zu dir zurückkehrst und ich dabei etwas vom Ganzen verstehe und von mir.
    DANKE!
    Eine Lehrerin an der Schule meiner Kinder hat für für Legastheniker den Begriff „andersbegabt“ gefunden. Das beinhaltet zwar immer noch den Vergleichsgedanken aber regt zur Differenzierung an und öffnet den Kindern (nicht nur denen mit Legasthenie) andere und viel mehr Räume.

  • Ute Plass sagt:

    „Starksein in der Differenz, dazu gehört der Mut zu positiven Aussagen über das eigene Anderssein, gerade auch dort, wo wir allein oder in der Minderheit sind.“

    Ja, es lohnt, die Verschiedenheit (auch im Denken) konstruktiv in die sog. Normalität zu kommunizieren. 🙂

  • Ute Plass sagt:

    @Susann Tracht – Danke für die Einlassungen zum Anderssein.
    Da jedeR anders ist, also unvergleichlich ist, wie @Fidi Bogdahn schreibt, müsste sich ja das Vergleichen erübrigen.
    Da sich aber ein Ich nur über ein Du (also ein anderes Ich)
    entwickeln kann, braucht es wohl zwingend so etwas wie einen
    Vergleich. Entscheidend bleibt, wie die Differenz, die aus einem Vergleich entsteht, bewertet wird.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ute, da könnten wir es doch kurz als andersgleichen benennen
    und ersparen uns somit die Auf/Ab/Ver/Be/Wertung.
    Differenz als lebensnotwendiges Spannungsfeld wahrnehmen!

  • Ute Plass sagt:

    Ja, Fidi, neue Worte erfinden, die das Anderssein
    nicht gleich mit Abwertung verbindet, finde ich gut und ja,
    ganz wichtig die wahrgenommene Differenz zu reflektieren
    in ihrer Be-deutung für das gute Leben aller.

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke für die zustimmenden Kommentare und für die Kritik am Begriff „andersfähig“, über die ich erst einmal nachdenken musste. Ja, @Fidi und @Susann Tracht, „andersfähig“ kann als vergleichend gehört und gesprochen werden. Doch wenn ich etwas Verborgenes oder Nicht-Beachtetes sichtbar mache und ihm Wert gebe, ist das noch kein Vergleichen.
    Dass wir fast automatisch in die Denkschiene des Vergleichens und als besser und schlechter Bewertens geraten, hat damit zu tun, dass unsere Welt voll von diesem Denken ist und wir es von klein auf einüben, vor allem in der Schule. Wenn ich als Lehrerin einer ersten Klasse jede Möglichkeit genutzt habe, um die muttersprachlichen Fähigkeiten der Migrantenkinder, die noch nicht gut Deutsch konnten, sichtbar werden zu lassen, erfuhren die anderen Kinder etwas, was sie noch nicht wussten, und den Migrantenkindern tat es vielleicht ein bisschen gut. Mit Vergleichen hatte das nichts zu tun. Und so taugte es auch nicht dafür, etwas daran zu ändern, dass sie als schlechte Schüler galten und sich auch selbst zunehmend so einschätzten. Andersfähigkeiten und Andersbegabungen hervorzuheben, kann ein Trost sein, mehr nicht. Wenn ich als einzige Kinderlose bei einem Familienfest mit lauter Menschen zusammen bin, die über ihre Kinder und Enkel reden und sich auch nur dafür interessieren, hilft es mir nicht, dass ich einen Doktortitel besitze und Bücher geschrieben habe. Ich erscheine trotzdem als defizitär und kann in diesem Kontext nicht mitreden.
    Das Unbehagen gegenüber dem Versuch, mit dem Hervorheben von besonderen, „anderen“ Fähigkeiten eine Aufwertung zu erreichen, hat noch einen weiteren Grund. Um Frauen aufzuwerten, wurden beispielsweise eine Zeitlang ständig die sogenannten besonderen „Frauen-Stärken“ betont, z.B. „Kommunikationsfähigkeit“, „Teamfähigkeit“ usw., um damit der Gesellschaft klarzumachen, wie nützlich wir für sie sein könnten, wenn sie uns mehr Beachtung und Raum geben würde, beispielsweise in Wirtschaft und Politik. Sobald solche „Andersfähigkeiten“ inhaltlich bestimmt werden, entstehen wieder einengende Rollenvorgaben und -festlegungen. Und außerdem genügt es ja offensichtlich nicht, dass wir einfach da sind, sondern wir müssen uns das Angenommenwerden durch eine spezielle Nützlichkeit erst verdienen. Auch das ist kein Weg zu mehr Stärke.
    Mein Problem mit dem Begriff „andersfähig“ ist also nicht die Möglichkeit, ihn vergleichend zu benutzen, sondern die Tatsache, dass er als Weg zur Stärke in der Differenz nicht taugt. Diese kommt allein aus der Wahrnehmung und dem Aussprechen dessen, was ist. Differenz ist einfach da und „das ist auch gut so“.

  • Ole Fischer sagt:

    Meine Mutter und ich haben heute beim Mittagessen darüber diskutiert, woher meine „Lulatschigkeit“, wie sie es genannt hat, wohl kommt. Ich kau schon lange an dem Knochen rum, aber die Möglichkeit, daß die Umschulung meiner Händigkeit damit zusammenhängen könnte, hatte ich nicht in Betracht gezogen. Jetzt erklärt sich auch, warum meine Tolpatschigkeit – nebst einer Unzahl anderer negativer Faktoren in meinem Leben – im letzten Jahr allmählich komplett verschwunden ist, seit ich jede Woche mindestens einmal tanzen gehe.

    Daß die Antwort sofort, und auch noch quer durch Zeit und Raum kommt, hat mir ihr „zufälliges“ Auffinden nicht nur erst ermöglicht, es schlägt auch direkt eine Signifikanzbrücke zurück in eine Zeit, in der ich altersbedingt mit der Notwendigkeit konfrontiert wurde, Strategien zu entwickeln, um trotz der fehlenden/falschen/kaputten Werkzeuge möglichst unbeschadet, mit soviel Spaß und -„lmaa!“- sowenig Aufwand wie möglich durch das „richtige“ Leben zu kommen.

    Wenn auch nach meinen Parametern erfolgreich (meine Mitmenschen mögen da anderer Meinung sein), sind diese Adaptionsprozesse damals zum größten Teil unbewußt abgelaufen, und einige ihrer Auswirkungen behindern mich auch heute noch bei der Umsetzung meiner Pläne, auch wenn ich inzwischen mehr mit links als mit rechts schreibe. Gibt es zugängliche Texte darüber, welche Veränderungen die Umschulung im Gehirn bewirkt und was man außer Tanzen ohne Hilfe von Außen noch praktisch tun kann, um negative Konsequenzen wenigstens teilweise zu abzumindern oder zu kompensieren? Für Tipps wäre ich sehr dankbar.

    Danke und liebe Grüße, Ole

  • Ich habe diesen Beitrag mit sehr gemischten Gefühlen gelesen. Einerseits wird vieles angesprochen, das auch ich nervig finde. Wenn die Benachteiligung als Ausrede für alles missbraucht wird, zum Beispiel.
    Andererseits ist das doch schon besser als sich selbst immer die Schuld zu geben, wie es bei Frauen seit jeher und immer noch gang und gebe ist.
    Denn die Erkenntnis der Benachteiligung kann dazu führen sich gegen Benachteiligungen zur Wehr zu setzen. Sich selbst die Schuld zu geben führt dagegen nur zu Anpassung, Unterordnung und – schlimmstenfalls – zur Selbstzerstörung.
    Das Menschen sich in Anwesenheit von Benachteiligten gehemmt fühlen, ist deren Problem. Und hat meistens damit zu tun, dass sie sich mit ihren Vorurteile, ihrem Rassismus oder Sexismus nicht wirklich auseinandergesetzt haben. Dagegen ist natürlich die neuerdings geforderte Selbstbezichtigung (ich weiss, dass ich weiss und privilegiert bin….) kein wirkliches Hilfsmittel.

    Für mich liegt der Fehler des Artikels in dem falschen Gegensatz, der aufgemacht wird: „Stark sein in der der Differenz, statt Diskriminierungen anzuprangern“. Ich finde besser:
    Stark sein in der Differenz und Diskriminierungen anprangern!
    Ich finde richtig, was Carolin Emcke dazu sagt:

    „Und so hält sie den Kampf für eine offene Gesellschaft für eine Aufgabe aller, nicht nur für jene, die der Hass gerade trifft. „Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem immer nur Schwarze sich wehren gegen Rassismus und in dem nur Schwule und Lesben sich wehren gegen Homophobie, in dem nur Juden und Jüdinnen dem Antisemitismus widersprechen“, sagt sie, „sondern ich möchte in einem Land leben, in dem Heterosexuelle meine Rechte verteidigen, in dem ich möglicherweise auch das Recht, ein Kopftuch zu tragen verteidigen kann.“
    http://hessenschau.de/kultur/buchmesse/was-friedenspreistraegerin-carolin-emcke-zu-hass-und-vielfalt-sagt,carolin-emcke-102.html

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