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Rubrik denken

Antwortlichkeit

Von Ina Praetorius

Weil Menschen vom ersten bis zum letzten Tag ihres Lebens aufeinander bezogen leben, verbringen sie viel Zeit damit, das Dazwischen zu gestalten: durch Verhandeln, Zuhören, Antworten, Nachfragen, durch Regeln, Gesetze – und allzu oft auch noch durch Gewalt. Auf die Bedürfnisse und Begehren anderer in Freiheit so zu reagieren, dass das Zusammenleben gelingt, ist deshalb eine wichtige menschliche Fähigkeit. Während es für die Tugend des guten Antwortens im Englischen das Wort „responsiveness“ schon gibt, müssen wir es für die deutsche Sprache erst erfinden: Antwortlichkeit.

Dass es oft schwieriger ist, gut zu antworten als aktiv eine Position zu vertreten, merke ich zum Beispiel daran, dass es mir schwerer fällt, eine gute Rezension als eine gute These zu schreiben. Über einen existierenden Text, zum Beispiel ein Buch, zu sprechen, bedeutet nämlich, ihn erst in seiner eigenen Logik zu verstehen, bevor ich meine Einstellung dazu formuliere. Das fordert von mir die Anstrengung, passiv zu werden, also bereit, Aussagen, die ich selbst nicht machen würde, von innen her nachzuvollziehen.

Antwortlichkeit setzt in diesem Sinne aktive Passivität voraus: Dankbarkeit für die Fülle der Gesichtspunkte und dieVerschiedenheit der Menschen. Sie erfordert Zuhörbereitschaft, Geduld und Übung. Meistens bin ich, wenn ich eine gute Rezension geschrieben habe, nicht nur müde, sondern auch besonders zufrieden: ich habe passiv-aktiv den Zwischenraum zwischen mir und der Anderen, die etwas zu sagen hatte, gestaltet.

Verbreitet sind im Deutschen die Begriffe „Verantwortung“ und „verantwortlich“. Sie beziehen sich auf die moralische Pflicht, vor einem Gesetz, einer Aufgabe oder den Ansprüchen anderer über die eigenen Handlungen jederzeit Rechenschaft ablegen zu können. Während Verantwortung voraussetzt, dass die Zwischenräume zwischen Menschen durch feststehende Normen immer schon vorgängig geregelt sind, spricht Antwortlichkeit eher die Fähigkeit der Menschen an, bestehende Verschiedenheiten und Konflikte hier und jetzt schöpferisch zu bearbeiten und zu lösen. Nicht vorgängig gesetzte oder gar ewige Normen sind der Massstab guter Antwortlichkeit, sondern der Wunsch, unterschiedlich gerichtete Begehren so in ein Gespräch zu bringen, dass etwas gutes Neues anfangen kann.

In patriarchal geprägten Gesellschaften machen Frauen öfter als Männer die Erfahrung mangelnder Antwortlichkeit. Während sich nämlich keine Frau der Dominanz der noch geltenden Ordnung entziehen kann – wer könnte ein Examen bestehen, ohne androzentrische Texte gelesen zu haben? – steht es uns oft noch frei, ob wir uns dem Denken und Handeln von Frauen gegenüber antwortlich verhalten wollen oder nicht. Die Vorstellung, Weiblichkeit sei stumme Materia (Materia von mater/meter, Mutter) , also ein nährender Mutterboden ohne Originalität und Pluralität, ist im westlichen Denken seit der Antike tief verwurzelt. Deshalb gehen viele immer noch davon aus, dass Frauen nichts Neues sagen, sondern nur Vorgedachtes wiederholen können. Im postpatriarchalen Durch/Einander gutes Leben entstehen zu lassen fordert von Frauen und Männern, diese Haltung bewusst abzulegen, also Frauen als Verschiedene wahrnehmen zu lernen, ihnen als Individuen zuzuhören und Antwortlichkeit gerade ihnen gegenüber zu üben.

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Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 21.10.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • MK sagt:

    Danke für den Text genau das hab ich heute gemacht verantwortlichkeit ,jedoch von Patriach kommen enorme Wiederstände ,So hat mir Ihr Artikel, Heute den Rücken gestärkt ,
    im richtigen Augenblick .

    Danke
    Liebe Grüße
    MK

  • Eine wunderschönes Wort diese „Antwortlichkeit“ und zu füllen mit eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen wie es uns Ina vormacht.

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Im Feministisches Netzwerk habe ich schon zwei grosse Kommentare geschrieben,wenns und wen es interessiert.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Gré – Wo hast du die geschrieben? Hast du einen Link, den du hier posten kannst?

  • „Deshalb gehen viele immer noch davon aus, dass Frauen nichts Neues sagen, sondern nur Vorgedachtes wiederholen können.“

    Auch bei Männern ist das meist nicht anders: sie wiederholen Gedanken, die schon mal irgendjemand gedacht und publiziert hat – nur wird ihnen das nicht so spontan von Kommentierenden vorgeworfen. Wie etwa mir bei Gelegenheit eines Blogpost zum Thema „Guter Stil, klare Sprache“.

    Wir sind alle Zwerginnen auf den Schultern von Riesen und Riesinnen – diese ganze Überschätzung von „neu“ und „originell“ ist ein Übel, denn das Problem besteht meist nicht darin, dass es an Ideen und Verbesserungsvorschlängen mangelt, sondern darin, dass sie nicht umgesetzt werden!

  • Alle Erfindungen, alles Neue in der menschlichen Gesellschaft ist nur eine neue Verknüpfung von schon Bekanntem.

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