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Frauen sehen. Annie Leibovitz´ WOMEN. NEW PORTRAITS in Frankfurt am Main

Von Jutta Pivecka

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Frauen sind doch überall sichtbar. Als Ikonen der Weiblichkeit: Heilige Mutter <->Sexy Verführerin. Diese schlichte Gegensetzung dominiert die klassische und religiöse bildende Kunst gerade so sehr wie die Werbung. Was repräsentiert wird in der patriarchalischen Kultur sind eben nicht Frauen (in ihrer historischen, politischen und gesellschaftlichen Vielfalt), sondern die Frau. Innerhalb der Grenzen dieser Kultur werden Frauen fast ausschließlich in ihrer Beziehung zu einem Mann gedacht und gezeigt: als Mütter, Töchter, Geliebte, Schwestern. (Diese Sichtweise ist keineswegs überholt, wie nicht erst der gegenwärtige US-amerikanische Wahlkampf zeigt, in dem noch die schärfsten männlichen Gegner des Frauenverächters Trump ihre Ablehnung für dessen schmuddelige Sicht auf Frauen damit begründen, dass sie Töchter haben.) Frauen können innerhalb dieser Kultur kaum als Personen sichtbar werden, die sich nicht über ihre Beziehung zu einem Mann/Männern konstituieren. Sichtbar und kenntlich wird die Frau als jenes Andere des Mannes, dass –wie Teresa de Laurentis 1984 schrieb – „gleichsam zum Objekt und Zeichen seiner Kultur und seiner Kreativität“ wird und also niemals sich selbst repräsentieren kann. Bildende Künstlerinnen kämpfen seit je mit dieser „Kunst-Geschichte“, die jeden Blick auf ihren Körper und ihr Frau-Sein in den Kontext dieser Strukturen stellt.

Annie Leibovitz, die zu den bekanntesten und – auch finanziell – erfolgreichsten Fotografinnen der Welt gehört, zeigt bis zum 6. November 2016 in Frankfurt am Main die von der Schweizer Großbank UBS gesponserte Wanderausstellung „Women: New Portraits“. Es handelt sich um die Fortsetzung des 1999 noch mit der inzwischen verstorbenen Lebenspartnerin Susan Sontag begonnenen Projektes „Women“, eines Bildbandes, der fotografische Portraits von – aus der Perspektive Leibovitz – bedeutenden Frauen zeigt. 17 Jahre später stellt Leibovitz neue Porträts von Frauen vor, da, wie sie in einem Interview sagte, „The work was never  done.“ Frankfurt ist Station einer 10-Städte-Tour, auf der Leibovitz ihre historische Arbeit fortsetzt, Frauen-Porträts statt ikonische Bildnisse der Frau zu schaffen.

Zu sehen sind in Frankfurt die neuen Porträts schlicht auf eine Stellwand hinter Glas gepinnt, ungerahmt, pur. Sie zeigen u.a. die Schriftstellerin Lena Dunham, die Wettkampfschwimmerin Katie Ledecky, die Primatologin Jane Goodall, die Sängerin Adele, Serena und Venus Williams oder Caitlyn Jenner. Der „Leibovitz-Touch“ zeigt sich in der häufig perfekt durchgestylten Inszenierung (aufwendige Interieurs und Arrangements), in der Bezugnahme auf ikonographische Bildfindungen (Madonna mit Kind) und in der satten, weichen Lichtgestaltung. Auf zwei Video-Leinwänden werden die neuen Porträts mit welchen aus der älteren Serie konfrontiert. Im Hintergrund auf einer weiteren Leinwand stets im Blick: das monumentale Porträt der britischen Königin Elisabeth II. in vollem Prunkornat.

Leibovitz präsentiert Frauen, die nicht mehr die Leerstelle einer männlichen Repräsentationskultur, nicht mehr die Frau, über deren Darstellung sich ein männliches Begehren formuliert, abbilden, sondern Frauen, die sich selbst darstellen und inszenieren bzw. von Leibovitz, einer Frau, inszeniert werden. So ist auch auffällig, dass in Leibovitz Porträts immer wieder Frauen sich aufeinander beziehen, miteinander agieren, sich gegenseitig in ihrer (Selbst-) Repräsentation begehren und bestätigen. Es gibt in diesem Repräsentationskosmos auch Männer bzw. Jungen, aber sie sind überwiegend Dekoration, nicht Bezugsgröße.

Allerdings: Annie Leibovitz Porträtfotografien halten sich an eine Ästhetik, wie wir sie aus der Hochglanz-Werbung teurer Magazine, in denen teure Produkte für Menschen, die ein hohes Einkommen haben, angeboten werden, kennen. Es ist eine Sicht auf Frauen und eine Repräsentation von Frauen, die sich im Einverständnis befindet mit dem kapitalistischen Leistungs- und Erfolgsdenken. Die Öffentlichkeit, auf die sich Annie Leibovitz mit ihren Fotografien bezieht, ist eben längst keine post-patriarchale. Es ist vielmehr jene, in denen die Erfolgskriterien einer patriarchalischen Kultur von Frauen übernommen und umgesetzt werden. Frauen können vieles sein und repräsentieren. Mehr noch und anderes auch, als das was Annie Leibovitz interessiert und zeigt.

Trotzdem: Sehenswert!

 

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WOMEN. NEW PORTRAITS

Kunstverein Familie Montez

Honsellstr. 7

60314 Frankfurt am Main

14. Oktober – 6. November

Eintritt frei

 

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 18.10.2016
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