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Rubrik handeln

Brot und Salz

Von Cornelia Roth

Wie entsteht das Gefühl, dazu zu gehören? Zugehörigkeit ist mehr als „Integration“. Wir müssen sie üben und aktiv gestalten.

Foto: Cornelia Roth

Brot und Salz bringt man neu eingezogenen Nachbarinnen und Nachbarn. So werden sie willkommen geheißen. Es findet eine erste Begegnung statt, und sie geht von denen aus, die schon da waren, denn: Wer neu ist, hat es schwer, sich einzufinden. Für Zugehörigkeit braucht es ein grundsätzliches Ja aller Beteiligten zu der Gemeinschaft und zu den anderen darin, sei es in einer Familie, einem Kreis von Freunden und Freundinnen, einem Haus, einem Land. Dies wird genauer  beschrieben im Stichwort Zugehörigkeit im ABC des guten Lebens.

Das Ja zur Zugehörigkeit zu und in einer Gemeinschaft ist nicht selbstverständlich. Noch schwerer aber ist es, dass ein Zugehörigkeitsgefühl entsteht – „sense of belonging“ wird es im angloamerikanischen Sprachraum genannt –, was auf die sinnliche und sinnstiftende Bedeutung der Zugehörigkeit hinweist. Dabei stärkt ein zunehmendes Zugehörigkeitsgefühl das Wachsen des grundsätzlichen Ja zueinander in der Gemeinschaft und umgekehrt.

Ziemlich einleuchtend ist dies alles bei dem Beispiel einer Familie. Zum Beispiel wird ein neuer Partner den Eltern vorgestellt – ein kitzliger Moment, der in vielen Filmen vorkommt. Gehen sie auf den vorgestellten Zukünftigen zu oder beäugen sie ihn kritisch? Muss er sich besondere Mühe geben oder ist er jetzt einfach dabei? Wird er als erstes belehrt, worauf in  unserer Familie Wert gelegt wird? Ein köstlicher Film, der dies in Varianten vorführt, ist „Monsieur Claude und seine Töchter“.

Ist die Zugehörigkeit keine Frage mehr, muss es unter den Mitgliedern einer Familie ansonsten keine große Übereinstimmung geben, und alle wissen, wie wenig es sie meistens gibt. Auch Außenseiter gehören zur Familie; man versucht, mit den Unterschieden umzugehen, mal aus Zuneigung, mal, so gut es eben geht – oder auch mal nicht geht.

Und es gibt den „Familienkodex“, in den ein hinzugekommenes Familienmitglied langsam hineinwächst, gelegentlich mit der Nase drauf gestoßen wird. Er ist eine symbolische Ordnung im Hintergrund, zum Beispiel: „Musik stellt in unserer Familie einen hohen Wert dar“, „Großzügigkeit ist uns wichtig“, „In dieser Familie hat man immer von harter Arbeit der eigenen Hände gelebt“. Ein neues Familienmitglied übernimmt diesen Kodex oft nach und nach, aber verändert ihn auch und gestaltet ihn – manchmal begleitet von schweren Konflikten – und gibt ihn auf eigene Art an die nächste Generation weiter.

Begegnung ist die Grundvoraussetzung, damit ein Gefühl der Zugehörigkeit zueinander ganz langsam entstehen kann. Das ist in unserer derzeitigen Kultur des Zusammenlebens überhaupt nicht selbstverständlich. Das kulturelle Hintergrundrauschen, an dem wir uns orientieren, ist die eigene Autonomie und mit ihr die freie Wahl aller Beziehungen. Allerding scheint dieses Rauschen in Teilen der Gesellschaft allmählich etwas schwächer zu werden, worauf zum Beispiel das Interesse an gemeinschaftlichen Wohnformen hindeutet.

Wenn ich mich nicht auf die anderen einer Gemeinschaft angewiesen sehe und nur an meine eigene freie Wahl denke, suche ich die Begegnung mit einem unbekannten Menschen nur, wenn er mir spontan liegt, wenn wir gleiche Interessen oder Stil teilen, wenn er mich interessiert, vielleicht herausfordert. Ansonsten: brauche ich ihn nicht, oder – etwas zynisch formuliert – er interessiert nur da, wo es um eine bezahlte Tätigkeit oder ein Geschäft geht.

Diese Sichtweise ist aber eine Illusion. Sie blendet unsere Bedürftigkeit und Abhängigkeit aus, all die Momente, wo wir die ganze Zeit unseres Lebens andere Menschen einer Gemeinschaft brauchten und brauchen, die sich uns nicht aussuchen und das wird auch in Zukunft so bleiben. Wir sind durch Notwendigkeiten aufeinander angewiesen (und ich behaupte: durch unsere Fähigkeit, zu lieben auch). Also lieber von vornherein unsere Verbundenheit in Betracht ziehen.

Hinzu kann aber die Lust am Unvorhergesehenen kommen, die Neugier, sich etwas beibringen zu lassen von einem Menschen, den ich noch nicht kenne oder der neu hinzukommt. Das kann willkommen sein, das kann unbequem sein. Viel wichtiger ist die Frage nach der angemessenen Augenhöhe. Hier schwingt viel mit: Unterschiede an Reichtum, Machtgefälle, vielleicht einer nicht bereinigten Geschichte im Hintergrund. Aber es gibt auch die Möglichkeit der Unbefangenheit, des Selbstverständlichen, des Gedankens, sich nicht zur Geisel der Verhältnisse zu machen. Und zugleich das Dazwischen zu wahren zwischen mir und dem anderen Menschen.

Wo und wie begegnet man sich, welche Praktiken gibt es? Ein wichtiger Ort der Begegnung ist der Arbeitsplatz. Miteinander Tätigsein stiftet Akzeptanz und Zugehörigkeitsgefühl, wenn es gut läuft. Ein Gewerkschaftsvertreter erzählte vor kurzem von der Entwicklung in den Automobilwerken, als die sogenannten Gastarbeiter vor Jahrzehnten ins Land kamen. Man arbeitete den ganzen Tag miteinander, lernte über die Jahre die Arbeit des anderen schätzen, und es entwickelte sich ein gemeinsames politisches Handeln.

Außerhalb des Bereichs der Arbeit erfordert Begegnung und gemeinsames Tätigsein mit neu Hinzugekommenen mehr Aktivität, um in Kontakt zu kommen. Nicht wenige Menschen in unserem Land tun das: Sie gehen in Flüchtlingsunterkünfte, sie laden Neuankömmlinge zu sich nach Hause ein oder bieten Wohnraum an, sie helfen mit Sprachunterricht, bei Behördengängen, Spielgruppen. Das ist ein wunderbarer Einsatz.

Zugleich ist es wichtig, nicht nur zu helfen, sondern sich auf Begegnung ohne Hilfsangebote einzulassen. Einfach so. Weil wir hier zusammen leben. Das kann im öffentlichen Raum stattfinden, beim Einkaufen, auf der Strasse, beim Warten auf den Bus, in der U-Bahn. Ein Lächeln, eine Geste, ein paar Worte, ein gemeinsames Lachen über eine komische Situation, ein gemeinsames Meckern über Verspätungen. Woher will ich überhaupt wissen, wer neu hinzugekommen ist? An der Kleidung, am Aussehen, an der Sprache? Am besten versuche ich, überhaupt mehr Menschen zu begegnen.

Gemeinsames Tätigsein gibt es im öffentlichen Raum vor allem bei Festen und ihrer Vorbereitung, Sportereignissen, sozialen Einrichtungen, Bildungsangeboten und im Netz, zum Beispiel beim Pokemonsuchen. Es können intervitale Gespräche entstehen, der Lebensalltag steht im Mittelpunkt. Aber: Man kann Begegnung und gemeinsames Tätigsein bei diesen Veranstaltungen suchen oder meiden.

Einander zugehörig sein ist etwas anderes als irgendwo hinein integriert sein. Zugehörigkeitsgefühl entsteht aus der Gegenseitigkeit der Akzeptanz bei aller Unterschiedlichkeit, und es entsteht durch Bezug auf etwas Gemeinsames. Voraussetzung ist, sich überhaupt zu begegnen.

Autorin: Cornelia Roth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 03.11.2016
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Ich sage „nur“, genau!

  • Dorothee Markert sagt:

    Als Ergänzung hier noch zwei Gedanken aus Carolin Emckes Rede in der Paulskirche, die mir neue Aspekte von Zugehörigkeit oder „Angehörigkeit“, wie sie es auch nennt, eröffnet haben: Im modernen Hebräisch stamme das Wort dafür aus dem Aramäischen, wo es ursprünglich „relevant, angemessen, wichtig“ bedeutet habe. Sich zugehörig zu zählen zu einem Glauben oder einer Gemeinschaft könne daher bedeuten, dass man für diese Gemeinschaft relevant ist, in ihr als wichtiges Element zählt. Und umgekehrt sei auch diese Zugehörigkeit etwas, das für das eigene Leben relevant sei, „es strukturiert mein Denken, meine Gewohnheiten, meinen Tag“.
    „Zugehörigkeit“ oder „Angehörigkeit“ suggeriere eine einheitliche Empfindung, doch dies treffe nicht zu. Es sei nämlich nicht immer gleich relevant, an jedem Ort und in jeder Situation, ob ich beispielsweise kurdisch, palästinensisch, argentinisch … bin. Es komme auf den Kontext an, wie prägnant und auf welche Weise jeweils eine bestimmte Zugehörigkeit empfunden wird. Gerade diesen letzten Gedanken finde ich sehr spannend im Zusammenhang mit der Frage nach der eigenen „Identität“ bzw. dem Blick auf andere Gemeinschaften und „Zugehörigkeiten“.

  • Cornelia Roth sagt:

    Wobei ich Identität noch anders sehe als Zugehörigkeit und Zugehörigkeitsgefühl. Bei Identität steckt die Gleichheit von vornherein mit drin, das sehe ich bei Zugehörigkeit nicht so, die bleibt offener, sogar beim Zugehörigkeitsgefühl. Die Frage bleibt für mich aber noch offen, ob außer sich kennen und gegenseitig akzeptieren es dafür noch mehr braucht, ein Gemeinsames, zum Beispiel bestimmte Werte oder eine Art Ethos, als Beispiel sowas wie „unsere Familie“, „unser Haus“… Ich erinnere mich, dass die italienischen Diotima-Philosophinnen mit dem Begriff Identität nicht auf gutem Fuß stehen. Leider habe ich vergessen, wo das nachzulesen ist.

  • Hm, ich bin nicht so ganz glücklich damit, Identität und Zugehörigkeit in einen Zusammenhang zu bringen. Ich finde es eher gegensätzliche Wege, Gemeinschaftlichkeit zu verstehen. Je weniger selbstverständlich zugehörig ich bin, umso wichtiger wird Identität. Ich kann mich qua Identität zu einer Gruppe hinzugesellen, ohne tatsächliche Beziehungen zu haben (z.B. Motorradfahrer grüßen sich über ihre Identität, dass sie alle Motorrad fahren). Insofern: Ja, Identität schafft Zugehörigkeit, aber es gibt noch andere Weisen, zugehörig zu werden, zum Beispiel dauerhafte Anwesenheit irgendwo (was natürlich auch nicht automatisch Zugehörigkeit garantiert). Zugehörigkeit ermöglicht es gerade, Identitäten aufzuweichen. Mir leuchtet auch die Sache mit der Relevanz nicht so ganz ein. Zum Beispiel würden in einem traditionellen Dorf alle sagen, dass der Pfarrer für die Gemeinschaft „relevanter“ ist als die Magd auf dem Bauernhof xy, aber im Grad der Zugehörigkeit zum Dorf unterscheiden sie sich gerade nicht. Relevanz verweist auf Hierarchien, Zugehörigkeit nicht.

  • Dorothee Markert sagt:

    Das mit der Identität hätte ich wohl besser weglassen oder ausführen sollen. Was ich meinte, bezog sich kritisch auf die Idee, dass wir eine feste Identität haben (sollten) oder anderen aufgrund von bestimmten Zugehörigkeiten bestimmte Identitäten zusprechen können. Wenn nämlich unsere Zugehörigkeiten je nach Ort oder Situation unterschiedlich bedeutsam sind und vielleicht auch unsere Loyalitäten, dann beißt sich das mit der Vorstellung von einer festen Identität. Ich war jedenfalls öfter mal mit mir selbst im Unreinen, wenn ich merkte, dass mir in unterschiedlichen Situationen andere Zugehörigkeiten wichtiger waren als die, die ich eigentlich von mir erwartete, beispielsweise die Zugehörigkeit zu meiner Familie versus die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft frauenliebender Frauen.
    Antje, mit dem, was du über Relevanz schreibst, bin ich gar nicht einverstanden. Es ging nicht darum, wer relevanter ist, sondern um das Gefühl, wichtig zu sein für eine Gemeinschaft, und das kann jede Person sein und es kann auch jeder Person vermittelt werden. Das hat zunächst nichts mit Hierarchien zu tun.

  • Cornelia Roth sagt:

    Das mit der Relevanz bezog sich auf die häufige Erfahrung, dass erst durch die Nichtakzeptanz Anderer ein eigenes Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe überhaupt bewußt oder bedeutsam wird oder sogar geschaffen wird. Mir wurde erst in letzter Zeit bewußt, in welchem Ausmaß das wahrscheinlich seit vielen Jahren gegenüber und bei neu Zugezogenen geschieht.
    Das Wort Identität bezieht sich mehr als das Zugehörigkeitsgefühl auf ein eigenes Selbstverständnis, ungünstigerweise oft festgelegt als: „ich bin…“. Es könnte aber auch heißen: „ich bin momentan…“ Bei Identität gibt es aber einen Bezug zur Herkunftsmatrix und eigenen Geschichte, der bei aller Kritik an dem Begriff nicht verloren gehen sollte. So im Sinne von: „ich wurde geprägt von…, auch wenn ich das heute nicht mehr im Vordergrund steht.“

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