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Rubrik Blitzlicht

Der alte Prinz Feminismus und die junge Lust, die Welt zu verändern

Von Antje Schrupp

bowie

David Bowie, die, weiblich. Gemälde von Kerstin Lichtblau. Mehr über die Künstlerin beim Klick auf das Bild. Oder direkt zu ihrem Blog: lichtblau.blogspot.de.

Das Jahr 2016 war kein gutes, da sind sich viele einig – und nicht nur, weil von David Bowie bis Carrie Fisher so viele sympathische Promies gestorben sind.

In der Redaktion haben wir viel über die politischen Entwicklungen diskutiert – und durchaus auch gestritten. Einige der insgesamt 74 neuen Texte, die im vergangenen Jahr auf bzw-weiterdenken erschienen sind, reflektierten das, zum Beispiel übersetzten wir einen Kommentar italienischer Feministinnen zu den Debatten „nach Köln“, Dorothee Markert setzte sich mit Diskriminierungsdiskursen auseinander, Andrea Günter analysierte die moralische Dimension von Flüchtlingspolitiken, Juliane Brumberg dachte über die Verunsicherung der Männer nach und Jutta Pivecka schrieb ein kurzes Blitzlicht einer „Verteidigung der Ächtung“. Ich besuchte im Februar einen Kongress zum „Europa der Nachbarstädte“ in Rom.

Aber natürlich haben auch wir mehr Fragen als Antworten, und eine, die mir besonders gut gefällt, möchte ich uns an dieser Stelle mit auf den Weg ins neue Jahr geben. Formuliert hat sie die Redaktion der „Via Dogana“, der Zeitung des Mailänder Frauenbuchladens:

„Wie kann der alte Prinz Feminismus die immer junge Lust, die Welt zu verändern, aufwecken, die trotz des schrecklichen Lärms rundherum tief und fest schläft (oder so tut als ob)?“

Ja, wie? Wenn Ihr dazu Ideen, Links, Vorschläge, Assoziationen, Beispiele, Geschichten habt, schickt sie uns, oder schreibt sie in die Kommentare!

PS: Um vorläufig mit einer guten Nachricht aus der Rubrik „Daten und Fakten“ zu enden: Unsere Seite ist auch im zehnten Jahr kontinuierlich gewachsen. Wir hatten 2016 genau 149562 Seitenaufrufe (das sind 8000 mehr als im Jahr davo) bei 79890 Besuchen (was sogar eine Steigerung um 12000 ist – und es bedeutet, dass jede Leserin, die kam, im Durchschnitt zwei Seiten angeschaut hat).

Wir bedanken uns bei allen Leserinnen, Autorinnen, Kommentatorinnen… und hoffen auf Eure Beteiligung und Mitwirkung auch in diesem Jahr. Wie es geht, lest Ihr hier.

Zum Blog von Kerstin Lichtblau.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 06.01.2017

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Gibt es einen Prinzen Feminismus, der die Welt aufweckt? Da habe ich Zweifel. Falls die Metapher eine Anspielung auf Dornröschen ist, die dank der Weisheit einer alten Frau in einem langen Pubertätsschlaf unbehelligt zu einer jungen und starken Frau heranreifen kann, interpriere ich, dass sie auch ohne Prinz aufgewacht wäre – ganz einfach, weil die Zeit reif war – der Prinz war einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort. Also ihr jüngeren und älteren Frauen wacht bitte auf, wenn eure/unsere Reife in der Welt von Nutzen ist.
    Ich wünsche dem bzw – weiterdenken Team ein gutes neues Jahr.

  • Monika sagt:

    vielen Dank, liebe Gudrun, für Deine überzeugende Antwort! Monika

  • Ute Plass sagt:

    Der alte Prinz Feminismus scheint etwas Einschläferndes
    an sich zu haben.
    Ich halte mich da lieber an die schwer erziehbaren Großmütter,
    die Arm in Arm mit der jungen Lust durch die Welt gehen und Löcher in die Zäune der Reichen schneiden. 🙂

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Gudrun – Danke für die Wünsche!

    Zum Prinzen Feminismus – Ja, wenn man diesen typischen Plot als Symbol einer patriarchalen Kultur liest, also darin speziell eine Metapher für das Geschlechterverhältnis liest, dann ist es eine verständliche und naheliegende Reaktion zu sagen: Wir brauchen keine Männer, um uns aufzuwecken.

    Aber man kann diesen Plot ja auch postpatriarchal lesen, also aus der souveränen Perspektive von einer, die ohnehin selbstverständlich weiß, dass sie keine Männer zum Aufwachen braucht. Das versteht sich also von selbst, und dann stellt sich jedoch durchaus die Frage, ob es denn wirklich wahr ist, dass wir immer von alleine aufwachen, wenn die Zeit reif ist? Ist es nicht so, dass wir doch manchmal einen Stups, einen Weckruf von außen brauchen? Charmant fand ich an dieser Formulierung der Frage andersrum aber auch, dass sie die Vorstellung oder das Gefühl aufgreift, dass der Feminismus ins Lager des „Establishment“ übergewechselt ist (wofür das Männliche und Prinzliche steht), und da ist ja auch was dran. Von daher finde ich dann eben auch die Frage interessant, ob ich in meiner Eigenschaft als „Prinz Feminismus“ nicht in der Verantwortung stehe, jemanden wachzuküssen? Und wer das sein könnte und wie mir das vielleicht gelingen könnte?

  • Ute Plass sagt:

    Die folgenden Bilder zeigen viel ewig junge Lebens-Lust.
    Ob all diese vom alten Prinzen Feminismus wachgeküsst wurden?

    http://www.bento.de/politik/saudi-arabien-musikvideo-hwages-fuer-mehr-frauenrechte-greift-die-imame-an-1104286/

    https://wirsindeins.org/2016/11/24/gebet-der-muetter-fuer-den-frieden/

  • Liebes Team Dankeschön und ein erfolgreiches 2017 wünsche ich mit:

    Dornröschen´s Traum

    Viele Jahre schläft Dornröschen, dann wird sie wach.
    Sie schaut sich um, sieht niemand, der sie retten möchte, niemand ist nah.

    Sie schläft wieder ein. Jahre gehen vorbei und sie wird wieder wach.
    Sie schaut nach links, nach rechts, nach hinten und nach vorne, aber keiner ist da.
    Kein Prinz, kein Koch, kein Gärtner und auch kein Küchenjunge ist bei ihr bei…

    Sie legt sich wieder hin, schläft und erwacht zum dritten Mal.
    Da denkt sie: „ Jetzt ist´s aber genug!“ steht auf und ist frei!
    Ich habe vor Jahren einer meiner Enkeltöchter aus meinem „königlichen Feminismusschloß“ heraus ein Gedicht geschickt, um sie „wach zu küssen“!
    Seither ist sie hellwach!! Wer von euch möchte diese Verse auch an Töchter und Enkelinnen schicken?(Mit passenden Bildchen verziert!!!) Ich würde mich freuen
    Diana Engelhardt

  • Anja sagt:

    Hallo, ich finde die Frage toll! Weil Feminismus ein Ismus ist und ich die „Ismen“ ganz gern auf der patriarchalen Seite parke …

    Ich habe mich mit einer Minigeschichte zwar nicht an Dornröschen, aber am Märchen vom Fischer und seiner Frau versucht – Dank an meinen Schreibkurslehrer, der die Aufgabe stellte, mit einer Szene zwischen der Frau und ihrer Freundin einzusteigen – und herausgekommen ist das da:

    ******
    Brot und Rosen – In kleinen Dosen

    Sie hüpft aufgeregt von einem Bein auf das andere: „Sie kommt! Sie kommt!“ ruft sie immer wieder, klatscht in die Hände und dreht sich im Kreis. Strahlende Sterne ihre Augen, leuchtende Sonnen ihr Mund. Und das Herz ein Meer von Erinnerungen. All die grauen Wolken der letzten Wochen haben heute Morgen mit ihm zusammen das Haus verlassen. Er wird eine Woche nicht wiederkommen, sieben Tage, viele Stunden.

    Und die geliebte Freundin hat zugesagt! Gleich wird sie da sein! Im Kopf überschlagen sich ihre Pläne, fahren Achterbahn. Sie werden auf den Markt gehen – wie gut, dass heute Markttag ist! Frisches Gemüse, Fleisch, Süßigkeiten … einen Kuchen werden sie backen und das kostbare Geschirr aus dem Keller holen. Blumen! Ich brauche Blumen auf den Tisch! Sie öffnet die Tür zum Garten, hält kurz inne und denkt an die Mutter – was sie wohl sagen würde, wenn sie sie jetzt so sehen könnte? Isolde spürt das Lächeln der Mutter, dieses unvergleichliche, gütige Lächeln. Strenge und Milde in einem Blick. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, aber so hatte sie stets gelächelt. Jedenfalls immer dann, wenn die Begeisterung das Töchterlein gepackt hatte. So wie gerade in diesem Moment.
    Die Freundin wird eine ganze Woche da sein. Sie könnten den Zaun streichen. Zusammen. Dabei erzählen, Geschichten erzählen. Erfinden. Erinnern. Erträumen. Oder sie nähen die Gardinen, der Stoff dafür liegt ja schon bereit. Sie kennt die Qualitäten der Herzensschwester. Alles würde Isolde leicht von der Hand gehen mit ihr unter einem Dach. Und sie würden die Tiere füttern, die Eier einsammeln, Ziegen melken und – zusammen singen!

    Jetzt pflückt sie einen bunten Strauß, mischt geschickt ein paar Zweige darunter, stellt ihn auf den Tisch. Da klopft es an die Tür. Sie eilt, öffnet – und dann schließen sie sich endlich in die Arme.
    Sechs Tage sind sie nun schon beisammen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Die Gardinen liegen ausgebreitet vor ihnen auf dem Tisch. Zufrieden betrachten sie ihr Werk. In all den Stunden hat sie ihn noch mit keinem Wort erwähnt. Nun fragt die Grete danach: „Du, was ist mit Deinem Mann? Wie geht es Euch? Hat er Dich lieb?“ Isolde zögert, sucht nach Worten, das zu benennen, was an ihr nagt, was an ihnen beiden nagt. Seit Jahren schon: „Er ist freundlich, schimpft nicht, schreit nicht, droht nicht. Was immer ich von ihm verlange – er tut es, macht es, bringt es. Immer mehr sogar. Und doch. Er ist nicht hier. Nicht so wie Du jetzt bei mir bist. Kein Nahekommen. Außer des Nachts kein Begegnen mit ihm.“

    Grete schaut die Freundin verständnisvoll an, nickt, seufzt traurig und sagt: „Ihm fehlt ein Bruder. Wie soll er sich finden – als Mann – ohne Bruder?!“
    *****

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Hallo Anja! Ich habe auch eine kleine Geschichte verfasst:
    „Ewa und Maria“

    Im Spätsommer dieses Jahres steht unerwartet eine alte Dame mit Rollator und Rucksack, sowie einer Katze, geführt an einem pinkfarbenen Hanfseil vor Ewas Haustür. „Hej, da bin ich!“, lacht sie freundlich und zeigt auf die alte Standuhr im Flur des alten Hauses. „Punkt 15:00 Uhr hatten wir vereinbart.“
    „Es ist doch Sonntag“, fragt sie zögernd und nun klingt ihre Stimme brüchig. Blitzschnell überlegt Ewa, wie sie die Situation einschätzen will. Ist die alte Frau eine Spaßmacherin im Sinne von „verstehen Sie Spaß“ oder womöglich geflohen aus dem nahegelegenen Altersheim? Alle Bedenken beiseite schiebend bittet Ewa Sie herein, bietet ihr einen Platz an im hellblauen Samtsessel,schiebt Kekse auf einem Teller in ihre Richtung.
    „Mögen Sie mir erzählen, was genau Sie zu mir führt? Wie sind Sie auf mich gekommen?“ Es geht um ein Feennetzwerk“. Die alte Frau stellt sich vor mit Namen und Herkunftsort und erklärt Ewa geduldig und sehr präzise, ihr Patenkind Mia, Kunststudentin aus Berlin, habe per E-Mail und auch telefonisch eine Übernachtungsmöglichkeit in ihrem, Ewas Haus, vereinbart.
    Ewa traut sich nicht, der alten Dame, Maria, zu offenbaren, dass sie in der Tat seit ein paar Monaten Mitglied in dem weltweiten „Feministischen Feennetzwerk“ ist, aber mit Sicherheit diese Vereinbarung mit Maria Patenkind Mia nicht getroffen hat! Was tun in dieser heiklen Lage? Es gibt nur eine Erklärung: Ewa war ein paar Tage nicht vor Ort und ließ Haus und Tiere be-und einhüten von ihrer Nichte Jo, ausgebildete
    „Puppenspielerin“. Jo hat eine ausgeprägte Phantasie und Vorstellungskräfte, die sie manchmal über Grenzen gehen lassen.
    Das Ganze ist dann schnell geklärt: Ewa erreicht Jo problemlos und sofort über Handy. Lachend gesteht sie. Ja! Sie hat das Arrangement vereinbart und bittet Ewa, der alten Dame, Maria, eine Nacht in ihrem Haus Quartier anzubieten.
    „Wir sprechen uns noch“ und „mach das nicht noch einmal“, mit diesen Ermahnungen verabschiedet sich Ewa hastig von der Nichte.
    Und: Jaaah, die Maria kann bleiben, eine Übernachtung ist O.K.
    Es wird ein schöner Sonntag und das Frühstück am nächsten Morgen schenkt Ewa gern, ebenso wie die Übernachtung auf dem Gästesofa.Beim „Feministischen Feenetzwerk“ entstehen grundsätzlich keine Kosten. Das Prinzi ist Tausch. Übrigens: Es ist kein Restgroll gegenüber der Nichte verblieben.
    Ganz im Gegenteil. Im Gegenzug zum kreativen Sonntag hat Ewa von Maria eine Einladung erhalten zu einem Backtag Mitte Dezember.
    Zufall? Ewa hatte am Sonntag große Papierbahnen ausgelegt, Malutensilien: Pastellkreiden,Öl- und Acrylfarben sowie „Tonfelder“ lagen bereit,weil Ewa zum Montag zwei Kinder erwartete zum „Malen und Tonen“.
    War Marias Katze zufrieden? Aber ja! Sie hatte sich unkompliziert integriert in die „Gartentigergruppe“. Am Montag verabschiedet sich Ewa herzlich von einer neuen Freundin.
    Maria! Winkend, mit wehendem langen Grauhaar, Rollator und Katze, geführt am pinkfarbenen Hanfseil, geht sie mit zügigen Schritten in Richtung Busbahnhof .

  • Ute Plass sagt:

    Auch das hier ermutigend, weil es zeigt, dass die junge Lust recht lebendig unterwegs ist, während
    ‚der alte Prinz Feminismus‘ in den hiesigen Breitengraden im ‚Quotenpalast‘ eingeschlafen scheint.

    https://www.klassegegenklasse.org/70-000-menschen-gegen-gewalt-an-frauen-und-lgbti/

  • Ute Plass sagt:

    Erfreulich: „Wir sind hier, um böse zu sein“

    http://www.deutschlandfunk.de/demo-fuer-frauenrechte-und-gegen-trump-wir-sind-hier-um.1818.de.html?dram:article_id=376978

    Hoffentlich hält sich diese wunderbare Bosheit auch über
    Trump hinaus. 🙂

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