beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik denken

Geballte weibliche Autorität ist in der Welt, …

Von Juliane Brumberg

… doch wie können wir sie stärken? Dazu haben die Redaktionsfrauen von bzw-weiterdenken eine Tagung im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt organisiert. Hier ist der Bericht.

So viele weibliche Autoritäten!

Für die Tagung stand nur ein Samstag zur Verfügung, doch das Nachdenken über weibliche Autorität hatte schon vorher im stillen Kämmerlein begonnen. Das zeigte sich bei der Begrüßungsrunde. Die rund 40 Teilnehmerinnen aus ganz Deutschland und dem umliegenden Ausland waren der Bitte in der Einladung gefolgt, ein Foto von einer Frau mitzubringen, der sie Autorität zusprechen. Und was waren da für Frauen versammelt! Großmütter, Tanten, Lehrerinnen – in bester Gesellschaft von Else Lasker-Schüler, Luce Irigaray, Audre Lorde, Elisabeth Selbert, Anne Frank, Etty Hillesum, Carol Gilligan und noch vielen Anderen; ein „Who ist Who“ des Feminismus. Einzig Hannah Arendt erschien zweimal. Auch unbekanntere, aber nicht weniger starke Frauen wurden als Autoritäten mitgebracht, etwa die Menschenrechtsaktivistin Kasha Jacqueline Nabagesera aus Uganda oder die britische Autorin Mary Wesley, die erst mit 71 Jahren begann, Bücher zu schreiben, in denen es fast immer um weibliche Freiheit in höchst problematischen Lebensverhältnissen ging. Das Beste aber waren die Geschichten, mit denen sich die Frauen in Beziehung zu ihrer Autoritätsfigur setzten. Emma Peel zum Beispiel war deshalb eine Autorität für eine Teilnehmerin, weil „sie immer Männer verhaute“.

Nach dieser sehr intensiven Anfangsrunde kam das inhaltliche Highlight des Tages, der Vortrag von Dorothee Markert mit dem Titel „Weibliche Autorität in der Welt stärken“. Die darin enthaltenen Denkanstöße zündeten, doch danach hieß es nicht etwa, darüber zu diskutieren, sondern mit unseren Körpern zu denken. Eine knappe Stunde leitete Jutta Pivecka ein „Bildertheater“ an, bei dem es darum ging, ohne miteinander zu sprechen aus uns Teilnehmerinnen jeweils ein Standbild zu den Begriffen „Macht“ und „Autorität“ zu formen. Natürlich wurde dabei gekichert und der Spaßfaktor war nicht zu übersehen. Frappierend aber der Erkenntnisgewinn: Es zeigte sich nämlich, dass die „Machtskulptur“ sehr statisch und hierarchisch war, von oben nach unten ausgerichtet und einen geschlossenen Raum bildend, während es bei der „Autoritätsfigur“ nicht wirklich gelang, das Standbild „einzufrieren“, also an einem Punkt zu fixieren. Autoritätsbeziehungen sind offensichtlich ständig in Bewegung und können nicht erzwungen werden. Das Bildertheater zeigte, dass sie sich in einer Netzstruktur und mit Zwischenräumen organisieren. Sie können nicht festgeschrieben werden.

Macht ist meist statisch und wird von oben nach unten ausgeübt.

Autorität wird eher in Netzstruktur organisiert.

Geäußert wurde im Nachgespräch von mehreren Frauen der Gedanke, dass  Macht nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sei.  Antje Schrupp meinte dazu, dass es darum gehe, beides zu unterscheiden und zu verstehen, dass Macht und Autorität unterschiedlich ablaufen. Juttas Fazit nach dem Bildertheater war, dass es den Teilnehmerinnen sichtbar mehr Vergnügen gemacht habe, bei dem Autoritätsbild mitzuwirken und dass das Machtbild (für Frauen?) weniger attraktiv war. Auch der Versuch, das Machtbild spielerisch aufzulösen, habe nicht funktioniert – so wie es in der Realität mit Machtstrukturen ist. Es habe mehrere Versuche gebraucht, es zu verändern. Diese visuelle Umsetzung hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass der Unterschied zwischen Macht und Autorität deutlich wurde. Eine Teilnehmerin ergänzte diese Beobachtungen dann noch mit Erfahrungen aus der Pfadfinderbewegung: Wenn eine Jungens-Gruppe mit verschiedenen Aufträgen ins Gelände geschickt wird, ist nach wenigen Stunden klar, wer das Alpha-Tier, der Anführer, ist – und der bleibt es dann auch. In einer Mädchen-Gruppe hingegen geht es fließender zu und die Führung wechselt je nach Aufgabe – wobei die Aufträge meist schneller und besser gelöst werden. Die Buben entscheiden sich offensichtlich eher für eine Machtstruktur, während Mädels sich an wechselnden Autoritätsbeziehungen orientieren.

Mit schwirrendem Kopf stärkten wir uns in einer kurzen Mittagspause. Just um diese Zeit sahen wir aus unserem Tagungsraum heraus Frauen vorbeiziehen, die gegen Sexismus, Rassismus und Intoleranz protestierten: Eine der Schwestern-Demonstrationen zum großen Womens March in Washington. Wir waren zwar nicht dabei, aber posteten unsere Solidarität mit einem Gruppenfoto bei Twitter. Praktizierte Stärkung weiblicher Autorität?

Wir waren zwar beim Womens March nicht dabei, präsentierten uns jedoch solidarisch.

Alsdann sorgte Ursula Pöppinghaus mit kleinen Körperübungen für neue Aufnahmefähigkeit und weiter ging‘s mit den Vorbereitungen zu einer Fischbowl-Runde. Auftrag war, in Kleingruppen Beispiele zu erarbeiten zu der Frage: Was untergräbt, was stärkt weibliche Autorität? Dazu wurden fünf Themenfelder angeboten:

Politikerinnen
Frauenbewegung
Persönliches
Kunst und Literatur
Arbeitswelt

Nicht alle Beispiele konnten diskutiert werden, doch es lohnt sich, im Nachhinein weiter über sie nachzudenken. Demnächst können sie hier nachgelesen werden.

Gesucht wurden Alltagsbeispiele,bei denen weibliche Autorität geschwächt oder gestärkt wurde.

Einige Themen wurden zur Vertiefung ausgelost. Inmitten der großen Runde diskutierten jeweils vier bis fünf Frauen ca. 10 – 15 Minuten darüber, inwieweit es weibliche Autorität schwächt, wenn Frauen in Talkshows nach Äußerlichkeiten beurteilt werden, oder wenn Frauen, die in Institutionen, z.B. der Kirche, etwas geworden sind, jene Frauen, die durch ihr Engagement überhaupt erst Frauen in diesen Führungspositionen ermöglicht haben, systematisch nicht beachten; was es für weibliche Autorität bedeutet, wenn junge Mütter – erfolglos – für ihr Vorrecht auf Familienparkplätzen eintreten. Am spannendsten war die Diskussion bei der Frage „Schadet es weiblicher Autorität, wenn die weibliche Form mit einem * geschrieben wird?“ Einerseits wurden zu viele Regeln für feministische Korrektheit beklagt. Das Frausein sei dadurch unklar geworden. Wenn Frausein so kompliziert beschrieben wird, schwäche das weibliche Autorität. Andererseits müsse noch diskutiert werden, wie wir mit einer Geschlechtervielfalt umgehen. Die Älteren sollten zu verstehen versuchen, warum jungen Frauen das * so wichtig ist.

Und dann ging es noch um einen besonders wichtigen Fragenkomplex: Ist Autorität von Frauen dasselbe wie weibliche Autorität? Kann auch ein Mann weibliche Autorität ausüben? Wie sieht es mit der Autorität von Frauen aus, wenn sie ihr Frausein thematisieren? Worin besteht der Unterschied, ob Frauen als „neutraler Mensch“ oder ausdrücklich als Frau auftreten? Dies ist genau der Punkt, für den wir unser Bewusstsein schärfen müssen und an  dem wir, auch in diesem Forum, weiterdenken wollen.

In der Schlussrunde wurde dann nach guten Ideen für das gesucht, was wir im Alltag tun können, um weibliche Autorität zu stärken: ausländische Frauen, die für Frauen den Mund aufmachen, unterstützen; Verbindung zu muslimischen Frauen auf Augenhöhe suchen; den Zusammenhang zwischen Demokratie und weiblicher Freiheit betonen; wie Königinnen auftreten; eine weibliche Erinnerungskultur pflegen; über die Parteien hinaus systemisch an Strukturen mitdenken; Kritik an Frauen respektvoll und solidarisch formulieren; bedenken, dass größerer Widerstand gegen Feminismus auch ein Fortschritt sein kann, denn: Feminismus kann nicht mehr übergangen werden und wird ernst genommen.

Ein überraschender Beitrag kam von einer jüngeren Tagungsteilnehmerin: Angesichts der mühselig von den Frauen vor ihr erkämpften Freiheiten würde sie es als anmaßend empfinden, sich Feministin zu nennen, solange sie noch nichts für die Frauenbewegung geleistet habe.

Christel Göttert, eine der Gründerinnen von bzw-weiterdenken, moderierte die Schlussrunde.

Anlass für die Tagung war das zehnjährige Jubiläum von www.bzw-weiterdenken.de. Christel Göttert, eine der Frauen, mit deren Engagement das Internetforum im Jahr 2006 geplant und 2007 dann richtig durchgestartet ist, betonte zum Abschluss die Bedeutung des Denkens und Handelns von Frauen. Im Vertrauen auf das Wachsen weiblicher Autorität beschloss sie die Tagung mit dem Satz: „Wir bewegen die Welt, ganz bestimmt!“

Blumen zum zehnjährigen Jubiläum von beziehungsweise-weiterdenken.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 23.01.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Yvonne Renne sagt:

    Vielen Dank für diesen Bericht. Ich war leider zu spät mit meiner Anmeldung und konnte nicht dabei sein. Was ich schon vorher angenommen hatte, nämlich, dass ich etwas wichtiges verpassen werde, hat sich jetzt bestätigt. Immerhin ist es etwas relativiert dadurch, dass ich zumindest ein bischen etwas mitgekriegt habe,- und weiß, dass ich die nächste Tagung auf keinen Fall verpassen möchte. Vielleicht in größeren Räumen, mehr Zeit und Frauen?
    Einen Dank am Alle Teilnehmerinnen für Euer Engagement.
    Liebe Grüße aus Köln
    Yvonne

  • Bari sagt:

    Vielen Dank für den Bericht.
    Ich denke über ein Stichwort nach:“Worin besteht der Unterschied, ob Frauen als „neutraler Mensch“ oder ausdrücklich als Frau auftreten?“
    ich kann mir nicht vorstellen, dass Frau oder auch Mann als „neutraler Mensch“ auftritt. Wie soll das aussehen? Wir nehmen einander doch in der Gesamtheit der Person und auch als Frau oder Mann wahr. Das beeinflusst meine ich besonders unbewusst unsere Wahrnehmung und damit unser Denken und Verhalten.
    liebe Grüße Bari

  • Cornelia Roth sagt:

    Vielen Dank für den Bericht! Als Anwesende auf der Tagung fiel mir noch folgendes auf: Die Frauen, die die Macht darstellten, schienen weniger Lust dazu zu haben(mir wäre es auch so gegangen)und sie stellten vor allem Unterdrückung dar, weniger das Handeln für eine Sache: das Entscheiden, Delegieren, Anweisen, Beurteilen, das ja auch dazugehört. Die Devise der italienischen Diotima-Philosophinnen: „So viel Autorität wie möglich, so wenig Macht wie nötig“, gefällt mir. Wenn aber Frauen eine Machtposition gar nicht einnehmen können oder wollen, kann auch schlecht eine Art und Weise gefunden werden, wie sie mit dem Zusprechen von Autorität in Verbindung kommt – ich meine jetzt in der Realität. Ich denke z.B. an Angela Merkel: es war ja schon günstig, dass sie im im richtigen Moment von ihrer Machtposition aus sagen konnte und gesagt hat: „Wir schaffen das!“. Wenn sie sich das gar nicht getraut hätte, wäre es auch nicht gut gewesen. Gleichzeitig war aber eine große Basis von Menschen da, die ihr in dem Moment Autorität zugesprochen haben. Sozusagen ein momentaner Glücksfall.

  • Ein toller Bericht über eine tolle Tagung an einem tollen Ort: Danke!

  • Johanna Beyer sagt:

    Herzlichen Dank für diesen Bericht, der zeigt, wie eine Debatte als ganzheitliche Erfahrung organisiert werden kann.
    Nach dem Lesen dieses Textes werde ich noch mal im Bayerischen Rundfunk nachhören, da gab es heute einen Beitrag zu Autoritas und Potestas, und wie Autorität sich in Macht verfestigen kann.
    Wenn ich mich selbst lese, dann deutet einiges darauf hin, dass ich wohl Lust gehabt hätte, bei dem Tag dabei zu sein. Gut, dass es den Bericht und auch das Referat zum Nachlesen gibt.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Bari – Ja, ich glaube auch, dass die Wahrnehmung immer geschlechtlich differenziert, aber hier gemeint ist die Eigendarstellung. Zum Beispiel wenn eine Frau sich bemüht, ihre Weiblichkeit herunterzuspielen oder unsichtbar zu machen, etwa wenn sie dezidiert männliche Sprechformen für sich verwendet (nicht aus Gewohnheit, sondern um etwas damit zu sagen), oder indem sie sich in Bezug auf Kleidung oder Auftreten an dem orientiert, was Männer üblicherweise tun. Oder, was ja auch oft geschieht, wenn sie explizit sagt, dass Frausein (oder Geschlecht) keine Rolle spielt.

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