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Vergewaltigt vor 44 Jahren

Von Anonym

Dass sie im Jahr 1973 vergewaltigt wurde, möchte B. nicht länger „mit dem Mäntelchen des (relativen) Stillschweigens bedecken“, wie sie in ihrer Mail an uns schreibt. Deshalb hat sie aufgeschrieben, was damals geschehen ist und wie es ihr Leben prägte. Die Schilderungen sind explizit, und wer das liest, sollte darauf gefasst sein. Aber es ist wichtig, dass solche Geschichten erzählt werden. B., die der Redaktion bekannt ist, möchte anonym bleiben.

Foto: Angela La Canfora/Flickr.com (cc by-nc-sa)

Foto: Angela La Canfora/Flickr.com (cc by-nc-sa)

Ich wurde 1973 vergewaltigt. Es geschah nicht im Park oder auf der Straße, ich hatte den Mann nicht eingeladen und er kannte mich auch nicht. Niemand kann behaupten, ich wäre selbst schuld gewesen.

Obwohl viele Nachbarn und Nachbarinnen meine Hilferufe mitbekommen hatten und ich in den folgenden Tagen quasi Stadtgespräch war, habe ich außerhalb dieses Kreises lieber Stillschweigen bewahrt und nur engen Freundinnen davon erzählt. Wenn ich, zum Beispiel im Beruf, zugegeben hätte, Opfer dieses Verbrechens geworden zu sein, hätte man mich umgehend mit anderen Augen betrachtet, misstrauisch, nach eigener Schuld oder psychischen Defekten Ausschau haltend. Das wollte ich mir mit meinen damals 28 Jahren nicht antun. Damals war das klug, denke ich.

Jetzt bin ich 70 Jahre alt und fühle mich verpflichtet, zu berichten. Es soll endlich nicht mehr heißen: „Wo sind denn alle die angeblich vergewaltigten Frauen? Ich habe noch nie eine getroffen!“ Also: Ich bin eine. Vor 44 Jahren ist morgens 4.30 Uhr ein Mann mit einer Leiter und nur mit Socken bekleidet durch mein Fenster im ersten Stock gestiegen und legte sich unerwartet neben mich.

Soll ich es schildern?

Als ich wach wurde, habe ich vorsichtshalber erst einmal so getan, als sei die Anwesenheit dieses Mannes neben mir im Bett normal und ein bisschen mit ihm geredet, während ich fieberhaft überlegte, was Sache war und wie ich da rauskommen konnte. Schließlich sagte ich, ich hätte am Vorabend zu viel getrunken und müsse ans Waschbecken. Das war neben der Tür. Leider folgte er mir, und ich konnte hören, wie er den Schlüssel umdrehte und abzog. Da wurde mir klar, dass ich um Hilfe rufen musste. Hoffentlich würde das laut genug sein.

Mein „Hilfe!“ kam laut und deutlich, ebenso deutlich waren seine Fäuste, rechts und links schlug er zu. Trotzdem rief ich noch ein zweites „Hilfe!“ Wieder schlug er so heftig zu, dass ich nicht den Mut hatte, mich weiter zu wehren. Mit einer Wahnsinnsangst ließ ich ihn meine Beine auseinanderdrücken und in mich eindringen. Mein Bewusstsein, mein Kopf, wollten weit, weit weg sein. Ich dachte, jetzt werde ich verrückt.

Ich hatte einen Krimi gelesen, in dem ein Zuhälter einer abtrünnigen Nutte einen kaputten Flaschenhals in die Scheide rammte, daran musste ich denken. Was würde er alles mit mir machen? Mich quälen? Mich töten? Ich hatte ein irres Verlangen nach Kontakt mit meinen Mitmenschen, mit der Welt außerhalb meines Zimmers, und wimmerte, damit sie mich finden konnten.

Glücklicherweise dauerte die Penetration nicht lange, er bediente sich an mir. Nachdem er fertig war, sprang er auf die Fensterbank und drohte: „Wenn du die Bullen rufst, komm ich und bring dich um!“ Dann war er weg.

Ich wartete einen Moment, sprang dann zur Tür, fand den Schlüssel, schloss auf und hastete die Treppe hinunter, wo mir schon Mitbewohner entgegenkamen, die am Überlegen waren, was sie mit den Hilferufen von oben tun sollten. Ich zitterte nicht, ich schlotterte. „Ich bin gerade vergewaltigt worden.“ „Ja, ruft die Polizei“.

Die Polizei kam sofort, nahm Spuren und das Bettzeug mit, das Kopfkissen war mit meinen Haaren übersät, die mir ausgefallen sein mussten. Die Polizei schickte mich in Begleitung einer Nachbarin in die Klinik zum Frauenarzt, die blauen Flecken wurden fotografiert.

Für meine genauere Zeugenaussage wurde extra eine Polizistin, also eine Frau, herbeitelefoniert. Damals hieß es oft, die Behandlung bei der Polizei gleiche einer zusätzlichen Vergewaltigung. In meinem Fall waren wirklich alle korrekt und nett.

Auch meine Nachbarn und Nachbarinnen waren damals sehr, sehr nett zu mir. Nur eine Frau habe ich in Erinnerung, die mir deutlich zeigte, dass mein Verhalten in ihren Augen nicht richtig war und sie störte. Wenn ich „opfermäßiger“ herumgehangen hätte, hätte sie mir vielleicht Blumen geschenkt. Diejenigen, die der Meinung waren, ich hätte sicher auch mein Vergnügen daran gehabt, erzählten das abends am Tresen, aber mich haben sie mit solchen Reden verschont. Ich hörte es von Dritten.

Nach außen war ich zäh, aktiv an der Suche nach dem Vergewaltiger beteiligt (was auch gelang, so dass es zu einer Verurteilung kam).

Zur Vergewaltigung kam bei mir noch eine unglückliche Liebesgeschichte. Ich überredete meinen Ex-Freund zu einem „therapeutischen Liebesakt“, also noch einmal mit mir zu schlafen, um den anderen ein wenig auszulöschen. Aber so nah am Selbstmord wie damals war ich noch nie. Wenn die Freunde und Freundinnen nicht gewesen wären…  (Viel später habe ich gelesen, dass viele vergewaltigte Frauen Selbstmordgedanken haben.)

Der Vergewaltiger wurde nach drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Der Polizeiinspektor meinte zwar, er habe nur Hass auf die Polizei geäußert und nicht auf mich, aber Angst hatte ich trotzdem. Er hatte mir ja gedroht, mich umzubringen, wenn ich die Polizei riefe.

Ich stand mitten im Examen, und ich hatte überall in der Wohnung Messer verteilt. Ich sagte mir, dass ich ihn damit erwischen musste, bevor er mich erwischte. Eines Nachts klingelte das Telefon und niemand meldete sich am anderen Ende. Ich war nahe am Durchdrehen, erreichte niemanden in der Nähe, den ich mitten in der Nacht um Unterstützung bitten konnte. Schließlich rief ich eine Bekannte an, die war nicht zuhause, aber ihre Freundin sagte: „Ich bin gleich da. Wo wohnst du?“. Fünf Minuten später war sie da. War ich froh!

Wir redeten die ganze Nacht, und dann erzählte sie mir von ihrer Vergewaltigung durch einen jungen Mann, der sich zuhause erst ihren Eltern vorgestellt hatte und nachts in Vaters Auto über sie hergefallen war.

Überhaupt, das habe ich vergessen zu erzählen: Es war unglaublich, wie viele Frauen mir nach meiner Vergewaltigung erzählten, dass auch sie vergewaltigt worden waren. Im Vertrauen natürlich.

Mein Leben danach? Ich hatte noch viele Liebhaber und viel Freude am Sex. Ich war auch verheiratet. Nur wenn ich entscheiden muss, wo ich schlafen kann, dann muss es immer oben sein. Ich kann nicht in einem Eigenheim leben, es muss immer noch jemand im Haus sein. Ein Urlaubsbett im Erdgeschoss allein geht auch nicht.

Mit diesen Einschränkungen kann ich leben. Nur wenn mich nachts ein Geräusch weckt, und sei es nur ein Gardinenröllchen im Wind, dann kann ich schon mal ein bisschen durchdrehen.

Geht aber. Das Leben ist trotzdem schön.

Autorin: Anonym
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 13.01.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Eine schreckliche Geschichte in der Tat. Gerne stelle ich hier jedoch fest, dass die meisten sexuellen Übergriffe wie Nötigungen und Vergewaltigungen nach wie vor durch Personen im privaten Umfeld begangen werden.

  • Pia D. sagt:

    Es ist erstaunlich und bewundernswert, wie stark und lebensbejahend gerade jene Frauen sein können, die solch traumatisierenden, lebensbedrohlichen Erfahrungen ausgesetzt waren. Danke, liebe B.für, deine Offenheit und dass du dir die Freude am Leben nicht hast nehmen lassen!

  • Beate Vinke sagt:

    Danke sehr dafür, dass Sie mir/uns hier Ihre ganz eigene Geschichte erzählen!

  • Ich wollte mich auch für den Mut bedanken! Mir ging es genauso, ich kann gar nicht mehr aufzählen, auch völlig egal in welchem Umfeld und aus welchem Land und wie unendlich viele Mädchen und Frauen dann gesagt haben, dass sie auch vergewaltigt wurden, wenn eine Frau das ausgesprochen hatte. Es ist unglaublich schlimm.
    Ich habe nicht mal ein Wort dafür. Ich kenne auch viele Frauen, die dann nie wieder irgendeine Partnerschaft wollen und das auch nie wieder leben können, besonders aber auch ihre Berufe nicht mehr machen können und und und. Darüber spricht dann niemand gerne. Genauso wenig darüber, was Frauen ständig angetan wird. Daher danke für diesen unglaublichen Mut!

    Noch zu den Blicken und den Aussagen, dass die Opfer von solcher grausamer Gewalt in irgendeinem Sinne „krank“ wären, hier nur diese stärkende Aussage, auch für alle anderen, denen diese Gewalt angetan wurde:

    „Keep the shame where it belongs. It is not yours to carry. Our society diagnoses survivors of trauma as mentally ill, when it is their social conditions and the horrifying things that happen to people that are the real disorders“ (CarmenLeah Ascencio.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Hier nochmal die Übersetzung des Zitats, entschuldigt, das hatte ich vergessen: „Lass die Scham dort wo sie hingehört. Es ist nicht deine, du solltest sie nicht tragen. Unsere Gesellschaft stellt für die Überlebenden von Traumata Diagnosen wie psychisch „krank“, obwohl es diese sozialen Bedingungen und die abgrundtief schrecklichen Dinge, die Menschen angetan werden,sind, die die wirklichen Störungen darstellen“.

  • U.Schreiber sagt:

    Vielen Dank, dass Sie Ihre Geschichte mit uns geteilt haben.

    Es ist nach wie vor unfassbar, dass den betroffenen Frauen häufig eine Mitschuld an einer Vergewaltigung gegeben wird oder sie dann auch noch Opfer von übler Nachrede werden á la es hätte ihnen doch insgeheim sogar Spaß gemacht.

    Daher finde ich es nach wie vor wichtig, an alle Frauen zu appellieren, sich gegenseitig zu unterstützten, statt noch zusätzlich nieder zu machen.

  • c. sagt:

    ja- danke, schön (sorry) es noch einmal klar + deutlich zu lesen, wie das so ist/war. danach immer: schweigen. mit niemanden reden, nur mantras im kopf „selber schuld, pech gehabt, dumm gelaufen, besser aufpassen….“ eine „gleichgesinnte“ sagte mal: nun bist du eine gebrandmarkte. stimmt – irgendwie ist die „unschuld“ futsch für immer.
    c.

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