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Weibliche Autorität in der Welt stärken

Von Dorothee Markert

Auf der Jubiläumstagung der bzw-Redaktion „Weibliche Autorität in der Welt stärken“ im Januar 2017 hielt Dorothee Markert diesen Vortrag.

Bei der Vermittlung des italienischen Geschlechterdifferenzdenkens im deutschsprachigen Raum spielte das Thema „Autorität“ von Anfang an eine zentrale Rolle. Und gerade das machte die Vermittlung dieses befreienden Denkens auch besonders schwierig. Denn Anfang der 90er Jahre, als wir, also einige Frauen, die dieser Ansatz überzeugte, mit unseren Vorträgen zu jener neuen Denkrichtung der Frauenbewegung begannen, war das Wort „Autorität“ im Denken noch eng verknüpft mit autoritärem Gehabe, mit Macht, Herrschaft und Unterdrückung, wie es durch die Veröffentlichungen der Frankfurter Schule und die Bücher über antiautoritäre Erziehung vermittelt worden war. Außerdem war dieser Begriff in den Köpfen auch noch mit den alten Autoritäten des Patriarchats verbunden, gegen die die Frauenbewegung der 70er Jahre in ihren ersten öffentlichkeitswirksamen Aktionen gekämpft hatte, die Autorität der Kirche, die Autorität der Justiz und die Autorität staatlicher Institutionen. (Ein Slogan aus dieser Zeit: „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“). Diese „Autoritäten“ waren ja nach wie vor da und machten uns immer wieder das Leben schwer, auch wenn Hannah Arendt schon in ihrem Text von 1955 „Was ist Autorität?“ festgestellt hatte, dass nach Tradition und Religion nun auch die Autorität zunehmend verloren gehe, dass der Autoritätsverlust bereits so weit gediehen sei, „dass er sich sogar der präpolitischen Bereiche menschlicher Beziehungen bemächtigt hat, in denen Autorität natürlichermaßen ihren Ursprung zu haben schien“ (Zwischen Vergangenheit und Zukunft, S. 169).

Um uns positiv auf Autorität beziehen zu können, mussten wir also zuerst einmal an der Unterscheidung von Macht und Autorität arbeiten. Wir erkannten, dass Autorität nicht notwendigerweise mit bestimmten Machtpositionen verbunden sein muss, auch wenn das lange so war und leider noch viel zu oft so ist. Immer noch wird den Inhabern von Machtpositionen von vielen Menschen automatisch auch Autorität zugesprochen, was sich beispielsweise darin zeigt, dass in der Arbeitswelt ständig darüber geklagt und geschimpft wird, dass die Chefs den Vorstellungen, die ihnen zugesprochen werden, in keiner Weise entsprechen. Während meines Aufwachsens in den 50er Jahren in einer ländlichen Gegend war es noch ganz selbstverständlich, dem Herrn Pfarrer, dem Herrn Doktor und auch der Polizei Respekt und sogar so etwas wie Liebe entgegenzubringen („Die Polizei, dein Freund und Helfer“). Wie stark solche positiven Zuschreibungen nachwirkten, merkte ich an meiner fassungslosen Reaktion auf die Gewalttätigkeit der Polizei während der Häuserkampf-Demonstrationen zur Zeit der 68er-Bewegung und auch daran, wie schwer es mir trotz dieser Erfahrungen fiel, Polizisten, wie damals in meinem Umfeld üblich, als „Bullen“ oder „Bullenschweine“ zu bezeichnen.

In unserem Lernprozess zum Thema „Autorität“ verstanden wir schließlich, dass Autorität eine Beziehungsqualität ist, die von denen ausgeht, die die Autorität anderer „anerkennen“, wie man sagt, obwohl sie sie ihnen in Wirklichkeit zusprechen. Autorität ist nichts, was eine Person dauerhaft besitzt, sie kann also auch nicht „anerkannt“ oder gar eingefordert werden. Sie muss sich immer wieder neu bewähren und kann daher auch jederzeit verloren gehen. Denn im Gegensatz zur Macht hat sie keine Mittel wie Geld oder staatliche Gewalt, die sie schützen, stützen und erhalten.

Weitere Möglichkeiten, Autorität als etwas Positives wahrzunehmen, eröffneten uns die Diotima-Frauen durch ihre Texte über mütterliche Autorität. (Auch hier drohten Fallstricke bei der Vermittlung, denn das Wort „Mutter“ löste damals bei vielen Zuhörerinnen heftige negative Reaktionen aus, von der Erinnerung an schlechte Erfahrungen mit der eigenen Mutter bis hin zur Unterstellung, wir wollten Nazi-Ideologie wieder aufwärmen). Durch die Texte, die wir Ende der 90-er Jahre übersetzten, wurde uns bewusst, dass die Mutter in der Regel für Frauen und für Männer die erste Autorität im Leben ist und dass uns allen im Rahmen dieser Autoritätsbeziehung das Erlernen der Sprache und das gleichzeitige Kennenlernen der Welt der Dinge ermöglicht worden ist. Ich begriff, warum Lernen nicht möglich ist, wenn es aus irgendwelchen Gründen nicht gelingt, einer anderen Person zu vertrauen und ihr Autorität zuzusprechen. In diesem Zusammenhang fand ich auch die etymologische Ableitung des Begriffs „Autorität“ vom Lateinischen Wort „augere“ hilfreich, das „fördern“, „mehren“, „wachsen lassen“ bedeutet.

Sehr einleuchtend war die Bedeutung einer in diesem Sinne wirkenden weiblichen Autorität, wenn es darum ging, das Begehren von Frauen in die Welt zu bringen, also Neues zu wagen, unsere Visionen von einem guten Leben umzusetzen, auch gerade dort, wo das überhaupt nicht im Einklang mit dem stand, was von uns erwartet wurde. Wir sprechen nämlich anderen dann Autorität zu, wenn das, was diese sagen, tun oder schreiben in dieselbe Richtung geht wie unser eigenes „Begehren“. Mit „Begehren“ meine ich den Antrieb, dem eigenen Leben Sinn zu geben, indem wir etwas zum Besseren verändern, etwas Neues in die Welt bringen oder auch etwas Altes wiederbeleben oder erhalten. Die Person, der wir Autorität zusprechen, kann uns für unser diesbezügliches Engagement Orientierung geben und den Rücken stärken, besonders dann, wenn sie in irgendeiner Weise „größer“ ist als wir, also beispielsweise älter, erfahrener, belesener, gebildeter, anerkannter usw. Für die politische Praxis empfahlen die italienischen Denkerinnen daher, Autoritätsbeziehungen unter Frauen bewusst zu stärken und zu pflegen und Machtbeziehungen durch Autoritätsbeziehungen zu ersetzen oder zu ergänzen, wo immer das möglich ist. Autoritätsbeziehungen zwischen Frauen helfen nämlich dabei, so Antje Schrupp im ABC des guten Lebens, „sich von patriarchalen Machtverhältnissen und der männlich geprägten symbolischen Ordnung unabhängig zu machen. Wenn eine bestimmte Frau für mich Autorität hat, entsteht ein neuer Maßstab, an dem ich mich orientieren kann, und ich bin freier darin, mich von den Maßstäben der bestehenden symbolischen Ordnung zu lösen. Wenn ich mir zum Beispiel unsicher bin, ob ein Text, den ich geschrieben habe, gut ist, frage ich diese Frau nach ihrem Urteil und bin dadurch weniger angewiesen auf herkömmliche Anerkennung (zum Beispiel einer universitären Benotung oder davon, ob ein etabliertes Medium meinen Text abdruckt). Ihre Zustimmung stärkt mir den Rücken, um anderen gegenüber meine Wünsche und Ansichten vertreten zu können.“

Franziska Schutzbach, eine Schweizer Publizistin der jüngeren Generation, hat gerade auf Facebook über diesen Aspekt, weibliche Autorität zu stärken, und seine politische Bedeutung nachgedacht. Sie schreibt:

„Ich finde ja immer die frage der „inneren autoritäten“ spannend: welche inneren autoritäten bestimmen mein handeln? Also bei wem frage ich mich, ob sie_er mein handeln wohl gut findet? Männer haben fast nur andere männer als solche autoritäten internalisiert (frauen oft auch). Das heisst der innere massstab sind männer. Subversion bedeutet dann, diese inneren massstäbe/autoritäten bewusst zu verschieben, also das innere bezugssystem zu verändern. Zu versuchen, andere, zum bsp. frauen oder nicht im klassischen sinne mächtige personen/positionen als massstäbe für sich selbst zu wählen. Anders gesagt: die frage, von wem ich mir anerkennung, zustimmung usw. wünsche, ist hochpolitisch, und damit bewusst umzugehen, ist entscheidend.“

Damit Autorität uns persönlich stärkt und weiterbringt und Frauen in der Welt stärkt und ihren Einfluss wirksam werden lässt, genügt es leider nicht, wenn wir einander nur in dem unterstützen, was wir sowieso schon wollen. Dazu braucht es etwas, das es nicht gerade leichter macht, Autorität als etwas Positives darzustellen, und deshalb bin ich in meiner Vermittlungsarbeit wohl meistens eher darüber hinweggehuscht. Und wahrscheinlich ist weibliche Autorität in der Welt auch deshalb noch nicht stärker, weil viel zu viele Frauen, die die alte Frauensolidarität im Ohr haben, sich leichter mit „fördern, mehren, wachsen lassen“, mit unterstützen, anderen den Rücken stärken usw. anfreunden können als mit Kritik, mit Urteilen, mit Konflikten und Kontroversen.

Etwa vor einem Jahr hörte ich einen Vortrag von Christina Thürmer-Rohr, die vor kurzem 80 geworden ist. Sie hat es 1983 gewagt, sich mit ihrer These von der weiblichen Mittäterschaft unbeliebt zu machen, in einer Zeit, in der es in der Frauenbewegung eine starke Tendenz gab, Frauen als die besseren Menschen hinzustellen. Durch ihre These brachte sie Bewegung in das Denken der Frauenbewegung und trug sicher mit dazu bei, dass sie sich in verschiedene Strömungen ausdifferenzierte.

In ihrem jetzigen Vortrag beklagte sie einen generellen Rückgang politischer Kontroversen, nicht nur in feministischen Auseinandersetzungen, sondern in der ganzen Gesellschaft, und kritisierte eine konsens-orientierte „Entfeindung“ der politischen Kultur. Wir stünden unter enormem Konformitätsdruck, überall gebe es Glättungsversuche und entsprechend sedierte Bürger und Bürgerinnen, keine Extreme, keinen Streit. Für Thürmer-Rohr ist ein solcher Mangel an politischen Kontroversen das Ende des Politischen. Entscheidungen fielen inzwischen hauptsächlich durch die Finanzmärkte, Politik müsse nur noch managen, beruhigen und zudecken. Dagegen plädiert Thürmer-Rohr dafür, dass divergierende Sichtweisen wieder zu Kontroversen werden und dadurch politisch Kraft gewinnen. Kontroversen sind nämlich ernst zu nehmende Widersprüche, die gesellschaftliche Lernprozesse und Weiterentwicklungen in Gang setzen können. Zunehmend hätten uns Sozialwissenschaft und Pädagogik zu einer Pluralisierung im eigenen Kopf erzogen, mit der Behauptung, wer „Feind“ sage, habe einfach nur ein Vorurteil. Und nun könnten wir Feinde als reale Gefahr nicht mehr erkennen. Die Werte der Aufklärung würden nämlich nicht fertig mit denen, die diese Werte verachten oder sich von ihnen verachtet fühlen.

Das allgemeinste Prinzip dieser Werte, die Pluralität, also die Tatsache, dass wir als viele die Erde bewohnen, sei zugleich Tatsache und permanente moralische Herausforderung. Andere sind nämlich niemals nur Bereicherer und Vielfaltsförderer, Pluralität heißt eben nicht nur mehr Buntheit und Lebendigkeit, wie es oft beschönigend dargestellt wird, sondern es heißt, dass andere uns etwas zumuten. Und beim Umgang mit diesen Zumutungen müssten wir lernen, mit Kontroversen umzugehen, ohne in eine dauerhafte Verfeindung und Frontenbildung zu geraten. So weit Thürmer-Rohr.

Beim Nachdenken über den Zusammenhang zwischen Autorität und der Bereitschaft, sich Kontroversen zu stellen, fiel mir auf, dass wir bisher noch viel zu wenig über die Aufgaben und die Verantwortung der Person nachgedacht haben, der Autorität zugesprochen wird. Um ja nicht in die Nähe dessen zu kommen, was in der vergehenden patriarchalen Ordnung unter einer Autorität verstanden wurde, sprachen wir kaum darüber, dass eine Frau, bevor ihr Autorität zugesprochen werden kann, ja irgendwie in Erscheinung treten, sich also selbst zu etwas autorisieren muss. Wir näherten uns dieser Frage, allerdings erst in den letzten Jahren, schließlich vom Bild der Souveränin aus, über das Annarosa Buttarelli im Diotima-Buch Macht und Politik sind nicht dasselbe geschrieben hat, das 2012 auf Deutsch erschienen ist. Am Ende ihres Textes stellt sie schließlich doch noch die Verbindung zwischen der Souveränin und dem Thema Autorität her. Sie schreibt: „Afrikanische Frauen unterschiedlichster Herkunft sind sich darüber bewusst, dass es notwendig ist, Königin zu sein, um eine Frau mit Autorität zu sein“ (S. 193). Buttarellis Gedanken gaben den Anstoß, aus dem Bild der einen Königin schließlich das Bild von den „Fünf schönen Königinnen“ zu entwickeln, die im Gegensatz zu einem männlichen König sich nicht als „der Einzige“ behaupten müssen, sondern ständig in Beziehung zu anderen schönen Königinnen stehen, sogar zu solchen, mit denen sie nicht unbedingt einverstanden sind. Dabei kann aber jede durchaus auch für sich stehen, sie braucht die anderen also nicht, um sich anzulehnen und dadurch stärker zu fühlen. Diese Souveränität ist wichtig, vor allem auch gegenüber denen, die ihr Autorität zusprechen. Denn es liegt ja nahe, dass sie sonst gefährdet ist, Dinge zu vermeiden, die den Verlust dieser Autorität zur Folge haben könnten. In dem Moment, in dem sie ein Urteil, eine Kritik und damit einen Konflikt vermeidet, um weiterhin Autorität zugesprochen zu bekommen, hat sie nämlich ihre Souveränität bereits verloren und damit ihre eigene Autorität geschwächt, auch wenn es wahrscheinlich eine Weile dauert, bis die anderen das merken. Sie hat es vermieden, ein Risiko einzugehen, und blieb daher hinter den Möglichkeiten zurück, die sie als Person hat, um Einfluss zu nehmen und wirksam zu sein.

Ich glaube, dass ich mich meistens davor gedrückt habe, die Autorität wirklich anzunehmen, die andere mir zugesprochen haben oder die mit der Machtposition verbunden war, die ich innehatte, beispielsweise als Lehrerin oder als Referentin in der Frauenbildung. Denn auf keinen Fall wollte ich „autoritär“ sein, die „Höhere“ in einer Beziehung der Ungleichheit, auf keinen Fall wollte ich andere beschämen und sie so etwas wie Unterlegenheit spüren lassen. Außerdem sah ich es auch nicht ein, dass ich, nachdem ich schon so viel Kraft in das Schreiben und Halten eines Vortrags oder die Veröffentlichung eines Textes oder gar eines Buches gesteckt hatte, auch noch für die Arbeit zur Verfügung stehen sollte, die, wie Antje Schrupp mir einmal sagte, die eigentlich wichtigere Vermittlungsarbeit ist: Wieder und wieder meinen Standpunkt erklären und mich mit den Standpunkten der anderen auseinandersetzen, falsch Verstandenes richtigstellen, aus meiner Sicht falsche Schlussfolgerungen begründet zurückweisen und so weiter. Also wirklich eine Kontroverse zu führen und dabei zu zeigen, dass ich voll und ganz hinter dem stehe, was ich vorher vertreten habe, und gleichzeitig bereit bin, mich eines Besseren belehren zu lassen, wenn andere mich wirklich überzeugen können. Aber nur dann! Zum Einlenken und Akzeptieren anderer Sichtweisen war ich meistens viel zu schnell bereit, und so war die Kontroverse vermieden bzw. der Friede wiederhergestellt, aber meine eigentlich gut begründeten Urteile waren nicht selten bis zur Unkenntlichkeit verwässert worden.

Zur Vorbereitung auf diese Tagung hatten wir von der Redaktion uns die Aufgabe gestellt, Situationen zu sammeln, in denen wir selbst weibliche Autorität untergraben oder andere Frauen beobachten, wenn sie das tun. Das war viel schwieriger, als ich gedacht hatte. Von allen Seiten sprangen mich Situationen an, in denen weibliche Autorität von Männern untergraben wurde, beispielsweise die Bezeichnung „Mutti“ für die Bundeskanzlerin im Leitartikel einer angesehenen Tageszeitung, viele Dialoge in Fernseh- und Kinofilmen oder in Talkshows und vor allem auch die selbstverständliche Ignoranz angesehener Wissenschaftler und Publizisten gegenüber dem, was Frauen in den vergangenen Jahrzehnten erarbeitet haben.

Ich denke, dass wir selbst weibliche Autorität am stärksten untergraben, wenn wir uns der Verpflichtung und Verantwortung nicht stellen, die es bedeutet, dass wir für andere Autorität sind oder werden könnten. Wenn wir dies vielleicht noch nicht einmal merken oder merken wollen. Wenn wir uns davor drücken zu urteilen, zu kritisieren, Kontroversen entstehen zu lassen. Mir fielen beispielsweise zwei Situationen auf, in denen ich mich in letzter Zeit davor gedrückt habe, einen Text bzw. einen Kommentar auf bzw-weiterdenken zu kritisieren, obwohl ich den starken Impuls dazu hatte und es vom Inhalt her unbedingt hätte tun müssen. Im einen Fall, weil ich erkannte, dass der negative Kommentar zu einem Text, der mir sehr wichtig war, aus einer bestimmten Richtung der Frauenbewegung kam, mit der ich in Vielem nicht einverstanden, aber über Beziehungen doch irgendwie freundschaftlich verbunden bin. Da redete ich mir ein, dass es sowieso keinen Sinn hat, die festgefahrene Position dieser Denkrichtung zu kritisieren, dass es nichts als Ärger einbringen würde. Im anderen Fall, weil ich befürchtete, dass die Autorin, mit der ich lange politisch befreundet war, mir das übelnehmen würde. Und außerdem: wer liest denn überhaupt noch Kommentare zu Texten, die schon vor längerer Zeit veröffentlicht wurden? Warum sollte ich mir also die Mühe machen?

Vielleicht sind es vor allem die Dinge, die Frauen nicht tun, mit denen sie ihre eigene Autorität und die von anderen Frauen untergraben. Das Vermeiden von Auseinandersetzungen, weil es gute Beziehungen gefährden könnte, weil eine sich selbst für nicht so wichtig hält und schon vorwegnimmt, dass es sowieso nichts bringen würde, und weil es auch bequemer ist, darauf zu hoffen, dass andere etwas unternehmen. Da dies in der Regel unsichtbar und scheinbar folgenlos bleibt, ist es kaum möglich, es zu kritisieren und hier eine Veränderung zu bewirken.

Folgenlos bleibt es aber nur scheinbar. Denn es erlaubt weiterhin, Frauen nicht ernst zu nehmen als vollwertige Bürgerinnen, die eigenständig begründete Urteile und Entscheidungen fällen, zu denen sie deutlich sichtbar stehen, Urteile, die alle angehen und die nicht damit abgetan werden können, dass Frauen hier mal wieder Lobbypolitik für ihren eigenen Vorteil betreiben oder halt nicht anders können, weil sie Frauen, also z.B. viel zu gefühlsbetont sind. Es erlaubt weiterhin, Frauen in der Öffentlichkeit, selbst in höchsten Ämtern, abzuwerten und zu beleidigen, ohne dass dabei mit irgendwelchen unangenehmen Konsequenzen gerechnet werden muss.

In ihrer Auseinandersetzung mit Hillary Clintons Wahlniederlage zeigte Antje Schrupp, wie schlecht „die Welt“ bisher damit umgehen kann, wenn emanzipierte Frauen, die dort eine Machtposition innehaben, sich anders verhalten, als von ihnen erwartet wird, also weder angepasst an den männerdominierten Politikbetrieb noch an weibliche Rollenzuschreibungen. Sie schreibt:

„Aus den Erfahrungen von Hillary Clinton und Angela Merkel können wir sehen, dass ‚emanzipierte’ Frauen in dem derzeitigen Politsystem nur Autorität haben, solange sie die große Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben. Sobald sie Konflikte eingehen (wie zum Beispiel Merkel in der Flüchtlingsfrage), werden sie auf eine Weise demontiert, wie es Männern nie passieren würde. Und mir fällt keine Frau ein, die in diesem Geschäft perfekter wäre als Clinton und Merkel es sind. Das sind Super-Women, was Einsatz, Intelligenz, Fleiß usw. betrifft.“

Und wie wenig die Aussage einer Frau angesichts gegensätzlicher Interessen des Gegenübers bisher ernstgenommen wurde, zeigt sich leider auch daran, dass es eines Gesetzes bedarf, das uns bestätigt, dass auch das Nein einer Frau wirklich nein heißt und als solches respektiert werden muss. Und wie lange hat es gedauert, bis das durch ein Gesetz nun endlich öffentlich bestätigt wurde!

Als ich vor fast einem Jahr das Thema „Weibliche Autorität in der Welt stärken“ für unsere Jubiläumstagung vorschlug, war ich überrascht, dass es von den anderen gleich angenommen wurde. Denn schon unsere erste bzw-Tagung 2009 hatte ja dieses Thema, es geht um unsere Autorität in der Welt, wenn wir „sichtbar und einflussreich“ sein wollen, „ohne uns anzupassen“, so der Titel der damaligen Tagung. Es war mir fast peinlich, schon wieder mit dem Thema „Autorität“ zu kommen, über das wir schon so viel geschrieben hatten und das von den Diotima-Philosophinnen ja auch wieder und wieder bearbeitet worden war.

Dass es dringend nötig ist, es mit dem Schwerpunkt auf die „Welt“ nochmals aufzugreifen, wurde im Laufe des letzten Jahres immer deutlicher, angefangen von Seehofers respektlosem Verhalten gegenüber Angela Merkel, das einfach in der politischen Öffentlichkeit so hingenommen wurde, bis hin zur jetzigen Situation, in der mit immer mehr populistischen Regierungen in Europa und nun auch in den USA grundlegende Freiheitsrechte und viele unserer feministischen Errungenschaften bedroht sind, von der zunehmenden Gewaltbereitschaft ganz zu schweigen.

In Krisenzeiten war es bis jetzt meistens so, dass Frauen nahegelegt wurde, oft auch von anderen Frauen, sich mit ihren „eigenen Interessen“ zurückzunehmen und vorrangig die Männer in ihren Kämpfen zu unterstützen, weil es dringender erschien, Grundrechte zu bewahren, die Demokratie zu retten und womöglich sogar Kriege zu verhindern. Statt uns das einreden zu lassen, sollten wir uns und anderen Frauen klarmachen, dass das, was wir erarbeiten, für das gute Leben aller genauso grundlegend wichtig ist wie jene als bedroht erscheinenden Werte, bzw. dass diese Werte nichts taugen, wenn sie nicht mit weiblicher Freiheit verbunden sind. Annarosa Buttarelli drückt das folgendermaßen aus: „Wir müssen eine Art und Weise finden, die ‚Demokratie’ mit weiblicher Autorität zu verbinden, darin liegt der Geist und das Fundament der zweiten Revolution der Frauen“ (S. 174).

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Regine Lang sagt:

    Weibliche Freiheit, weibliche Autorität, Werte, Fördern, Unterstützen; ich sage ja zu allem (oben) genannten. Und ich vermisse die wunderschöne Kraft des weiblichen Vorbildes, die gewaltloseste Art der weiblichen Autorität, die es vermag, mit Sicherheit, Bestimmtheit, Liebe, Weisheit, Mut, Passion, Hingabe und Vision andere zu motivieren, es auch mal genau so zu probieren.
    Vielleicht habe ich es ja nur überlesen 😉
    Herzlichen Dank für diesen reichen Beitrag.

  • Susanne Bischoff sagt:

    Danke Dir für dieses Zusammendenken und Entwickeln! Ganz ausgezeichneter Beitrag, der sich wunderbar für weitere Gespräche eignet und vielleicht such hilfreich ist, die Generationensprünge in Verständigung feministischer Diskurse zu bringen.

  • Silvia Fohrer sagt:

    Hallo Dorothee Markert, was mich fasziniert an der Art und Weise dieses Konzeptes ist, daß es auf einem für mich neuen Fundament des Frauseins gründet. Die Beziehungen, die Frau heute besonders angeht, ihre Wahl ja gar Ablösung oder die Elemente neu zu besetzen, die vormals die Beziehungen ausmachten (Politik, Gesellschaft, Arbeit, Familie, Vater, Mutter und deren überholte Attribute). Eine Erneuerung des tradierten Seins muß also nicht zwingend mit neuen Symbolen belegt werden, oder mit neuen Begriffen. Bin sehr gerne hier bei beziehungsweise-weiterdenken, in dem Sinne, viele Grüße!

  • Eveline Ratzel sagt:

    Hi Dorothee,
    wie komme ich an den Vortrag von Thuermer-Rohr?
    Viele Grüße, Eveline

  • Dorothee Markert sagt:

    Hallo @Eveline, hab mal gegoogelt. Hier gibt es zumindest eine Kurzfassung: http://blog.feministische-studien.de/2016/03/kontroversen-zur-kohabitation/

  • Susanne Blume sagt:

    kann nur auf diesen Blog und seine Inputs hinweisen –
    Rente, Allter, Kinder- Mütter- Familienfeindlichkeit…
    z.B.
    https://kreidfeuer.wordpress.com/tag/rentensystem/

  • patrizia caputo sagt:

    Autorität ist für Frauen oft eine Beziehungsform von Ungleichheit, die dem Privaten zugestanden oder oft zähnknirschend erduldet wird, nicht aber dem Politischen, Sozialen und Öffentlichen.
    Als Frau gilt es sich mit einer zweifachen Differenz auseinander zu setzen.
    Die erste ist, Frau ist DIE Andere in einer Welt, wo das ‚Männliche‘ als Leitgrösse gilt.
    Die zweite Herausforderung, die oft schwieriger sich zu zugestehen und diese auch in der vollen Wucht gelten zu lassen ist, dass wir Frauen uns zu Einander unterscheiden.
    So viel wird gemacht, um diesen anscheinenden Makel gar nicht in Erscheinung treten zu lassen….denn wenn dieses Anderssein im Raum steht, gibt es Frauen, die ein Mehr besitzen, und dieses absolute, nicht wegrationalisierbare Mehr, besitzt auf einer elementalen Ebene eine jeder Mutter, sie ist die erste Autoritas, die Autoritas par Excellence und das ist oft für viele Töchter, die wir alle Töchter von Müttern sind, ein harter Brocken, umso mehr, als dass das Patriarchat alle Kräfte mobilisiert hat, um diese Diade, Mutter-Tochter zu sprengen, zu diskreditieren und zu zerstören.
    Geblieben ist ein privatisierter Knäuel aus Gefühlen, Emotionen, der verhindert, dass die Mutter als eine elementale Funktion erkannt werden kann, dass die Mutter immer eine soziale, politische und somit höchst öffentliche Dimension hat. Es wäre dies unsere erste und wichtigste Autoritasbeziehung, -Erfahrung, die eben nicht nur eine reine persönliche, emotionale ist, sondern, immer eine soziale und somit höchst politische Dimension und Sprengkraft hat. Doch aus Angst vor dieser Urgewalt, lassen wir diese wichtigste Autoritasbeziehung ins Private schrumpfen, sperren sie ein und versuchen sie klein zu halten, dass ja nichts in die Öffentlichkeit kommt. Den Preis, der dann zu zahlen ist, ist, keine wirkliche mächtige Vertretung in der Welt zu haben auf die wir uns als Frau, als Tochter beziehen können.
    Denn alle anderen ‚männlichen‘ Ersatzautoritäten haben mit uns auf radikal, elementaler Ebene nichts zu tun….Wir verbauen uns so, sowohl Autoritas und Macht zu haben, wie auch, solche in unser einer mit Dankbarkeit anzuerkennen und als das Mehr zu sehen, dass unser Wachstum erst möglich macht, um dann selber zur Autoritas heranzuwerden.

    in dankbarkeit den frauen della libreria di milano gewidmet
    deren wunderbares buch, wie weibliche freiheit entsteht, ich nie müde werde, immer wieder zu lesen
    patrizia

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