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Rubrik denken

Eine Bewegung, die sich Schritt für Schritt selbst formuliert

Von Dorothee Markert

Femminismo fuori sesto

Chiara Zamboni zeichnet im ersten Teil ihres Kapitels im neuen Diotima-Buch ein Bild des Feminismus als einer Bewegung, die sich im Sprechen und Handeln entfaltet.

Beharrlich eigensinniges Handeln

„Der Feminismus hat den Schwung einer Bewegung. Er ist Aktion und Suche nach einem Maßstab in der Treue zu einer Vision. Er schreitet fort und verwandelt sich durch den Einfluss der Frauen, die sich diesen Namen aneignen, um Aktionen zu gestalten, die sie an andere Frauen binden“ (S. 5). Er ist das Zeichen für Aktionen, Haltungen und Reflexionen, die innerliche und äußerliche Veränderungen bewirken und damit den Kontext verwandeln, in dem wir leben. Es gibt keine Zugehörigkeit zum Feminismus im Sinne einer Mitgliedschaft, Feminismus braucht auch keine feste Organisation. Er ist so lange lebendig, wie wir spüren, dass unsere Teilnahme daran die Beziehung verändert, die wir zur Welt haben, ob innerlich oder äußerlich.

Keine politische Bewegung ist ein begrenzter Raum, umso weniger der Feminismus, der aus dem subjektiven Begehren der Frauen entsteht. Manchmal fehlen Verbindungen zwischen dem inneren und dem äußeren Leben, und deshalb müssen kleine oder auch größere Erfindungen gemacht werden, um die jeweilige Kluft zu überbrücken. Die Subjektivität in Beziehung steht im Mittelpunkt dieser feministischen Suche. Sie ist ihr konstitutives Element. Daher tritt man nicht ein in diese Bewegung oder wieder aus, denn sie ist kein Raum, der einfach nur außerhalb von uns liegt. Es passiert einfach, dass eine Frau in einem bestimmten Moment merkt – meistens über Beziehungen – , dass der Name „Feminismus“ sie betrifft.

Eine charakteristische Praxis des Feminismus ist es, dass keine an Stelle einer anderen sprechen kann. Wir können von der Beziehung aus sprechen, die wir mit einer anderen haben, aber wir können diese andere nie ersetzen.

Der Feminismus ist eine politische Bewegung, weil das Bedürfnis, mit anderen zusammen Worte, Praktiken, Gedanken und Aktionen zu verändern, ein Erfordernis des Lebens ist, das von dem Bewusstsein begleitet wird, dass ein solches Tun eine Veränderung aus dem Inneren des Gewebes der gemeinsamen Welt heraus zum Ziel hat. Wichtig ist, dass es aus dem Inneren der Welt heraus geschieht und nicht durch ein Projekt in der Welt und für die Welt. Genau aus diesem Grund ist Feminismus eine andere politische Praxis als die der traditionellen politischen Organisationen.

Jede von uns formuliert im Austausch mit anderen Frauen und in gemeinsamen Aktionen den Feminismus Schritt für Schritt. Es geht nicht darum, eine Idealvorstellung zu verwirklichen. Feminismus ist auch kein Projekt der Solidarität für andere. Feministische Politik bindet sich an die Existenz. Jede Aktion und jedes Gespräch weben an der gemeinsamen Welt, ohne dass wir das Gesamtbild im Kopf haben, das daraus hervorgehen wird. Und genau deshalb ist diese Bindung so stark. Denn bei jedem Handeln und bei jedem Wort spüren wir, dass es dabei um die Welt geht, die wir zusammen bewohnen. Feministische Aktionen sind keine Zusammenschlüsse zum Schutz von Minderheiten. Die Frauen finden es notwendig, bei etwas einzugreifen, das sie betrifft. Dabei ist ihnen bewusst, dass das, was sie an Wahrem zu sagen haben, alle Menschen angeht. Nicht nur eine Minderheit.

Bis hierher entwirft Chiara Zamboni ein Bild des Feminismus als einer Bewegung, die sich allmählich durch ein beharrlich eigensinniges und wachsames Handeln stetig selbst formuliert. Doch auch andere Darstellungsweisen haben für sie ihre Berechtigung, beispielsweise der Blick darauf, dass der Feminismus mehrere Anfänge hatte. Dazu passt das Bild einer Bewegung in Wellen, die immer wiederkehren, sich aufbäumen, dann flacher werden, um sich erneut aufzutürmen. Jetzt ist wohl gerade der Zeitpunkt, an dem eine neue Welle an Kraft gewinnt.

Für Chiara Zamboni ist jedoch am Feminismus vor allem wichtig, dass er sich immer wieder neu ereignet, Handlung um Handlung, Wort um Wort. Feminismus ereignet sich, solange er eine Vision mit sich bringt, die nicht aufgebraucht ist, sondern weiter insistiert, mal gedämpft und im Geheimen, und dann auch wieder sehr machtvoll. Feminismus ist die Vision, die wir allmählich im konkreten Handeln entdecken, in den realen Begegnungen und Beziehungen. Er ist im Einklang mit einem unendlichen Begehren, das uns irgendwo hinführt, ohne dass wir genau wissen, wo das ist.

 

Alles begann mit einem „Niemals“ und einem „Ja“

Auf einen Aspekt von Feminismus geht Chiara Zamboni nun genauer ein: Das Jasagen zur Welt. Wenn ich im Einklang mit dem ersten Ja lebe, das ich der Welt gegeben habe, nehme ich eine symbolische Position der Welt gegenüber ein. Das heißt nicht, dass ich mit der Welt verschmelze, im Gegenteil. Es ist eine Haltung, die das Ich, das oft innerlich von der Welt überschwemmt wird, überrascht. Dieses Ja zur Welt hängt nicht vom Willen des Ich ab. Aber das Ich kann sich selbst zurücknehmen und es unterstützen.

Der symbolische Schwung für das Ja zur Welt wird nicht ein für allemal erworben. Er geht immer wieder verloren und kann nicht durch Willensanstrengungen wiedergefunden werden.

Wenn wir uns auf dieses Ja einstimmen, ist das eine Art Grundton in unserem Leben. Dieses Ja kommt vor dem Gegensatz von Ja und Nein, bzw. es hat eine andere Bedeutung. Wir verstehen, was das Ja bedeutet, wenn wir es einem „Niemals“ gegenüberstellen, einem grenzenlosen Nichts.

Mit ihrer Politik bringen die Frauen etwas ins Spiel, das die gemeinsame Welt betrifft, aber es geht auch noch um ein Mehr. Diese Politik betrifft nicht nur uns, sondern noch etwas anderes, das nicht objektivierbar ist. Und das entdecken wir nur, wenn sich Worte und Handlungen entfalten. Aber wir wissen, dass es mit jenem ersten Ja zusammenhängt, das ein symbolischer Antrieb für unser Handeln in der Welt ist. Eingestimmt auf dieses Anfangs-Ja, haben wir einen Schwung, der uns davor bewahrt, dass unsere Kritik am Existierenden, unsere sakrosankte Wut über Ungerechtigkeit und unser Argumentieren mit dem Negativen der Realität in den geistigen Negativismus unserer Zeit hinübergleiten.

Doch gerade in der Kritik an dem, was den Fluss des Lebens behindert, verstehen wir, in welche Richtung unsere Schritte gehen müssen. Gleichgültigkeit ist uns fremd. Fragen tauchen auf, die uns umtreiben, und während wir uns mit ihnen auseinandersetzen, entdecken wir den Weg, den wir dann einschlagen.

Wir erfassen den Sinn jenes Ja, während unsere Worte und Handlungen sich entfalten. Unser Engagement kommt eher daher, dass wir in eine Sache verwickelt und von ihr betroffen sind, nicht so sehr wegen dem Bedürfnis nach Identität. Deshalb ist der Feminismus eine Bewegung von Beziehungen und ihrer verändernden Differenz. Wir bewegen uns seitwärts, ohne dass ein Blick von oben den Weg, den wir nach und nach finden, im Ganzen überblicken könnte. Wir kennen das Ziel nicht und auch nicht den Schluss des Buches. Wir selbst gestalten die Schritte des feministischen Textes, nicht Regeln, Normen oder Gesetze. Und auch in Bezug auf die Regeln sind wir es, die sie je nach Kontext interpretieren. Nichts wird delegiert. Niemand kann unseren Platz einnehmen, wir sind immer auf uns selbst verwiesen. Dabei helfen vertrauensvolle Beziehungen, Versprechen, die wir anderen gegeben haben, der Glaube an die Worte, die wir aussprechen, wobei wir niemals ganz sicher sind, außerdem ein Bezug zu dem „Ganz Anderen“, das Chiara Zamboni als etwas Unendliches und Unpersönliches versteht, das uns Orientierung gibt.

Die Zuverlässigkeit von Bindungen schafft eine offene Disposition. Sie gründet sich nicht auf Gegenseitigkeit, noch auf Gleichheit, und noch weniger auf Anerkennung. Nicht zufällig sprechen wir von Vertrauen. Durch Vertrauen kommen wir in ein Gleichgewicht, ohne Sicherheiten zu haben.

 

Diotima: Femminismo fuori sesto. Un movimento che non può fermarsi. Napoli, Januar 2017

(Feminismus außerhalb jeglicher Ordnung. Eine Bewegung, die nicht zum Stillstand kommen kann)

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Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 29.03.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • claudia l sagt:

    Super artikel,wie gut finde ich mich in den worten wieder:
    Aber wir wissen, dass es mit jenem ersten Ja zusammenhängt, das ein symbolischer Antrieb für unser Handeln in der Welt ist. Eingestimmt auf dieses Anfangs-Ja, haben wir einen Schwung, der uns davor bewahrt, dass unsere Kritik am Existierenden, unsere sakrosankte Wut über Ungerechtigkeit und unser Argumentieren mit dem Negativen der Realität in den geistigen Negativismus unserer Zeit hinübergleiten.
    wie oft habe ich mich gefragt ,warum setzt du dich immer wieder den angriffen aus, wenn du dich matriarchal/ feministisch engagierst?
    jetzt verstehe ich es mit freuden,
    danke für die schöne übersetzung
    claudia von der tauber

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Alles, was dann unter der Überschrift steht, erkenne ich wieder in meiner christlichen Prägung. Und das ist gut so!

  • Fidi Bogdahn sagt:

    …unter der Überschrift Alles begann mit einem „Niemals“ und einem „Ja“ …

  • Juliane Brumberg sagt:

    Der letzte Absatz des Artikels, in dem es um „Vertrauen“ geht, hat mich besonders angesprochen. Vertrauen gründet einerseits auf Erfahrungen in Beziehungen und ist andererseits eine Vorleistung. Vertrauen lässt Öffnungen für Veränderungen zu, gerade weil es auf Sicherheiten verzichtet.

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