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Rubrik denken

Feminismus und das Soziale

Von Dorothee Markert

Femminismo fuori sesto

Die zweite Hälfte von Chiara Zambonis Kapitel in Femminismo fuori sesto beginnt mit der Überschrift: „Ein Gespenst spukt unter uns: Das Soziale“. Wie auch im ersten Teil stellt sie zunächst ihre Position deutlich hin, um sie anschließend zu erläutern. Sie schreibt: „Der Feminismus ist eine politisch-symbolische Bewegung. Er ist keine soziale Bewegung. In den gegenwärtig üblichen Diskussionen taucht der Begriff ‚sozial’ fast zwingend auf. Er wirkt wie ein Passe-Partout, um sehr unterschiedliche Realitäten miteinander in Verbindung zu bringen. Der Entstehung des Feminismus ist er fremd, und doch wird die feministische Bewegung immer wieder in den Bereich des Sozialen hineingezogen“ (S. 9).

Chiara Zambonis klare Positionierung in diesem Punkt hat mich beeindruckt. Doch ich bin mir noch nicht sicher, ob ich ihre Position teile. Denn ein großer Teil unseres feministischen Engagements hier im deutschsprachigen Raum war immer schon eng mit sozialen Bewegungen verbunden, in den 70er-Jahren mit der Arbeiterbewegung und mit der Hausbesetzerszene, in den letzten 10 bis 15 Jahren mit der Grundeinkommensbewegung, der Bewegung Care-Revolution und mit der Frage nach einem guten Leben für alle. Das neu gegründete Feministische Netzwerk bekennt sich in seinen Leitgedanken ebenfalls zur Solidarität mit Minderheiten und mit anderen sozialen Bewegungen, wobei auch hier nicht zwischen Sozialem und Politischen unterschieden wird, da ja insgesamt in der feministischen Bewegung noch kaum über diesen Punkt nachgedacht worden ist.

Auf jeden Fall ist es überfällig, dass wir uns gründlich mit der Frage auseinandersetzen, die Chiara Zamboni hier aufwirft, um den Unterschied zwischen einer politischen und einer sozialen Bewegung besser zu verstehen und um dann vielleicht genauer zu wissen, auf welche Weise wir in sozialen Bewegungen politisch aktiv werden können, ohne mit ihnen zu verschmelzen. Dies ist der Grund, warum ich Chiara Zambonis Text in mehrere bzw-weiterdenken-Artikel aufgeteilt habe, wobei ihre Position auch schon im ersten Teil angedeutet wird, wenn sie schreibt, der Feminismus sei keine solidarische Bewegung und keine Bewegung zum Schutz von Minderheiten.

Um die Distanz und offensichtliche Nähe des Feminismus zum „Sozialen“ aufzuzeigen, stellt Chiara Zamboni nun zwei Positionen dar, in denen eine wirkungsvolle Kritik an der Vorherrschaft des „Sozialen“ ausgearbeitet wurde. Sie setzt sich dabei mit Texten von Hannah Arendt und Simone Weil auseinander.

Mit Hannah Arendts Kritik am Sozialen bzw. Gesellschaftlichen in Vita activa (1994, S. 27 ff.) konnte ich bisher noch nicht so viel anfangen, da mich ihre Idealisierung der griechischen Polis störte, in der es für das Soziale/ das Gesellschaftliche noch nicht einmal ein Wort gab. Dort wurde die Welt des Politischen scharf gegen die „private“ Welt des Oikos, des „Haushalts“ abgegrenzt, in dem Frauen und Sklaven unter der Herrschaft des Haushaltsvorstands alle Tätigkeiten zu verrichten hatten, die für die Erhaltung des Lebens und der Gattung notwendig waren. Nur Männer, die all diese Notwendigkeiten, die mit der menschlichen Bedürfnisbefriedigung zu tun haben, also die gesamte Ökonomie, erfolgreich delegiert hatten, konnten überhaupt den politischen Raum betreten, um miteinander über die gemeinsame Welt zu verhandeln.

In der römischen Kultur bezog sich das Wort „sozial“ ursprünglich auf die Familie, in der zwischen Brüdern eine Treuebindung bestand. Die Bedeutung von societas erweiterte sich dann zu einem Vertragsverhältnis, in dem sich Einzelne aufgrund von gemeinsamen Interessen zusammenschlossen. Schließlich bezeichnete das Soziale den gesellschaftlichen Raum, in dem das, was in der griechischen Kultur als strikt privat galt, sich zum Öffentlichen hin erweiterte, wodurch es zu einer Überlagerung der beiden Ebenen des Privaten und des Öffentlichen kam. Schon in frühen Übersetzungen vom Griechischen ins Lateinische wurde der Fehler begangen, die Worte „politisch“ und „sozial“ als Synonyme zu behandeln, und diese Gleichsetzung durchdringt unsere Kultur bis heute.

Durch den Aufstieg des ökonomischen Denkens im Zeitalter der Moderne drängte sich zunehmend der Gedanke auf, dass öffentliche Bindungen nichts anderes seien als private Interessennetze. Dadurch verloren öffentliches Handeln und Sprechen jeglichen Wert an sich und wurden nur noch als Instrumente gesehen, um private Interessen zu äußern und ihre Durchsetzung zu organisieren.

Ein Hauptkritikpunkt von Chiara Zamboni ist, dass es in der vom Sozialen dominierten öffentlichen Diskussion keine Unterscheidung zwischen Politischem und Sozialem gibt und dass dabei das Politische an Bedeutung verliert und zunehmend verschwindet. Was wir heute Gesellschaft nennen, so Hannah Arendt, „ist ein Familienkollektiv, das sich ökonomisch als eine gigantische Über-Familie versteht und dessen politische Organisationsform die Nation bildet“ (Vita activa, S. 32). In der griechischen Polis war dagegen der öffentliche Raum das Reich der Freiheit, der Freiheit vom Herrschen und Beherrschtwerden und vom Zwang der Notwendigkeiten.

Die heute noch weitere Ausdehnung des Sozialen bedrohe die Unverletzlichkeit und Intimität des Körpers, die Sexualität und die Privatheit der Reproduktion des Lebens, was auch vermehrte Eingriffe des Staates in diese Bereiche zunehmend ermöglicht habe. Aufgrund der übermäßigen Zurschaustellung von Emotionen in Medien und sozialen Netzwerken bleibe noch nicht einmal die Vertraulichkeit von Herzensgeheimnissen gewahrt, so Chiara Zambonis weitere Kritik. Auf der anderen Seite werden die verbleibenden Intimräume umso wichtiger, beispielsweise Liebesbeziehungen oder kleine Unterstützungsgruppen, die emotionale Wärme bieten. Dies verstärkt die Tendenz, völlig unpolitisch zu leben, noch weiter. Mir fallen dazu auch manche Frauengruppen ein, in denen davon geschwärmt wurde, wie wohl man sich unter Frauen fühlt, während wenig Interesse am gemeinsamen Nachdenken über politische Fragen bestand. Durch die Unterscheidung zwischen Politischem und Sozialem kann ich solche sozialen Wohlfühlräume besser akzeptieren, da ich nun erkenne, dass ich mein Bedürfnis nach Politik nur umsetzen kann, wenn ich selbst dafür sorge – an diesem oder eben an einem anderen Ort.

Chiara Zamboni interpretiert nun die Aussage der Frauenbewegung der 1970-Jahre, das Persönliche sei politisch, als entschiedenes Sich-Querstellen gegen den weiteren Vormarsch des Sozialen, indem ein anderer Weg aufgezeigt wurde. Denn das Private als Politisches zu bezeichnen, bedeute nicht dasselbe wie das gegenseitige Sich-Überlagern von Privatem und Öffentlichem. Wohl wissend, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, diese Aussage zu interpretieren, legt Chiara Zamboni hier die für sie überzeugendste Interpretation dar: Was im eigenen Leben geschieht, soll als subjektive Erfahrung im Bezug auf das „gelesen“, also gedeutet werden, was in der Welt geschieht. Beispielsweise kann eine existenzielle Unruhe nicht nur als etwas Privates gedeutet werden, sondern als Schlüssel, von dem wir ausgehen, um symbolisch das zu deuten, was um uns herum geschieht. Ebenso kann eine subjektive Vision die passenden Vermittlungen finden, damit daraus etwas werden kann, das in der Öffentlichkeit geteilt wird. In beiden Fällen ist das, was politisch zu tun ist, sprachliche und praktische Vermittlungen zu finden, um einen Übergang zwischen den Ebenen zu schaffen. Da im Sozialen die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem ausgelöscht sind, kann hier scheinbar auf symbolische Vermittlungen verzichtet werden, die für die Politik der Frauen so wichtig sind. Denn das Bedürfnis nach Vermittlungen weist auf Brüche hin, auf fehlende Verbindungen. Dagegen gibt es im Sozialen kein sichtbar werdendes Ungleichgewicht.

Ein weiterer Kritikpunkt, den Chiara Zamboni von Hannah Arendt übernimmt, ist die Feststellung, dass durch die Vorherrschaft des Sozialen das Handeln Einzelner, mit dem sie im Rahmen der Pluralität von Beziehungen in Erscheinung treten, durch ein registrierbares, in Statistiken und Stichproben objektivierbares Verhalten ersetzt worden sei.

Simone Weil versteht unter dem Sozialen die emotionale Nahrung, die die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft in Form einer phantasierten gemeinsamen Stärke bieten kann. Das Soziale ist für sie nicht all das, was zu einer organisierten Gemeinschaft gehört, sondern sie meint damit nur die gemeinschaftlichen Emotionen. Es seien diese gemeinsamen Emotionen, die die Wirkung des Sozialen zeigen würden, die Gefühle, wenn wir an etwas teilnehmen, das die Seele ausfüllt. Dadurch fühlt man sich lebendig, schließt sich einem Ideal an, profitiert von der Stärke, die aus der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft stammt, die weder zum Denken noch zum Zweifeln anregt. Solche symbolischen Praktiken werden nötig, wo man sich nicht im Sinne einer Verschmelzung dem anschließt, was als einzige Realität gilt, sondern wahrnimmt, dass es eine Leere im Handeln und Verwerfungen im Realen gibt. Dagegen verführt das Soziale dazu, immer etwas Positives anzubieten, dem man sich unmittelbar anschließen kann. Wer den sozialen Werten folgt, wird immer eine Meinung zur Verfügung haben und einem Verhalten folgen können, das als wertvoll anerkannt ist. Es wird nichts zu bereuen geben, nichts, wofür man sich entschuldigen muss, da man sich den Meinungen der eigenen Zeit, dem Denken aller anschließt. Sich diesem unmittelbaren Anschluss zu entziehen und Brüche im Realen wahrzunehmen, bewirkt einen Verlust des Gleichgewichts. Erst wenn ein Schritt dazu führt, die Leere vor sich wahrzunehmen, kann etwas anderes geschehen, das über die restlos ausgefüllte Vorstellungswelt des Sozialen hinausgeht.

Zwar ist auch der Feminismus eine politische Bewegung, d.h., auch hier besteht die Gefahr, sich von einer imaginären Stärke genährt zu fühlen, aber mit der Besonderheit, dass hier jede von sich selbst ausgehend und in Beziehung zu anderen denkt, sich also nicht vorgegebenen Werten anschließt. Vor allem, wenn bewusst ist, dass es etwas gibt, das nicht in den Austausch des Sozialen hineingetragen, sondern bewahrt wird. Es ist jene stumme und unpersönliche Orientierung, die uns den Einklang mit dem ersten Ja finden lässt. Was es ist, wissen wir nicht im Voraus, sondern entdecken es beim Sprechen und Handeln. Politik ist also die Fähigkeit, lose Enden zu erkennen und darin nach dem unendlich kleinen fruchtbaren Keim zu suchen, um ihn zum Hebel eines erfinderischen Prozesses zu machen, der Brücken zwischen uns und der Welt baut, wobei beide verändert werden.

In einem weiteren Abschnitt denkt Chiara Zamboni nun darüber nach, was der Feminismus einen jungen Freund lehren könnte, der sich sozial engagiert.

In der neoliberalen Ideologie sei das Soziale zum grundlegenden Element der dominanten Ordnung geworden. Dies sei durch zwei Schachzüge geschehen. Im ersten wurde der Staat in einen „Bauern“ der Marktwirtschaft verwandelt, indem sein Charakteristikum, für die vitalen Bedürfnisse der Bürger da zu sein, Schritt für Schritt abgebaut wurde, teilweise mit öffentlicher Unterstützung. In einem zweiten Schachzug wurde der Bereich „Menschliche Bedürfnisse“ einem Netz von Initiativen anvertraut, die als sozial bezeichnet wurden, indem zur Gründung kleiner Unternehmen und selbstorganisierter Gruppen ermutigt wurde, die Hilfe für bestimmte Personen anboten oder sich um Allgemeingüter wie Wasser und eine gesunde Umwelt kümmerten oder auch den administrativen Hintergrund dafür boten. So ersetzt nun das Soziale viele staatliche Aufgaben. Dadurch verschob sich das subjektive Engagement vieler Männer und Frauen, die etwas für andere Menschen tun wollten, vom Politischen zum Sozialen. Hier gab es die Möglichkeit, subjektives Engagement und Arbeit zusammenzubringen. Beispielsweise verdient man bei der Arbeit in einer Nichtregierungsorganisation im Bereich internationale Solidarität Geld und hat trotzdem das Gefühl, etwas Altruistisches zu tun. Dabei ist man sich im Allgemeinen der Gesamtordnung nicht bewusst, in die dieses Engagement eingegliedert ist.

Die Schwierigkeiten des Feminismus, innerhalb dieser sozialen Initiativen weiterhin auf Politisches zu setzen, sind offensichtlich. Denn Frauen haben noch nie klar zwischen Privatem und Öffentlichem unterschieden, da sie immer schon ihre Gefühle und die Fähigkeit, sich um andere zu kümmern, in den Bereich der Öffentlichkeit hineingetragen haben. Außerdem kommt die Selbstorganisation solcher sozialen Initiativen den Bedürfnissen von Frauen ebenfalls entgegen. Und schließlich und vor allem lebt dieser Bereich von der Wertschätzung von Beziehungen. Im Sozialen ist alles Beziehung. Vom Beginn der Frauenbewegung an haben Frauen auf Beziehungen gesetzt, allerdings in einer feministischen Politik auf politische Beziehungen, d.h. auf freie Beziehungen, die nicht instrumentell auf ein Projekt ausgerichtet waren, das von anderen bestimmt war.

So groß die Nähe des Feminismus zum Sozialen also ist, so deutlich sind aber auch die Unterschiede. Subjektives Engagement, Beziehungen und die Fähigkeit, initiativ zu werden, sind in der Politik der Frauen nicht dafür da, den Staat zu ersetzen oder ein alles durchdringendes Soziales zu nähren. Der Hauptunterschied liegt in der Nicht-Austauschbarkeit, im weiteren Horizont des Feminismus, in jenem Ungleichgewicht, das soziale Projekte nicht vorsehen. Von diesem nicht sozialisierbaren Element aus, das aber eine bestimmte Ausrichtung hat, von dieser unendlichen Bewegung aus, die sich nicht in einem endlichen Projekt erschöpft, ist der Ort des Feminismus und sein Unterschied zur „Melasse“ des Sozialen zu erkennen.

Ein junger Freund Chiara Zambonis, der im Rahmen des Zivildienstes in einem Projekt zur Eingliederung ehemaliger Strafgefangener mitarbeitet, fragte sie, was er vom Feminismus lernen könne, damit sich seine Arbeit nicht auf die Reproduktion des Sozialen für das Soziale reduziert. Chiara Zambonis Antwort: Er solle die lebendige Erfahrung in Worte fassen, die aus der Spannung zwischen dem, was vom Projekt verlangt wird, und dem subjektiven Veränderungsprozess im Austausch mit den ehemaligen Strafgefangenen entsteht. Er solle sich die Frage stellen, was an Freiem und Symbolischen in dieser Arbeit geschieht, d.h., was diese Arbeit an authentischer Veränderung ermöglicht, die nicht in die Reproduktion des Sozialen für das Soziale passt. Es gibt tatsächlich immer etwas anderes und Wahres, etwas Unvorhergesehenes bei uns selbst und bei den anderen, die an einem solchen Integrationsprojekt beteiligt sind. Dies weist auf ein Mehr des Realen hin, da geschieht etwas Beunruhigendes, für das sich die Integrationsprogramme nicht interessieren. Wenn wir subjektiven Wahrheitsmomenten Wert geben können, die scheinbar unwichtig sind, Wunden, die sich im Verborgenen öffnen, oder Entdeckungen und Bewegungen der Seele, führt das dazu, symbolische Veränderungen zu erleben, die nicht in die verlangten Arbeitsprojekte eingepasst werden können. Erfahrungen dieser Art, die nicht sehr sichtbar sind, weil sie außerhalb des Erwartbaren liegen und deshalb besonderer Aufmerksamkeit bedürfen, werden dann zu etwas Politischem, wenn sie mit anderen geteilt werden. Sie wirken sich weder für noch gegen den sozialen Wandel aus, sondern stehen quer dazu, um von dort aus auf einen autonomen Weg symbolischer Kreativität hinzuweisen.

 

Diotima: Femminismo fuori sesto. Un movimento che non può fermarsi. Napoli, Januar 2017

(Feminismus außerhalb jeglicher Ordnung. Eine Bewegung, die nicht zum Stillstand kommen kann)

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Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 10.04.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Susanne Andrea Birke sagt:

    Ich finde es sehr anregend über die Verbindungen und Unterschiede von sozialen / politischen und symbolislchen Aspekten nachzudenken. Danke!
    Eine Nebenbemerkung irriterte mich aber: Warum das ein Gegensatz zum Kampf von Minderheiten sein soll verstehe ich nicht (aber vielleicht fehlt mir da der Blick ins Original – denn es geht ja nicht um Schutz von Minderheiten, sondern um Solidarität/Hinterfragen der eigenen Privilegien oder Einsatz für die eigenen Rechte – je nach Position der jeweiligen Frau in einem bestimmten Aspekt). Black lives matter z.B. ist ja nicht weniger politisch und symbolisch. Zumal ich den Gegensatz von Minderheiten und Frauen nicht nachvollziehen kann. Das halte ich für eine realtitäsfremde Vorstellung von Frauenleben, die wir hinter uns lassen sollten.

  • heli voss sagt:

    DANKE, DENKEN
    um die Ecke denken und nach-denken und genau sehen, WAS IST.
    Kompliziert, aber erhellend, wenn die Funken leuchten. heli voss(80J.)

  • Ute Plass sagt:

    Ich verstehe nicht, was das Anliegen von Chiara Zamboni ist?

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe @Ute Plass,
    Chiara Zambonis Anliegen ist m.E. zu erklären, warum die feministische Bewegung keine soziale, sondern eine politische Bewegung ist, und was der Unterschied zwischen beidem ist. Sie weist auf die Gefahr hin, dass Politisches durch den Vormarsch des Sozialen zunehmend verschwindet. Ich persönlich finde es sehr hilfreich, dass ich jetzt Politisches und Soziales schon ein bisschen besser unterscheiden kann, auch bei meinen eigenen Bedürfnissen. Und dass ich es besser akzeptieren kann, dass es viele Menschen gibt, die im Gegensatz zu mir nur soziale, aber keine politischen Bedürfnisse haben. Und ich habe verstanden, dass ich mich selbst darum kümmern muss, damit dort, wo ich gerade bin, auch etwas Politisches passiert, und wo die Ansatzpunkte dafür sind.

  • Ute Plass sagt:

    @ Dorothee,
    was genau ist denn das Politische und was das Soziale bei Chiara Zamboni?
    Wenn ‚das Private politisch‘ ist, wieso nicht das Soziale?

  • Dorothee Markert sagt:

    @Ute Plass: Zu deiner ersten Frage könnte ich dir jetzt nur Punkt für Punkt auflisten, was im Text steht über das Soziale und das Politische. Aber das kannst du selber auch. Und „genau“ kann ich das auch noch nicht unterscheiden. Ich fange ja, angeregt durch die Hinweise im Text, auch erst an, den Unterschied zu erforschen. Beispielsweise wenn ich wahrnehme, dass Menschen, die sich in Bewegungen engagieren, dabei unterschiedliche Bedürfnisse haben. Manche sind dort wegen der Zugehörigkeit und weil sie sich dort wohlfühlen, oder weil es ihnen gefällt, Teil von etwas „Großem“ zu sein. Und andere haben ein Anliegen, wollen sich für bestimmte Veränderungen engagieren und verfolgen das auch weiter, wenn die „Bewegung“ sich ganz anders entwickelt. Beim Politischen geht es immer auch um die Freiheit, anders zu sein. Zur zweiten Frage: Damit aus dem Privaten etwas Politisches wird, muss eine Vermittlungsarbeit geleistet werden, müssen manchmal sprachliche Erfindungen gemacht werden oder Bilder oder bestimmte praktische Verfahren entwickelt werden, um den Übergang vom Privaten ins Öffentliche hinzukriegen. Also damit etwas, das zunächst nur mich stört oder mir ein Anliegen ist, auch von anderen aufgegriffen wird. Im Sozialen überlagert sich Privates und Öffentliches, da sind sich alle einig, weil ja alle scheinbar ähnliche Bedürfnisse und Interessen haben, so wie der Mainstream es eben vorgibt.

  • Ute Plass sagt:

    Danke Dorothee für deine weiteren Erläuterungen. Die Frage, wozu es die Unterscheidung von Politischem und Sozialem braucht, wird mich noch weiter beschäftigen. Insbesondere die Antwort von Chiara Zamboni auf die Frage des jungen Studenten, „was er vom Feminismus lernen könne“.
    und mir darüber „Mystik und Widerstand“ v. Dorothee Sölle in den Sinn kommt. Vielleicht weil Ch.Zamponis Verweis auf ein „mehr des Realen“ dem „mehr als alles“ von Sölle verschwistert scheint? Ein Feminismus der mystischen Empfindlichkeit? Mehr Fragen als Antworten.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ute Plass, du schreibst am Schluß „Mehr Fragen als Antworten“; das gefällt mir, und das z.B. ist für mich politisch, weil es (mich) weit und frei sein lässt.

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke, @Fidi, schön, wie du das schreibst! Und danke, @Ute Plass, für deine Fragen und dein Weiterdenken. Was wir hier gerade machen, ist ein Teil dieser symbolischen Arbeit, die zum Politischen gehört. Da schlägt eine eine Unterscheidung vor, die mir neu ist und deren Sinn ich zunächst überhaupt nicht einsehe. Weil ich der Vorschlagenden aber Autorität zuspreche, probiere ich diese Unterscheidung halt mal aus. Und plötzlich merke ich, wie ich Erfahrungen anders einordne, wie ich Erlebtes besser verstehe und vor allem, dass mich diese Unterscheidung (zwischen Sozialem und Politischen) freier macht. Denn das Soziale als große Über-Familie neigt dazu, mich mit seinen Wünschen, Erwartungen und Notwendigkeiten rundum beschäftigt zu halten und mir zudem noch ein schlechtes Gewissen zu machen. Beispielsweise weil ich keine Sprachkurse für Flüchtlinge anbiete, obwohl ich das doch könnte. Oder weil ich keine Lust habe, einen runden Geburtstag zu würdigen, obwohl ich der Jubilarin einiges zu verdanken habe. Gleichzeitig macht mich diese Unterscheidung auch aktiver, stärker und wacher. Denn ich begreife, dass das Politische nicht wie das Soziale einfach da ist, und ich nur mitmachen muss, sondern dass ich mich aktiv darum bemühen, danach suchen muss. Dafür muss ich mich von den unendlich vielen sozialen Verpflichtungen (die ja wichtig sind und die ich ja teilweise auch gern erfülle) und von dem sozialen Anpassungsdruck immer wieder auch frei machen, um die Stellen wahrzunehmen, wo ich mit meiner Einzigartigkeit gefragt bin, um etwas, was vielleicht für die Welt wichtig ist, anzustoßen.

  • Evline Ratzel sagt:

    Das sind die Momente, wo sich in Sekundenschnelle eine freudige Aufgeregtheit einstellt: ja, das ist es, nichts Neues, bereits Gelebtes und heute wieder eminent wichtig, die Frage der Trennung von Politischem und Sozialem in den Fokus zu stellen. Die vielen Orte und Zeiten des Politischen brachten und bringen immer wieder neu die wichtigen Fragen nach vorn.
    Dazu gehört für mich die Frage der Dynamik zwischen Utopie und Realitäten. Utopie nicht im Sinne von „kein Ort nirgends“, sondern: Wie möchte eine Jede ihre Sehnsüchte, ihr Begehren, ihre Wandlungen leben und den Anderen gegenüber zur Sprache bringen? Eine Blumenwiese voll. Und das tun wir, wenn wir`s tun, in der Realität, in den Realitäten, die wir jetzt teils alleine, teils gemeinsam schaffen. Wir können alte und neue Spuren finden und wenn gerade keine zu sehen sind, können wir jetzt neue Spuren ziehen. Das macht Chiara Zamboni, und danke, Dorothee, dass Du übersetzt und zusammenfasst, jedoch brauchen wir das ganze Buch auf Deutsch!
    Ein weiterer Gedanke, es geht um die politische Sichtbarkeit von Frauen. Das ist zurzeit nicht nur nicht schick, sondern wird geradezu beschimpft als rassistisch, sexistisch und was auch immer noch. Die Großbuchstabenreihe, mit Sternchen und Unterstrichen verziert/verzerrt, hebt die Lebensstile hervor, die gerade hip sind, und auf dieser Bühne sind es schon lange nicht mehr die Lebensstile unterschiedlichster Frauen. Denn die sind doch eher fad und entbehren jeder Bukolik im Vergleich mit schwultransinter. Zu erleben während queerer Stadtrundgänge oder kürzlich in Karlsruhe am one billion rising day, wo Reden zu schwul-trans- Unterdrückung gehalten wurden. Da werden wir Frauen doch nicht so unverschämt sein und unsere politischen Themen mit Schwergewicht versehen? Und das führt geradewegs in die Falle des Sozialen. Frauen waren doch immer fürs Soziale gut, das können wir doch am allerbesten: unsere politischen Interessen hintanstellen und uns auf den diversen sozialen Bühnen nützlich machen. Und so beklagen Care-Frauen die Unterrepräsentanz männlicher Carer, und sie setzen sich dafür ein, dass von denen noch ein paar mehr dazu kommen.
    Wenn wir allerdings unsere politischen Räume endlich wieder wertschätzen und ausbauen, gewinnen wir die Weite, Freiheit und Heiterkeit politischer Sprache und Aktionen. Von dort aus können alle nach Lust, Begabung und Fähigkeiten sich in die Arbeit sozialer Bewegungen einbringen.
    Noch ein Gedanke. Judith Butler spricht davon, dass unter unterschiedlichsten Menschen eines verbindend ist, nämlich unsere gemeinsame Verletzlichkeit. Das scheint mir ein Beispiel zu sein für die ausweglose Vermischung von Politischem und Sozialem.

  • Ute Plass sagt:

    @Fidi und @Dorothee, spannend, was ihr schreibt.
    Sehr einleuchtend für mich das Freimachen von sozialem Druck
    und das aktive Bemühen zum Politischen hin.
    Da bleibe ich mal dran. 🙂

  • Antje Schrupp sagt:

    @Eveline Ratzel – Wieso bist du der Meinung, dass die politische Sichtbarkeit von Frauen in der Queer- Bewegung als rassistisch, sexistisch usw. beschimpft wird? Ich bin ja häufig an solchen Orten, aber das ist mir nicht aufgefallen, ich halte das für ein Vorurteil aus der Ferne. Was allerdings stimmt ist, dass dort nicht mehr so selbstverständlich klar ist, was „Frausein“ bedeutet. Darüber lässt sich sicher in vielerlei Hinsicht diskutieren und auch kritisch hinterfragen (wie Jutta es zum Beispiel in unserem Gespräch darüber macht). Und was ebenfalls heute von jüngeren Frauen hinterfragt wird, ist die Selbstverständlichkeit, mit der du von einem „Wir Frauen“ ausgehst. Welche Frauen gehören denn zu deinem „Wir“ und welche nicht? Ich finde vieles an diesen Überlegungen im Queerfeminismus mindestens bedenkenswert, und ich finde, sie haben eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient und nicht, pauschal abgebügelt zu werden.

  • Ute Plass sagt:

    Liebe Dorothee,
    der vorausgehende, von dir übersetzte Beitrag:
    http://www.bzw-weiterdenken.de/2017/03/eine-bewegung-die-sich-schritt-fuer-schritt-selbst-formuliert/ ist mir irgendwie durchgegangen. Dabei finde ich gerade in diesem viel Klärendes für das, was ich hier thematisierte und mich mit bewegt. Dort heißt es u.a.:

    „Der Feminismus ist eine politische Bewegung, weil das Bedürfnis, mit anderen zusammen Worte, Praktiken, Gedanken und Aktionen zu verändern, ein Erfordernis des Lebens ist, das von dem Bewusstsein begleitet wird, dass ein solches Tun eine Veränderung aus dem Inneren des Gewebes der gemeinsamen Welt heraus zum Ziel hat. Wichtig ist, dass es aus dem Inneren der Welt heraus geschieht und nicht durch ein Projekt in der Welt und für die Welt. Genau aus diesem Grund ist Feminismus eine andere politische Praxis als die der traditionellen politischen Organisationen.“

    Großes Danke für diese, in mehrfacher Hinsicht, wertvolle
    *Übersetzungsarbeit*.

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