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Neue Fragen im heutigen Feminismus

Von Dorothee Markert

Femminismo fuori sesto

„Seit Jahrzehnten setzt sich der Feminismus immer wieder neu mit der Differenz und der Sexualität auseinander, mit Männergewalt gegenüber Frauen, mit der eigenen Beziehung zur Demokratie und zum Recht, mit Arbeit, Mutterschaft und Abtreibung, denn keine Errungenschaft (in all diesen Bereichen) bleibt jemals stabil“ (S. 18). So beginnt der dritte Abschnitt von Chiara Zambonis Kapitel im Diotima-Buch „Feminismus außerhalb jeglicher Ordnung“, in dem sie nun die Themen vorstellt, die neu dazugekommen sind.

Der erste Punkt ist die Migration aus Afrika und Nahem Osten in europäische Länder wegen fehlender Arbeitsmöglichkeiten und Kriegen, besonders die Tatsache, dass mehr Männer als Frauen einwandern, mit anderen kulturellen Vorstellungen und vor allem mit anderen Umgangsweisen zwischen Männern und Frauen. Dies ist ein schwieriges Problem, denn es geht dabei um die Frage nach den Fähigkeiten und Möglichkeiten von Frauen, auf ein zivilisiertes Zusammenleben hinzuwirken. Das gestaltet sich besonders schwierig, da diese Männer größtenteils ohne Familie hier ankommen und daher die Vermittlung durch eine andere Frau fehlt.

Chiara Zamboni weist darauf hin, dass die neu ankommenden Männer die hiesigen Beziehungen zwischen Frauen und Männern sehr genau beobachten. Sie berichtet von dem Besuch einer Gruppe afrikanischer Männer bei einem sozialen Fußballprojekt in der Umgebung von Verona. Eine der ersten Beobachtungen der Gäste war, dass hier die Frauen Autorität hätten.

Um eine gute Form des Zusammenlebens mit diesen Männern zu finden, müssten neue Vereinbarungen entwickelt werden, für die wir uns nicht abstrakt und verallgemeinernd einsetzen sollten, sondern immer dann, wenn sich eine Gelegenheit dafür ergibt, von Situation zu Situation.

 

Als zweite der gegenwärtigen Herausforderungen für den Feminismus betrachtet Chiara Zamboni die „neue Form des Neutrums“. Der Begriff „Neutrum“ bezieht sich auf einen Artikel im allerersten Diotima-Buch, das 1987 erschienen ist. Damals distanzierten sich viele Frauen beim Einstieg in bis dahin Männern vorbehaltene Lebenswelten von ihrem Frau-Sein und versuchten, da sie ja nicht zum Mann werden konnten, auf den die ganze Welt von Beruf und Öffentlichkeit zugeschnitten war, sich als eine Art Neutrum zu präsentieren. Sie „standen ihren Mann“ und sahen sich selbst in der Abstraktion „Mensch“.

Als neue Form des Neutrums bezeichnet Chiara Zamboni nun die geschlechtliche Indifferenz, die Einstellung, das Geschlecht spiele keine Rolle, es sei gleichgültig. Da die Geschlechterdifferenz aber die Matrix aller weiteren Differenzen ist, wird durch ihr Für-überflüssig-Erklären auch der Weg eröffnet, jeglicher Differenz symbolischen Wert abzusprechen. Und dies versetzt der Pluralität den Todesstoß, der Wahrnehmung und Anerkennung, dass wir als viele Verschiedene die Erde bewohnen. Denn Pluralität entsteht aus dem Austausch zwischen Differenzen.

Die Schwächung der Geschlechterdifferenz und von Differenz überhaupt führt auf symbolischer Ebene dazu, dass einer Vielzahl von festgelegten Identitäten Wert zugesprochen wird, die gegeneinander abgegrenzt werden, als würden sie sich nicht gegenseitig beeinflussen und dadurch verändern.

Diese neue Form des Neutrums passe zur neoliberalen Ideologie und nutze ihr, denn sie brauche Identitäten, die leicht austauschbar sind. Je mehr die Identitäten vervielfacht und ihrer materiellen und historischen Bindungen beraubt werden, um so „freier“ sind sie, um in den neuen Formen ökonomischer Organisation Verwendung zu finden. Diese „Freiheit“ bedeutet, dass der oder die Einzelne die eigene Arbeitskraft anbieten kann, ohne den Ballast von Wurzeln, Geschichte und sexueller Differenz. Die vielen Identitäten, die aber keine Rolle spielen, sind bei der Arbeit leicht austauschbar. Solche Identitäten sind dafür kein Hindernis, da die Differenz zwischen ihnen statisch ist und der Austauschbarkeit nichts entgegenzusetzen hat.

Der politische Wert von dynamischen und sich verändernden Differenzen bewegt sich auf einer völlig anderen Denkschiene. Hier geht es um Unterschiede, die dafür da sind, Austausch, Konflikt und Veränderung durch gegenseitige Ansteckung zu bewirken, im Rahmen von konkreten Beziehungen, die uns jeweils wichtig sind. Und zwar weniger durch dialektische Konfrontation, sondern eher durch Entdecken, Staunen, durch die Richtung des Begehrens, durch Erlittenes und Beunruhigendes und durch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der sprachlichen Ordnung.

Das Neutrum der vielen Identitäten hat als politischen Subtext den Kampf für die jeweils eigene Anerkennung durch die Institutionen. Dieser Kampf bewegt sich auf der vertikalen Ebene, von unten nach oben und umgekehrt. Dagegen ist der Feminismus eine Bewegung von einer Aktion zur nächsten, von Gespräch zu Gespräch, von sich selbst ausgehend und in Beziehungen, eine Bewegung, die nicht nach institutioneller Anerkennung strebt. Vor allem anderen bedeutet Geschlechterdifferenz, dass es eine Differenz innerhalb von mir gibt, die verhindert, dass ich mit mir selbst identisch bleibe. Und von hier aus öffnet sich der Weg in andere Bewegungen, die dem Verschiedensein Wert geben.

Während der Neoliberalismus Prozesse der Neutralisation von Unterschieden favorisiert, indem er eine Vielzahl entwurzelter Identitäten nebeneinanderstellt, behindert die feministische Bewegung solche Prozesse. Sie schafft eine politische und symbolische Matrix, um sich in der Welt zu bewegen, mit Veränderungen, die seitwärts geschehen, durch Ansteckung, Berührung, bildliche und sprachliche Erfindungen und Selbstveränderungen. Die Beziehung der feministischen Bewegung zu den Institutionen bleibt eine wichtige Frage, doch ganz sicher nicht im Sinne einer Forderung nach Anerkennung, denn diese führt zu einer symbolischen Haltung, die der weiblichen Freiheit schadet.

 

Als drittes Thema, mit dem der Feminismus sich neu auseinandersetzen muss, betrachtet Chiara Zamboni die Bewegungen für die Natur: für die Erde, das Wasser, die Umwelt, für lebensfreundliche Städte. Auch sie empfindet es als anziehend, sich für eine Erneuerung der Art, wie wir die Erde bewohnen, einzusetzen.

Zweifellos hat die feministische Literatur sich immer schon mit Fragen zur Natur beschäftigt. Ein Grund dafür ist, dass Frauen im Patriarchat mit der Natur gleichgesetzt worden sind. Daher distanzieren sich ökofeministische Texte meistens gleich zu Beginn von dieser Gleichsetzung und bemühen sich um eine Annäherung an die Natur von einer bewussten Freiheit aus. Denn die Bindung an die Natur ist in der weiblichen Kultur ein ebenso problematisches wie fruchtbares Thema, vielleicht mehr als in der männlichen Kultur. Hier kommt der Zusammenhang zwischen Freiheit und Abhängigkeit ins Spiel, wenn wir uns bewusst machen, dass wir alle vom Körper abhängig sind, wobei der Körper als unser aller Ursprung für Frauen wahrscheinlich präsenter ist.

An dieser Stelle eröffnen sich für Chiara Zamboni viele Fragen: Ihr fällt auf, dass sich in Bewegungen für die Natur die alte Kluft zwischen Materie und Geist wieder auftut. Den Frauen habe dieser Gegensatz noch nie etwas Gutes gebracht. In weiten Teilen der ökologischen Bewegung werde ausschließlich vom Stofflichen gesprochen, wenn von Wasser, Erde und Luft die Rede sei. Andere Bewegungen begeben sich auf ein doppeltes Gleis. Sie sprechen von der Materialität der Elemente, für die sie sich einsetzen. Auf einer anderen Ebene spiritualisieren sie das Wasser und die Erde und sprechen ihnen eine Seele zu. Die Erde wird zur Großen Mutter, ihre Fruchtbarkeit nimmt göttliche Qualitäten an. Chiara Zamboni fragt sich: Wo haben solche Mythen mit Wahrheit zu tun und wo dienen sie nur der Selbstvergewisserung? Warum gibt es in der feministischen Literatur, sobald es um die Natur geht, diese breite Wertschätzung des Mythischen? Wie könnten wir stattdessen Worte finden, die der subjektiven Erfahrung treu bleiben, beispielsweise der Erfahrung mit der Erde? Und wie könnten wir, ausgehend von dieser Erfahrung, über unsere Beziehung zur Heiligkeit der Erde nachdenken, aber als eine Frage und eine Suche nach subjektiver Wahrheit, anstatt uns sofort in den Mythos von der Erdmutter hineinfallen zu lassen, den wir von der Vergangenheit geerbt haben und von dem wir uns manchmal Trost erhoffen?

Das seien nur ein paar von vielen möglichen Fragen, die aber auf die Fruchtbarkeit dieses Weges hinweisen, den ein Teil der feministischen Bewegung eingeschlagen hat, „aus Notwendigkeit, aus einer Beunruhigung heraus, aus unendlichem Begehren. Und im Einklang mit jenem ersten Ja, von dem auch dieser Text ausgegangen ist“ (S. 22).

Diotima: Femminismo fuori sesto. Un movimento che non può fermarsi. Napoli, Januar 2017

(Feminismus außerhalb jeglicher Ordnung. Eine Bewegung, die nicht zum Stillstand kommen kann)

Link zum Beginn der Serie

 

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 15.04.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Evline Ratzel sagt:

    Ich möchte zur wichtigen Frage der Identitäten etwas hinzufügen.
    Eine solitaristische Identität ist weltabgewandt und dient im schlimmsten Falle den neuen und alten Nazis („100 Prozent Identität“ ist ein Code der rechten Rassisten).
    Der indische Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen hat sich in der Entwicklungspolitik für nachhaltig vergebene Kleinkredite an Frauen stark gemacht. Zusammen mit der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum hat er im Auftrag der UNO zusammengetragen, was unter einem guten leben zu verstehen ist. Eine Stimme also, der frau zuhören kann. Ich möchte zum Thema Identitäten aus seinem Buch „Die Identitätsfalle“ zitieren:
    „Eine Person kann gänzlich widerspruchsfrei amerikanische Bürgerin, von karibischer Herkunft, mit afrikanischen Vorfahren, Christin, Liberale, Frau, Vegetarierin, Langstreckenläuferin, Historikerin, Lehrerin, Romanautorin, Feministin, Heterosexuelle, Verfechterin der Rechte von Schwulen und Lesben, Theaterliebhaberin, Umweltschützerin, Tennisfan, Jazzmusikerin und der tiefen Überzeugung sein, dass es im All intelligente Wesen gibt, mit denen man sich ganz dringend verständigen muss (vorzugsweise auf englisch)…Angesichts unserer unausweichlich Pluralen Identität müssen wir im jeweils gegebenen Kontext entscheiden, welche Bedeutung wir unseren einzelnen Bindungen und Zugehörigkeiten zumessen. Um ein menschliches Leben zu führen, muss man also nachdenken und eine Wahl treffen.“
    Jede Frau weiß, welche Rollen ihr gesellschaftlich zugeschrieben wurden und werden, und das ist eine der Gründe für eine kämpferische Frauenbewegung.
    Es geht doch darum, unsere unterschiedlichsten Identitäten selbst zu bestimmen und auch ihre jeweiligen Bedeutungen, die wir ihnen zu bestimmten Zeiten oder Lebensphasen zumessen. Das ist ein dauernder dynamischer Prozess, und wir werden immer wieder darüber nachdenken, welche unserer Identitäten wir jetzt gerade wie gewichten. Und dann eine Entscheidung treffen. Eine Jede regiert ihre Identitäten und lässt den Neoliberalismus außen vor.

  • Ursula Knecht sagt:

    Liebe Dorothee
    ganz herzlichen Dank für deine grossartige Übersetzungs- und Denkarbeit. Denn, um einen Text wie diesen zusammenfassend zu übersetzen und zu präsentieren, muss er erst verstanden werden. Für mich ist er ein wichtiger Denk-Anstoss: Feminismus nicht (oder weniger) als soziale, denn als politisch-symbolische Bewegung zu begreifen und durchdenken. Da wünsche ich mir noch viel Austausch. Gerade jetzt, wo wir uns sehr mit CARE („Care Revolution“, „Wirtschaft IST Care, WiC“ etc. auseinandersetzen, ist diese symbolisch-politische Denkarbeit wichtig. Im Sinne von I care als „Es interessiert mich, es gibt mir zu denken“ (wie es ja im Englischen auch gebraucht wird). Frohe nachösterliche Grüsse von Ursula und vom Labyrinthplatz

  • Ute Plass sagt:

    @Evline Ratzel: „Eine Jede regiert ihre Identitäten und lässt den Neoliberalismus außen vor.“

    Wie sieht das lebenspraktisch aus? Konkrete Beispiele?

  • Gisela Weber sagt:

    Meiner Meinung nach redet der Feminismus um den heißen Brei herum und gelangt nicht zum Kern des Geschlechter-Dilemmas.

    Meist geht es um das gleiche patriarchale Leistungsprinzip, das gepaart mit dem Emanzipationsfaktor den „Sinn“ von Arbeit darstellen soll.

    Diese Vorstellung scheitert an der Realität, weil hier die Endlichkeit der Natur-Ressourcen nicht mit einkalkuliert wird.
    Denn Emanzipation als ursprüngliche patriarchale Definition bedeutet Befreiung von natur- und gesellschaftsbedingten Abhängigkeiten, die nur über den patriarchalen Leistungsbegriff zu erreichen ist.

    Da aber nicht so viele Naturressourcen vorhanden sind um allen Menschen eine Karriere mit Emanzipationsaussichten zu gewährleisten – denn Karrieren, Individuationen und Emanzipationen erfordern Naturresourcen – muss der Sinn von Arbeit grundsätzlich überprüft werden.

    Der ursprüngliche Sinn von Arbeit ist die intergenerationale Interaktion (Cl.v. Werlhof). In der matriarchalen Determination von Arbeit ist der soziale, intergenerationale, ökologische, generative und „care“ Aspekt enthalten.
    Wohingegen die patriarchale Definition von Arbeit einen Anspruch auf Selbstprofilierung, Selbstbereicherung und Überlegenheit beinhaltet.

    Angesichts der Knappheit von Ressourcen, der Vergiftung und Zerstörung unserer natürlichen Existenzgrundlagen stehen wir vor der Frage der Menschwerdung – die mit der Mutter beginnt – (frei nach Cl. v. Werlhof)
    und nicht mit der Emanzipation.

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Nun ich erlebte anschliessend an einem Labyrinth-Anlass,dass Arm/Hand drücken auf einem Tisch,spontan ausgeführt, tatsächlich auch zu weitere Themen führen die spannend sind.Die Stärke der Ander erfahren,wo Frau früher selber eine starke Kraft hatte.Der Ander Raum und Gelegenheit geben über die Stärke nachzusinnen um zum Schluss zu kommen,näher an der Zartheit,das Zärtliche und Weichheit angekommen zu sein.Frappant!

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Nun,ich erlebe unterwegs vielerlei mit meine E-Gitarre mit Zubehör,eben mit den verschiedenen Pedalen im Case.Besonders mit den (ausländischen) Männern die neugierig sind und ein Grund sehen von den Tische wegzukommen um nachzuschauen was da los ist.Denn es wird von mir auch geschraubt an die Geräte,bis die Stimmung da ist.Da ich immer noch alles selbst in die Hände nehme und im Zug.Bus,Tram,gegenwärtig bin,treffe ich natürliche Weise auf Menschen mit neugierige Blicken und Fragen.Denn ich bin immer noch eine Exotin die es wagt mit dieser Bagage unterwegs zu sein und an die Umwelt zu denken.Auch spannend!Danke Dorothee für den Bericht.

  • Dorothee Markert sagt:

    @Gisela Weber: Mir ist nicht klar, worauf im Text sich Ihr Kommentar bezieht, vor allem die pauschal abwertende Aussage, der Feminismus rede um den heißen Brei herum. So wie die italienischen Denkerinnen, die ich hier referiere, Feminismus definieren, hat er nichts zu tun mit Emanzipation im Sinne einer Angleichung von Frauenleben und -denken an das der Männer, im Gegenteil. Ihre Kritik an einem Arbeitsbegriff, der zu grenzenloser Ausbeutung und Zerstörung der Natur führt, betrachte ich aber als interessante Ergänzung zu Chiara Zambonis Abschnitt über das Thema „Natur“. Danke dafür.

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