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Unser Beitritt zum Feministischen Netzwerk

Von Dorothee Markert

Wir Frauen der Redaktion von bzw-weiterdenken haben uns alle gefreut, als – überwiegend von jüngeren Frauen – das Feministische Netzwerk gegründet worden ist, wobei auch unser Redaktionsmitglied Antje Schrupp mitgewirkt hat. Bei der Frage nach einem Beitritt unseres Projekts zum Netzwerk waren jedoch einige von uns, mich eingeschlossen, zunächst zögerlich. Denn mit manchen Formulierungen in den Leitgedanken waren wir nicht ganz einverstanden. Nachdem wir bei unserer Redaktionssitzung dann Punkt für Punkt durchgesprochen hatten – an manchen Stellen kam es auch zu kontroversen Diskussionen – konnten wir schließlich dem Beitritt zustimmen. Uns war deutlich geworden, dass unsere Kritik an den Leitgedanken nicht im Gegensatz zu den Hauptanliegen des Netzwerks steht, sondern hauptsächlich einzelne Begriffe und Formulierungen betrifft.

Da ja im Einladungsschreiben des Netzwerks dazu aufgerufen wird, die Leitgedanken, die „erst ein Anfang sind“, noch weiter zu spezifizieren, möchte ich nun versuchen, das, was zunächst nur ein Unbehagen war, in Worte zu fassen.

Als einzige in unserer Redaktion störte mich die Formulierung im Abschnitt „Reproduktive Rechte“: „Das bedeutet den Zugang zu legalen, stigmatisierungsfreien und vor allem sicheren Schwangerschaftsabbrüchen, die rezeptfreie Pille danach …“, wobei ich dem inhaltlich gar nicht widersprechen möchte. Auch ich bin selbstverständlich gegen staatliche Abtreibungsverbote, aber ich bin auch gegen Abtreibung, d.h., ich bin der Meinung, dass alles erdenklich Mögliche getan werden muss, um Abtreibungen zu vermeiden. Und dass eine Abtreibung nur dann gerechtfertigt ist, wenn alles versagt hat, was sonst zur Verhinderung einer unerwünschten Schwangerschaft getan worden ist. Mit der  Formulierung in den Leitlinien assoziiere ich eine konsumorientierte Haltung und denke dabei an die Leichtfertigkeit, mit der manche Menschen, vor allem die am Entstehen unerwünschter Schwangerschaften ja ebenfalls beteiligten Männer, das Schwangerwerdenkönnen bei heterosexuellem Sex ausklammern und selbstverständlich davon ausgehen, dass sich die Frauen um Verhütung zu kümmern haben. Daher wünsche ich mir nicht nur „medizinisch korrekte“ Sexualaufklärung, sondern durchaus auch die Erziehung zu einer verantwortungsvolleren Haltung in diesem Bereich, als ich sie derzeit beobachte. Beispielsweise kommen ja fast in jedem Spielfilm Sex-Szenen vor, doch ich erinnere mich an keinen einzigen Film, in dem  auch gezeigt wird, dass sich die Beteiligten vor dem dort immer als ungeschützt dargestellten Sex über die Frage der Verhütung Gedanken machen oder in dem mit großer Selbstverständlichkeit dargestellt wird, dass die Benutzung eines Kondoms in den Liebesakt einbezogen wird.

Im Abschnitt „Arbeitnehmer*innenrechte“ beschäftigte uns der Satz „Niemand darf wegen des ausgeübten Berufs stigmatisiert werden.“ Unserer Vermutung nach bezieht sich dieser Satz auf Prostituierte, was Antje Schrupp bestätigte. Wiederum gab es für uns keinen Grund, dem Inhalt dieser Aussage nicht zuzustimmen. Doch mit dem Wort „Beruf“ verband sich für einige von uns die ja in der Frauenbewegung sehr umstrittene Einstellung, „Sex-Arbeit“ sei ein Beruf wie jeder andere. Und dem widersprachen einige von uns heftig, da das Zur-Verfügung-Stellen bzw. das Benutzen des weiblichen Körpers oder von Teilen davon gegen Bezahlung für sie mit der Würde der Frauen unvereinbar ist.

Im Abschnitt „Bürger*innenrechte“ gab es allerdings tatsächlich inhaltliche Bedenken gegen den ersten Satz „Wir wollen, dass alle Menschen, die hier leben, Bürger*innenrechte innehaben, einschließlich des Rechts zu wählen“. Ein Redaktionsmitglied findet die Unterscheidung zwischen Menschenrechten und Staatsbürgerrechten durchaus sinnvoll und auch die Tatsache, dass das Wahlrecht an die Staatsbürgerschaft geknüpft ist, für die man sich entscheiden muss. Veränderungen am Staatsbürgerschaftsrecht sind sicher notwendig, doch sie müssen sehr gut überlegt werden, wie wir derzeit daran sehen, dass Erdogan aus der Tatsache, dass viele hier lebende Türken und Türkinnen türkische Staatsbürger sind, das Recht ableitet, hier in Deutschland Wahlwerbung für seine zunehmende Umwandlung der türkischen Demokratie in eine Diktatur machen zu dürfen. Da wir den Wunsch von Migranten und Migrantinnen nachvollziehen konnten, ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft behalten zu wollen, auch wenn sie dauerhaft in einem anderen Land leben, es aber auch wichtig fanden, dass man sich dort, wo man lebt, politisch betätigen und auch wählen kann, dachten wir an die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft, bei der man sich entscheiden muss, welche jeweils aktiv ausgeübt wird und welche in der Zeit ruht.

Die Aussage, dass alle das Recht haben sollten, einen Glauben auszuüben oder nicht, gegen die wiederum nichts einzuwenden ist, wollte ein Redaktionsmitglied ergänzt haben durch einen Satz über die öffentliche Glaubensausübung, die ihrer Meinung nach eingeschränkt werden soll, wenn sie dem friedlichen und funktionierenden Zusammenleben schadet. Und dann müsste ja auch noch überlegt werden, was zu tun ist, wenn grundlegende Menschenrechte, beispielsweise das Recht auf körperliche Unversehrtheit, im Gegensatz zu bestimmten, für eine Glaubensgemeinschaft grundlegend wichtigen Praktiken der Glaubensausübung stehen.

Den Slogan „Kein Mensch ist illegal“ am Ende des Abschnitts „Rechte von Einwander*innen“ würden wir alle gern streichen. Denn natürlich stimmt diese Aussage, da jeder Mensch Menschenrechte besitzt. Doch der Slogan bezieht sich ja auch auf illegale Einwanderung. Und da waren wir mehrheitlich der Meinung, dass unkontrollierte Migration nicht möglich ist, solange wir keine Weltregierung, sondern einzelne Staaten haben, die die Pflicht haben, ihre EinwohnerInnen zu schützen. Denn es gibt ja leider auch Menschen, die in andere Länder reisen, um dort Verbrechen zu begehen oder sich der Strafverfolgung für begangene Verbrechen zu entziehen, es gibt internationalen Waffen-, Drogen- und Frauenhandel, und es gibt Menschen, die ihre im Ausland lebenden Landsleute bespitzeln und bedrohen.

Eine von uns störte auch die Aussage, jeder Mensch solle willkommen sein. Für sie sei es an Bedingungen geknüpft, ob ihr ein Mensch willkommen sei, „willkommen sein“ sei mehr, als jedem Menschen die Menschenrechte zuzugestehen.

Insgesamt stehen für mich in den Leitgedanken die „Rechte“ zu sehr im Vordergrund. Außer bei der Care-Arbeit geht es in allen Abschnitten entweder in der Überschrift oder im ersten Satz um Rechte. Obwohl ich nicht leugnen will, dass Rechte wichtig sein können, ist für mich der Kampf um Rechte oder die Behauptung, bestimmte Rechte zu haben, keine feministische Praxis. Als feministische Praktiken sehe ich dagegen: eine Vision haben und sich dafür engagieren, weibliche Autorität stärken, Differenz sichtbar machen, sich für etwas einsetzen, für etwas einstehen, auf etwas setzen, untersuchen, forschen, Neues erfinden und ausprobieren, vermitteln, in die Auseinandersetzung gehen, verhandeln, sich und anderen etwas bewusst machen …

Trotz all dieser Kritik freue ich mich, dass wir uns nun für den Beitritt zum Feministischen Netzwerk entschieden haben und hoffe, dass unsere Autorinnen und LeserInnen sowie die anderen Angehörigen des Feministischen Netzwerks diese Freude teilen können oder zumindest Lust haben, sich mit uns weiter über die von uns zur Diskussion gestellten Punkte (oder noch weitere) auseinanderzusetzen.

 

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 05.04.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gertrud sagt:

    Eure differenzierte Auseinandersetzung mit den Leitgedanken finde ich sehr wohltuend, und ich möchte Dorothea M. sagen dass ich sie gerade in dem Punkt, wo sie die einzige war, die Bedenken hatte, voll unterstütze: „dass alles erdenklich Mögliche getan werden muss, um Abtreibungen zu vermeiden“.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    In Bezug auf die „reproduktiven Rechte“ würde ich auch nicht zuerst auf das recht auf Abtreibung fokussieren, sondern auf den Zugang zu medizinischer Beratung & Betreuung und Verhütungsmethoden. Diese werden Frauen in vielen Teilen der Welt nach wie vor verwehrt.

  • Vielen Dank für diese genaue Lektüre und die differenzierte Auseinandersetzung mit den Leitgedanken!

  • Ich bin voll einverstanden mit den Bedenken von Dorothee Markert. Aus diesen Bdenken heraus misstraue ich dem Feministischen Netzwerk.
    Dazu kommt, dass ich die Sternchen-Schreibweise ablehne, weil ich grosse Teile der „Queertheorie“ für ideologisch halte und mich auch frage, woher die riesigen Summen ihrer weltweiten Kampagnen stammen.Unter anderem macht mich stutzig, dass sich die Banken in der Schweiz als Unterstützer hervortun. Sexdienstleistungen „als Arbeit wie jede andere“ ist doch ganz im Sinne der globalen, milliardenschweren Sexindustrie.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    @Carola Meier-Seethaler: Ihr wie mich dünkt pauschale Infragestellung der Queer-Therien dünkt mich überzogen. Irgendwie mahnt sie mich an die Verschwörungstherorien der röm.-kath. Kirche und anderer Gegner von Gender, welche dahinter eine „Genderideologie“ vermuten. Können Sie belegen, woher die „riesigen Summen“ stammen und welche Kampagnenen damit geführt werden, bzw. wie die CH da Einfluss nehmen?
    Freundlch grüsst Sie
    Esther Gisler Fischer.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Carola Meier-Seethaler, danke für Ihren Kommentar. Ich bin darüber ein bisschen erschrocken, denn mir fiel dann wieder die Frage einer Freundin ein, warum wir – angesichts all meiner Kritik – eigentlich dem Netzwerk beitreten. Da dieses Netzwerk von Antje Schrupp mit gegründet worden ist, mit der ich seit vielen Jahren politisch befreundet bin, käme ich nie auf die Idee, ihm zu „misstrauen“, wie Sie schreiben. Und bis auf die Stellen, die ich hier kritisiert habe, kann ich dem Anliegen und den Leitgedanken des Netzwerks voll und ganz zustimmen. Beispielsweise der Präambel: „Wir sind überzeugt: Frauenrechte sind Menschenrechte und Menschenrechte sind Frauenrechte. Wir kämpfen also für eine Gesellschaft, in der alle Menschen – egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welcher Beruf, welches Einkommen, welche Herkunft, welche Religion, welche Fähigkeiten oder sexuelle Orientierung sie haben – ohne strukturelle Hindernisse frei, sicher und selbstbestimmt leben und für ihre (Wahl-)Familien sorgen können.“ Oder dem zweiten Punkt „Gewalt beenden“. Ich freue mich darüber, dass diese überwiegend jungen Frauen mit ihren Aufrufen und ihren Aktionen wieder eine Frauenbewegung ins Leben rufen, die sicher mehr und anders wahrgenommen wird als unsere in den 1970er-Jahren und der es hoffentlich besser gelingt, auf Dauer auch Männer in ihre politische Veränderungsarbeit einzubinden. Und natürlich tun sie es auf ihre Weise. Auch wenn ich mich nicht mehr an Aktionen beteiligen mag, möchte ich mit meinem Beitritt – und auch mit meiner Kritik und meinen Bedenken – zeigen, dass ich all dieses Engagement begrüße und mich darüber freue.

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