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Fernsehtipp: Call the midwife

Von Katrin Wagner

Seit einigen Jahren empfehle ich allen, auch wenn nicht nach TV-Tipps gefragt wurde, die Serie „Call the Midwife“ („Ruf die Hebamme“, in Deutschland seltsamer Weise mit „Ruf des Lebens“ übersetzt), und schwärme mitunter stundenlang davon, was diese Serie alles gut macht.

Kurz zu Inhalt und Hintergrund:

Die Hebamme Terrie Coates suchte für eine Arbeit in den Kulturwissenschaften Erzählungen von Hebammen aus den Babyboomer-Jahren in England. In einer Zeit, als die Hebammen meisten zusätzlich Distrikt-Krankenschwestern waren und neben Vorbereitungsuntersuchungen und Kursen auch für ausführliche Begleitung in den ersten Wochen nach der Geburt und Kleinkinduntersuchungen verantwortlich waren, gehörten diese in den Alltag jeder Familie.

Es gab damals viele Hebammen, also ließe sich vermuten, dass es auch viele Zeitzeuginnendokumente geben würde. Dem war aber nicht so. Coates veröffentlichte einen „Call for Stories“ und erhielt viele Zuschriften. Darunter auch die Memorieren von Jennifer Worth, die in den 1950er Jahren in Poplar, einem Arbeiter_innenbezirk im Londoner East End, als Hebamme gearbeitet hatte. Unverheiratete junge Hebammen waren dort im Konvent „Nanatis House“ zusammen mit Ordensschwestern, die ebenfalls als Hebammen arbeiteten, untergebracht. Worth’s Erzählungen wurden mit Terrie Coates Hilfe zu Büchern, und diese wiederum wurden von der Drehbuchautorin Heidi Thomas zur Grundlage der ersten drei Folgen und zur Rahmung der mittlerweile sechs Staffeln umfassenden Fernsehserie gemacht.

Produziert wird diese von und für die BBC. Die BBC gibt derzeit, was Budget für Serien, Themendiversität und Detailgenauigkeit angeht, weltweit den Maßstab vor. Deutsche Sender und Produktionen sind dagegen lächerlich bis peinlich. Sie erstellen bestenfalls Sechsteiler, die wie aneinandergereihte TerraX-Einspieler daher kommen und eigentlich primär den „großen Deutschen Männern“ ein Denkmal setzen.

„Call the Midwife“ hingegen begeistert mich mit jeder Folge erneut. Diese Serie tut mehr als nur unterhalten oder Geschichte nacherzählen. Sie vermittelt Geschichte, und zwar besser, als es jeder Geschichtsunterricht könnte. Sie erzählt viele kleine Alltagsgeschichten und geht dabei so respektvoll und empathisch vor, wie es bislang einzigartig ist.

Die kleinen und großen Storylines umfassen dabei – alles: Große Themen wie Klasse, Race und natürlich Gender werden genauso divers thematisiert, wie sie sich in Lebensrealitäten präsentieren. Glaube_nskrisen, Sex_uelle Orientierung, Sexarbeit, unterschiedliche Beziehungsmuster, Kolonialismus und seine Folgen, häusliche Gewallte, Behinderung_en, Alter, ein bisschen Sterben und ganz viel Geboren Werden, und noch viel mehr – und es funktioniert, ohne überladen zu wirken.

„Call the Midwife“ nimmt sich die Zeit, die es in einer Serie nun mal mehr gibt als im Film, und macht daraus etwas Wundervolles. Es werden Geschichten erzählt, in denen die Handlungen der Protagonist_innen aus heutiger Sicht zwar als „falsch“ erkennbar sind, aber dennoch nachvollziehbar werden. Wie berichtet man davon, dass ein schwangeres Teenagermädchen immer wieder zu ihrem Zuhälter zurückgeht, ohne sie dafür zu verurteilen oder als absolut passiv zu beschreiben? „Call the Midwife“ schafft sowas. Wie funktioniert Geburt, wenn die Frau, die dabei helfen will, nicht deine Sprache spricht? Wie ist das eigentlich mit dem Rauchen und Alkoholtrinken in diesen Milieus zur damaligen Zeit gewesen? Wie haben medizinische Entwicklungen das Leben maßgeblich verändert?

Auch wenn die Serie in England spielt, hatte ich schnell das Gefühl, ein Fenster in das Leben meiner Großeltern aufgemacht zu haben. Und alleine für das, was ich so nach und nach (auch emotional) lernen konnte, bin ich sehr dankbar. Die Serie rührt häufiger zu Tränen, aus Trauer, Freude und aus erstaunter Rührung, eben dann wenn zum Beispiel die Reaktion von einem Weißen, älteren Mann auf das Schwarze Baby, welches seine (ebenfalls Weiße) Frau soeben zur Welt gebracht hat, einfach besser nicht sein könnte.

Ich habe lange die Drehbuchschreiber_innen für ihre großartigen Geschichten bewundert. Im Episode 0 der sechsten Staffel erklärte Heidi Thomas dann, dass sie mittlerweile über zwanzig Leute hat, die diese Geschichten recherchieren. Sie gehen in viele englische Städte und suchen nach interessanten Geschichten zu Hebammen in Archiven, Bibliotheken und Erzählungen. Sie achten auf Details bei Kulissen, Kleidung und medizinischen Fakten, und sie erarbeiten die Plots meist zusammen mit denen, die ihre Erlebnisse mit ihnen teilen.

Erläutert wird dabei nicht immer direkt. Manchmal reicht es auch, wenn der Hausmeister beginnt, alle Fenster mit weißer Bleifarbe zu verdunkeln, und nebenbei versucht, die Panik einer jungen Nonne vor dem bevorstehenden Atomkrieg zu mindern, denn es ist 1962 und der kalte Krieg droht in der Kubakriese zu eskalieren.

Nachhaltig beeindruckt hat mich unter anderem, die Thalidimide/Contergan-Thematik, die chronologisch in der sechsten Staffel aufkommt. Wer, wenn nicht Hebammen, hat damals als erstes mitbekommen, dass es plötzlich auffallend viele Geburten von Kindern mit verkürzten/keinen Gliedmaßen gab? Und wie sind sie damit umgegangen? Auch hier hat die Serie unterschiedliche Reaktionen aufgezeigt und einen Staffelschwerpunkt auf den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Behinderung gelegt.

Mich erschrecken manche Szenen, wenn ich bedenke, dass es keine sechzig Jahre her ist, als die Lebensrealitäten, als die Gesellschaft, noch so aussah_en. Auf solche Momente folgt bei mir Dankbarkeit für die Menschen, die dafür gekämpft haben, dass es nun (etwas) besser ist, und ich glaube, auch ein wenig mehr Verständnis für ältere Generationen.

Es mag Menschen geben, die „Call the Midwife“ pathetisch oder kitschig finden, oder denen die vielen, überwiegend gut verlaufenden, Geburten zu langweilig sind. Aber es geht nun mal um Hebammen, und diesen übermäßig viel Drama anzudichten würde der Serie und der Sache schaden – es ist eben keine Krankenhaus-Soap.

„Call the Midwife“ zeigt Folge für Folge auf, wie wichtig Hebammen sind, nicht nur für Babies. Es wird deutlich, wie Pflege- und Sozialarbeit die Ausübenden auch in ihrer Freizeit beschäftigen können, und wie umgekehrt private Erlebnisse oder Präferenzen auch in den Job einwirken. „Call the Midwife“ beschreibt Care-Work in dem Sinne, wie ich dieses Wort verstehen möchte: Es zeigt Menschen, die nicht nur nach Dienstvorschrift versorgen, sondern immer wieder die Grenzen, ob gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Logiken erfahren und, falls nötig und möglich, dehnen. Es beschreibt unterschiedliche Lebensentwürfe von Frauen, ohne diese zu werten. Hier wird implizites Wissen vermittelt, welchem in politischen Diskussionen zu selten Relevanz zugesprochen wird. Dieses Wissen ist, meiner Meinung nach, aber notwendig, wenn wir Care aus Dualismen zwischen Verwertungslogik und „Gefühlsduselei“ lösen wollen.

Die Serie läuft als deutsche Synchronfassung auf ZDFneo und ist in mehreren Sprachen auf DVD erhältlich.

Hier gehts zum Trailer der ersten Staffel.

Autorin: Katrin Wagner
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.05.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Renate Schroeder sagt:

    Ich fand den Artikel über – Call the midwife – sehr interessant.Ich konnte leider keinen Programmhinweis bei ZDF neo über aktuelle, sondern nur über bereits gesendete Folgen finden.Auch in der Mediathek wurde ich nicht fündig.Könnt Ihr mir weiterhelfen ?
    Vielen Dank. Renate Schroeder

  • katrin sagt:

    liebe renate,
    es könnte sein, dass bbc mit zdf nur begrenzte senderechte ausgehandelt hat. auf amazon prime oder netflix werden die serien durchgehend angeboten (da braucht man auch ein extra abo) aber es gibt sicher auch dvds in der nächsten bücherei zum ausleihen.
    viel erfolg bei der suche- es lohnt sich.
    lg

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