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Lesbos – eine heilende Insel

Von Juliane Brumberg

Ferien machen dort, wo viele Menschen nach der Flucht aus ihrer gewaltsam zerstörten Heimat angekommen sind, geht das? Ja, es geht gut und es ist sogar wichtig.

Lesbos ist die drittgrößte Insel Griechenlands und ein beliebtes Reiseziel, nicht nur von Frauenpaaren sondern generell von naturliebenden Menschen. Neben Einzeltourist_innen und Familien finden sich dort viele meditative und spirituelle Gruppen zum Wandern, zum Singen, zum Tanzen oder für Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung zusammen. Mit mehreren heißen Quellen, 11 Millionen Olivenbäumen, großer Blütenpracht im Frühjahr und einer grandiosen Gebirgslandschaft gilt Lesbos als eine heilende Insel. Die Bevölkerung verehrt „den Heiligen Therapeut und die Heiligen Heiler Kosmas und Demion“ seit vielen Jahrhunderten. Zur Zeit ist Lesbos sogar im doppelten Sinne des Wortes eine heilende Insel: sie bietet Heilung nicht nur den Menschen, die dorthin kommen, sie befindet sich auch selber in einem Heilungsprozess und hat ihn an vielen Orten schon vollzogen.

Das kleine Städtchen Molivos mit den Bergen der Türkei im Hintergrund.     Fotos: Juliane Brumberg

Die Menschen auf Lesbos und besonders die in dem kleinen Städtchen Molivos im Norden der Insel, dort wo die Entfernung zur türkischen Küste nur wenige Kilometer beträgt und ständig im Blick ist, haben Unglaubliches geleistet. Überrascht von den vielen, vielen Flüchtlingen – manchmal waren es 2000 – 3000 am Tag, die ab dem Frühjahr 2015 dort Schutz suchten, waren sie völlig unvorbereitet konfrontiert mit der Not der Menschen, die nass und frierend aus den wackeligen Booten an den Strand kletterten. Sie haben geholfen, wo sie konnten, haben Tee gekocht, Brote geschmiert oder große Mengen von Schlafsäcken gegen die Kälte organisiert. „Das hat sich schnell ausgeweitet“ erzählt Ursula Hasenburg, die in Molivos ein Seminarhaus führt. „Allerdings durften wir die Menschen nicht unterbringen oder im Auto mitnehmen, dann wären wir unter das Schleppergesetz gefallen.“ Da es zunächst viel zu wenig Busse gab, die die geflüchteten Menschen zur Registrierung in die 70 Kilometer entfernte Hauptstadt Mytilini bringen konnten, „haben sie bei uns auf den Straßen und Plätzen gelagert und Menschenschlangen sind in den ersten Wochen zu Fuß über die Landstraße den weiten Weg gegangen. Da haben wir natürlich doch die Regeln des Schleppergesetzes übertreten und haben mehrfach in Konvois mit unseren Autos Familien mit Kindern nach Mytilini zur Registrierungsstelle gebracht.“

Was in den Sommern 2015 und 2016 folgte, war nicht etwa Dank für diesen großen menschlichen Einsatz, sondern das Ausbleiben der Feriengäste. „Der Tourismus ist zum Teil um 80 Prozent zurückgegangen“, sagt Ursula Hasenburg, „viele Tavernen und Geschäfte mussten schließen, die Fluggesellschaften boten weniger Flüge an, ein Teufelskreis.“

An den Stränden erinnert nichts mehr an die Katastrophen, die hier stattgefunden haben.

Die Menschen auf Lesbos leben von Landwirtschaft und Tourismus und die Eurokrise hatte schon vorher zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt. „Zum Glück haben die Griechinnen und Griechen eine Steh-auf-Männchen-Mentalität.“ Mit vereinten Kräften haben im vergangenen Jahr Einheimische und Hilfsorganisationen die Strände gesäubert, die voll waren von Plastikmüll, Schwimmwesten, aufgeschlitzten Schlauchbooten und all dem, was die Geflüchteten nicht mehr tragen konnten. Tauchergruppen haben im ufernahen Bereich Außenbordmotoren und anderen Unrat aus dem Meer gehievt. Nur noch ein einziges ramponiertes Schiffswrack unterhalb einer abgelegenen Felsküste erinnert an die Katastrophen, die hier stattgefunden haben. Eine langjährige Lesbos-Touristin meint: „So sauber waren die Strände noch nie!“

Ursula Hasenburg vom Milelja-Inselgarten zeigt die Laptoptaschen, die aus den zurückgelassenen Schwimmwesten genäht wurden.

Und die Griechen und Griechinnen waren kreativ und haben die Fluchtüberreste, auch aus ihrer Armut heraus, weiterverwendet: Mit dem Holz der gestrandeten Schiffe haben sie ihre Schuppen repariert oder mit den Schlauchbootplanen Holzlager abgedeckt. Geflüchtete Menschen aus aller Welt und mittellose griechische Frauen haben im Rahmen des Projekts „lesbos solidarity“ aus Schwimmwesten Laptophüllen, Umhängetaschen, Geldbörsen und Schreibmäppchen genäht, die jetzt für einen guten Zweck verkauft werden.

Vor meiner Reise wurde ich gefragt. „Was, Du fliegst nach Lesbos? Da kommen doch die ganzen Flüchtlinge an.“ Doch keinem einzigen geflüchteten Menschen, noch den Griechen und Griechinnen ist geholfen, wenn ich ein anderes Urlaubsziel wähle und die Not der Flüchtlinge verdränge.

Was es jetzt auf Lesbos leider immer noch gibt, ist für Urlaubsreisende nicht zu sehen und erreichbar: Das Auffanglager in Moria. Aus den Medien erfährt man, dass hier eine sehr große Anzahl Geflüchteter auf ihre Registrierung wartet. Es ist ein Ort tiefster Verzweiflung und ein Schandfleck nicht etwa für die Insel, sondern für die nordeuropäischen EU-Staaten, deren Regelungen die Mittelmeerländer Italien und Griechenland mit dem Problem der Erstaufnahme weitgehend alleine lassen.
Im kleinen Hafen von Skala Sikamineas liegen zwei hochmodern ausgestattete Rettungsboote, nur dazu da, Flüchtlingen Hilfe zu leisten. Was ist das für eine Politik, bei der die gut ausgerüsteten, stabilen Schiffe erst zum Einsatz kommen dürfen, wenn Flüchtlinge in untauglichen Schlauchbooten in Seenot geraten sind? Was so einfach erscheint, die Menschen unkompliziert über das Meer in ein sicheres Land zu bringen, darf nicht geschehen.

Seit dem Frühjahr 2016 kommen nur noch selten neue Flüchtlinge auf Lesbos an. Schafzüchterin Hilda, deren abgelegener kleiner Hof nicht weit vom Ufer entfernt in einem idyllischen Taleinschnitt seinen Platz hat, erzählt jetzt, zwei Sommer später, nachdem sich alles normalisiert hat: „Manchmal kommt es mir vor, als ob alles nur ein Traum war: Die vielen fremden Menschen, die über unsere Wiesen zur Verbindungsstraße nach Molivos gezogen sind, wie sie einmal bei einem ganz heftigen Sturzregen plötzlich in unserem kleinen Wohnzimmer standen und um Schutz gebeten haben, wie ich gar nicht wusste, was ich 50 völlig durchnässten Frauen, Kindern, Babies und Männern, deren Sprache ich nicht behrrschte, Gutes tun konnte und mit dem Tee kochen nicht nachkam. Und jetzt ist davon nichts mehr zu sehen und es scheint alles so einsam und friedlich wie vorher.“

Ja, es scheint alles so wie vor vier Jahren zu sein, als ich das letzte Mal auf Lesbos war. Und es ist alles genauso und alles ganz anders. Ursula Hasenburg ergänzt: „Es ist wie vorher und es ist nicht wie vorher. Es war eine sehr schwere Erfahrung, die uns geprägt hat. Du konntest nur überleben, indem Du selbst was getan hast, Dich irgendwie helfend eingesetzt hast.“
Die Begegnung mit Leid und Not hat sich eingeschrieben in die heilende Insel, hat die Menschen weicher und durchlässiger, auch dankbarer für das Leben gemacht. Das werden auch die Tourist_innen spüren, die in diesem Sommer sehnlichst erwartet werden.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 13.05.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Jutta sagt:

    ein sehr schöner Artikel, der motiviert, positiv mit dieser menschenunwürdigen Situation umzugehen…was nicht nur für Lesbos gilt!

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Juliane, danke für diesen „politischen Urlaubsbericht“!

  • Ingemar Rohn sagt:

    Liebe Juliane herzlichen Glückwunsch! Freut mich sehr, dass du diesen wunderbaren Artikel geschrieben hast. Ich hoffe, dass die eine und der andere sich dazu eingeladen fühlen diese besondere Insel zu besuchen. Vermisse sie jetzt schon…

  • von Herzen Dank für diesen NOT-wendigen Artikel zur Situation von Lesbos! Du sprichst mir aus der Seele und ich wünsche der Insel und den Menschen, dass viele Urlaubsplanende sich nun für einen Urlaub auf dieser wundervollen Insel entscheiden und so die hilfsbereiten und liebenswerten Menschen dort nicht im Stich lassen. Und für die Geflüchteten wünsche ich mir, dass die reichen europäischen Länder endlich Griechenland und Italien entlasten, die Lager auf den Inseln verschwinden und die Flüchtlinge eine neue menschenwürdige Heimat finden! Armseliges Europa – mach die Augen auf!

  • Silvia Brodeßer sagt:

    Liebe Juliane,

    kann mich den beiden Schreiberinnen nur anschließen.
    Du hast, was auch mich beschäftigt und beeindruckt hat,wunderbar niedergeschrieben.

    Herzlichen Dank

  • Monika sagt:

    Liebe Juliane,
    ich bin sehr berührt von deinem „Urlaubsbericht“
    Für mich war das auch ein ganz besonderer Urlaub auf Lesbos, heilsam trifft es vielleicht am ehesten.
    Danke

  • Gudrun Böhm sagt:

    Liebe Juliane, danke für Deinen guten erhellenden Artikel! Es ist so wichtig, dass Lesbos nicht gemieden wird und wir die Menschen ermutigen, auch weiterhin diese besondere Insel zu besuchen. Ich erzähle den Kolleginnen und FreundInnen davon und ich freue mich immer noch sehr, dass wir durch Hildegards Engagement und aller Schenkfreude einen kleinen finanziellen Ausgleich schaffen konnten, besonders weil die Menschen auf Lesbos so herzlich und großzügig sind! und ich möchte wiederkommen…..

  • Petra Krieg sagt:

    Liebe Juliane,
    ein wunderbarer und sehr wichtiger Artikel der so berührt und das beschreibt was wir in den Wochen dort erfahren haben. Vielen Dank und ich erzähle auch überall von dieser wunderbaren Insel, den kraftvollen und heilsamen Orten und den herzlichen Bewohnerinnen
    Ich komme wieder…

  • vielen Dank für deinen Brief. ich bin traurig und beschämt, dass die Menschen so allein gelassen werden, nachdem sie soviel gegeben haben. ich kenne Molivos und vor allen dingen Milelja gut und versuche Interessiert Griechenlandreisende zu motivieren, nach Lesbos zu fahren.

  • Wilcke, Gabriele sagt:

    Liebe Juliane, vielen Dank für diesen wichtigen und berührenden Bericht. Auch ich finde, dass wir die Griechen und die Menschen auf Lesbos unterstützen und unsere Solidarität zeigen müssen, wenn schon unsere Regierungen das nicht tun können oder wollen.
    Ich war früher nie in Griechenland, habe aber meine letzten beiden Urlaube aus Solidarität dort verbracht, und die Freundlichkeit der Menschen, aber auch ihre Not haben mich sehr berührt. Und dass gerade die, die selbst so wenig haben, noch so bereitwillig geben, das hat mich tief beschämt. Also alle auf nach Griechenland, ins schönste Land auf Erden! Herzlichst, Gaby

  • Alwine Deege sagt:

    Liebe Juliane, ich möchte im September zum 1. Mal eine Gruppensingreise auf Lesbos anbieten und dein Bericht hat mir sehr geholfen, eventuellen Ängsten entgegenzuwirken, die interessierte SängerInnen haben können.
    Ich freu mich sehr auf die Insel, das Singen, das Wandern an diesem besonderen Ort. Vielleicht ergibt sich auch ein Singen mit den Flüchtlingen. Also, wer noch mitreisen möchte – Willkommen im Milelja Inselgarten ! Weitere Infos findet ihr auf meiner Homepage http://www.alwine-deege.com

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