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Mehr Achtung für die Mutterrolle

Von Juliane Brumberg

Wenn der Flieder zu blühen beginnt, stellt sich bei mir unweigerlich die Assoziation zum Muttertag ein, diesem unsäglichen Tag, an dem die Mütter einmal im Jahr auf ein Podest gesetzt werden und das Muttersein dadurch kleiner gemacht wird, als es in Wahrheit ist. Denn primär wird ihr da sehr oberflächlich für ihre Care-Arbeit gedankt; nicht erwähnt wird, dass es die Mutter (oder ihr Ersatz) ist, die den Kindern die Welt erklärt und dass es, der italienischen Philosophin Luisa Muraro folgend, hilfreich wäre, die „symbolische Ordnung der Mutter“ stärker ins Bewusstsein zu nehmen[1].

„Muttersein ist ein wenig beachteter und zu wenig geachteter Bereich unseres Frauseins“, steht im Vorwort der Herausgeberin Claudia Holst zu ihrem Buch „Mütterbilder“. Widersprechen möchte ich ihr in Bezug auf die Beachtung. Nach meiner Beobachtung werden Mütter sehr wohl, manchmal sogar übermäßig, beachtet und kritisch hinterfragt. Zustimmen tue ich ihr dagegen in Bezug auf die Achtung. Ich bin mit Luisa Muraro der Meinung, dass das Muttersein zu wenig geachtet wird, insbesondere dessen symbolische Bedeutung.

Ohne sich direkt auf Luisa Muraro zu beziehen, leistet das Buch „MütterBilder“ einen Beitrag zur Achtung des Mutterseins. Die Herausgeberin hat viele Geschichten von Müttern gesammelt, von jungen oder alten Müttern, die von ihren Erfahrungen erzählen mit dem ganz kleinen, neu geborenen Kind oder mit ihren erwachsenen Kindern. Auch Geschichten über die Mütter und Vormütter sind dabei, aber mehr wird über das eigene Mutter-Sein und weniger über das Tochter-Sein nachgedacht. Verbunden sind die einzelnen Erzählungen mit „Mütterbildern“ im wahrsten Sinne des Wortes: mit Bildern, die die Herausgeberin selbst gestaltet oder gesammelt hat. Zwischen den Zeilen und zwischen den Seiten schwingt unglaublich viel Liebe, meist zu den Kindern. Dabei zeigt sich ein Ungleichgewicht: Die Liebe zu den Kindern und die Bedeutung der eigenen Mutterschaft tritt viel stärker hervor als die Liebe zur Mutter, sodass ich mich beim Lesen gefragt habe, wie wohl Frauen, die ungewollt oder gewollt nicht Mutter geworden sind, auf dieses Buch reagieren.

Spannend ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob diese Dominanz der Liebe zum Kind gegenüber der Liebe der Tochter zur Mutter „ganz natürlich“ ist, weil das Kind in der Mutter herangewachsen und von ihr in die Welt gebracht worden ist? Oder ist dieses Ungleichgewicht nach 3000 Jahren patriarchaler Ordnung eher kulturell begründet? Christa Mulack geht davon aus, dass die Störung der Mutter-Tochter-Beziehung im Interesse des Patriarchats ist[2]; Luisa Muraro nennt es „Verlern-Programm der weiblichen Liebe zur Mutter“.

Wie dem auch sei, das Buch „MütterBilder“ trägt dazu bei, die Bedeutung der Mutterrolle in den Fokus zu nehmen. Dabei klingt allerdings durch, dass manche Frauen, die heute Mütter von kleinen Kindern sind, sich überschätzen in ihrem Wunsch, „alles richtig zu machen“, in der Meinung, dass es hauptsächlich von ihnen abhängig sei, ob ihre Kinder sich später im Leben gut zurechtfinden. Auch hier wieder die Frage: ist das selbst gemachter oder letztendlich doch gesellschaftlich bedingter Druck?

Hilfreich ist es zu lesen, wenn eine Mutter feststellt, dass es „wahnsinnig schwer ist, eine gute Mutter zu sein“. Die Geschichten der Frauen zu ihrem Mutterbild sind sehr unterschiedlich und sehr individuell und geben interessante Einblicke darein, wie Muttersein gelebt werden kann oder auch aufgrund widriger Umstände gelebt werden musste. So wird von ungewollten Schwangerschaften oder ganz späten Schwangerschaften erzählt, von plötzlichem Kindstod, Pflege und Tod eines behinderten Kindes oder einer lesbischen Tochter, die mit ihrer Partnerin in einem weit entfernten Land lebt. Viele Geschichten haben mich nicht unberührt gelassen. Wohltuend ist es, dass Bilder oder eher kleine Kunstwerke zwischen den Texten dazu einladen, den Inhalten des Gelesenen nachzusinnen. So mag ich das Buch gerne weiterempfehlen, nicht nur als ein etwas anderes Muttertagsgeschenk.

Claudia Holst (Hg.in), Mütterbilder, Christel Göttert Verlag Rüsselsheim 2016, 235 S., 24,80 Euro.

Zum weiterlesen: Dorothee Markert, Der steinige Weg zu Dankbarkeit, Respekt und Freiheit zwischen Töchtern und Müttern.

[1]  Luisa Muraro, Die symbolische Ordnung der Mutter, erw. Ausgabe Rüsselsheim 2006

[2] Christa Mulack, Die Wurzeln weiblicher Macht, München 1996.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Christine Wartberg sagt:

    Kann Mutter sein überhaupt beschrieben werden?
    Kann Mutter sein überhaupt gedankt werden?
    Muss ich immer, wenns um den Blick auf die „Leistung“ der Mutter geht, rücksichtvoll Frauen, die keine Kinder aufziehen (können) mitberücksichtigen?
    Mutter sein ist viel. Es fängt mit den Qualen bei der Geburt erst an.
    Da gibt es das Schöne und das Schwere.
    Schön ist beispielsweise
    gemeinsam eine Veranstaltung zu machen und durchführen,
    gemeinsam Wandern gehen (auch wenn immer eines jammert),
    die Gespräche beim Frühstück,
    zu merken, dass die Geschwister gerne miteinander was machen, erzählt zu bekommen, was begeistert.
    Schwer ist z.B.
    das Schreien des Babys,
    die wohlmeinenden Ideen was (für das Kind) gut ist,
    das Gezeere des Kleinkindes, weil ich anscheinend Besitz bin,
    das Unverständnis im Beruf für die Betreuungspflichten,
    die Lethargie der Jugendlichen auf der Suche nach ihrem Weg,
    zu entscheiden, wo ich ordernd sein soll und wo ich geschehen lassen muss, auch wenn mir beim Zusehen graut.

    Nach 23 Jahren eigene Kinder begleiten
    würde ich gerne wieder mit meinem Mann einfach was unternehmen können,
    würde ich gerne wenigstens regelmäßig einzelne Tage ohne irgendeinem Kind im Haus haben,
    möchte ich wenigstens ab und zu nur für meine Sorgen und Bedürfnisse da sein.

    Inzwischen ist mir klar: Kinder haben (und ich meine hier die Mehrzahl) bedeutet zurückstecken, flexibel zu sein und ständig in Bereitschaft zu sein.

    Da hilft mir das Gesülze von der Mutterliebe nichts und da muss ich allen die keinen Kinder bekommen können sagen: ihr wisst nicht was euch entgeht.
    Eines ist tröstlich. Wenns ums Sterben geht, bin ich vermutlich nicht allein.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Frausein => Muttersein
    Frauenrolle => Mutterrolle

  • Ute Plass sagt:

    „Wie dem auch sei, das Buch „MütterBilder“ trägt dazu bei, die Bedeutung der Mutterrolle in den Fokus zu nehmen. Dabei klingt allerdings durch, dass manche Frauen, die heute Mütter von kleinen Kindern sind, sich überschätzen in ihrem Wunsch, „alles richtig zu machen“, in der Meinung, dass es hauptsächlich von ihnen abhängig sei, ob ihre Kinder sich später im Leben gut zurechtfinden. Auch hier wieder die Frage: ist das selbst gemachter oder letztendlich doch gesellschaftlich bedingter Druck?“

    Selbst gemachter Druck, der sich aus gesellschaftlichen Vorgaben speist, scheint mir ein aktuell allgemeines Phänomen zu sein und macht daher auch nicht vor Müttern halt. Im Gegenteil. Diese werden mit scheinemanzipatorischer
    Erwerbsarbeit und sog. Elterngeld angehalten den Nachwuchs
    „marktkonform“ ins Rennen um Bildung und Arbeitseinkommen
    zu schicken. Gut, dass inzwischen nicht wenige Mütter (und Väter) die Work-Life-Balance-Lüge erkennen und versuchen sich dem entgegen zu stellen.

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