beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik erinnern

Hat die Frauenbewegung mitgestaltet

Von Juliane Brumberg

                                          Foto: Dorothee Markert

Christel Göttert wird 75, Anlass für eine Würdigung. Wir Redakteurinnen von bzw-weiterdenken kennen sie erstens als Verlegerin und haben sie als solche anlässlich des 20jährigen Verlagsjubiläums  gewürdigt. Jetzt ist ihr Verlag 25 Jahre  alt, und im Rückblick wird noch einmal mehr deutlich, was sie um ihren 50. Geburtstag herum für einen Neubeginn gewagt und dann im Laufe der Jahre daraus gemacht hat. Zweitens erleben wir Christel bei unseren Redaktionssitzungen, die fast immer in ihren Räumen stattfinden, als sehr fürsorgliche und an jedem einzelnen Menschen interessierte Gastgeberin. Dann ist sie, drittens, immer am aktuellen politischen Geschehen interessiert und bestens informiert, und zwar nicht nur über die „große“ Politik, sondern auch über das Geschehen in ihrem Heimatort, in Rüsselsheim, wo sie acht Jahre als Stadtverordnete das politische Geschehen mitbestimmt hat. Ich habe beobachtet, wie sie sich mit den Menschen, und zwar insbesondere den weiblichen Menschen, mit denen sie in einer Stadt lebt, ebenso verbunden fühlt, wie mit den Frauen aus ihrem beruflichen Umfeld: Ihren Autorinnen oder uns als Redaktionskolleginnen. „Was hat das mit Dir zu tun, warum beschäftigt Dich das?“ fragt sie oft, wenn eine von uns etwas erzählt und zielt damit mitten hinein in das Denken der italienischen Differenz-Philosophinnen, in dem es ja auch darum geht, von sich selbst und unserer Unterschiedlichkeit auszugehen.

Das ist vielleicht überhaupt das größte Verdienst und zugleich eines der Herzensanliegen von Christel Göttert: Dem Denken der italienischen Differenzphilosophinnen eine Plattform zu geben, es zu ermöglichen, dass deren Texte übersetzt und publiziert und damit verbreitet und auch weitergedacht werden. Sichtbar wird da ihr Begehren nach dem theoretischen Überbau, nach dem Verstehen, wie Politik und die Gesellschaft funktionieren. Denn auf der praktischen Ebene mitgewirkt hat sie schon immer: als sie in den 70er Jahren half, Elternbeiräte in Kindertagesstätten und Schulen zu etablieren, als sie 1976 gemeinsam mit anderen Frauen das Rüsselsheimer Frauenforum gründete, aus dem 10 Jahre später das Frauenzentrum Rüsselsheim und ein Frauenbildungsreferat der Volkshochschule entstanden; als Mitgründerin des örtlichen Frauenhauses und Mitgründerin von Wildwasser; schließlich half sie bei der Vernetzung der örtlichen Frauenprojekte, sodass bis heute einmal im Jahr die Rüsselsheimer Frauenkonferenz stattfindet.

Die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen und „die Fähigkeit zum Ausgleich ziehen sich wie ein roter Faden durch Christels ganzes Leben bis hin zur Mitgründung des Online-Forums beziehungsweise-weiterdenken 2007, deren Hauptanliegen es ja war und ist, verschiedene Stränge und Richtungen der Frauenbewegung, die damals überhaupt nicht mehr miteinander redeten und sich teilweise sogar gegenseitig abqualifizierten, wieder ins Gespräch miteinander zu bringen.“ So sagte es Dorothee Markert 2014 in ihrer Laudatio anlässlich der Verleihung des Marga-Mayer-Gedenkpreises der Gerda-Weiler-Stiftung an Christel Göttert.

Christel selber empfindet es als „Glück, dass ich die aufregenden Zeiten der Frauenbewegung in den 80er Jahren miterleben durfte und mich einbringen konnte“. Dabei ist ihr bewusst, was bisher nicht erreicht wurde, nämlich „die Anerkennung von Frauen als Frauen in der Gesellschaft. Frauen werden zwar heute als Feministinnen akzeptiert, aber im gesellschaftlichen Kontext wird sich nicht auf sie bezogen, werden ihre Anliegen nicht verinnerlicht und umgesetzt. Von der Ausrichtung her hat sich da nichts verändert, es geht im alten Stil weiter“. Umgekehrt aber, wenn sie mit jungen Frauen über die Frauenbewegung spricht und von früher erzählt und diese dann „erstaunt lächeln, dann merke ich, dass wir eine ganze Menge erreicht haben“.

Christel Göttert hat die Frauenbewegung nicht nur miterlebt, sie hat sie mitgestaltet und dazu beigetragen, dass die Frauenbewegung die Gesellschaft verändert hat. Deshalb kommt zu ihrem 75. Geburtstag, heute, am 19. Juni 2017, an dieser Stelle nicht nur ein herzlicher Glückwunsch, sondern auch ein großer Dank für ihre immer um Verstehen bemühte und Frauen zusammenführende Arbeit vor Ort und im Verlag.

 

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Johanna Beyer sagt:

    Diesem wunderbaren Geburtstagsgruß mit dem Blick auf die jüngere Frauenbewegungsgeschichte schließe ich mich uneingeschränkt an. Schade, dass es efi – evangelische Fraueninformationen für Bayern – nicht mehr gibt. Hier hätte dieser Glückwunsch ebenfalls einen guten Platz gefunden.

  • Vielleicht ist es eine Alterserscheinung, doch für mich ist unverkennbar, die bewegten Frauen haben viel erreicht. Von meiner Seite ein Dank an alle, die sich nach wie vor für die Veränderung einsetzen. Für mich die neue Qualität, die sich durch die Frauenbewegung mehr und mehr breit macht, ist, dass unbedingt auch der Männerbegriff neu definiert werden muss. Das ist nicht neu, doch es wird deutlich, dass wir alle letztlich „gemachte“ Wesen sind und hinter dem Wust von Kultur eben nicht viel mehr übrig bleibt als Lebewesen, die ihr Überleben organisieren mussten und „männlich“ und „weiblich“ mal ein Schritt der Organisation gewesen ist. Für mich heisst das, alles ist offen, alles ist möglich und die Digitalisierung trifft uns alle mit gleicher Wucht. (Und dann spielen alle diese alten Muster von Macht und Hierarchie ihr Spiel). Ich meine einfach, weitermachen, beharrlich, herzlich und so blitzgescheit wie bis anhin.

  • Ute Plass sagt:

    Und so wünsche ich, dass Christel Göttert noch viele viele Jahre ihren Autorinnen oder euch als Redaktionskolleginnen
    die Fragen stellen kann: „Was hat das mit Dir zu tun, warum beschäftigt Dich das? 🙂

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Danke Christel Göttert und gesellige Stunden am Geburtstag.

  • Doris Weide sagt:

    Herzlichen Glückwunsch und danke für das Engagement, besonders für die Aussage:
    „Was hat das mit Dir zu tun, warum beschäftigt Dich das?“

  • Hanna Strack sagt:

    Liebe Christel,
    du hast mein Buch „Die Frau ist Mit-Schöpferin. Eine Theologie der Geburt“ verlegt. Das hat mein Leben entscheidend geprägt, denn es folgten viele Vortragsreisen zum Thema.
    Das war so mutig und ich danke dir von Herzen dafür, auch Bettina hat als Lektorin Großartiges geleistet!
    Hanna

Weiterdenken