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Rubrik denken

„Selbstverständnis“ statt „Identität“

Von Cornelia Roth

Das Thema Identität kommt oft auf, wenn Kultur, Geschlecht oder Religion in Frage zu stehen scheinen oder in Frage gestellt werden – oder wenn entsprechende Ängste ins Spiel gebracht werden. Cornelia Roth denkt über den Begriff nach und schlägt als Alternative vor, von Selbstverständnis zu sprechen. 

Identität scheint etwas Objektives, sich selbst Erklärendes und Festgefügtes zu sein. Jemand „hat“ eine Identität, sei es eine kulturelle, geschlechtliche, religiöse.

Ein Beispiel: Ich stamme aus Hamburg, mag die Stadt, wollte dort aber nicht unbedingt bleiben und bin aus Gründen der Liebe vor Jahrzehnten in Bayern gelandet. Hier bin ich der Abneigung gegenüber „den Preußen“ begegnet. Zum Beispiel dem Satz: „Was haben die vielen Preußen hier eigentlich alle zu suchen?“ Das hat dazu geführt, dass mir meine alte Heimatstadt automatisch verteidigenswert wurde. Ich habe mir innerlich zusammengekramt, worauf ich stolz bin, zum Beispiel, dass die Stadt weit über tausend Jahre alt ist, dass sie weltoffen ist, die Leute interessiert sind an fernen Ländern usw. Es wurde mir wichtig, zu betonen, dass ich eine „Hamburgerin“ bin, keine Bayerin. Ich glaube, ich hätte unter anderen Umständen viel weniger darüber nachgedacht.

Es spielt keine geringe Rolle, mit was man vertraut gemacht wurde, aufgewachsen ist, besonders als kleines Kind. Es ist ein Teil der Matrix, in die wir eingebunden werden durch Mutter, Vater, Großeltern, Nachbarn, durch all das, was auf unsere Sinne einwirkt, was wir immer wieder sehen, hören, womit wir hantieren und was uns die Muttersprache erklärt.

Teil dieser Matrix sind auch die Prägungen des Lebens durch vorangegangene Generationen, die sich niederschlagen in einer bestimmten Art zu leben, Dinge zu sehen und zu gestalten, Landschaft zum Beispiel, Häuser, Sprache, Spiel, Ausdrucksweise, um nur ein paar willkürliche Beispiele zu nennen. Dabei spielen die Lebensumstände eine enorme Rolle. Wie viel Sonne, Wärme oder Wasser gibt es? Wie sind die menschlichen Beziehungen organisiert und wie kann für das Überleben gesorgt werden? Welche Geschichte ging voraus? Und: Welche Entscheidungen trafen Menschen, die zu meiner Matrix beitrugen? Blieben sie oder gingen sie zum Beispiel?

Die Entscheidung darüber, wie man leben möchte, wie man mit der eigenen Matrix umgeht und umgehen will, prägt das Wort „Identität“ viel mehr als man denkt. Das zeigt gut die Geschichte der Verarbeitung des Nationalsozialismus. Es war die 68er-Generation, die nicht mehr bereit war, alte Nazi-Größen auf Autoritätsposten hinzunehmen, das Schweigen über den Holocaust oder Sprüche wie „Hitler war nicht nur schlecht, er hat immerhin Autobahnen gebaut“.

Weil diese Entscheidung, die man fortwährend über den Umgang mit der eigenen Matrix und mit neuen Möglichkeiten trifft, ausschlaggebend ist, möchte ich das Wort „Identität“ durch „Selbstverständnis“ ersetzen.

Das eigene Selbstverständnis ist meistens nicht bewusst. Bewusst wird es vor allem, wenn man mit der eigenen Matrix konfrontiert wird oder mit ganz neuen, sehr anderen Möglichkeiten. Ein gutes Beispiel dafür, wo Menschen sich laufend unbewusst für ein neues Selbstverständnis entscheiden: Da, wo Werbung greift, die eine Erhöhung des eigenen Status suggeriert. Ich kann mich selbst verstehen als eine, die Nike-Schuhe trägt, die auch eine von „denen“ ist, die „das“ macht, und das, obwohl es in der eigenen Matrix dafür keinerlei Vorbilder gegeben hat.

Die Entscheidung über den Umgang mit der eigenen Matrix ist eine individuelle Entscheidung, die aber in Beziehung zu anderen und in Auseinandersetzung mit ihnen geschieht. So lief es auch bei der Auseinandersetzung der 68er mit dem Erbe der Nazi-Zeit, und so läuft es auch bei den „Nike-Schuhen“.

Die Entscheidung über den Umgang mit der eigenen Matrix will sich allerdings niemand wegnehmen lassen. Sie ist Teil der Selbstbestimmung. Deshalb kommt es immer genau dann zu einem Rückgriff und Beharren auf der eigenen Matrix, etwa mit Worten wie „eigene Kultur“, „Leitkultur“, „Heimat“, „angestammte Lebensweise“, wenn diese Gefahr im Raum steht oder damit Angst gemacht wird. Die „Identitären“ versuchen solche Ängste mit dem Wort von der „ethnokulturellen Identität“ zu verstärken; wobei sie mit dem Wort „ethno“ völkisch meinen.

Das Wort „Selbstverständnis“ weist auf die Frage hin: „Wie möchte ich leben?“ – Ist es denn so, dass ich dauernd Hamburg sehen möchte? Lese ich denn die deutschen Leitkulturkandidaten Goethe und Schiller überhaupt oder habe ich wenigstens Lust darauf? Und wenn nicht: Ist das sehr bedauerlich? Wieweit ist es gut, dafür zu sorgen, dass die Erinnerung an die eigene Matrix nicht verloren geht? Und für welche Teile entscheide ich mich, indem ich sie lebe? Und zwar ganz unabhängig davon, wer mir das angeblich wegnehmen will?

Autorin: Cornelia Roth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 12.06.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Liebe Cornelia Roth, vielen Dank für deinen erhellenden Artikel! Deine Unterscheidung von „Identität“ und „Selbstverständnis“ finde ich sehr nützlich. Ich sehe das wie du: In allem, was uns Menschen betrifft, gibt es eigentlich keinen Sachverhalt oder Tatbestand, wie es der Begriff „Identität“ suggeriert, sondern immer ein Umgehen-mit, ein Interpretieren und Stellung nehmen zu etwas, was wir als Tatbestand empfinden. Sobald wir von Selbstverständnis sprechen, kommen Freiheit, Entscheidung und die Möglichkeit von Alternativen und Wandlungen ins Spiel.

  • Ute Plass sagt:

    Mir gefällt es, Identität durch „Selbstverständnis“ zu *verklaren*. Und die Fragen im letzten Abschnitt finde ich sehr hilfreich für den jeweils eigenen Klärungsprozess. 🙂

  • Im Begriff „Identität“ steckt das Gleichseinwollen, das (komplette) Übereinstimmenwollen. Womit will ich „identisch sein“, also übereinstimmen? Mit etwas Festem, Unveränderlichem. Und also: mit mir selber, so wie ich (angeblich) gestern und vorgestern und immerdar schon war. Dieses Mit-mir-selbst-identisch-sein-Wollen erweist sich als zwanghaft, wenn ich mir klar mache, dass die Wirklichkeit sich ständig wandelt wie ein schwangerer Körper (Matrix), und ich (wie der Fetus) in ihr. „Selbstverständnis“ scheint mir diesem zwanghaft-vereinheitlichenden Konzept vom eigenen Ich gegenüber tatsächlich als eine sehr gute Alternative. Denn „Verständnis“ suggeriert: Zuhören, Anteilnahme, Veränderungsbereitschaft, in diesem Fall mir selber gegenüber. Danke für die gute Idee, liebe Cornelia!

  • Kristin Flach-Köhler sagt:

    Ich frage mich gerade, wie Selbstverständnis und selbstverständlich zusammengehören? Wenn ich mich selbst in meinem Lebensumfeld mit meinen Beziehungen und Zusammenhängen verstehe, dann kann ich selbstverständlich reagieren und handeln?! Mir gefällt der Begriff Selbstverständnis für Identität auch sehr gut, weil mein Selbstverständnis kontextgebunden ist und sich je nach Kontext immer wieder neu finden muss. DA werde ich noch ein bisschen weiter drüber nachdenken. Danke für die Anregung!

  • Cornelia Roth sagt:

    @Kristin: Ich habe auch schonmal über den Zusammenhang zwischen Selbstverständnis und selbstverständlich nachgedacht, fand ihn aber nicht so sehr vorhanden. „Selbstverständlich“ betont, daß sich etwas von selbst versteht. Mein Selbstverständnis kann das beinhalten, was ich selbstverständlich als zu mir zugehörig empfinde; ich kann mich in meinem Selbstverständnis aber auch ganz unselbstverständlich für oder gegen bestimmte Zugehörigkeiten entscheiden.

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