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Rubrik unterwegs

Eine Amerikareise auf den Spuren von Victoria Woodhull

Von Antje Schrupp

Seit über zwanzig Jahren beschäftige ich mit dem Leben und den Ideen der US-amerikanischen Feministin Victoria Woodhull, und all die Jahre klingt ein Name in meinem Kopf: „Homer, Ohio“. In Homer, Ohio, wurde Woodhull nämlich geboren, im September 1838. Und immer sagte ich mir, halb im Spaß: Irgendwann fährst du mal nach Homer, Ohio, und schaust, wie es da ist. Und, was soll ich sagen: Als sich die Gelegenheit ergab, diesen Sommer tatsächlich einmal in die USA zu reisen, plante ich die Route genau um diesen Ort herum, Homer, Ohio.

Ich glaube schon, dass die Gegend, in der Menschen leben, sie auf eine gewisse Weise prägt. Victoria hat die ersten acht Jahre ihres Lebens in Homer, Ohio, verbracht, und auch danach hielt sie sich überwiegend in dieser Gegend auf, bevor sie 1869 nach New York City ging und berühmt wurde. Und außerdem wollte ich wissen, ob sich hier noch irgendjemand an Victoria Woodhull erinnert. Wie man ihrer gedenkt, ob es irgendwelche Spuren gibt, was auch immer.

Homer liegt ungefähr 190 Kilometer südwestlich von Cleveland und 900 Kilometer westlich von New York City und ist, wie sich herausstellte, gar kein Ort, sondern nur eine Straßenkreuzung. Die einzige Möglichkeit, es zu „besichtigen“ ist, das Auto bei dem örtlichen Tante-Emma-Geschäft abzustellen und dort etwas zu kaufen. Parken und sogar Anhalten ist in Amerika praktisch überall verboten. Hier ist also das einzige Geschäft von Homer, rechts unser Auto.

Wir kauften Pekanuss-Schokolade und eine Dose Cola, fragten höflich, ob das Auto vielleicht ein Viertelstündchen auf dem Parkplatz stehen dürfe, und liefen dann die zwei Straßen hoch und runter, womit wir in fünf Minuten fertig waren. Es gab neben einigen Häusern noch eine stillgelegte Grundschule, eine Kirche und eine Post.

Ich wäre gerne noch länger geblieben und hätte irgendwas gemacht, schließlich waren wir extra deswegen nach Amerika gefahren. Aber es gab einfach nichts zu tun. Außer ein Foto zu machen und mir dafür auf Facebook und Instagram ein paar Likes abzuholen.

Andererseits wäre es auch irgendwie merkwürdig, wenn Homer, Ohio ein Bohei um seine berühmte Tochter machen würde, denn schließlich wurde Victorias Mutter hier aus dem Dorf weggemobbt, weil die anständigen Bürgerinnen von Homer sie nicht mehr da haben wollten. Die Familie war nämlich „nicht respektabel“, und nachdem Vater Buck im Postamt Geld aus Briefen geklaut hatte und abgehauen war, sammelten die Homer_innen für Mutter Annie Geld, unter der Bedingung, dass sie sich hier nicht mehr blicken lässt. Nun, so ist es halt bis heute. Im Internet hatte ich aber gelesen, dass es in dem 30 Kilomenter entfernten Städchen Granville eine Statue von Victoria Woodhull geben soll, und natürlich guckten wir die uns auch noch an.

Es stellte sich heraus, dass die Statue sich über dem Seiteneingang einer kleinen Bibliothek befindet, allerdings wie bei einer Kuckucksuhr nur alle Stunde einmal herauskommt. Auf der Info-Plakette steht, dass ein gewisser Robin Hunters diese Statue 1976 installiert hat, und dass sie das einzige Denkmal für Woodhull in den ganzen Vereinigten Staaten sei. Immerhin war hier an der Stelle auch ein Pokéstop.

Als wir ankamen, war es Viertel nach Drei, wir mussten also eine Dreiviertelstunde warten, bis Woodhull wieder in Erscheinung treten würde. Zum Glück war auf dem Platz nebenan Kirmes und wir konnten uns die Zeit mit Würstchen und Slush vertreiben. Und dann war es haarscharf, denn Victoria kam etliche Minuten zu früh aus ihrem Häuschen heraus. Sie sah zwar überhaupt nicht aus wie auf den Fotos, ehrlich gesagt war es die hässlichste und dilettantischste Statue, die ich je gesehen habe. Aber mit Musik!

Da wir nun ja eh in den USA waren, fuhren wir auch noch nach Seneca Falls. Das ist ein kleines Städchen an den Finger Lakes im Bundesstaat New York, etwa 400 Kilometer westlich von New York City. Seneca Falls ist berühmt, weil hier 1848 der erste Frauenrechtskongress in den USA stattgefunden hat – darüber schreibe ich später irgendwann nochmal ausführlich. Jedenfalls ist die Gegend ein Zentrum der amerikanischen Reformbewegungen gewesen. Damals wie heute ist hier „was los“ – es gibt Tourismus, Wein, Kultur – eine ganz andere Stimmung als im ländlichen Ohio, das eher so „hinter dem Berg“ ist eben. In Seneca Falls gibt es auch eine „Hall of Fame“ mit Kurzbiografien vieler US-Feministinnen und überhaupt wichtiger Frauen.

Victoria Woodhull wurde hier erst sehr spät, nämlich 2001 aufgenommen. Bis dahin war sie für die amerikanische Geschichtsschreibung Persona non grata – auf Betreiben der „respektablen“ Feministinnen, die mit ihr, der Spiritistin, Sozialistin und Freie-Liebe-Advokatin nichts zu tun haben wollen. Die Hall of Fame selber ist sehr langweilig, es hängen einfach nur Texttafeln mit schlechten winzigen Fotos herum, das kann man alles bequemer im Internet nachlesen. Eines der wenigen sonstigen Ausstellungsstücke ist eine Bank, auf der Susan Anthony mal gesessen haben soll, die nach anfänglicher Faszination eine vehemente Gegnerin Woodhulls war. Ich musste schon lachen, als ich das hier las.

Rund um das Gebäude, das jetzt an dem Ort steht, wo 1848 der Frauenrechtskongress stattgefunden hat, ist inzwischen ein Nationalpark, und es laufen Rangers herum und erklären die Geschichte der Frauenrechte. Das fand ich ganz witzig, weil ich bisher dachte, Nationalparks beträfen immer irgendwelche Natursachen wie Wälder oder Schluchten. Aber nee, auch die Frauengeschichte ist ein Nationalpark. Und die Ranger waren sehr, sehr nett, auch die Männer. Ich hatte den Eindruck, sie sind sehr stolz darauf, dass es das Frauenwahlrecht gibt.

Die Idee, einen Kongress für Frauenrechte zu machen, heckten fünf Frauen im Sommer 1848 aus, und bis der zweitägigen Kongress mit 300 Teilnehmer_innen dann stattfand, vergingen grade mal zehn Tage. Das würden wir heute irgendwie nicht mehr organisiert bekommen, oder? Wie auch immer: Victoria Woodhull hatte mit dem Kongress nix zu tun, sie war zu der Zeit ja erst zehn Jahre alt. Erst gut zwanzig Jahre später, als Anfang Dreißigjährige, kaperte sie dann die schon ein bisschen in die Jahre gekommene Frauenbewegung. Alte Feministinnen, junge Feministinnen, ihr wisst schon, das gab es eben auch schon damals.

Aber natürlich standen dahinter – ebenso wie heute – auch wichtige inhaltliche Debatten, und deshalb fand ich es schon ein bisschen schockierend, dass Woodhull in der ganzen zweistöckigen Ausstellung zur Geschichte der Frauenrechte (von damals bis heute) überhaupt nicht vorkommt. Vermutlich liegt das einfach daran, dass ohnehin alles sehr altbacken ist. Der Nationalpark in Seneca Falls wurde in den 1980er Jahren konzipiert und eingerichtet und seither hat sich einfach nicht mehr viel getan. Und Woodhull wurde eben erst Ende der 1990er Jahre „wiederentdeckt“.

Wenn ich bei einer Neukonzeption mitzureden hätte, dann würde ich empfehlen, mehr Differenzen und Kontroversen darzustellen. Es langweilt mich sehr, dass Feminismusgeschichte immer als kohärente Entwicklung von schlimmen vergangenen Zeiten („Frauen durften nicht wählen!“) zum tollen Heute dargestellt wird. Dissidentinnen und umstrittene Persönlichkeiten, die nicht im Mainstream dessen schwammen, was sich später dann durchgesetzt hatte, kommen in dieser Perspektive nicht zum Zug.

Nächstes Jahre feiern wir in Deutschland hundert Jahre Frauenwahlrecht. Die Reise zu den Wurzeln von Victoria Woodhull hat mich noch einmal motiviert, den dann zu befürchtenden eindimensionalen Jubelnfeiern nach Kräften entgegen zu steuern.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 31.07.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Danke für die Schilderung deiner Reise-Eindrücke zu den Wurzeln von Victoria Woodhull. Wie heißt’s doch biblisch gesprochen: „Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland…“. Erst recht, wenn der Prophet eine Prophetin ist.
    Jedenfalls freue ich mich, dass diese Reise dich noch einmal mehr motiviert, im nächsten Jahr in den Wein der Jubelfeiern ums ‚100 Jahre Frauenwahlrecht‘ klares Wasser zu mischen. 🙂

  • Elfriede Harth sagt:

    Es ist erstaunlich, wie sehr doch jede Bewegung irgendwie „ankommt“, bzw vom „Mainstream“ geschluckt wird. Was als Protest oder Widespruch beginnt, mausert sich mit der Zeit in Konformismus. Gut, dass es Leute gibt, die Spass daran habenm gegen den Stich zu bürsten!

  • Christine Wartberg sagt:

    Danke für die Schilderung.
    In der Hall of Fame sind ja anscheinend sehr viel Frauen dargestellt. Anfrage wäre, was zeichnet die Frauen aus, die (hier)dargestellt werden. Eine Frage der Rezeption? Eine Frage der Anpassung an die Rolle als Frau (Ehefrau, Mutter, Pflegerin)? Weil das Vertretene inzwischen Umgesetzt/Norm ist?
    Dann wären für das Visionelle ja gerade die nicht vorkommenden Frauen hilfreich.
    Für ihren differenzierten Zugang haben Sie ja schon gute Vorarbeit geleistet (Kleine Geschichte des Feminismus). Den setzte ich gerne im Unterricht ein. Nur die Seite mit dem zynischen Teil zur geschlechtslosen Geistigkeit ist wenig hilfreich und sticht aus der pointierten Darstellung heraus.
    Falls es zum 100 Jahre Jubiläum eine etwas ausführlichere Darstellung dieser Geschichte gibt, freue ich mich.

  • Gesa Ebert sagt:

    Liebe Antje Schrupp,

    herzlichen Dank für diesen interessanten Reisebericht. Ich hatte eigentlich gerade gar keine Zeit zum Lesen, aber ich fand es einfach so spannend! ( Von Victoria Woodhull weiß ich bislang wenig, habe sie in meiner Liste im Kopf, wenn mal Zeit ist …)
    Ich war nur einmal in den USA, nur 10 Tage in New York City, kenne also nicht viel von diesem Land, finde aber so manches sehr kurios.
    Nein, einen Kongreß in nur 10 Tagen auf die Beine zu stellen, wie das die Frauen 1848 schafften, das wäre heute undenkbar – aber eigentlich sehr reizvoll, oder?
    Die Geschichte der Frauenrechte als Nationalpark: toll. Tja, vielleicht wird frau doch immer noch als „Natur“ angesehen? Ausgebeutet wie diese wird frau weltweit ja immer noch …

    Gesa Ebert

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