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Gemeinschaftliches Wohnen und Carearbeit – zum Scheitern verurteilt?

Von Elfriede Harth

Im NiKa-Haus in Frankfurt soll ein neues Wohnprojekt ausprobiert werden. Fotos: Nika-Haus

Eine Projektgruppe für gemeinschaftliches Wohnen hat nach langem Suchen von der Stadt Frankfurt den Zuschlag für ein Haus im Bahnhofsviertel erhalten. Ein toller Erfolg. Denn die Bankenmetropole ist eine prosperierende Stadt”, in der Spekulanten aus aller Herren Länder teilweise mit fragwürdigen Methoden um begehrte Liegenschaften kämpfen. Allzu selten setzt sich  ein anderer als der Meistbietende durch. Und das Bahnhofsviertel mit seiner krassen und widersprüchlichen Vielfalt ist besonders hipp.

Die Projektgruppe setzt sich hauptsächlich zusammen aus jungen Linken, die von einer besseren Welt träumen. Sie möchten eine Utopie konkretisieren, in der Miteinander und Füreinander jenseits familiärer Bande das Zusammenleben bestimmen. Sie wollen das Haus dem Markt entziehen und das Modell des Miethäusersyndikats umsetzen.

Um etwas so Wichtiges wie die Organisation der Carearbeit in dem Projekt nicht dem Zufall zu überlassen, luden sie zu einem Gesprächsabend ein. Zwei Referentinnen des Care*AK Frankfurt eröffneten das Treffen mit einer Zusammenfassung unterschiedlicher Erfahrungsberichte von ähnlichen Projekten, die es in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in Frankfurt gegeben hat. Den Gesprächsabend hatten sie tituliert: “Wie besser scheitern?” Denn ist so ein Vorhaben nicht zum Scheitern verurteilt, weil die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aber auch die “menschliche Natur” einfach stärker als das eigene Begehren sind?

Es wurde berichtet von Hausbesetzungen, von Wohngemeinschaften und Kinderläden. Von der kritischen Auseinandersetzung mit Gewalterfahrungen in linken Wohngemeinschaften, die noch tief im Patriarchat steckten. Von Mietstreiks durch migrantische Familien, die für eine Verbesserung ihrer prekären Wohnsituation kämpften und für eine Begrenzung der Mieten auf 10 Prozent des Einkommens. Von Frauenwohnprojekten…. Es wurde der Grundriss einer Wohnküche aus der Gründerzeit verglichen mit dem Grundriss der “Frankfurter Küche”, die in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen entworfen wurde. Es war die Rede von “Zimmersozialismus”, worunter zu verstehen ist, dass die Projektgruppe alle individuell nutzbaren Räume genau gleich groß gestalten will, weil sie “kleinere Kinderzimmer” ablehnt.

Diskriminierungsfreie Lebenskonzepte und Wohnen

Eine zentrale Frage war: Wessen Lebenskonzept wird auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert? Welche Projekte werden gefördert?

Der Zuschnitt und die Größe von Wohnungen verraten, welche Haushalte in einer Gesellschaft als Norm gelten. Und die Einbettung der Wohnung in das unmittelbare urbane Umfeld und seine Infrastrukturen gibt Auskunft über die Wertschätzung von Carearbeit. Denn die Nähe zu Infrastrukturen und ihre Qualität erleichtern oder erschweren die tägliche Carearbeit: Einkaufsmöglichkeiten,  KiTas und Schulen, Ärzte, ÖPNV, Lärm, Grünflächen, Spielplätze und Räume der Begegnung, etc..

Eine weitere zentrale Frage war: Wie kann/soll der Alltag organisiert werden in einem Projekt, das solidarisches und diskriminierungsfreies Zusammeleben ermöglichen will? Wie soll/kann die Sorgearbeit organisiert werden, sodaß sich alle wohl fühlen?

Es wurde thematisiert, dass der Begriff Reproduktionsarbeit in diesem Zusammenhang zu kurz fasse, da er zu sehr auf Produktionsarbeit fokusiere. Care hingegen meine – trotz aller “Schwammigkeit” – auch Beziehungsarbeit, psychosoziales Zuhören, Sorge für sich und andere.

Es entwickelte sich im Anschluss eine spannende Diskussion.

Organisieren und Verteilen von Carearbeit

Wo sind die Strategie oder der Plan, die es ermöglichen, die im Alltag des Zusammenlebens von so vielen Menschen notwendige Arbeit zu erledigen, sodass alle Beteiligten zufrieden sind? Sodass die Beziehungen im Kollektiv als gerecht erlebt werden? Denn neben privaten Rückzugsmöglichkeiten soll das Projekt ja gerade diverse gemeinschaftliche Räume haben.

Es braucht Vereinbarungen und Verbindlichkeit. Es braucht Verhandlung. Es braucht Regeln. Respektvolles nicht diskriminierendes menschliches Zusammenleben setzt die Bereitschaft zu ständigem Verhandeln voraus. Es lassen sich zwar immer wieder Vereinbarungen treffen, aber sie können nicht in Stein gemeisselt werden, denn wir verändern uns und die Beziehungen zwischen uns verändern sich ebenfalls.

Aber wer kennt die Zauberformel, um weniger Zeit damit zu verbringen, die notwendigen Tätigkeiten zu organisieren und ihre Verteilung auszuhandeln, als die anstehenden Careaufgaben zu erledigen? Denn die Erledigung der Alltagsarbeit ist ja das eigentliche, wichtige Ziel. Oder? Das ist schließlich wichtiger als die Einübung neuer Strukturen des Miteinander und Füreinander. Oder? Diese sind wohl eher ein kollateraler Nutzen. Oder?

Zeit – Geld – Wert

Wir leben in einem System, das auf Erwerbsarbeit ausgerichtet ist. Erwerbsarbeit wird als sinn- und identitätsstiftende Bürger_innepflicht betrachtet. Als Quelle materieller Existenzsicherung eines jeden Erwachsenen und der von ihm oder ihr abhängigen Menschen.

Für die Bewältigung des gemeinsamen Zusammenlebens bleibt immer weniger Zeit. Und die Bewältigung dieses Zusammenlebens gilt als erfreuliche oder bedauerliche Nebensache, die sich dem Erwerbsleben unterzuordnen hat. Die Zeit, die für diese Nebensache in einem Kollektiv übrig bleibt, ist außerdem ungleich verteilt. Auch in einem diskriminierungsfreien Kollektiv. Manche haben mehr Zeit als andere. Ist es ethisch, jemanden dafür zu bezahlen, einige der anfallenden Tätigkeiten zu leisten, für die man eben keine Zeit hat? Welchen Wert sollte diese “Vertretung” haben ? Handelt es sich da nicht um eine “Befreiung” von einer Verantwortung?  Wie läßt sich das in Geld ausdrücken?

Die Erledigung der anfallenden Alltagstätigkeiten schaffen Bindungen und Beziehungen zwischen den Beteiligten (gemäß der Logik der Gabe). Was verändert sich wenn diese Tätigkeiten nun von Menschen gegen Geld erledigt werden (gemäß der Logik des Tauschs?)? Welche meiner Bedürfnisse kann ich überhaupt an andere auslagern?

Arbeitsteilung und das postpatriarchale Durch-Ein-Ander

Ist nicht jede menschliche Gesellschaft arbeitsteilig? Ganz einfach, weil wir alle Bedürftige sind, darauf angewiesen, dass wir bis zu einem gewissen Grad von anderen versorgt werden? Weil es Dinge und Gesten gibt, die uns zugute kommen, die aber von anderen produziert oder ausgeführt werden müssen? “Robinson Crusoe” ist nur eine Option, wenn man sich selbst als Eremit auf eine Südseeinsel verbannt.

Definieren wir uns nicht genau über die Tätigkeiten, die wir ausüben oder nicht ausüben? Für die wir “zuständig” sind? Wird unsere Identität nicht über diese Tätigkeiten – es müssen nicht immer nur materielle, es können auch symbolische Tätigkeiten sein – bestimmt? So ist ein Kleinkind z.B. ein Wesen, das durch Schreien andere dazu bewegt, es zu tragen, zu trösten, zu stillen, zu wickeln. Aber wenn mehrere Erwachsene in einem Raum sind, werden sich nicht alle gleich zuständig fühlen, sich um dieses Kleinkind zu kümmern. Es gibt da unterschiedliche Rangfolgen der Zuständigkeit. Und diese Rangfolgen der Zuständigkeit sagen aus, welchen Status die verschiedenen Erwachsenen in einem sozialen Gefüge haben, den wir “Familie”, “Verwandtschaft” oder “Krankenhaus”, “Kinderkrippe”, etc. nennen, wie sie sich da verorten.

Genau diese sozialen Gefüge, in die wie geboren wurden, und die unsere Welt organisieren, sind es, die von Geburt an, oder jedenfalls sehr bald, die Erziehung eines Kindes bestimmen. Welche Tätigkeiten wird es erwartungsgemäß im Leben ausüben? Es “muss” darauf vorbereitet werden; beziehungsweise, es wird darauf vorbereitet, weil die Gruppe Kinder, die innerhalb der Gruppe aufwachsen, mit bestimmten (mehr oder weniger bewußten) Erwartungen betrachtet. Und so entstehen Gender, Rasse, Klasse, etc…. Dass wir uns heute dieser Kategorien bewußt geworden sind und sie nicht als “naturgegeben” hinnehmen, ist Symptom, aber auch gleichzeitig Katalysator für das “postpatriarchale Durch-Ein-Ander”, in dem wir leben.

Was bewirkt dieser Umstand mit der Arbeit und mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung? Plötzlich werden eine ganze Menge Tätigkeiten als notwendige Arbeit sichtbar. Und die bisherige Wertung dieser Tätigkeiten, im Vergleich zu anderen wird hinterfragt. Gesellschaftliche Ordnungen beginnen zu wanken.

Aber die notwendigen Arbeiten verschwinden deshalb durchaus nicht, sondern müssen nach wie vor erledigt werden. Nur wie? Und von wem?

Wie der Grundriss zeigt, sollem unter der Überschrift „Zimmersozialismus“ alle Räume im NiKa-Haus gleich groß gestaltet werden.

Eine erste Antwort könnte sein: “Tätigkeitssozialismus”. So wie das Wohnprojekt von “Zimmersozialismus” spricht und alle individuell genutzen Räume gleich groß gestalten will, könnte die anfallende Alltagsarbeit des Zusammenlebens in gleiche Anteile geteilt und auf “alle” verteilt werden. – Aber was ist, wenn jemand krank ist, alt und gebrechlich etc.?

Wie kann dafür gesorgt werden, dass die notwendige Arbeit qualitativ zufriedenstellend erledigt wird? Menschen haben z.B. ganz unterschiedliche Vorstellungen von “Sauberkeit” und “Ordnung” oder “gutem Essen”. Was soll als Maßstab dienen?

Das “Recht auf Faulheit”.  Oder: “Freiheit in Beziehung”?

Ein Teilnehmer sprach von der Bedeutung des “Rechts auf Faulheit”, das jedem Menschen zugestanden werden müßte. Das Recht auf Mußezeit. Auf Erholung. Auf Nichtstun. Er plädierte daher dafür, dass die (manche) notwendigen Tätigkeiten so gestaltet und ausgeführt werden sollten, dass eben jede und jeder in den Genuß dieses Rechts kommen könnte. Und er führte an, dass es ihm sehr wichtig wäre, gewisse Tätigkeiten von sich aus zu erledigen, möglichst effizient und “gut”, damit eben die andern dieses Recht auf Faulheit auch tatsächlich in Anspruch nehmen und genießen könnten.

Da macht sich also jemand Gedanken darüber, dass Andere gewisse Freiräume haben dürfen, und diese Freiheit davon abhängt, dass er Notwendiges gut erledigt.

Ich denke, es ist nicht von ungefähr, dass hier von Faulheit die Rede ist. Wir leben im Kontext einer Leistungsgesellschaft. Diese setzt voraus, dass sich jede und jeder, um als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu gelten, eine (Erwerbs)Arbeit ausübt oder zumindest die Bereitschaft dazu hat. Fauheit wäre somit die Freiheit von diesem Zwang. Faulheit wäre Raum und Zeit für kreative und regenerative Tätigkeiten, für Muße. Und Faulheit der Einen wäre nur möglich, wenn Andere bereit wären, (freiwillig) notwendige Tätigkeiten auszuüben.

Es wird also plötzlich sichtbar, dass meine Freiheit/Faulheit (zu tun und zu lassen, was ich möchte) von der Bereitschaft anderer abhängt, Arbeit, die für mein Leben und Wohlbefinden notwendig ist, zu erledigen. Und dass ich andererseits durch meine Bereitschaft, diese notwendige Arbeit zu erledigen, anderen dieses Leben und Wohlbefinden ermögliche. Freiheit kann ich also nur erleben, wenn andere ein Netz spannen, das mir diese Freiheit ermöglicht. Und von meiner Bereitschaft, für andere dieses Netz mitzuspannen, hängt deren Freiheit/Faulheit ab.

Reziprozität

Soweit so gut. Aber es blieb immer noch ungelöst, wie sich die Gruppe organisieren kann/soll/muß, damit auch alle dieses Prinzip erkennen und in die Tat umsetzen. Damit das Leben in der Gemeinschaft durch Gerechtigkeit bestimmt wird.

Das Prinzip der Reziprozität wurde thematisiert: jemand tut etwas für mich und dafür tue ich etwas anderes für ihn oder sie. Eine Mutter von drei Kindern, von denen eines ein behindertes Kind ist, gab zu bedenken, dass sie sich außerstande sähe, jemandem, der für sie babysitten würde, etwas zurückgeben zu können, da ihre Arbeit sie derart belaste, dass die völlig ausgepowert sei. Darauf kam der Einwand: jemand aus der Wohngemeinschaft, der sich der Kinder annehmen würde, gäbe doch nicht ihr etwas, sondern den Kindern. Und da sei eben Reziprozität – zumindest unmittelbare – nicht zu erwarten, weil kleine (oder behinderte) Kinder dazu nicht in der Lage sind.

Zwei Dinge wurden plötzlich klar: wir leben in einer Gesellschaft, die menschliche Beziehungen hauptsächlich als durch Tausch definiert denkt. Es wird vergessen, das Beziehungen auch durch Gabe bestimmt sein können. Und dann: Elternschaft, und besonders Mutterschaft wird als eine Art widersprüchlicher Besitzstand gelebt. Eltern haben ein “Sorge-Recht”. “Eltern haften für ihre Kinder”. In der Gesellschaft ist die Beziehung Eltern-Kinder, also Familie, eine ganz besondere, von der erwartet wird, dass fast totale oder bedingungslose Verantwortung für die “bedürftigeren” Mitglieder übernommen wird.

Eine Mutter (und in abgeschwächter Form auch der Vater, Stichwort “nicht gezahlter Unterhalt”) muß für den Lebensunterhalt und das Wohl ihres Kindes aufkommen. Zusätzlich zu der Sorge für ihren eigenen Lebensunterhalt. Würde nicht die Einführung einer Kindergrundsicherung eine Mutter wenigstens in finanzieller Hinsicht entlasten? Sie hätte “nur noch” weiterhin für ihren eigenen Lebensunterhalt zu sorgen und die anfallende Sorgearbeit zu leisten. Zeugt nicht die Ablehnung einer solchen Kindergrundsicherung – weil z.B. “die Leute dann Kinder kriegen würden, um davon zu leben” – von der Wertschätzung, die Hausarbeit und Familienarbeit in unserer Gesellschaft genießen?

Neue Solidaritäten

Dieses junge Wohnprojekt zeigt, dass ein Umdenken stattfindet.

Projekte wie das NiKa-Haus in Frankfurt sind gewiß noch Nischenprojekte. Es sind Versuche, neue Solidaritäten zu knüpfen inmitten eines Systems, das die Entsolidarisierung auf die Spitze getrieben hat. Es ist eine Antwort auf die Sehnsucht nach Verläßlichkeit, nach Verbindlichkeit in menschlichen Beziehungen. Nach einer Gewißheit, in der Not nicht alleine zu stehen, sondern sich getragen zu wissen. Und gleichzeitig auch die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung.

Ein solches Projekt bleibt, wie alle menschlichen Beziehungen, immer ein Wagnis und ein Abenteuer. Nicht alle Menschen haben die gleiche Motivation, wenn sie einsteigen. Sie haben unterschiedliche Lebensläufe und Hintergründe. Und das Zusammenleben wird sie noch weiter verändern. Es ist ein innovatives Projekt, das den Raum umgestalten muss, denn die Architektur, die unsere Städte seit der Industrialisierung geprägt hat, war auf andere Formen des Zusammenlebens ausgelegt: Haushalte von lohnabhängigen Kleinfamilien, die sich immer öfter auf eine einzige Person reduzieren.

Es ist an uns, diesen (notwendigen) Wandel zusammen zu gestalten.

 

Autorin: Elfriede Harth
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 12.07.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Liebe Elfriede,
    ich bin ja (u.a.) auch Architektin und ich finde die Gedanken, die Du ausführst, sehr schön und interessant.

    Einige Gedanken dazu:
    Das Schwierige am Menschsein scheint mir zu sein, dass wir den Drang haben, einerseits eng zusammenzuleben, also in der Gruppe (der Herde) zu gehen, andererseits aber – und dies oft gleichzeitig oder immer wiederkehrend – das Bedürfnis ganz alleine, ganz einsam, ganz nur mit dem eigenen Ich zu leben – und eben auch zu wohnen.

    In diesem Zwiespalt den richtigen Weg (bzw. die richtige Wohnform) zu finden ist nicht leicht. Ein Haus der Gemeinschaft müsste beides erfüllen: Gemeinsamkeit und Einsamkeit. Also, wie lebe ich miteinander, freue mich, meine Nachbarn beim Weggehen und Nachhausekommen zu sehen, zu grüßen und gegrüßt zu werden, begrüße selbst die Gemeinschaft – und wie andererseits komme ich, wenn ich es mit anderen nicht mehr aushalte, alleine (sozusagen unsichtbar) in meine eigenen 4 Wände, verkrieche mich dort, fernsehe 3 Tage lang, ohne mit jemand zu sprechen und will niemanden sehe – bis ich wieder Luft zum Atmen für mich finde und wieder eine Gemeinsamkeit aushalte.

    Spontan würde ich sagen: 2 Treppenhäuser, eines für das gemeinsame Kommen und Gehen, eines für die Einzelgänger . wahlweise zu benutzen…und sich dieser Dualität, diesem doppelten Wollen, bewusst zu sein und respektiert zu werden.

    Wünsche Euch alles Gute für das Projekt
    und grüße ganz herzlich
    Gisela Forster

  • Anne-Käthi Zweidler sagt:

    Liebe Gisela. Meine Alltagserfahrung ist, dass die Architektur nicht neu sein muss, um die Bedürfnisse nach Gesellschaft oder einsamkeit gleichermassen zu befriedigen. Ich durfte jahrlang in einem Altbau wohnen, in dem man vom Treppenhaus aus Einblick in die Küche hat. Dabei sah man an der Körperhaltung und Mimik der KüchenbewohnerIn bzw. der Treppenhaus-PassantIn sofort, ob er oder sie Lust auf einen Schwatz hat oder eben nicht. So funktionierte eine jahrelange gute Hausgemeinschaft mit Nähe und Alleinsein perfekt.
    Denkbar ist auch einfach, dass Menschen mit Lust auf Kommunikation ihre Wohnungstüren offen stehen lassen oder eben nicht, so wie das früher auf dem Land üblich war. Herzliche Grüsse und frohes Weiterdenken Anne-Käthi

  • Anne-Käthi Zweidler sagt:

    Liebe Care-DenkerInnen
    scheints wird die Computeriesierung immer mehr Arbeitsplätze vernichten. Was spricht denn dagegen, care-Arbeit an Menschen zu delegieren, die ein Flair für eine bestimmte Care-Leistung haben? (Ganz klar wird diese Arbeit von der AuftraggeberIn äusserst fair und inkl. Sozialleistungen entlöhnt). Ich habe diesbezüglich eigene Kindheitserfahrungen. Basteln, Pilze suchen oder Weihnachtskekse backen durften wir bei NachbarInnen und Verwandten, weil Mutter erfolgreicher als Berufsfrau denn als „Kinderfrau“ amtete. Und ganz klar hat Mutter diese Care-Arbeit angemessen entschädigt (wenn auch damals vor 60 Jahren noch „schwarz“ und nicht mit Steuern und Sozialabgaben).
    Ich denke drum, die Care-Arbeit zu delegieren und angemessen zu entlöhnen (und sogar das Resultat zu kontrollieren!)ist ein Zeichen von Wertschätzung und Vertrauen zu den Beauftragten und schafft neue befriedigende Arbeit. Und natürlich müssen wir als ganze Gesellschaft diese Arbeit fianzieren mit einem Kindergeld, das den Namen verdient.
    Ich freue mich auf Kommentare und Antworten. Anne-Käthi

  • Elfriede Harth sagt:

    @Gisela Forster, ich stimme mit Dir überein, dass wir (moderne?) Menschen dringend Rückzugsmöglichkeiten brauchen, aber auch mit anderen verbunden sein wollen. Und das zu unterschiedlichen Momenten und in unterschiedlicher Dosierung. Nicht für alle Menschen sind Projekte gemeinschaftlichen Wohnens geeignet. Nicht alle wollen in einer WG leben. Und alle WGs oder Projekte gemeinschaftlichen Wohnens können ganz unterschiedlich organisiert werden. Gerade aus der katholischen Kirche kennt man unterschiedliche Wohntraditionen. Da ist z.B. das Kloster, (in dem aber nur erwachsene Menschen zusammenleben) oder die Eremitage, wo ein Mensch sich für längere Zeiten zurückzieht und die Einsamkeit sucht, manchmal für kurze oder längere Zeiträume. Diesen Formen ist gemeinsam, dass es da keine Kinder gibt. Da eine wichtige Komponente dieses Lebensentwurfs die Sexualität ausschließt, gibt es da keine Kinder, die groß gezogen werden müssen.

    “Familie” (im ganz weiten Sinn) hatte schon immer die Funktion in der Gesellschaft die Solidarität zwischen den Generationen zu organisieren. Da wo Familie das nicht mehr leistete, haben – zumindest hier im christlichen Raum – Klöster diese Aufgabe übernommen. Sie boten “Heimatlosen” ein “Heim”, ob es Waisen waren oder Kranke, Behinderte, Alte und Sterbende. Eine Gruppe Menschen – häufig Frauen, aber nicht nur! – entschieden sich gegen eine “eigene biologische Familie” und nahmen diese “Heimatlosen” auf und betreuten sie. Die Bezeichnung “Spital” kommt vom Wort Hospital, was eigentlich “Gästehaus” bedeutet (Auch das Wort “Hotel” kommt da her). In Frankreich gibt es noch alte Krankenhäuser die “Hôtel Dieu” heißen – also das Gästehaus Gottes. Das geht zurück auf den christlichen Auftrag, im bedürftigen Nächsten Gott zu sehen (“was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan”). Dass – wie so oft – diese ursprüngliche Idee mit der Zeit institutionalisiert und ihr Geist von der entstehenden Bürokratie ausgelöscht oder von Mächtigen und Machthungrigen instrumentalisiert und pervertiert wurde, steht auf einem anderen Blatt. Auch hier gilt: die permanente Revolution ist nötig und die Bessinnung auf den Ursprung. Ins Christliche übersetzt: Ecclesia semper reformanda.:-)!

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Liebe Anne-Käthi!

    Die Wohnungstüren offenstehen lassen bei Lust auf
    Kommunikation? Grundsätzlich eine schöne Idee.
    Mich wundert, dass die Landbewohner früher so widerstandsfähig waren hins. Insektenstichen.
    Als Landfrau kann ich ganz aktuell (mit frischem Insektenstich!) sagen: Offene Türen bei Lust auf Kommunikation nur mit entsprechenden INSEKTENSCHUTZNETZEN1

  • Anne-Käthi Zweidler sagt:

    Diesen Einwand lass ich gelten – mir geht es genauso mit den Biestern. Gute Besserung;-)

  • Ute Plass sagt:

    Danke, Elfriede, für diesen wichtigen Beitrag, der
    sich differenziert mit Fragen nach Sorgen für sich und andere
    auseinander setzt. Zum Weiterdenken auch dein Hinweis auf Mutter/Vaterschaft/Elternschaft, an die „fast totale oder bedingungslose Verantwortung für die “bedürftigeren” Mitglieder“ delegiert wird.

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