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Rubrik anschauen, denken

MEAT JOY. Meet Joy. Carolee Schneemann-Retrospektive im MMK in Frankfurt

Von Jutta Pivecka

Katalog zur Ausstellung, hrsg. von Sabine Breitwieser, Prestel Verlag 2015

Carolee Schneemann veröffentlichte 1974 ein Künstlerbuch unter dem Titel „Cezanne. She was a Great Painter“. Der Titel verweist gleichermaßen auf den Anspruch der Künstlerin als „große“, d.h. bedeutende Malerin anerkannt zu werden und auf die Zurückweisung, die dieser Anspruch bis heute durch männliche „Kunsthengste“ (Schneemann) erfährt, wenn er von einer Frau formuliert wird. „Great Painter“ wird als Mann gedacht, beinahe unwillkürlich (was auch ein Kommentar zur – vermeintlichen – Geschlechterindifferenz der englischen Sprache ist).

Schneemann war immer wieder im Verlauf ihrer Karriere mit dieser Sichtweise konfrontiert: Man riet ihr statt Beauvoir den „Meister“ Sartre zu lesen, man verwies sie vom College, weil sie sich selbst als Akt malte, wohingegen es unbeanstandet blieb, dass sie männlichen Kollegen nackt als Modell saß. Carolee Schneemann hatte aber auch Glück in ihren Beziehungen: Sie verwirklichte mit James Tenney eine gleichberechtigte Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, der sie im Film „Fuses“ von 1964 ein berauschendes Denkmal setzte. „Fuses“ zeigt Schneemann und Tenney durch die Augen der Katze des Paares, nackt, sich liebend, müßig, frei, lebendig. Der Blick auf weibliche und  männliche Genitalien ist offen, neugierig, lustvoll, jedoch niemals voyeuristisch oder pornographisch. Was den Unterschied ausmacht? Die wechselnde Perspektive der Kamera, die sich immer wieder auch mit dem Blick der Katze vereint, die Zeitspanne (der Film entstand über 3 Jahre), die im Wechsel der Jahreszeiten, der Frisuren und Behaarungen, im Geschwindigkeits- und Rhythmuswechsel der Filmspuren sichtbar wird, die Bearbeitung des Zelluloid-Materials durch Schnitte, Collagen, Klammern, Bemalungen, so dass beide im Film weder als „Objekt“ noch „Subjekt“ dargestellt werden, sondern in ihrer beweglichen und bewegenden (sexuellen) Beziehung, in der sich die Rollen und Zuschreibungen wandeln.

Fuses, 1964-67

Carolee Schneemann ist in der Kunstwelt vor allem als Performance-Künstlerin bekannt, durch ihre bahnbrechenden Performances wie „Eye Body“ (1963), „Meat Joy“ (1964)  oder  „Body Collage“ (1967). Stets arbeitete sie dabei auch mit ihrem eigenen Körper. Schneemann beschreibt, wie in der männlich dominierten Kunstwelt der nackte weibliche Körper – auch noch und gerade in den frühen Happenings der 60er Jahre – ausschließlich als Objekt benutzt worden ist. Indem sie sich selbst, die Künstlerin, das „Subjekt“ der Inszenierung, an dieser Stelle eingesetzt hat, durchbricht sie diese „territorialen Potenzlinien“. Schneemann geht es darum, sich – die Frau! –in ihrer archaischen Kraft zu entdecken und zu inszenieren, nicht bruchlos und ohne Bezugnahme auf die Verletzungen und die Verletzbarkeit, die diesem symbolischen Körper durch die Geschichte (der Kunst) zugefügt wurden und werden. Das zeigen die Materialien und Gegenstände, mit denen sie ihre Inszenierungen verbindet: Spiegel, zerbrochenes Glas, Bandagen, Leim. Es entstehen visuelle Fragmentierungen, Schnitte, Erschrecken, Schmerz. Aber immer wieder gelingt es Schneemann Bilder der Freude, der Lust, des Entdeckens und der weiblichen Macht zu entwerfen. Sie schreibt: „Ich fühlte mich gezwungen, mir meinen Körper unter mannigfachen Aspekten ´vorzustellen´, die der mich umgebenden Kultur entgangen waren. Acht Jahre später sollten sich die Implikationen der Körperbilder, die ich erkundet hatte, klären als ich 4000 Jahre alte, sakrale Artefakte der Erdgöttin studierte.“

Eine Retrospektive des Werkes von Carolee Schneemann wird derzeit im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main (MMK 1) unter dem Titel „Kinetische Malerei“ gezeigt. In der Tat offenbart der Blick auf die frühen Werke der Künstlerin und ihre Entwicklung aus diesen Anfängen heraus, wie sehr Carolee Schneemanns Arbeit durch die Malerei geprägt ist. Die frühen expressionistisch anmutenden Gemälde drängen zur Bewegung, zur Auflösung der vierkantigen Begrenzung, gerade so wie ihre Performances und Filme in den späteren Jahren malerische Elemente enthalten: das Experimentieren mit Schattierungen, Schriftzügen, Pinselstrichen und Überschreibungen. Die Malerei entgrenzt sich, indem „das Bild“ aufgegeben wird und die Inszenierungen werden als bewegte Bilder vorgestellt, immer wieder auch in großartigen Fotografien und Foto-Collagen festgehalten. Dabei bewegen sich Schneemanns Arbeiten häufig auf ein gefährliches und gefährdendes Chaos (die scharfen Kanten der Spiegel und Spiegelungen)  zu und sind zugleich in ihrer Offenheit und Lebendigkeit ungeheuer lebensbejahend, ja fröhlich.

Vulva´s Morphia, 1995

Und während des Betrachtens entdecke ich: Es sind solche Bilder und Filme und dieser fröhlich, freie und gefährliche, (sich) gefährdende Feminismus, den ich brauche, auch oder gerade weil (mir) das gegenwärtig so „Retro“ vorkommt; heute, da Feminismus von einigen (nur noch?) als Teil einer Bewegung von Minderheiten begriffen wird. Es kann selbstverständlich immer etwas schiefgehen, wenn kulturelle Tabus gebrochen werden: SNAFU (Situation normal all fucked up) heißt eine Arbeit aus dem Jahr 2004 von Schneemann. Daher fehlt zuletzt denn bei dieser Ausstellung, die Frauen (und Männer) in ihrer Nacktheit und mit ihrem (auch) sexuellen Begehren zeigt, nicht der Hinweis, Kinder und Jugendliche könnten in ihrem „sittlichen Empfinden“ verletzt werden. (Ein Hinweis, den ich im Übrigen noch niemals gesehen habe, wenn es um die Ausstellung von christlichen Kreuzigungs- und Folterbildern geht). Der Angriff der weiblichen Lust, die nicht dem Mann dient, die Lebendigkeit des Frauseins jenseits der patriarchalen Muster hebelt offenbar schmerzhaft all die lieb gewonnen (religiösen und anderen) Illusionen über Unverletzlichkeit, Unverfügbarkeit und Unberührbarkeit, über Reinheit und Idealität („der Frau“) auf. Da mag ein „sittliches Empfinden“, dem die Darstellung körperlicher Gewalt wenig anhaben kann, sich winden.

1995 entstand „Vulva´s Morphia“, eine Lecture-Performance und Wandinstallation. Schneemann ging es darum, die „Darstellungen der Macht genitaler Sexualität, die sich in Kulturen finden, die nominell von der westlichen Kunstgeschichte ausgeschlossen sind“ zu untersuchen. Sie häufte Berge von Materialien, Texten, Bildern und Anmerkungen an: „Genitalverstümmelungen bei Frauen, der gegen Feminismus und Hexerei protestierende Papst, lacansche Entstellungen weiblicher Sexualität, Bestrafungen schwangerer halbwüchsiger Mädchen in Highschools, wirre aktuelle Forschungen zum weiblichen Orgasmus.“ Schließlich entschied sie sich: „Eines Nachts hatte ich einen Traum, in dem mir eine gebieterische Stimme erklärte: ´Du wirst nie wieder als Künstlerin mit deinen Händen in deinem Atelier arbeiten, solange dieser riesige unordentliche Haufen mit Notizen dort über den ganzen Boden verstreut herumliegt. WARUM ÜBERLÄSST DU DAS REDEN NICHT DER VULVA?´

Und sie tut´s auf den 35 farbigen Laserprints der Wandinstallation, wo u.a. zu lesen ist: „VULVA DECIPHERS LACAN AND BAUDRILLARD AND DISCOVERS SHE IS ONLY A SIGN, A SIGNIFICATION OF THE VOID, OF ABSENCE, OF WHAT IS NOT MALE…(SHE IS GIVEN PEN FOR NOTES)…“

 Lol.

Carolee Schneemann: Kinetische Malerei

noch bis zum 24.September im:

MMK 1, Museum für moderne Kunst Frankfurt

Domstraße 10

60311 Frankfurt

Zitate aus dem Katalog zur Ausstellung

Carolee Schneemann: Kinetische Malerei, hrsg. Von Sabine Breitwieser (Museum der Moderne. Salzburg), Prestel 2015 (€ 49,95)

 

 

(Cross-Post von https://gleisbauarbeiten.blogspot.de)

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 26.07.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Juliane Brumberg sagt:

    Sehr spannender Artikel, liebe Jutta, auch wenn ich es wohl leider nicht in die Ausstellung schaffen werde. Zu dem Thema kann ich den Roman „Die gleissende Welt“ von Siri Hustvedt empfehlen, den ich zufälligerweise gerade lese. Darin geht es um die männlich dominierte New Yorker Kunstszene. Die Protagonistin Harriet Burden, eine hoch talentierte Künstlerin, fühlt sich als Frau mit ihren Kreationen von von der männlichen Kunstkritik nicht geachtet und startet ein Experiment. Heimlich geht sie mit den von ihr geschaffenen Installationen hinter den Masken von drei Männern an die Öffentlichkeit. Was sich daraus alles entwickelt, will ich hier nicht verraten, aber es sagt einiges über die unterschiedliche Wahrnehmung der Kunst von Frauen und von Männern.

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