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„Frauenrecht ist Menschenrecht“ – Petra Volpes Film „Die göttliche Ordnung“

Von Jutta Pivecka

Die ersten Bilder dieses Films wecken in mir Kindheitserinnerungen. Ich bin Jahrgang 1965 und auf dem Land aufgewachsen (allerdings nicht in der Schweiz). So sahen die Autos aus, als ich Kind war, die Wollkleider der Frauen und die dicken Strümpfe in robusten Schuhen, die Einbauküchen und die Wachstuchdecken auf den Tischen. Landfrauen trugen Kopftücher, wenn sie „in die Stadt gingen“, lose geschlungen allerdings und das Haar lugte hervor, das es zu schützen galt, vielleicht weil damals Friseure auch noch Sachen mit dem Haar machten wie „ondulieren“ und „toupieren“? (Hauptfigur Nora wird sich im Film schließlich einen flotten Pony zur leicht angestuften Naturwelle schneiden lassen.)

Marie Leuenberger spielt in „Die göttliche Ordnung“ von Petra Volpe diese Hausfrau Nora, die mit Mann, Schwiegervater und zwei Söhnen in einem nahe Zürich gelegenen Schweizer Dorf wohnt. Volpes Film erzählt, wie Nora sich Schritt für Schritt gegen die sie umgebende „göttliche Ordnung“, d.h. die patriarchale, auflehnt, die sich in der Schweiz geradezu grotesk stabil bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erhalten hat. Der Film spielt 1971, als sich die Schweizer Frauen endlich das Wahlrecht erkämpfen.

Dass Nora sich nach einer Erweiterung des Horizonts sehnt, danach, die engen Grenzen dieser verkapselten Welt zu sprengen, zeigt Volpe schon ganz am Anfang in einer Szene: Nora unternimmt mit ihren Söhnen eine Phantasiereise auf dem Globus. Der Zufallstreffer lässt sie mitten im Pazifik landen, in dessen dunklen Tiefen sich unerforschte Welten verbergen. Jenseits der Träume erhofft sich Nora schlich ein wenig Abwechslung und ein wenig eigenes Geld indem sie sich halbtags in einem  Reisebüro arbeiten möchte. Mann Hans will davon nichts wissen. Wer soll mittags für die Söhne kochen? Außerdem missfällt es ihm auch, dass sie durch die Arbeit Kontakt zu anderen Männern haben könnte. Zuletzt, als seine „Argumente“ an ihr abprallen, setzt er auf das Gesetz: Ohne seine, des Ehemanns, Einwilligung darf Nora gar keinen Arbeitsvertrag unterschreiben. (Ein solches Gesetz galt in der Schweiz  noch bis 1988 und in Deutschland bis 1977.)

Die Auseinandersetzung mit Hans führt dazu, dass Nora sich für ihre Rechte zu interessieren beginnt. An einem Aktionstisch versorgt sie sich mit feministischen Schriften, einer Einführung ins Schweizer Eherecht und Broschüren zum Kampf um das Wahlrecht in der Schweiz. Zunehmend politisiert sie sich, unterstützt zunächst lediglich von der älteren Vroni, die sich in einem Gasthof kaputt geschuftet hat, und von der Italienerin Graziella, die diesen Gasthof aufgekauft hat. Gemeinsam nehmen Nora, Vroni und Graziella an einer Demonstration in Zürich teil: „Frauenrecht ist Menschenrecht“. Und in einem Workshop lernen sie, dass das Private politisch ist und der Kampf für die weibliche Freiheit auch die Entdeckung ihres Körpers und ihrer Lust beinhaltet.

Die Beziehung zwischen Nora und ihrem Mann wird in Volpes Film differenziert dargestellt. Hans ist kein Fiesling, der Nora unterdrücken will, sondern – wie sie –  in diese patriarchalen Strukturen hineingeboren und gewachsen. Als Mann profitiert er aber – scheinbar – von diesen Strukturen so sehr, dass es ihm zunächst schwerfällt, sie in Frage zu stellen. Er verrät Nora bei einer Versammlung vor der ganzen Gemeinde. Zuletzt lernt er aber, ihr zuzuhören und auch zu erkennen, dass sein Leben durch eine freie Frau an seiner Seite bereichert wird, nicht nur, aber auch sexuell.

„Die göttliche Ordnung“ stellt den Kampf der Frauen um ihre Rechte und ihre Freiheit nicht als einen Kampf gegen „die Männer“ dar, sondern als eine Bewegung gegen das Patriarchat, das durchaus auch von einer Frau verkörpert werden kann. Im Film übernimmt diese Rolle die ledige und kinderlose Besitzerin der mittelständischen Schreinerei, die ein „Aktionskomitee gegen die Verpolitisierung der Frau“ leitet.

Während Nora und Hans, Vroni und Gabriella differenziert gezeichnet sind, geraten einige andere Figuren etwas holzschnittartig. Dies gilt für die Schreinerei-Chefin, die in ihrer Verbitterung dem Klischee der „alten Jungfer“ nahe kommt oder für Noras Schwiegervater, der sich in seinen Pantoffeln vorm Fernseher bedienen und umputzen lässt. In der deutschsprachigen Synchronisation wirken einige der Dialoge auch ein wenig hölzern und es lohnt sich bestimmt, wo möglich, den Film im schwyzer-deutschen Original (mit Untertiteln) zu schauen.

Insgesamt jedoch ist Volpes Film eine gelungene Hommage an jene Frauen aus dieser Generation, die für sich, ihre Töchter und Enkelinnen mehr Freiheit und Teilhabe erkämpft haben. Sie hinterlassen dieses Erbe mit dem Auftrag, es nicht zu verspielen, sondern den Kampf gegen patriarchale Strukturen fortzusetzen. Und Volpes Film zeigt auch, wie das geht: in der Gemeinschaft mit anderen Frauen, mit Lust, Humor, Hartnäckigkeit und Optimismus.

„Die göttliche Ordnung“ ist der Schweizer Oscar-Kandidat.

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 30.08.2017
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