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Rubrik denken

Woran entscheidet sich der freie Wille einer Frau?

Von Franziska Schutzbach

Kann es sein, dass Frauen freiwillig einen Hijab tragen? Kann es sein, dass Frauen freiwillig in der Prostitution arbeiten? Diese Frage steht heute im Zentrum vieler politischer Auseinandersetzungen. Häufig werden sie so geführt, als ginge es dabei um das jeweilige Thema, das Kopftuch, die Sexarbeit. Eigentlich jedoch liegt der Kern des Konflikts bei der Frage des Freiheitsbegriffs. Was verstehen wir unter Freiwilligkeit? Wie lässt sich Freiheit in unterdrückenden Systemen denken? Aus Anlass einer Formulierung von Kacem El Ghazzali in einem Interview hat bzw-Autorin Franziska Schutzbach ihm auf Facebook einen offenen Brief geschrieben, den wir hier ebenfalls veröffentlichen.

Foto: Nchenga Nchenga/ Flickr.com (cc by-nc)

Lieber Kacem El Ghazzali, in einem Interview sagten Sie: «Wer freiwillig einen Hijab anzieht, hat keine liberale Entscheidung gefällt». Eine solche Wahl, so ergänzten Sie in einer Facebook-Diskussion, beruhe nicht auf den Prinzipien von Freiheit und Gleichheit.

Herr Ghazzali, wenn Sie weibliches Handeln am Massstab eines abstrakten Liberalismus/ Freiheitsbegriffes bemessen und nicht an der konkreten Situation von Frauen und ihren Lebensrealitäten, ist das eine paternalistische Geste gegenüber dem Leben und Handeln von Frauen. Sie sind hier SELBST einer Kontinuität androzentrischer Logik verhaftet.

Natürlich ist der Schleier sehr oft Ausdruck von patriarchaler Macht und Geschichte. So, wie auch Prostitution/Sexarbeit das ist (ich nehme das als weiteres Beispiel, bei dem Frauen oft jegliche Handlungsmacht abgesprochen wird). Den Schleier gibt es, weil es patriarchale Machtverhältnisse gibt. Prostitution gibt es, weil es patriarchale Verhältnisse gibt, in denen Frauen zur ‚Ware‘ werden können. Logisch hängt das zusammen.

ABER: Deswegen das Tragen eines Schleiers als grundsätzlich nicht selbst-bestimmt zu definieren (oder wenn Frauen ihre Körper verkaufen), ist so falsch wie anmassend. Das ist eine verkürzte, ja eine „männliche“ Vorstellung von „Selbstbestimmung“, die nicht berücksichtigt, dass das Handeln von Frauen im Rahmen von Herrschaftsverhältnissen NATÜRLICH NICHT EINFACH ausserhalb dieser Herrschaftsverhältnisse stattfindet. Aber diese auch nicht einfach bloß ABBILDET.

Frauen haben Gründe, so zu handeln, wie sie handeln. Sei es, um sich zu schützen, um einer Community anzugehören, um zu überleben, sei es aus spirituellen, religiösen Gründen. Es ist, je nachdem, vernünftig – ob jemandem das passt oder nicht – religiös zu sein. Das Gleiche gilt für extremen Schlankheitswahn oder anderes. HANDLUNGSWEISEN VON FRAUEN IM PATRIARCHAT sind oft vernünftige Strategien.

Also muss man doch die Herrschaftsverhältnisse angreifen, diskutieren. Und nicht das Subjekt, das in ihnen irgendwie klarkommen muss. Und WILL.

Beispiel Prostitution: Viele Frauen haben keine andere Möglichkeite, ihre Existenz zu sichern. Es ist eine vernünftige Entscheidung, auch wenn sie (natürlich!) im Rahmen einer Frauen-diskriminierenden Gesellschaft geschieht. Aber die Frau handelt vernünftig, sie HANDELT. Sie plant und denkt nach, SIE HAT EINEN WILLEN IN DIESEM HANDELN. Sie sichert ihr Leben und oft das ihrer Kinder.

Wir können nicht die Handlungsweisen von Frauen prinzipiell sanktionieren, verbieten, abwerten, nicht für ‚voll‘ nehmen. Wir können nicht Frauen suggerieren, dass das, was sie tun, irgendwie „falsch“ sei, wenn es nicht das ist, was wir für liberal und richtig halten.

Und ich spreche hier nicht von Zwangssituationen, natürlich muss es verboten sein, Frauen unter einen Schleier zu zwingen (Zwangsverschleierung) oder Frauen zu verkaufen (Zwangsprostitution).

Aber abgesehen davon muss eine emanzipatorische (feministische) Politik die verschiedenen Gründe für Verschleierung oder Prostitution oder Schönheitsoperationen oder was auch immer kennen, und begreifen, dass diese oft völlig vernünftig sind, weil sie das Überleben von Frauen in einer herrschaftsförmigen Gesellschaft ermöglichen. Weil sie AKTIVE Strategien sind, mit denen Frauen mit den vorherrschenden Verhältnissen klar kommen.

Es lässt sich nicht von einem neutralen Standpunkt aus bestimmen, ob das Tragen eines Schleiers ein „liberaler“, ein freiheitlicher, ein anti-freiheitlicher usw. Entscheid ist. Dies zu tun, beanspruchen Sie, Herr Ghazzali.

Nochmal: ich stimme darin überein, dass Verschleierung als geschichtlich gewachsenes Symbol mit dem Patriarchat zu tun hat. Die tatsächliche Praxis der einzelnen Frauen ist jedoch vielfältig und nicht einzufangen mit einem abstrakten Massstab von frei versus nicht-frei. Diese Realität müssen wir anschauen, anstatt Frauen in ihrem Handeln für nicht ganz ‚voll‘ zu nehmen, oder als ’noch nicht ganz aufgeklärt‘, ’nicht wirklich emanzipiert‘ zu begreifen.

Fazit: Wir sollten an einer Gesellschaft arbeiten, die Frauen in deren KONKRETEN Lebensverhältnissen mehr Möglichkeiten bietet. Es kann nicht darum gehen, über Liberalismus oder „wahre Selbstbestimmung“ zu philosophieren. Vielmehr müssen wir uns darum kümmern, dass es mehr Frauenhäuser gibt, mehr Prävention und Therapiemöglichkeiten für Gewalt-betroffene Frauen, mehr Möglichkeiten zu arbeiten für Frauen mit prekären Aufenthaltssituationen, mehr Karriere- und (feministische) Bildungsmöglichkeiten für alle Frauen, mehr Beratungsstellen, mehr Institutionen für Frauen*anliegen auf der ganzen Ebene! Und nicht zuletzt: Mehr Medien, die Kritik üben an patriarchalen (muslimischen, christlichen, egal!) Verhaltensweisen und Strukturen. Die diese Themen adressieren und verhandeln.

Aber ach. Man(n) will lieber über Liberalismus-Definition sinnieren. Danke für die Hilfe auch. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es hier gar nicht um die Frauen geht. Sondern um ideelle Rechthaberei.

(Das betrifft leider auch viele paternalistische Feministinnen).

Autorin: Franziska Schutzbach
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 27.08.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Cornelia Roth sagt:

    Ich finde, daß der Artikel ein bißchen übers Ziel hinausschießt. Es gab schon einmal eine Debatte über weibliche Freiheit anhand der Soldatin, die in Abu Ghirab folterte. Es ist die Freiheit jeder Frau, zu tun, was sie meint und es nimmt ihr nichts von ihrem Frausein. Aber es ist Freiheit in Bezogenheit. Das bedeutet, daß Frauen in ihren Entscheidungen von Frauen kritisiert werden können und sollen – und auch von Männern. Dieser Gesichtspunkt kommt in dem Artikel nicht mehr vor, auch wenn sehr richtig gegen die Haltung allgemeiner Prinzipien auf Kosten von Frauen argumentiert wird. Es ist gut, gegen die Haltung zu sprechen, in der kritisiert wird. Deswegen sollten aber nicht alle Entscheidungen von Frauen als begründet verteidigt werden – vor allem auch nicht alle aus dem Patriarchat begründet. Weil es nicht immer stimmt. Sonst sind wir doch durch die Hintertür wieder in der Opferrolle.

  • Dagmar Gruß sagt:

    Dem Kommentar von Cornelia Roth stimme ich zu.
    Warum möchte Franziska Schutzbach Frauen empfehlen, es sich unter ihrem Schleier gemütlich zu machen, bis sich die Verhältnisse geändert haben? Mutige verändern die Welt. Warum wollen Frauen Frauen keinen Mut zutrauen? Es gab und gibt Reformatorinnen …
    Gründe für das Schweigen und die Anpassung gibt es immer. Frei wird frau dadurch nicht.

  • Jutta Pivecka sagt:

    Danke, Cornelia, für deinen Kommentar. Du bringst auf den Punkt, welche gefährliche Falle diese Denkfigur produziert.

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Cornelia, liebe Jutta – es ist richtig, dass dieser Gesichtspunkt in dem Artikel nicht mehr vorkommt, aber er wird durch die Argumentation keineswegs ausgeschlossen, ganz im Gegenteil: Nur wenn ich die Entscheidung einer Frau als freie Entscheidung wahrnehme, kann ich sie überhaupt sinnvoll kritisieren. Franziska wendet sich dagegen, bestimmte Handlungen prinzipiell als unfrei zu beschreiben, aufgrund ihrer Inhalte. Das ist eine sehr alte Figur in der patriarchalen symbolischen Ordnung, die Frauen die Souveränität abspricht. Wir hatten das auch schon bei „Die Entscheidung, eine Hausfrau zu werden, kann nicht frei sein“, oder „die Entscheidung, bei einem Mann zu bleiben, der sie schlägt, kann nicht frei sein“ und so weiter.

    Selbstverständlich kann man Frauen für diese wie für jede andere Entscheidung und Handlung kritisieren. Aber das ist eben nur möglich, wenn man sie zuerst als freie Akteurin in Bezug auf diese Entscheidung wahrnimmt. Ich verstehe nicht, wo ihr aus diesem Artikel einen Anhaltspunkt dafür herauslest, dass Franziska Kritik eventuell nicht richtig oder erlaubt finden würde.

    Was sie fordert, ist die Wahrnehmung der Entscheidung in ihrer konkreten Situation, also die Bereitschaft zur Auseinandersetzung im Kontext, zum Anhören der Beweggründe und so weiter. Und was sie ablehnt, ist die VERWEIGERUNG von kritischer Auseinandersetzung mit paternalistischen Argumenten wie dem, dass Frauen, die „XYZ“ tun, eben sowieso nicht frei handeln. Mit Menschen, denen ich kein freies Handelns zugestehe, kann ich nicht argumentieren und diskutieren, sondern ich muss sie bevormunden wie Kinder, ich muss an ihrer Stelle für sie sprechen. Das ist was mit „paternalistisch“ gemeint ist.

    Dabei ist dieser Satz wichtig, den du Cornelia ablehnst „Alle Entscheidungen von Frauen als begründet verteidigen“. Genau hier ist die Krux in der derzeitigen politischen Debatten-Unkultur: Viele können sich offenbar gar nicht mehr vorstellen, dass auch Entscheidungen, die (meiner Ansicht nach, vielleicht sogar objektiv) falsch sind, dennoch „begründet“ sein können aus einer anderen Situation und Perspektive heraus. Der Streit geht darum, was wir tun in solchen Situationen: Uns mit diesen Gründen auseinandersetzen, sie versuchen, zu verstehen, unsere eigenen Gründe dagegensetzen und vermitteln, warum wir zu anderen Ergebnissen kommen? Oder sagen: Diese (angeblichen) Gründe, die die andere vorbringt, akzeptieren wir nicht, weil sie widersprechen irgend einem Prinzip oder Grundsatz, und deshalb müssen wir diese Person nicht anhören und ernstnehmen und mit ihr diskutieren, sondern wir können über sie hinweg Entscheidungen treffen.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Dagmar – Das ist richtig, durch Schweigen und Anpassung wird eine Frau nicht frei. Aber ich glaube, das will der Artikel auch nicht sagen. Sondern es geht um die Frage, woran man erkennt, dass die Handlung einer Frau frei ist – ich sehe das so: Man sieht es nur in der Beziehung zu dieser Frau und nicht von außen an einem Inhalt. Konformismus udn Anpassung ist ein großes Problem für die weibliche Freiheit, aber eine Frau kann konformistischerweise das Kopftuch an- oder ausziehen, Hausfrau oder Managerin werden, Highheels tragen oder Birkenstock. Ob eine Frau in Freiheit handelt oder aus Konformismus kann man nur in der jeweiligen Situation und im Kontext und in Beziehung zu ihr erkennen und nicht, indem man ihre Handlungen nach einem abstrakten universalistischen Maßstab quasi „von außen“ beurteilt.

  • Am Beitrag gefällt mir die Betonung der „agency“, der Handlungsfähigkeit jeder Frau in ihrem je eigenen Kontext. So muss jede Frau auch selbst entscheiden, ob und falls wie sich unter die Definitionamacht religiöser; -leider fast immer noch männlicher Autoritäten stellt.
    Die Arbeit am Symbolischen ist auch da zentral. „Heilige“ Texte, Riten und religiöse Gebräuche müssen dem patriarchalen Erbe entrissen werden. Gar nicht so einfach, wenn auch im chrictlichen Kontext nach wie vor feministisches Gedankengut geächtet wird und die sich damit befassenden Wissenschafterinnen systematisch ausgebremst werden.
    Ich persönlich versuche auch immer wieder, Solches in die Welt zubringen: https://www.diesseits.ch/das-menschenrecht-sich-gott-anders-vorzustellen/
    https://www.diesseits.ch/die-weibliche-seite-gottes/

    Dass sich unter einem Hijab durchaus ein liberaler Geist verbergen kann, habe ich mal einer Schweizer Nationalrätin (notabene der Christlichen Volkspartei angehörend) klarmachen wollen, als diese sich medial gegen kopftuchtragende Journalistinnen hat verlauten lassen.

  • Cornelia Roth sagt:

    Ich finde, daß Entscheidungen von Frauen auch ganz „unbegründet“ sein können: also z.B. nicht nachgedacht, oder sich ohne Nachdenken angepasst. Das ist trotzdem eine aktive Entscheidung und stellt die Souveränität weiblicher Entscheidung überhaupt nicht in Frage. Ich hatte mich gegen die Zuspitzung darauf gewendet, dass die Entscheidungen von Frauen deswegen oft völlig vernünftig sind, weil sie ihr Überleben in einer herrschaftsförmigen Gesellschaft sichern. Es kann ja auch sein, daß eine Frau einfach eine andere Meinung hat, die eben aus meiner Sicht ihrer eigenen weiblichen Freiheit entgegenläuft.

  • Antje Schrupp sagt:

    Ja klar, das alles ist möglich. Aber es lässt sich nur in einer konkreten Situation anhand eines konkreten Falles entscheiden, in Beziehung mit dieser Frau. Es lässt sich nicht pauschal anhand des Inhalts ihrer Meinung oder Handlung sagen.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Ich finde den Gedankengang von Franziska Schutzbach sehr wichtig und stimme ihr zu, dass wir das Handeln jeder einzelnen Frau aus ihrer persönlichen Situation heraus wahrnehmen und, um das Beispiel aufzugreifen, nicht pauschal Frauen, die sich verschleiern, abwerten sollten.
    Gestolpert bin ich über den Anfang des Fazits am Ende des Artikels: „Wir sollten an einer Gesellschaft arbeiten, die Frauen in deren KONKRETEN Lebensverhältnissen mehr Möglichkeiten bietet. (…) Vielmehr müssen wir uns darum kümmern, dass es mehr Frauenhäuser gibt, mehr Prävention und Therapiemöglichkeiten für Gewalt-betroffene Frauen, …“ Ja, natürlich brauchen wir in einer von patriarchaler Macht geprägten Gesellschaft Frauenhäuser und Beratungsstellen. Ja, Frauen sollen in ihren konkreten Lebensverhältnissen alle Möglichkeiten bekommen, die sie brauchen. Aber noch wichtiger ist es doch, die Strukturen dieser Lebensverhältnisse zu verändern, an einer Gesellschaft zu arbeiten, in der wir keine Frauenhäuser mehr brauchen, in der die konkreten Lebensverhältnisse verändert werden und dadurch die Freiheit von Frauen erweitert wird.

  • Cornelia Roth sagt:

    Den Punkt mit der Beurteilung anhand der konkreten Situation und in Beziehung zu der betreffenden Frau finde ich auch sehr gut an diesem Artikel.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Ja genau! Über diese Formulierung bin ich such gestolpert!

  • Martina Mair sagt:

    Seltsam dass die Diskussion um Wahlfreiheit von Lohnarbeit immer nur sich auf die Prostitution beschränkt und andere Formen der Lohnarbeit im Kapitalismus ausspart, als würde die Supermarktkassierin so eine große Wahlfreiheit haben … (oder bei Männern der oft migrantische Bauarbeiter, der eine um 10 Jahre verkürzte Lebensdauer in Kauf nehmen darf!). Von der Sanktionenpeitsche für die Hartz-IV-BezierhIn ganz zu schweigen.

    Der bürgerliche Mittelschichtfeminismus blendet da allzu viele aus!

  • Franziska sagt:

    danke für Eure Diskussionsbeiträge! zu den ersten Einwänden hat Antje bereits viel gesagt, und ich sehe mich darin gut verstanden. Hier möchte ich also nichts weiter sagen.

    Wichtig finde ich noch Juliane Bambergs Einwand: Ja, da haben Sie recht. Natürlich muss es darum gehen, die Gesellschaft grundsätzlich zu verändern. Mir schien es aber, weil ich ja auch auf die weiblichen Verhaltensweisen/Praxen IM Patriarchat abziele (und die Frage, wie diese eigentlich bewertet werden können)schlüssig, dann auch auf die Veränderungen Aufmerksam zu machen, die bereits IM Patriarchat möglich sind. Selbst wenn eben patriarchale Herrschaftsverhältnisse (ob in mmuslimischen oder christlichen oder anderen Communities) erstmal so sind, wie sie sind, so kann auch hier etwas einigermassen Sinnvolles getan werden. Das steht für mich nicht im Widerspruch dazu, natürlich eigentlich das System verändern zu wollen :-).

    Meine ursprünglicher Brief war an dieser Stelle auch noch etwas direktiver an Männer gerichtet. Mich ärgert eben, dass männliche Politiker, Autoren, Denker usw. meistens, wenn es schon mal um Gender-Fragen/Frauen geht, dass sie dann eben meistens eine Meta-Ebene wählen, von der aus sie gar nicht reflektieren, was zum Beispiel Feministinnen/Frauen bereits längstens tun, um die Situation zu verändern. Und dass, anstatt eben grossspurig zu verkünden, welches Verhalten von Frauen wie bewertet werden sollte, ich von ihnen erwarte, bzw. mir wünsche, sich doch wenn schon wirklich einzusetzen. Und sich den ganz konreten Anstrengungen zuzuwenden, mit denen bereits versucht wird, das Leben von Frauen zu verbessern.

    Ich denke, dass Frauen(themen) oft eine Art Manövriermasse sind, die von Politikern (ob von links oder rechts) argumentativ dann in die Waagschale geworfen wird, wenn es für irgendein grösseres Ziel sinnvoll ist. Oder ihre eigentlichen Argumenten insgesamt stärkt. Mich ärgert das.

  • Ute Plass sagt:

    @Antje – „Ob eine Frau in Freiheit handelt oder aus Konformismus kann man nur in der jeweiligen Situation und im Kontext und in Beziehung zu ihr erkennen und nicht, indem man ihre Handlungen nach einem abstrakten universalistischen Maßstab quasi „von außen“ beurteilt.“

    Ein Satz, der in Leuchtlettern die Nächte erhellen sollte. 🙂

  • Ute Plass sagt:

    @Franziska
    „Aber ach. Man(n) will lieber über Liberalismus-Definition sinnieren. Danke für die Hilfe auch. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es hier gar nicht um die Frauen geht. Sondern um ideelle Rechthaberei.

    (Das betrifft leider auch viele paternalistische Feministinnen).“

    Erweiternd dazu auch der Beitrag auf Ihrer Blog-Seite:
    https://franziskaschutzbach.wordpress.com/
    in dem es u.a. heißt:

    „Folgt man Thürmer-Rohr, ist es an der Zeit, dass Frauen* aufhören, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie haben lange genug die Wahrheit nicht gesagt. Auch wenn es schmerzhaft ist: Frauen* sollten gegen ihre Mittäterschaft revoltieren und die patriarchalen Verhältnisse als Determinanten ihres Verhaltens aufkündigen. Das bedeutet, dass Frauen* sich demoralisierend und enttäuschend verhalten. Dass sie zu Spielverderberinnen werden, und sich weigern, den tödlichen Dreck wegzuräumen, sich weigern, die ewigen Trümmerfrauen* des Patriarchats zu sein.“
    https://franziskaschutzbach.wordpress.com/

  • Jutta Pivecka sagt:

    @Antje Ich kann Deiner Argumentation zunächst folgen. Aber nur dann, wenn ich die Prämisse gelten lasse, die deinen Überlegungen und denen Franziskas vorausgeht: dass nämlich der zitierte Mann und andere (die Mehrheitsgesellschaft?) die Hijab tragenden oder sich prostituierenden Frauen nicht in ihre Entscheidung ernst nähmen bzw. davon ausgingen, diese Entscheidung sei unter Zwang (unfrei) getroffen.
    Genau das bezweifle ich. Freier (und Mehrheitsgesellschaft?) gehen ganz zweifellos davon aus, dass Prostituierte sich „freiwillig“ prostituieren und ich kenne nicht wenige (Männer), die ganz sicher sind, dass das ein sehr erfüllender Beruf ist. Diejenigen, die das Tragen des Hijabs kritisieren (und die Trägerinnen oft auch anfeinden), unterstellen in ihrer Mehrheit keineswegs, dass diese das Tuch unfreiwillig tragen. Sie halten es vielmehr für ein bewusst eingesetztes Zeichen des politischen Islams, den sie bekämpfen (Ich könnte hier unzählige Zitate beibringen). Auch das Zitat verstehe ich so: Der Autor hält einen Islam, der Kleidervorschriften für Frauen macht, für illiberal und also auch die Frau, die – freiwillig – solche Vorschriften beachtet. Das kann man – gläubig oder ungläubig – falsch oder richtig finden (ich kenne gläubige Musliminnen, die es so oder so sehen). Es ist jedenfalls keine Entmündigung der Frau, sondern eine politische Bewertung ihrer Handlung.
    Die Wahl der beiden Beispiele ist – wie ich annehme – eben kein Zufall, denn es geht ja um zwei Handlungen, die weder du noch Franziska grundsätzlich ablehnen (wie ich aus Gesprächen weiß).
    Anstrengend wird´s ja aber erst, wenn wir die Freiheit der Entscheidung einer anderen da annehmen müssen, wo wir ihr Handeln und ihre Argumente grundsätzlich falsch finden (wie in Cornelias Beispiel oder bei den weißen Wählerinnen Trumps, bei den Christinnen, die vor Abtreibungskliniken randalieren, bei Frauke Petry oder Birgit Kelle. Usw. usf.)
    Für meine aus Algerien stammende Kollegin (und vielleicht eben auch für den zitierten Mann) ist der Hijab das Symbol der islamistischen Schlächter, die sie aus ihrer Heimat vertrieben haben. Für sie ist es anstrengend und schmerzlich, sich mit der freien Entscheidung von verhüllten Frauen hierzulande auseinanderzusetzen. Für dich, Franziska oder mich nicht. Deshalb erscheint mir diese Argumentation mit den gewählten Beispielen wohlfeil.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Jutta – ja, aus dem Grund hab ich dann in meinem zweiten Kommentar ein Beispiel ausgesucht, das uns hier selber betrifft, nämlich das mit dem freiwilligen Hausfrau werden. Es ist natürlich kein Zufall, dass wir das Thema jetzt an Dingen wie Kopftuch und SexArbeit diskutieren, weil ein Satz wie „wer freiwillig Hausfrau wird, hat keine liberale Entscheidung gefällt“ heute nicht mehr gesagt würde, auch dank des Engagements (von Teilen) der Frauenbewegung, die die Gefährlichkeit einer solchen Sichtweise für die weibliche Freiheit herausgearbeitet hat. Deshalb macht es mir Sorgen, dass wenn man „Hausfrau werden“ mit „Hijab tragen“ ersetzt, dieselbe Argumentationsfigur jetzt wieder als völlig okay gilt.

  • Antje Schrupp sagt:

    (PS. Im übrigen finde ich Kopftuch tragen prinzipiell falsch. Ich finde nur staatliche Kleidervorschriften noch prinzipieller falsch).

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Falsch oder richtig: Wohl doch immer Ansichtssache! An einem ‚bad hair dsy‘ wäre ich manchmal ganz froh um einen Hijab!

  • Ute Plass sagt:

    @Esther Gisler Fischer – welch ein Glück, dass es Kopftücher gibt, mit denen sich Frauen (Männer auch)schmücken können,
    sofern ihnen danach ist.

    @Jutta Pivecka: Habe noch nicht verstanden, was genau dich umtreibt. Ist es die Frage nach Verantwortlichkeit in Bezug auf Konsequenzen für die eigene Person und darüber hinaus, die jegliche ‚freie‘ Entscheidung mit sich bringt?

  • Jutta Pivecka sagt:

    @Ute Plass Mich treibt um, dass ich die 1. Voraussetzung, die der Text macht, für konstruiert halte. Nämlich dass Prostituierten oder Hijab-Trägerinnen die „Freiwilligkeit“ ihrer Entscheidungen abgesprochen werde. Das halte ich für einen Papp-Kameraden, der aufgebaut wird.

    Und das führt zu 2. (und da bin ich bei deiner Frage nach der Verantwortung): Ich muss mich in meiner beruflichen Praxis immer wieder mit Entscheidungen von Frauen auseinandersetzen, die ich nicht nur selbst nicht nachvollziehen oder mitvollziehen kann, sondern die ich auch für gefährlich halte. Dabei geht es selten um Kopftücher oder Prostitution. Sondern um Fragen wie: Wen darf ich lieben? Wieviel lasse ich mir von meiner Familie vorschreiben? Wie entziehe ich mich Missbrauch? Dabei höre ich immer aufmerksam zu, versuche aber auch eine andere, veränderte Perspektive zu vermitteln, denkbar zu machen.

    Ich möchte jetzt nicht auf einzelne „Fälle“ eingehen. Sie unterliegen der Schweigepflicht. Es ist aber oft schmerzlich, die Freiheit der Entscheidung einer Frau zu akzeptieren, auch dann, wenn sie nicht nur sich selbst einschränkt, sondern auch z.B. ihre Kinder und die Freiheit anderer Frauen, die sie durch ihre Verhalten „beschämt“. Aus dieser Perspektive erscheint mir die schmerzfreie Verteidigung der „Freiheit“ ein bisschen oberflächlich und akademisch. Sie hilft mir jedenfalls nicht im Alltag mit der Verzweiflung umzugehen, die sich gelegentlich einstellt. Im Gegenteil: ich fühle mich – wie zuletzt häufig durch „feministische“ Diskurse – vergessen und ausgegrenzt. Denn häufig werden sie an Beispielen betrieben, durch die jene nicht persönlich in Dilemmata geraten, die sie vorantreiben. Mein Alltag ist aber das Dilemma. (wie auch hier z.B. lesen: https://www.theparisreview.org/blog/2017/08/23/putting-on-the-veil/ )

    @ Antje „Nur Hausfrau sein“ kann und konnte in bestimmten Kontexten eine sehr aggressive Position sein. Es ist erst keine mehr, seit es keine Position mehr ist, die in dem Milieu, in dem „wir“ leben dominiert. Meine Mutter z.B. hat viel darüber zu erzählen, auch über sehr konkrete „Unfreiheit“, die es für sie bedeutet hat, dass „Hausfrau“ die Rolle war, die sie nach Meinung ihres gesamten Umfelds erfüllen sollte. Deshalb ist es wichtig, darüber nachzudenken, für wen es jeweils in welchem Umfeld ein Problem darstellt, wenn bestimmte Symbole oder symbolische Akte (der Kuchen-Konkurrenz-Terror im Hausfrauen-Kampf ;-)) dominierend sind. Es reicht nicht, immer auf die „Mehrheitsgesellschaft“ zu schauen oder auf „unser“ Milieu. Die Prostitution rumänischer Frauen im Bahnhofsviertel oder das Tragen des Hijab in türkischen Gemeinde müssen in ihrem Umfeld betrachtet werden und in der Wirkung, die sie dort entfalten. Selbstverständlich nicht von „uns“, sondern von den Frauen, die in diesen Milieus leben. Und da hören sich die die Wertung eben sehr widersprüchlich an. Und es wird weh tun, sich zu entscheiden, oder Position zu beziehen, mit wem „wir“ uns – wenn überhaupt – solidarisieren. Wessen Interpretation ihrer Freiheit „uns“ zuletzt mehr überzeugt. Denn ich spreche keiner Seite die Freiheit ihrer Entscheidung ab. Aber nicht jede Entscheidung zielt auf mehr Freiheit für alle. Ob das der Maßstab sein kann? Meistens, zum Glück, ist es möglich, neutral zu bleiben. Nennt es meinetwegen auch: gleichgültig. Denn das ist die Haltung, die ich mir in einer Mehrzahl der „Fälle“ notgedrungen zulege.

    Langer Rede, kurzer Sinn: Erst wenn es um das Hakenkreuz-Tattoo geht, bin ich wirklich interessiert am Thema.

    Anyway: Mir persönlich ist das Tragen von Kopftüchern schnuppe. (Ich weiß aber aus Gesprächen mit Frauen, die aus Algerien oder dem Iran stammen, dass es sich beim Hijab ihrer Meinung nach nicht um ein „Kopftuch“ handelt. Es wird ja auch nicht einfach um den Kopf geschlungen, wie es in den 50er und 60er Jahren noch bei Frauen vom Land – auch in arabischen Ländern und in der Türkei- üblich war, sondern muss so getragen werden, dass jedes Haar verborgen ist, meist unter einer darunter getragenen Haube. Meine Freundinnen und Kolleginnen begreifen diese Form des „Kopftuches“ als ein politisches Symbol, durch das sie sich persönlich aufgrund ihrer Erfahrungen bedroht fühlen Auch das muss eine doch ernst nehmen.) Trotzdem bin ich ausdrücklich und hundertprozentig gegen Verbote. Da sind wir uns völlig einig.

  • Ute Plass sagt:

    @Franziska – gibt es eine Antwort auf Ihren offenen Brief?
    Nachdem ich das Interview mit ihm gelesen habe, kann ich mir
    nicht vorstellen, dass es ihm um „ideelle Rechthaberei“ geht.

  • Franziska sagt:

    hallo ute, nein, es gibt bisher keine antwort. und ich würde, erhlich gesagt,meinen letzten satz im rückblick auch hinterfragen bzw. anders schreiben. ich habe das ursprünglich auf facebook, also als facebook-post gepostet, und war affektiv, und genervt. weil ich in letzter zeit eben immer wieder beobachtet habe, dass diese ganze verschleierungs-sache dominant von männern (und natürlich auch frauen) diskutiert wird, und ich den eindruck habe, dass es oft um ideelle grabenkämpfe, und nicht um die frauen geht. konkret bei el ghazzali war das vielleicht eine etwas vorschnelle, oder zu pauschale unterstellung von mir. und es ging dann mit der publikation meines postes hier auf beziehungsweise weiterdenken sehr schnell. im nachhinein hätte ich sprachlich vorsichtiger formuliert.

  • Franziska sagt:

    hallo jutta, ich kann deine einwände gut nachvollziehen. danke. insbesondere wenn es darum geht, dass es nicht reicht, von ‚unserem milieu‘ aus zu schauen. das stimmt.

  • Inge Kleine sagt:

    Mal wieder die uralten Themen des „Handelns“, der „Intentionen“ und der „Vernunft“, und wir dürfen Frauen nicht sanktionieren, die „handeln“ …. und gemeint ist, die Struktur um die Frau herum, die durch das durch die Machtverhältnisse innerhalb dieser Struktur vorgegebene Handeln gestützt wird, nicht zu sanktionieren, weil wir damit der Frau das Handeln absprechen. Ein Satz, den ich aufdröseln muss, hier braucht mensch ja Karte, Faden und Kompass …. Nehmen wir Prostitution: Innerhalb der Prostitution als System ist das Handeln der Frau vorgegeben, und es ist daher innerhalb des Systems ein Handeln, das Prostitution stützt, es kann kein anderes Handeln sein, egal, wie es erlebt wird. Damit erledigt sich aber die kritische Betrachtung der Struktur, auch wenn höflicherweise daran festgehalten wird, dass die Struktur kritisch betrachtet wird (vor allem, solange sich die Kritik auf ein „gut, dass wir darüber geredet haben“, bzw. „einen gepflegten Dialog geführt haben“ beschränkt).
    Es ist so perfide – es wird von „Handeln“, „Vernunft“, „Intentionen“ gesprochen, als gebe es das System der Prostitution auf Grund des Handelns, der Vernunft oder der Intentionen der Frauen darin beziehungsweise als sei das ein wesentlicher Faktor.
    Als ginge es darum, die Frauen zu sanktionieren – was ja gerade diejenigen, die das System der Prostitution erkennen, nicht wollen, weil wir ja sehen, dass das „Handeln“ der Frau in diesem System keinen eigenen „Sinn“ haben kann, weil es kein freies oder unabhängiges Handeln ist, weil in diesem System doch gar nicht gegen das System gehandelt werden kann. Weil die Intentionen, das Handeln und die Vernunft der Frau für das System doch irrelevant sind. Davon zu reden, die Frauen würden „handeln“ –
    und das in Großbuchstaben – ist doch nur eine besonders ausgesuchte Form des Victim Blamings, kaschiert hinter „Schutz“ für diese Frauen.
    Was schön aus dem Blick herausgenommen wird, ist die Tatsache, dass zur ernsthaften Diskussion erst einmal eine Situation hergestellt werden müsste, in der das Handeln der Frau eine Bedeutung haben kann, und das kann es erst, wenn es gegen das System gerichtet werden kann. Wie soll das in der Prostitution aussehen? Zustimmung, Freiwilligkeit, Handeln kann erst dann überhaupt eine Bedeutung haben, wenn Gleichheit unter Leuten gegeben ist, – nicht eine Situation, in der für den einen Handelnden die Situation gilt, dass er sich auf die gesellschaftlich zugesicherte Möglichkeit samt staatlich garantierter Infrastruktur zum sexuellen Zugriff auf Frauen gegen eine von ihm letztlich festzulegende Gebühr 24/7 verlassen kann, während die andere Person dringend eine Ressource braucht, über die er verfügt. Er kann entscheiden und handeln, sie kann ein Preisschild an ihren Körper machen. Und das ist dann ihr „Handeln“, und weil dies als eigenmächtiges Handeln definiert wird, kann deswegen diese Situation deswegen angeblich nicht sanktioniert werden.
    Doch, kann sie. Dem gegenüber, dessen Handeln hier eine Bedeutung hat, und das ist der mit der Wahl, und das ist der, der hier sexuellen Zugriff über seine Ressourcen gegenüber einem anderen Menschen, einer Frau erzwingen will, und sich dabei auf die Gesellschaft verlässt. Es geht darum, ihm diese Gesellschaft zu entziehen, nicht darum, Frauen Vernunft abzusprechen.

  • Susann Tracht sagt:

    Jutta Pivecka`s „[… ] schmerzfreie Verteidigung der „Freiheit“ […]“ und der „Leuchtletter“- Konsens „Freiheit lässt sich nicht von „außen“ bestimmen“ hat etwas in mir angesprochen.

    Eine „[… ] schmerzfreie Verteidigung der „Freiheit […] ein bisschen oberflächlich und akademisch““ (Jutta Pivecka) bleibt es auch dann, wenn „in Leuchtlettern die Nächte erhellen[d]“ (Ute Plass) weibliche Freiheit „in einer konkreten Situation anhand eines konkreten Falles […], in Beziehung mit dieser Frau [und eben] nicht pauschal“ (Antje Schrupp) bestimmt wird.

    Ich bin Wissenschaftlerin, mein Thema war_ist Freiheit, Freiwilligkeit und ich wurde vergewaltigt. Auch ich war vor der Vergewaltigung eine „jene“ von denen Jutta Pivecka schreibt, die „[…] nicht persönlich in Dilemmata geraten, die sie [Diskurse über weibliche Freiheit] vorantreiben.“ Mein Antrieb war ganz so wie Dagmar Gruß Worte es nicht besser beschreiben könnten „Mutige verändern die Welt. […] Es gab und gibt Reformatorinnen … Gründe für das Schweigen und die Anpassung gibt es immer. Frei wird frau dadurch.“ Und ja, Jutta Pivecka auch mir „erscheint [nun] die schmerzfreie Verteidigung der „Freiheit“ [mehr als] ein bisschen oberflächlich und akademisch.“.

    „Schmerzfrei, akademisch, oberflächlich“ bleibt sie auch dann, wenn wir bewusst berücksichtigen, dass für ein Verstehen, ob Frau in Freiheit handelt oder nicht die Situation, Kontext, Beziehung zu der Frau bedeutsam sind. Ich finde es ungemein wichtig, dies immer gegenwärtig zu haben. Was daraus folgt? Über das Vergegenwärtigen hinaus?… ist mir momentan noch unklar. Hat es etwas mit schmerzhafter und schmerzfreier Verteidigung der Freiheit zu tun? Was?

  • Ute Plass sagt:

    Hallo Franziska,
    wer mehr von dir weiß, bzw. gelesen hat, wird dich nicht
    auf eine ‚vorschnelle Äußerung‘ reduzieren. 😉

    Würde mich freuen,wenn es zu einem Austausch zwischen dir und Kacem El Ghazzali kommen könnte.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Inge Kleine – Sie schreiben „dass das „Handeln“ der Frau in diesem System keinen eigenen „Sinn“ haben kann, weil es kein freies oder unabhängiges Handeln ist, weil in diesem System doch gar nicht gegen das System gehandelt werden kann. Weil die Intentionen, das Handeln und die Vernunft der Frau für das System doch irrelevant sind. “ – genau das ist der Punkt unserer Differenz. Ich widerspreche ganz entschieden dieser Auffassung, und deshalb fand ich den Text von Franziska so gut, dass ich ihn hier posten wollte (zu verstehen, wo genau die Differenzen liegen, ist ja Voraussetzung für eine gute Debatte. ) Im Feminismus geht es ja gerade darum, dem Handeln von Frauen Bedeutung zu geben (und nicht nur dem von Frauen, die meiner Meinung sind.) Und zwar unabhängig von der herrschenden symbolischen Ordnung. Nicht die Ordnung muss sich ändern damit Frauen frei sind. Sondern die Freiheit der Frauen verändert die Ordnung.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Ja genau; -es gibt ein richtiges, mal konformes, mal subvetsives Handeln im falschen aka ungerechten System und das nennt sich neudeutsch ‚agency’y

  • Inge Kleine sagt:

    @ Antje Schrupp.
    Was ändert sich an einer Ordnung, wenn innerhalb einer bestimmten Ordnung das von dieser Ordnung bestimmte Handeln als frei definiert wird – und das war’s dann?
    Ich stimme zu, dass es im Feminismus ja gerade darum geht, dem Handeln von Frauen Bedeutung zu geben – und ja, egal, welche Meinung sie haben. Was wir uns wohl beide immer wieder vorhalten können. (Ich denke auch, dass es im Feminismus durchaus um die Änderung der Ordnung geht, aber ich gehe auch davon aus, dass hier nicht mal unsere Konflikte liegen, eher ggf. im Weg dahin.)
    Vermutlich ist unser Konflikt (u.a.) in der Frage, _wie_ dem Handeln Bedeutung gegeben wird, beziehungsweise welche Bedeutung es in welchen Zusammenhängen hat oder haben kann.
    Es reicht doch nicht, einfach das Handeln als „frei“ zu definieren und damit ändert sich dann die symbolische Ordnung, quasi von selber. Meine Lacanzeit ist zu lange her, aber wir bestimmen „die Ordnung“ oder „die symbolische Ordnung“ ja eben nicht. Und etwas Bourdieu schadet hier auch nicht.
    Mir kommt die Ebene der Ordnung um die Frau herum in dieser Debatte immer wieder zu kurz, und „Handeln“ per se wird mir zu platt und zu schnell als Ausdruck von Freiheit genommen.
    Freiheit – ich bekomme doch keine Freiheit für Frauen, weil ich sage, sie handeln in der Prostitution frei, oder weil ich das so postuliere. Freiheit lässt sich doch nicht nur diskursiv herstellen, indem dann von „Agency“ gesprochen wird oder von „limited agency“ wenn es dann doch Einschränkungen gibt, die nicht abgestritten werden können, und wenn dann ausgehandelt wird, wie viele „limitations“ der Agency wir dann – am besten für andere – für akzeptabel halten oder welche „limited agency“ wir noch als Ausdruck von Freiheit (am besten anderer) werten.
    In der Prostitutionsdebatte wird das Handeln von Frauen immer wieder genommen um damit Prostitution samt Männern, die sie nutzen und einer Gesellschaft, die mit der Einstellung dieser Männer keine Probleme hat (und Prostitution braucht diese Einstellung) zu legitimieren und zum Teil zu glorifizieren. Denn das Handeln soll nicht kritisiert werden, das der Frauen nicht (und das der Männer darin nicht mal im Blickfeld sein), und wenn ich die Umgebung ihres Handelns kritisiere oder ablehne, wird das indirekt oder direkt als Kritik an der individuellen Frau verstanden, die Debatte an der Frau alleine festgemacht und mir (und anderen Mitstreiterinnen) manchmal böswillig und manchmal automatisch Abwertung der Frau unterstellt. Um diese Frau dann vor mir zu schützen (so viel zum Stichpunkt „paternalistisch“), wird dann ihre Umgebung geschützt. Ich habe Null Interesse, individuelle Frauen zu kritisieren und ich spreche ihnen nicht ihre Vernunft ab. Ich möchte die Zusammenhänge des Handelns sehen, thematisiert und geändert sehen. Vor allem möchte ich sie erkannt und problematisiert sehen. Immer, wenn mir erzählt wird, die Frau würde doch handeln – und bei Veranstaltungen zur Prostitution von z.B. Fraences, Dona Carmen et al wird das ausgeschmückt – denke ich an das Grundsatzurteil des BGH in Deutschland von 1966 zu den „ehelichen Pflichten“ – aus der Begründung: „Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, daß sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen läßt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen, zu denen die Unwissenheit der Eheleute gehören kann, versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen. Denn erfahrungsgemäß vermag sich der Partner, der im ehelichen Verkehr seine natürliche und legitime Befriedigung sucht, auf die Dauer kaum jemals mit der bloßen Triebstillung zu begnügen, ohne davon berührt zu werden, was der andere dabei empfindet.“ Und weil es ihm ggf. keinen Spaß macht, wenn sie nur passiv ist, muss sie etwas vorspielen. Das ist „Handeln“. Und die Frau, die so handelt, hat garantiert ihre Gründe dafür. Und es trifft, auch wenn es hier um Ehe geht, in den Kern der Debatte. Bei Ehe haben wir doch auch nicht davon geredet, dass die „Freiheit“ der Frauen, die sich entscheiden, entsprechend zu handeln, die Ordnung ändert, Feministinnen haben daran geschuftet, solche Ideen abzuschaffen und männliches Verhalten bzgl. dieser angeblichen ehelichen Pflicht zu ändern – was letztlich bis 1997/1998 gedauert hat.
    Das ganze Urteil ist insgesamt im Hinblick auf Frauen, auf Prostitution und auf ihr Handeln interessant, deswegen hier der Link.
    (https://openjur.de/u/270402.html)

  • Ute Plass sagt:

    Beim Lesen dieses Beitrages:
    http://www.deutschlandfunk.de/nach-der-pariser-migrationskonferenz-merkel-baut-eine-mauer.720.de.html?dram:article_id=394901

    fragte ich mich:

    „Woran entscheidet sich der freie Wille einer Frau,
    die Bundeskanzlerin ist?“

  • Anne Busch sagt:

    Danke @ Inge Kleine
    für diese treffende und aus meiner Sicht durch nichts zu ergänzende Schlüssigkeit der Argumentation.
    Ich halte es für eine logische aber fatale, akademistisch spitzfindige Denkfigur, innerhalb patriarchaler Strukturen den Fokus auf ein irgendgeartetes, angeblich freiheitliches Handeln von Frauen (und Männern) zu legen. Dieses also mit einer einzig durch sich selbst begründbaren Qualität zu belegen. Insbesondere dann, wenn dieses Handeln in seiner Konsequenz doch in Wahrheit nichtsweiter tut, als den vorgeschriebenen Wertekanon und Handlungsspielraum, der Frauen zugewiesen wird, zu bedienen und damit zugleich dazu beiträgt, diese Beschränkungen – bishin zur entmenschten Betrachtung und Behandlung – immer wieder aufs Neue zu stabilisieren, fortzuschreiben, ja sogar als erstrebenswert zu postulieren.
    Ja, Frauen handeln und denken im Patriarchat frei im Sinne der Struktur, die ihnen in Grenzen Spielräume erlaubt. An welchem Punkt und ob überhaupt diese Beschränkung durchbrochen werden kann, ist individuell sehr verschieden und hat tatsächlich mit Mut und Bewusstheit zutun.
    Es macht eben z.B. einen Unterschied, ob eine Frau sich zum HausfrauundMutter-Dasein im Sinne der Struktur (siehe AFD) entscheidet oder ob sie ihr Muttersein völlig neubetrachtet und dann ganz notwendig sich selbst, ihr Handeln und ihre Umwelt dahingehend verändert, oft gegen immense Widerstände. Nichts wird ihr dann aber mehr bewusst sein als die Tatsache, dass sie letztlich dennoch solange unfrei ist, solange das Patriarchat ihre Handlungsspielräume durch entsprechende strukturelle Abhängigkeiten diktiert. Und sie wird das auch entsprechend kommunizieren.
    Sich die Freiheit zu nehmen, das eigene Handeln als frei zu bezeichnen, ohne ein Verständnis für die Konsequenzen oder eben die Tatsache, dass es eine solche Freiheit garnicht gibt, weil wir immer in Bezogenheit agieren, würde ich eher Opportunismus nennen. Ganz wertfrei würde ich Diesen jedoch als bewusste oder unbewusste Anpassung bezeichnen, als Handlung oder Aktion, die in einer bestimmten Situation mit dem geringsten energetischen Aufwand für das Individuum Lösungsmöglichkeiten bietet, oder schlicht das Überleben sichert.
    Mut oder Nonkonformismus ist immer anstrengend und nicht selten wird das Individuum dafür garnicht belohnt.
    Dieser große oder kleine Funke ist es aber, der der wohlfeilen „Freiheit“, der angeblichen Autonomie, den Rücken kehrt. Und sei es nur in der Tatsache mündend, dass er künftig verhindert, dass etwas Freiheit genannt wird, das in Wahrheit garkeine ist. Weil mit dieser Art des Freiheitsgedankens etwas erkauft wird. Nämlich die Verleugnung der Konsequenzen jenseits des eigenen ganz engen Radius und schlimmer noch, die Verleugnung des eigenen Selbst. Diese „Freiheit“ bleibt immer ein Kompromiss der Anpassung, der in der Summe mehr schadet, als er nützt. Weil er gerade nicht in Bezogenheit gedacht wird. Das genau hat system.

  • Renate Schmidtsdorff-Aicher sagt:

    Auch danke an Inge Kleine und an Anne Busch !
    Mir jedenfalls geht es darum, die handelden MÄNNER SICHTBAR ZU MACHEN. Ich beziehe mich speziell auf die Prostitution. Dort ist es so,

    ES SIND DIE FREIER, WELCHE NOT ÜBER FRAUEN UND KINDER BRINGEN UND SCHANDE ÜBER DIE MÄNNLICHKEIT.

    Deswegen müssen AUCH IN DEUTSCHLAND die Freier verfolgt werden.

    Wie frei oder unfrei, vernünftig oder unvernünftig dort Frauen handeln und entscheiden, da sollten AUSSTEIGERINNEN befragt werden. Sie können uns ganz Wesentliches über Freiheit sagen.
    Bei der Vollverschleierung ist es doch so, dass in ihrem Lebenskontext Frauen ihr Leben riskierten, wenn sie entschieden, ihr Haar und ihr Gesicht zu zeigen.
    Wenn sie es dennoch wagen, dann ist unsere Solidarität gefragt, ihnen beizustehen, damit sie ein freies Leben ohne Gewalt von ihren Familien leben können. Wenn sie es nicht wagen, sind wir nicht gefragt, IHR Handeln ihre eigene Person betreffend zu bewerten; das steht uns einfach nicht zu. Mir kommt es absurd vor, da was definieren zu wollen.

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